LEISTUNG IN ARBEITSWELT UND SCHULE


Josef MaÊák, Masaryk-Universität Brno
Renate Seebauer, Pädagogische Akademie Wien/Bund

Im folgenden Beitrag wird versucht, den Leistungsbegriff in Arbeitswelt und Schule anzudiskutieren und die LeserInnen für seine mannigfaltigen Erscheinungsformen innerhalb der einzelnen Disziplinen zu sensibilisieren. Seebauer war es ein Anliegen, auf die Vernetzung des Leistungsbegriffs mit gesellschaftlichen Veränderungen und der Schul- und Bildungspolitik zu verweisen sowie die "Gesamtschuldiskussion" einzubringen. Der Abschnitt über "das Bedürfnis des Menschen nach Leistung" bildet die theoretische Grundlage für umfassende schulpraktische Konsequenzen. MaÊák leitet mit allgemeinen Betrachtungen zur Leistungsmessung und -bewertung zu Abschnitten über, die in anderen Modulen detailliert ausgeführt werden und verweist auf zahlreiche Gemeinsamkeiten des Leistungsbegriffs in Arbeitswelt und Schule.


Der Studientext gliedert sich in folgende Abschnitte:

1. Zum Leistungsbegriff
1.1. Spontane Assoziationen zum Begriff "Leistung"
1.2. Der Leistungsbegriff in verschiedenen Disziplinen
2. Die Bedeutung der Leistung für den Menschen und die Gesellschaft
3. Das Bedürfnis des Menschen nach Leistung und die Entwicklung von Leistungsniveaus
4. Leistung als Ergebnis persönlicher Qualitätsstandards
5. Umweltbedingte Leistungsdeterminanten
6. Das Messen und die Bewertung der Leistung
7. Die Leistungsfähigkeit im Erziehungsprozess

Anregungen zur individuellen Weiterbearbeitung der Thematik
Literaturangaben


1. Zum Leistungsbegriff
1.1. Spontane Assoziationen zum Begriff "Leistung"

Der Begriff "Leistung" (performance, achievement) ist seit dem Ende der sechziger Jahre ein zentrales Thema pädagogischen Interesses - nicht nur im internen Kreis der Lehrer und Berufserzieher, sondern auch in der bildungspolitisch kontroversiell geführten Diskussion.
In einer zunächst formalen Umschreibung lässt sich "Leistung" als Inbegriff bestimmter sozio-kultureller Normen verstehen, deren Erfüllung den Individuen abverlangt wird.
"Leistung" bedeutet aber auch die Erreichung einer bestimmten Ebene bei der Erfüllung einer gegebenen Aufgabe.
Bezüglich der Quantität und Qualität von Leistungen gibt es große Unterschiede zwischen Individuen, weil Leistung von zahlreichen Faktoren abhängt.
In einer auf Wettbewerb aufgebauten Gesellschaft gehören die evidenten Leistungen zu den Hauptkriterien der Bewertung eines Individuums. Im Arbeitsprozess zeigt sich deshalb die Notwendigkeit, die Leistung möglichst genau zu ermitteln, bzw. zu messen, was besonders wichtig bei Maschinenleistungen erscheint.
Über Leistung wird häufig in der Wirtschaft gesprochen, wo die Leistung eine der grundlegenden Kategorien darstellt.
Allgemein wird als Leistung die Menge der Arbeit verstanden, die in einer bestimmten Zeit erbracht wird - als Resultat der Tätigkeit in einem gegebenen Zeitabschnitt.
Leistung ist eng mit dem Begriff "Arbeit" verbunden, mit Produktivität, Arbeitszeit sowie mit dem Bedürfnis, die Arbeitsergebnisse festzustellen und die erreichten Resultate zu bewerten.
Die Arbeit ist eine zielgerichtete und zweckmäßige menschliche Tätigkeit, deren Träger der Mensch mit seinen konkreten physischen und geistigen Fähigkeiten und seinem Talent ist.

1.2. Der Leistungsbegriff in verschiedenen Disziplinen

Die Physik versteht unter dem Begriff "Leistung" den Differenzialanteil der Arbeit und der Zeit; Leistung ist demnach die pro Zeiteinheit geleistete Arbeit, also "Kraft mal Weg in der Zeiteinheit".

Physiologisch ist "Leistung" das Resultat einer gewissen Arbeitstätigkeit des Organismus, der in der gegebenen Zeit und den bestehenden Bedingungen erreicht wurde. Leistung steht in Abhängigkeit von den Fähigkeiten des Organismus die nötige Energie zu produzieren, ebenso von den Voraussetzungen, die aus angeborenen Dispositionen hervorgehen, vom Training, von der Frustrationstoleranz, von den moralischen Willenseigenschaften des Individuums, usw.

Soziologisch wird zwischen einer originären und derivativen Leistung unterschieden: Originäre Leistung bezeichnet die Bereitstellung zusätzlicher oder neuer, derivative Leistung die Bereitstellung bisheriger oder alter Bedürfnisbefriedigungsmittel. Der Übergang von der bürgerlichen Gesellschaft zur Leistungsgesellschaft wird demnach durch "die Kollektivierung oder Vergesellschaftung der Verfügung über ökonomische derivative Leistung" bezeichnet. (Lexikon der Soziologie, 1994).

Psychologisch ist Leistung der Einsatz der dem Menschen, bzw. einem Organismus verfügbaren Fähigkeiten wie auch dessen Ergebnis (achievement).
Dabei kommt die Leistung dem Begriff der Funktion nahe und deckt sich weitgehend mit ihr. Leistung im Sinne von Performanz ist abzuheben von Kompetenz und ebenso vom Lernen. Leistung ist nicht nur Funktion der Fähigkeit, sondern auch des Anreizes (vgl. Dorsch, Psychologisches Wörterbuch, 1976).
In Verbindung mit den Schlagwörtern "Leistungsdruck" und "Leistungsangst" ist der Begriff "Leistung" mit seiner affektiven Besetzung im Bereich der Erziehungswissenschaften und der Psychologie zu einem Reizwort geworden. Erziehung und Unterricht können und dürfen allerdings auf "Leistung" nicht verzichten. Die erzieherische und unterrichtliche Wirksamkeit von Leistung ist ein Beitrag zur Persönlichkeitsentfaltung des Kindes, die sich nach HARTWIG SCHRÖDER (1990) in drei Funktionen manifestiert. Diese untermauern die Berechtigung der Leistungsforderung in der Schule: "Leistungen müssen in der Schule gefordert werden, damit der Heranwachsende in der Welt bestehen kann (Anpassungsfunktion), zur eigenen Persönlichkeitsentfaltung sowie zur Entwicklung von Fähigkeiten und Fertigkeiten findet (Entfaltungsfunktion) und auf seine Welt mitgestaltend und mitbestimmend einwirkt (Gestaltungsfunktion)." (Schröder, 1990, S. 112)
Exemplarisch für alternative Erziehungs- und Unterrichtsmodelle seien die Begriffe "Leistung" und "Wettbewerb" für die Waldorfschulen beschrieben. TOBIAS RICHTER (1996) charakterisiert sie folgendermaßen: "Gewollt sind Leistung 'aus sich', insofern sich Fähigkeiten, Begabungen, Verständnis-, Urteils- und Willenskräfte im Lernen entwickeln, und Leistung 'an sich' im Sinne des Erreichten und des Wertes einer individuellen Persönlichkeit, ihrer Errungenschaft und ihres Beitrages in der sozialen Teilnahme und Mitgestaltung." (CD-ROM der Pädagogik, 1996).

Mit den Begriffen Leistung und Leistungsfähigkeit hängen auch die Begriffe Qualität, Effektivität und Wirksamkeit eng zusammen.
Unter dem Begriff Qualität versteht man eine Güteklasse, womit zum Ausdruck gebracht wird, dass sich die Qualität in einem gewissen Verhältnis zum "Wert" und zur "Wertschätzung" befindet. Die Fragen der Effektivität sind aktuell sowohl in den technischen Fächern, als auch in einigen Sozialwissenschaften, besonders in den Wirtschaftswissenschaften.
Ökonomische Theorien der Effektivität leiten die Arbeitseffektivität von den Kategorien des Wertes ab, die natürlich auch für die pädagogische Problematik relevant sind.
Nach der marxistischen Konzeption wurde der Wert der Dinge auf die Arbeit zurückgeführt (sog. "Werttheorie"); der Wert wurde als unveränderlich in der Zeit eingesehen, er wurde durch vergangene Dinge eingeschlossen.
Demgegenüber steht die Theorie des subjektiven Wertes (Eugen von Böhm-Bawerk), nach welcher der Wert des Dinges vom Nutzen, von der Bedeutsamkeit stammt, die es für das gegebene Subjekt aufweist. Diese Konzeption beeinflusst heutzutage auch die Ökonomie der Bildung und selbstverständlich die Auffassung der Effektivität. In diesem Sinne wird die Bildungseffektivität (die Erfüllung der geplanten Ziele) und die Leistungsfähigkeit (der Aufwand der Mittel) unterschiedlich angesehen. Unterschieden werden die resultative, prozessuale und potentielle Effektivität.
Die Auffassung von einem ganzheitlichen Menschenbild und die Systemtheorie führten allerdings zu neuen Denkweisen. MANFRED MUSTER fasst den Wandel im Leistungsbegriff pointiert: "Im tayloristischen Ansatz sind Planung und Ausführung, direkte und indirekte Tätigkeiten, prinzipiell getrennt. Übertrieben ausgedrückt: Hier der steuernde "Geist", dort der (nicht denkende, lediglich) ausführende Arbeiter. Die Fabrik wurde als Maschine betrachtet, die "wie am Schnürchen" (der Betriebsleitung) funktioniert. Damit wurde auch der Arbeiter reduziert auf eine "menschliche Maschine", die zwar der künstlichen einiges voraus hatte (an Intelligenz und Flexibilität), die aber auch Nachteile mit sich brachte (Ermüdung, Fehlzeiten, Motivation). Nun hat sich die Einsicht durchgesetzt, daß es eine riesige Verschwendung bedeutet, das "Humankapital" unausgeschöpft zu lassen.... Durch die Reintegration indirekter Leistungen, durch die Ausweitung des Handlungsspielraumes vormals lediglich ausführender Mitarbeiter (beispielsweise in der Gruppenarbeit) trägt man dem Rechnung. Nun gerät das neue, ganzheitliche Menschenbild in Konflikt mit dem "Maschinenmodell". Neben den Fachkompetenzen sind nun auch soziale und persönliche Kompetenzen erfolgskritisch. Die Systemtheorie bietet sich als neues Modell an. Elemente des Systems sind nicht mehr Dinge wie im "Maschinenmodell", sondern soziale Beziehungen und persönliche Einstellungen. Der Glaube an die perfekte Kontrolle wird fallengelassen zu Gunsten des systemischen Prinzips der Selbstorganisation."
(URL: http://www.flexible-unternehmen.de/kl0610.htm; abgerufen am 27.6.2000)
Zur Abgrenzung des klassischen Leistungsbegriffs vom neuen systemischen Ansatz teilt MUSTER (vgl. URL: http://www.flexible-unternehmen.de/kl0610.htm; abgerufen am 27.6.2000) den Leistungsbegriff in vier Dimensionen: Leistungsniveau, Leistungsdauer, Leistungsqualität und Leistungsdynamik: Zwischen den beiden quantitativen Dimensionen "Leistungsniveau und Leistungsdauer" bestehen Wechselbeziehungen: Je höher das Leistungsniveau, desto wahrscheinlicher ist eine kürzere Leistungsdauer. Bleibt die Leistungshöhe über lange Zeit am systembedingten Grenzwert, droht Verschleiß und damit eine längerfristige Verringerung der Leistungsfähigkeit. Die beiden qualitativen Dimensionen "Leistungsqualität und Leistungsdynamik" sprechen die menschliche Fähigkeit an, aufgabenbezogenes Handeln unter unerwartet aufgetretenen Bedingungen "stabil/flexibel" erfolgreich anzupassen und damit zu lernen, verschiedene Handlungsweisen für unterschiedliche Situationen zu entwickeln und dabei das Ziel trotz aufgetretener Schwierigkeiten zu erfüllen. Genau diese beiden Leistungsdimensionen gilt es in der Gruppenarbeit systematisch zu stärken, weil sie wesentlich dazu beitragen, die Qualifikationen der Teammitglieder weiterzuentwickeln.

Dieser erweiterte Leistungsbegriff wird im Studientext "Portfolios und andere alternative Formen der Leistungsbeurteilung" hinsichtlich neuer Wege der Leistungsbeurteilung in der Schule weiter diskutiert.

2. Die Bedeutung der Leistung für den Menschen und die Gesellschaft

Leistungen des Menschen wurden immer hoch eingeschätzt, weil von ihnen oft auch das Leben des Menschen, sein Lebensniveau abhängig war. Individuen, die große Leistungen aufwiesen, wurden hoch geschätzt, wodurch für sie verschiedene Vorteile folgten.
In der modernen Gesellschaft entstand geradezu ein Kult der Leistung und Leistungsfähigkeit, zum Beispiel im Sport, der sich manchmal einseitig demonstriert und den Charakter der Persönlichkeit beeinflusst. Ähnlich der Arbeitsproduktivität stellt man das Prinzip des maximalen Gewinns in den Vordergrund.
Die menschliche Gesellschaft hat sich im Laufe des Zusammenlebens in charakteristische Rangstufen, vielschichtige Strukturen, gegliedert. Ursachen dieser sozialen Struktur waren Herkunft, Besitz und Leistung. Die Auslese der Menschen nach dem Leistungsprinzip konnte durch eine demokratische Entwicklung in den Vordergrund rücken, Herkunft und Reichtum als gesellschaftliche Ausleseprinzipien traten zurück. Das hängt eng mit der wissenschaftlichen, technischen, wirtschaftlichen und politischen Entwicklung der industriellen Gesellschaft zusammen. In dieser Entwicklung ist zunächst durchaus ein Moment gesellschaftlichen Fortschritts zu sehen, den das Bürgertum gegen die feudalen Privilegien erkämpfte; gleichzeitig grenzte jedoch das Bürgertum den gewonnenen Handlungsspielraum gegen die wachsende Zahl der industriellen und nicht-industriellen Arbeiter ab. Die Leistungsauslese vollzieht sich auf Grund von Ausbildung, Charakter, Führungsqualitäten, Machterfolg u.a.m. woraus folgt, dass "Leistung" sich im persönlichen Schicksal des Individuums, aber auch im Entwicklungsprozess der Gesellschaft äußert.
So wurde das Leistungsprinzip vor allem gegenüber der Arbeiterklasse zum ausgrenzenden Selektionsinstrument, da bis in die sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts die familiären Sozialisations- und Erziehungsbedingungen als entscheidende Vorbedingungen für gute Schulleistungen verborgen blieben und das Leistungsprinzip als scheinbar gerechtes Ausleseinstrument für den Zugang zu weiterführenden Schulen kaum hinterfragt wurde.
Bereits 1952 wies TALCOTT PARSONS darauf hin, dass der soziale Status in entwickelten Industriegesellschaften immer mehr durch Leistung bestimmt wird, also durch erworbene Merkmale, und immer weniger durch Zuschreibung, also durch individuell unbeeinflussbare Kriterien wie Geschlecht oder Klassenherkunft. Sollte Parsons' Ansatz zutreffen, bildet sich eine neue Form der Elite heraus, die "Meritokratie", wie MICHAEL YOUNG sie in seinem Werk "The Rise of Meritocracy 1870 - 2033", London 1961, getauft hat; - eine Art natürlicher Ungleichheit, die sich einzig auf Unterschiede in den Fähigkeiten gründet und deren herrschende Klasse durch Verdienst rekrutiert wird, durch Leistung und Intelligenz.
Die OECD-Konferenz 1961 zum Thema "Wirtschaftswachstum und Bildungsinvestitionen" wurde schließlich zum Auslöser für Kritik an solchen Positionen. Im deutschsprachigen Raum sind die Impulse von RALF DAHRENDORF geläufig, die auf den Zusammenhang zwischen der sozialen Lage und dem Besuch weiterführender Schulen verweisen und "Bildung als Bürgerrecht" fordern (vgl. Dahrendorf, 1961, 1965).
Im Zentrum der in der Folge schulpolitisch kontroversiell geführten Diskussionen in Österreich stand zu Beginn der siebziger Jahre die Frage der Gesamtschule. Da aber Schulgesetze eine parlamentarische Zweidrittelmehrheit benötigen, wurde ein Kompromiss zwischen der regierenden Sozialdemokratie und der konservativen Opposition gefunden, der in der Einrichtung von Schulversuchen bestand, in welchen neue schulorganisatorische Formen erprobt und wissenschaftlich kontrolliert werden sollten. Einen weiteren Anstoß zur Auseinandersetzung mit den sozialen Realitäten bildete das sozialkritische Engagement, das über die Studentenbewegung vor allem die jüngeren Mitglieder des universitären Lehrkörpers erfasste. Als repräsentativer Beitrag zur Bildungsforschung aus den Universitäten zu Beginn der siebziger Jahre sei der Sammelband "Ausleseschule oder Gesamtschule" (Seidl 1972) angeführt.
RICHARD OLECHOWSKI (1994) charakterisiert treffend die österreichische Situation: "Wie das kaum in einer anderen Wissenschaft vorstellbar ist, bestimmten nicht die Fachleute den Beginn oder die Größenordnung der Schulversuche, sondern die Politiker ... Hinzugefügt muß noch werden, daß damals ... es viele Politiker nicht der Mühe wert fanden, die fachlich ausgewiesenen Experten um ihr sachliches Urteil zu fragen, sondern oft Personen mit der Planung, Durchführung und Auswertung von Schulversuchen beauftragen, die aus bestimmten Gründen ... für die Übernahme einer solchen Aufgabe gerade bereit standen." (Olechowski, 1994, S. 16)
HELMUT FEND (1976, bzw. 1980) verweist auf ähnliche Schwierigkeiten in der Bundesrepublik Deutschland, wo es einerseits nicht möglich wurde, die verschiedenen Evaluationsansätze der Bundesländer zu koordinieren, andererseits wurden Arbeiten als "vollgültige wissenschaftliche Begleituntersuchungen" ( Fend, 1980, S. 86) zitiert, die auf eine statistische Auswertung völlig verzichteten.
Um die Diskussion des Leistungsbegriffs im schul- und gesellschaftspolitischen Kontext zu stimulieren sei an dieser Stelle auf die Publikation "Spaßpädagogik" von JOSEF KRAUS (1998) verwiesen. Nach dreißig Jahren bildungspolitischer Kontroversen spricht der Autor von "Lebenslügen deutscher Schulpolitik". "Lebenslüge heißt: in der Sackgasse stecken und es nicht merken (wollen), die Wirklichkeit wegdrücken, Illusionen hinterherjagen ... In Schulpolitik und Pädagogik geschieht dies. Die stets aktuellen Lebenslügen heißen zum Beispiel: 'Schule muß vor allen Spaß machen, und es geht ohne Leistung.' 'Jeder kann alles.' 'Begabung und Eignung gibt es nicht.' 'Alles ist eine Frage des Begabens.' ..." (Kraus, 1998, S.12)

3. Das Bedürfnis des Menschen nach Leistung und die Entwicklung von Leistungsniveaus

Neben diversen Einzelbedürfnissen des Menschen, Bedürfnis nach Sicherheit, Bedürfnis nach Vergesellschaftung (need for affiliation), Bedürfnis nach Macht (need for power), ist im Zusammenhang mit dem Leistungsbegriff das Bedürfnis nach Leistung (need for achievement) kurz zu skizzieren.
Der Begriff "Leistungsbedürfnis" wurde bereits 1938 von HENRY A. MURRAY geprägt und in den Forschungsarbeiten von DAVID C. MC CLELLAND und JOHN W. ATKINSON (1953) hinsichtlich der Auswirkungen auf das schulische Lernen untersucht. Ihnen zufolge ist das Leistungsbedürfnis nicht jegliches Streben nach einer Leistung, sondern ein solches, das auf Gütemaßstäbe (standards of excellence) bezogen ist, deren Erfüllung angestrebt wird (vgl. Mc Clelland et al. 1953, S. 275).
In deren Gefolge bezeichnet HEINZ HECKHAUSEN (1965) Leistungsmotivation als "das Bestreben, die eigene Tüchtigkeit in allen jenen Tätigkeiten zu steigern oder möglichst hoch zu halten, in denen man einen Gütemaßstab für verbindlich hält und deren Ausführung daher gelingen oder mißlingen kann." (Heckhausen, 1965, S. 604).

Das Leistungsbedürfnis ist demnach durch folgende Komponenten charakterisiert:
Die Erwartungshaltung, die ihm einen Richtwert vorgibt,
Das Anspruchsniveau als zu erreichende Leistungshöhe,
Der Gütemaßstab, auf den das Anspruchsniveau bezogen ist.


Die folgende Grafik illustriert den Sachverhalt:

Nach: Renate Seebauer, Einführung in die Lernpsychologie, Leitner, 1987, S. 195.

Das Bedürfnis nach Leistung bildet sich im Alter von 4;6 bis 11 Jahren heraus und entsteht aus Erfolgserlebnissen im Gefolge eigener Tätigkeiten.
Das ideale Leistungsniveau (I-Niveau) ist der Ausdruck für die innersten Wünsche, Erwartungen und Ansprüche an die eigene Leistung, das Idealbild von der persönlichen Qualität.
Diese Haltungen und Normen sind ein Teil des Grundstocks in der weiteren Entwicklung eines Individuums, wo es neuen Herausforderungen begegnet und allmählich Verantwortung für seine Handlungen übernehmen muss.
Das I-Niveau beeinflusst die Grenzen der Leistungsfähigkeit eines Individuums und hat daher entscheidende Bedeutung für seine Entwicklung, seine Effektivität, seine Beziehungen zur Umwelt und damit für seine Zukunftsaussichten.
Wo ein Individuum für gute Leistungen wiederholt Belohnungen erfuhr, gelangt es zu einem Streben nach der Erzielung von Erfolgen; wo es hingegen Bestrafungen erlebte, die an missglückte Leistungen anknüpfen, entwickelt es ein Streben nach Vermeidung von Misserfolgen, was mit einer - oft kontinuierlichen - Senkung des Anspruchsniveaus einher geht.

Die Entwicklung des I-Niveaus ist durch folgende Faktoren gekennzeichnet:
In der frühen Kindheit, in Phasen besonderer Aufnahmefähigkeit, schwankt das I-Niveau erheblich entsprechend den Erfahrungen und Einflüssen aus der Umgebung.
Der Einfluss auf das I-Niveau ist in den ersten Lebensjahren am stärksten und vermindert sich graduell schon ab dem 8. Lebensjahr.
Ab dem 18. Lebensjahr sind Individuen nicht mehr so empfänglich für Einflüsse. Das I-Niveau stabilisiert sich, um spätestens Mitte des zweiten Lebensjahrzehnts ziemlich fest zu liegen.

Die folgende Grafik veranschaulicht den Sachverhalt:

(Grafik aus: Claus MÃller, 1988, S. 36)

Mögliche Maßnahmen zur Anhebung des Anspruchsniveaus bei Erwachsenen wurden von MCCLELLAND (1961) erforscht.
Demnach müssen folgende situative Anregungsvariable erfüllt sein:
Das Individuum muss sich für das Ergebnis seines Verhaltens verantwortlich fühlen;
Es muss von diesem Ergebnis Kenntnis erhalten;
Es muss ein gewisses Risiko für die Erreichung des Erfolgs bestehen, das allerdings nicht zu hoch sein darf. Das Ziel muss erreichbar sein; der Erfolg soll nicht durch Zufall eintreten, was das Erleben des Individuums als Verursacher des Ergebnisses behindern würde.

Mit dem letzten Punkt tritt der Begriff des Schwierigkeitsgrades in die Diskussion ein: Einerseits bestimmt er die Höhe des Erreichbarkeitsgrades der Leistung, andererseits geht der Schwierigkeitsgrad auch mit dem Anreizwert einer Aufgabe einher: Dieser ist umso größer, je schwieriger die Erbringung der Leistung ist.
Das Spannungsfeld "Schwierigkeitsgrad" - "Anreizwert" gilt es auszubalancieren: Ist eine der beiden Größen so geartet, dass das Leistungsmotiv nicht angesprochen wird (erscheint die Leistung unerreichbar oder schafft ihre Erreichung keine Befriedigung) kommt die Leistungsanstrengung nicht zustande.


Die folgende Grafik veranschaulicht den Sachverhalt:


Nach: Renate Seebauer, Einführung in die Lernpsychologie, Leitner, 1987, S. 195.


Nach HEINZ HECKHAUSEN (1965) bevorzugen die nach Erfolg strebenden Individuen Aufgaben, deren Schwierigkeitsgrad etwas über dem Mittelwert liegt, während die nach Vermeidung von Misserfolg Strebenden sich in zwei Ausformungen präsentieren: Ängstliche bevorzugen einfache Aufgaben, während Draufgänger mit hochfliegenden Erfolgswünschen und wenig Durchhaltevermögen überdurchschnittlich schwierige Aufgaben vorziehen.
WILHELM URBAN (CD-ROM der Pädagogik, 1996) verweist darauf, dass im Rahmen der 'kognitiven Wende' in der Psychologie bezüglich der Leistungsmotivation eine intensive Forschungstätigkeit einsetzte: "Als Ziel galt nicht mehr die Maximierung bzw. Minimierung positiver bzw. negativer Affekte, sondern motiviertes Handeln wird als zielgerichtet angesehen, das von bestimmten Erwartungen (und anderen kognitiven Prozessen) gelenkt wird. ...
Das charakteristische Merkmal dieser Motivationstheorien ist nach ANDREAS KRAPP (1993) eine Zweck-Mittel-Kalkulation. Die motivationale Dynamik resultiert aus Überlegungen, Einschätzungen und Bewertungen des möglichen Nutzens einer Handlung. Entscheidend sind nicht Freude und Zufriedenheit mit dem Ergebnis, sondern die Instrumentalität für das Eintreten der Folgen (erwünscht vs. nicht erwünscht)." (CD-ROM der Pädagogik, 1996)

weiter zu: 4. Leistung als Ergebnis persönlicher Qualitätsstandards

 

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