LEISTUNG IN ARBEITSWELT UND SCHULE
Josef MaÊák, Masaryk-Universität Brno
Renate Seebauer, Pädagogische Akademie Wien/Bund
Im folgenden Beitrag wird versucht, den Leistungsbegriff in Arbeitswelt und Schule anzudiskutieren und die LeserInnen für seine mannigfaltigen Erscheinungsformen innerhalb der einzelnen Disziplinen zu sensibilisieren. Seebauer war es ein Anliegen, auf die Vernetzung des Leistungsbegriffs mit gesellschaftlichen Veränderungen und der Schul- und Bildungspolitik zu verweisen sowie die "Gesamtschuldiskussion" einzubringen. Der Abschnitt über "das Bedürfnis des Menschen nach Leistung" bildet die theoretische Grundlage für umfassende schulpraktische Konsequenzen. MaÊák leitet mit allgemeinen Betrachtungen zur Leistungsmessung und -bewertung zu Abschnitten über, die in anderen Modulen detailliert ausgeführt werden und verweist auf zahlreiche Gemeinsamkeiten des Leistungsbegriffs in Arbeitswelt und Schule.
Der Studientext gliedert sich in
folgende Abschnitte:
1. Zum
Leistungsbegriff
1.1. Spontane Assoziationen zum Begriff "Leistung"
1.2. Der Leistungsbegriff in verschiedenen Disziplinen
2. Die Bedeutung der Leistung für den Menschen und
die Gesellschaft
3. Das Bedürfnis des Menschen nach Leistung und
die Entwicklung von Leistungsniveaus
4. Leistung als Ergebnis persönlicher Qualitätsstandards
5. Umweltbedingte Leistungsdeterminanten
6. Das Messen und die Bewertung der Leistung
7. Die Leistungsfähigkeit im Erziehungsprozess
Anregungen
zur individuellen Weiterbearbeitung der Thematik
Literaturangaben
1. Zum Leistungsbegriff
1.1. Spontane Assoziationen zum Begriff "Leistung"
Der Begriff "Leistung"
(performance, achievement) ist seit dem Ende der sechziger
Jahre ein zentrales Thema pädagogischen Interesses - nicht nur
im internen Kreis der Lehrer und Berufserzieher, sondern auch in der
bildungspolitisch kontroversiell geführten Diskussion.
In einer zunächst formalen Umschreibung lässt sich "Leistung"
als Inbegriff bestimmter sozio-kultureller Normen verstehen, deren
Erfüllung den Individuen abverlangt wird.
"Leistung" bedeutet aber auch die Erreichung einer bestimmten
Ebene bei der Erfüllung einer gegebenen Aufgabe.
Bezüglich der Quantität und Qualität von Leistungen
gibt es große Unterschiede zwischen Individuen, weil Leistung
von zahlreichen Faktoren abhängt.
In einer auf Wettbewerb aufgebauten Gesellschaft gehören die
evidenten Leistungen zu den Hauptkriterien der Bewertung eines Individuums.
Im Arbeitsprozess zeigt sich deshalb die Notwendigkeit, die Leistung
möglichst genau zu ermitteln, bzw. zu messen, was besonders wichtig
bei Maschinenleistungen erscheint.
Über Leistung wird häufig in der Wirtschaft gesprochen,
wo die Leistung eine der grundlegenden Kategorien darstellt.
Allgemein wird als Leistung die Menge der Arbeit verstanden, die in
einer bestimmten Zeit erbracht wird - als Resultat der Tätigkeit
in einem gegebenen Zeitabschnitt.
Leistung ist eng mit dem Begriff "Arbeit" verbunden, mit
Produktivität, Arbeitszeit sowie mit dem Bedürfnis, die
Arbeitsergebnisse festzustellen und die erreichten Resultate zu bewerten.
Die Arbeit ist eine zielgerichtete und zweckmäßige menschliche
Tätigkeit, deren Träger der Mensch mit seinen konkreten
physischen und geistigen Fähigkeiten und seinem Talent ist.
![]()
1.2. Der Leistungsbegriff in verschiedenen Disziplinen
Die Physik versteht unter dem Begriff "Leistung" den Differenzialanteil der Arbeit und der Zeit; Leistung ist demnach die pro Zeiteinheit geleistete Arbeit, also "Kraft mal Weg in der Zeiteinheit".
Physiologisch ist "Leistung" das Resultat einer gewissen Arbeitstätigkeit des Organismus, der in der gegebenen Zeit und den bestehenden Bedingungen erreicht wurde. Leistung steht in Abhängigkeit von den Fähigkeiten des Organismus die nötige Energie zu produzieren, ebenso von den Voraussetzungen, die aus angeborenen Dispositionen hervorgehen, vom Training, von der Frustrationstoleranz, von den moralischen Willenseigenschaften des Individuums, usw.
Soziologisch wird zwischen einer originären und derivativen Leistung unterschieden: Originäre Leistung bezeichnet die Bereitstellung zusätzlicher oder neuer, derivative Leistung die Bereitstellung bisheriger oder alter Bedürfnisbefriedigungsmittel. Der Übergang von der bürgerlichen Gesellschaft zur Leistungsgesellschaft wird demnach durch "die Kollektivierung oder Vergesellschaftung der Verfügung über ökonomische derivative Leistung" bezeichnet. (Lexikon der Soziologie, 1994).
Psychologisch
ist Leistung der Einsatz der dem Menschen, bzw. einem Organismus verfügbaren
Fähigkeiten wie auch dessen Ergebnis (achievement).
Dabei kommt die Leistung dem Begriff der Funktion nahe und deckt sich
weitgehend mit ihr. Leistung im Sinne von Performanz ist abzuheben
von Kompetenz und ebenso vom Lernen. Leistung ist nicht nur Funktion
der Fähigkeit, sondern auch des Anreizes (vgl. Dorsch, Psychologisches
Wörterbuch, 1976).
In Verbindung mit den Schlagwörtern "Leistungsdruck"
und "Leistungsangst" ist der Begriff "Leistung"
mit seiner affektiven Besetzung im Bereich der Erziehungswissenschaften
und der Psychologie zu einem Reizwort geworden. Erziehung und Unterricht
können und dürfen allerdings auf "Leistung" nicht
verzichten. Die erzieherische und unterrichtliche Wirksamkeit von
Leistung ist ein Beitrag zur Persönlichkeitsentfaltung des Kindes,
die sich nach HARTWIG SCHRÖDER (1990) in drei Funktionen manifestiert.
Diese untermauern die Berechtigung der Leistungsforderung in der Schule:
"Leistungen müssen in der Schule gefordert werden, damit
der Heranwachsende in der Welt bestehen kann (Anpassungsfunktion),
zur eigenen Persönlichkeitsentfaltung sowie zur Entwicklung von
Fähigkeiten und Fertigkeiten findet (Entfaltungsfunktion) und
auf seine Welt mitgestaltend und mitbestimmend einwirkt (Gestaltungsfunktion)."
(Schröder, 1990, S. 112)
Exemplarisch für alternative Erziehungs- und Unterrichtsmodelle
seien die Begriffe "Leistung" und "Wettbewerb"
für die Waldorfschulen beschrieben. TOBIAS RICHTER (1996) charakterisiert
sie folgendermaßen: "Gewollt sind Leistung 'aus sich',
insofern sich Fähigkeiten, Begabungen, Verständnis-, Urteils-
und Willenskräfte im Lernen entwickeln, und Leistung 'an sich'
im Sinne des Erreichten und des Wertes einer individuellen Persönlichkeit,
ihrer Errungenschaft und ihres Beitrages in der sozialen Teilnahme
und Mitgestaltung." (CD-ROM der Pädagogik, 1996).
Mit den Begriffen Leistung
und Leistungsfähigkeit hängen auch die Begriffe Qualität,
Effektivität und Wirksamkeit eng zusammen.
Unter dem Begriff Qualität versteht man eine Güteklasse,
womit zum Ausdruck gebracht wird, dass sich die Qualität in einem
gewissen Verhältnis zum "Wert" und zur "Wertschätzung"
befindet. Die Fragen der Effektivität sind aktuell sowohl in
den technischen Fächern, als auch in einigen Sozialwissenschaften,
besonders in den Wirtschaftswissenschaften.
Ökonomische Theorien der Effektivität leiten die Arbeitseffektivität
von den Kategorien des Wertes ab, die natürlich auch für
die pädagogische Problematik relevant sind.
Nach der marxistischen Konzeption wurde der Wert der Dinge auf die
Arbeit zurückgeführt (sog. "Werttheorie"); der
Wert wurde als unveränderlich in der Zeit eingesehen, er wurde
durch vergangene Dinge eingeschlossen.
Demgegenüber steht die Theorie des subjektiven Wertes (Eugen
von Böhm-Bawerk), nach welcher der Wert des Dinges vom Nutzen,
von der Bedeutsamkeit stammt, die es für das gegebene Subjekt
aufweist. Diese Konzeption beeinflusst heutzutage auch die Ökonomie
der Bildung und selbstverständlich die Auffassung der Effektivität.
In diesem Sinne wird die Bildungseffektivität (die Erfüllung
der geplanten Ziele) und die Leistungsfähigkeit (der Aufwand
der Mittel) unterschiedlich angesehen. Unterschieden werden die resultative,
prozessuale und potentielle Effektivität.
Die Auffassung von einem ganzheitlichen Menschenbild und die Systemtheorie
führten allerdings zu neuen Denkweisen. MANFRED MUSTER fasst
den Wandel im Leistungsbegriff pointiert: "Im tayloristischen
Ansatz sind Planung und Ausführung, direkte und indirekte Tätigkeiten,
prinzipiell getrennt. Übertrieben ausgedrückt: Hier der
steuernde "Geist", dort der (nicht denkende, lediglich)
ausführende Arbeiter. Die Fabrik wurde als Maschine betrachtet,
die "wie am Schnürchen" (der Betriebsleitung) funktioniert.
Damit wurde auch der Arbeiter reduziert auf eine "menschliche
Maschine", die zwar der künstlichen einiges voraus hatte
(an Intelligenz und Flexibilität), die aber auch Nachteile mit
sich brachte (Ermüdung, Fehlzeiten, Motivation). Nun hat sich
die Einsicht durchgesetzt, daß es eine riesige Verschwendung
bedeutet, das "Humankapital" unausgeschöpft zu lassen....
Durch die Reintegration indirekter Leistungen, durch die Ausweitung
des Handlungsspielraumes vormals lediglich ausführender Mitarbeiter
(beispielsweise in der Gruppenarbeit) trägt man dem Rechnung.
Nun gerät das neue, ganzheitliche Menschenbild in Konflikt mit
dem "Maschinenmodell". Neben den Fachkompetenzen sind nun
auch soziale und persönliche Kompetenzen erfolgskritisch. Die
Systemtheorie bietet sich als neues Modell an. Elemente des Systems
sind nicht mehr Dinge wie im "Maschinenmodell", sondern
soziale Beziehungen und persönliche Einstellungen. Der Glaube
an die perfekte Kontrolle wird fallengelassen zu Gunsten des systemischen
Prinzips der Selbstorganisation."
(URL: http://www.flexible-unternehmen.de/kl0610.htm;
abgerufen am 27.6.2000)
Zur Abgrenzung des klassischen Leistungsbegriffs vom neuen systemischen
Ansatz teilt MUSTER (vgl. URL: http://www.flexible-unternehmen.de/kl0610.htm;
abgerufen am 27.6.2000) den Leistungsbegriff in vier Dimensionen:
Leistungsniveau, Leistungsdauer, Leistungsqualität und Leistungsdynamik:
Zwischen den beiden quantitativen Dimensionen "Leistungsniveau
und Leistungsdauer" bestehen Wechselbeziehungen: Je höher
das Leistungsniveau, desto wahrscheinlicher ist eine kürzere
Leistungsdauer. Bleibt die Leistungshöhe über lange Zeit
am systembedingten Grenzwert, droht Verschleiß und damit eine
längerfristige Verringerung der Leistungsfähigkeit. Die
beiden qualitativen Dimensionen "Leistungsqualität und Leistungsdynamik"
sprechen die menschliche Fähigkeit an, aufgabenbezogenes Handeln
unter unerwartet aufgetretenen Bedingungen "stabil/flexibel"
erfolgreich anzupassen und damit zu lernen, verschiedene Handlungsweisen
für unterschiedliche Situationen zu entwickeln und dabei das
Ziel trotz aufgetretener Schwierigkeiten zu erfüllen. Genau diese
beiden Leistungsdimensionen gilt es in der Gruppenarbeit systematisch
zu stärken, weil sie wesentlich dazu beitragen, die Qualifikationen
der Teammitglieder weiterzuentwickeln.
Dieser erweiterte Leistungsbegriff
wird im Studientext "Portfolios und andere alternative Formen
der Leistungsbeurteilung" hinsichtlich neuer Wege der Leistungsbeurteilung
in der Schule weiter diskutiert.
![]()
2. Die Bedeutung der Leistung für den Menschen und die Gesellschaft
Leistungen des Menschen
wurden immer hoch eingeschätzt, weil von ihnen oft auch das Leben
des Menschen, sein Lebensniveau abhängig war. Individuen, die
große Leistungen aufwiesen, wurden hoch geschätzt, wodurch
für sie verschiedene Vorteile folgten.
In der modernen Gesellschaft entstand geradezu ein Kult der Leistung
und Leistungsfähigkeit, zum Beispiel im Sport, der sich manchmal
einseitig demonstriert und den Charakter der Persönlichkeit beeinflusst.
Ähnlich der Arbeitsproduktivität stellt man das Prinzip
des maximalen Gewinns in den Vordergrund.
Die menschliche Gesellschaft hat sich im Laufe des Zusammenlebens
in charakteristische Rangstufen, vielschichtige Strukturen, gegliedert.
Ursachen dieser sozialen Struktur waren Herkunft, Besitz und Leistung.
Die Auslese der Menschen nach dem Leistungsprinzip konnte durch eine
demokratische Entwicklung in den Vordergrund rücken, Herkunft
und Reichtum als gesellschaftliche Ausleseprinzipien traten zurück.
Das hängt eng mit der wissenschaftlichen, technischen, wirtschaftlichen
und politischen Entwicklung der industriellen Gesellschaft zusammen.
In dieser Entwicklung ist zunächst durchaus ein Moment gesellschaftlichen
Fortschritts zu sehen, den das Bürgertum gegen die feudalen Privilegien
erkämpfte; gleichzeitig grenzte jedoch das Bürgertum den
gewonnenen Handlungsspielraum gegen die wachsende Zahl der industriellen
und nicht-industriellen Arbeiter ab. Die Leistungsauslese vollzieht
sich auf Grund von Ausbildung, Charakter, Führungsqualitäten,
Machterfolg u.a.m. woraus folgt, dass "Leistung" sich im
persönlichen Schicksal des Individuums, aber auch im Entwicklungsprozess
der Gesellschaft äußert.
So wurde das Leistungsprinzip vor allem gegenüber der Arbeiterklasse
zum ausgrenzenden Selektionsinstrument, da bis in die sechziger Jahre
des 20. Jahrhunderts die familiären Sozialisations- und Erziehungsbedingungen
als entscheidende Vorbedingungen für gute Schulleistungen verborgen
blieben und das Leistungsprinzip als scheinbar gerechtes Ausleseinstrument
für den Zugang zu weiterführenden Schulen kaum hinterfragt
wurde.
Bereits 1952 wies TALCOTT PARSONS darauf hin, dass der soziale Status
in entwickelten Industriegesellschaften immer mehr durch Leistung
bestimmt wird, also durch erworbene Merkmale, und immer weniger durch
Zuschreibung, also durch individuell unbeeinflussbare Kriterien wie
Geschlecht oder Klassenherkunft. Sollte Parsons' Ansatz zutreffen,
bildet sich eine neue Form der Elite heraus, die "Meritokratie",
wie MICHAEL YOUNG sie in seinem Werk "The Rise of Meritocracy
1870 - 2033", London 1961, getauft hat; - eine Art natürlicher
Ungleichheit, die sich einzig auf Unterschiede in den Fähigkeiten
gründet und deren herrschende Klasse durch Verdienst rekrutiert
wird, durch Leistung und Intelligenz.
Die OECD-Konferenz 1961 zum Thema "Wirtschaftswachstum und Bildungsinvestitionen"
wurde schließlich zum Auslöser für Kritik an solchen
Positionen. Im deutschsprachigen Raum sind die Impulse von RALF DAHRENDORF
geläufig, die auf den Zusammenhang zwischen der sozialen Lage
und dem Besuch weiterführender Schulen verweisen und "Bildung
als Bürgerrecht" fordern (vgl. Dahrendorf, 1961, 1965).
Im Zentrum der in der Folge schulpolitisch kontroversiell geführten
Diskussionen in Österreich stand zu Beginn der siebziger Jahre
die Frage der Gesamtschule. Da aber Schulgesetze eine parlamentarische
Zweidrittelmehrheit benötigen, wurde ein Kompromiss zwischen
der regierenden Sozialdemokratie und der konservativen Opposition
gefunden, der in der Einrichtung von Schulversuchen bestand, in welchen
neue schulorganisatorische Formen erprobt und wissenschaftlich kontrolliert
werden sollten. Einen weiteren Anstoß zur Auseinandersetzung
mit den sozialen Realitäten bildete das sozialkritische Engagement,
das über die Studentenbewegung vor allem die jüngeren Mitglieder
des universitären Lehrkörpers erfasste. Als repräsentativer
Beitrag zur Bildungsforschung aus den Universitäten zu Beginn
der siebziger Jahre sei der Sammelband "Ausleseschule oder Gesamtschule"
(Seidl 1972) angeführt.
RICHARD OLECHOWSKI (1994) charakterisiert treffend die österreichische
Situation: "Wie das kaum in einer anderen Wissenschaft vorstellbar
ist, bestimmten nicht die Fachleute den Beginn oder die Größenordnung
der Schulversuche, sondern die Politiker ... Hinzugefügt muß
noch werden, daß damals ... es viele Politiker nicht der Mühe
wert fanden, die fachlich ausgewiesenen Experten um ihr sachliches
Urteil zu fragen, sondern oft Personen mit der Planung, Durchführung
und Auswertung von Schulversuchen beauftragen, die aus bestimmten
Gründen ... für die Übernahme einer solchen Aufgabe
gerade bereit standen." (Olechowski, 1994, S. 16)
HELMUT FEND (1976, bzw. 1980) verweist auf ähnliche Schwierigkeiten
in der Bundesrepublik Deutschland, wo es einerseits nicht möglich
wurde, die verschiedenen Evaluationsansätze der Bundesländer
zu koordinieren, andererseits wurden Arbeiten als "vollgültige
wissenschaftliche Begleituntersuchungen" ( Fend, 1980, S. 86)
zitiert, die auf eine statistische Auswertung völlig verzichteten.
Um die Diskussion des Leistungsbegriffs im schul- und gesellschaftspolitischen
Kontext zu stimulieren sei an dieser Stelle auf die Publikation "Spaßpädagogik"
von JOSEF KRAUS (1998) verwiesen. Nach dreißig Jahren bildungspolitischer
Kontroversen spricht der Autor von "Lebenslügen deutscher
Schulpolitik". "Lebenslüge heißt: in der Sackgasse
stecken und es nicht merken (wollen), die Wirklichkeit wegdrücken,
Illusionen hinterherjagen ... In Schulpolitik und Pädagogik geschieht
dies. Die stets aktuellen Lebenslügen heißen zum Beispiel:
'Schule muß vor allen Spaß machen, und es geht ohne Leistung.'
'Jeder kann alles.' 'Begabung und Eignung gibt es nicht.' 'Alles ist
eine Frage des Begabens.' ..." (Kraus, 1998, S.12)
![]()
3. Das Bedürfnis des Menschen nach Leistung und die Entwicklung von Leistungsniveaus
Neben diversen Einzelbedürfnissen
des Menschen, Bedürfnis nach Sicherheit, Bedürfnis nach
Vergesellschaftung (need for affiliation), Bedürfnis nach
Macht (need for power), ist im Zusammenhang mit dem Leistungsbegriff
das Bedürfnis nach Leistung (need for achievement) kurz
zu skizzieren.
Der Begriff "Leistungsbedürfnis" wurde bereits 1938
von HENRY A. MURRAY geprägt und in den Forschungsarbeiten von
DAVID C. MC CLELLAND und JOHN W. ATKINSON (1953) hinsichtlich der
Auswirkungen auf das schulische Lernen untersucht. Ihnen zufolge ist
das Leistungsbedürfnis nicht jegliches Streben nach einer Leistung,
sondern ein solches, das auf Gütemaßstäbe (standards
of excellence) bezogen ist, deren Erfüllung angestrebt wird (vgl.
Mc Clelland et al. 1953, S. 275).
In deren Gefolge bezeichnet HEINZ HECKHAUSEN (1965) Leistungsmotivation
als "das Bestreben, die eigene Tüchtigkeit in allen jenen
Tätigkeiten zu steigern oder möglichst hoch zu halten, in
denen man einen Gütemaßstab für verbindlich hält
und deren Ausführung daher gelingen oder mißlingen kann."
(Heckhausen, 1965, S. 604).
Das Leistungsbedürfnis
ist demnach durch folgende Komponenten charakterisiert:
Die Erwartungshaltung, die ihm einen Richtwert
vorgibt,
Das Anspruchsniveau als zu erreichende Leistungshöhe,
Der Gütemaßstab, auf den das Anspruchsniveau
bezogen ist.
Die folgende Grafik illustriert den Sachverhalt:

Nach: Renate Seebauer, Einführung in die Lernpsychologie, Leitner, 1987, S. 195.
Das Bedürfnis nach
Leistung bildet sich im Alter von 4;6 bis 11 Jahren heraus und entsteht
aus Erfolgserlebnissen im Gefolge eigener Tätigkeiten.
Das ideale Leistungsniveau (I-Niveau) ist der Ausdruck für die
innersten Wünsche, Erwartungen und Ansprüche an die eigene
Leistung, das Idealbild von der persönlichen Qualität.
Diese Haltungen und Normen sind ein Teil des Grundstocks in der weiteren
Entwicklung eines Individuums, wo es neuen Herausforderungen begegnet
und allmählich Verantwortung für seine Handlungen übernehmen
muss.
Das I-Niveau beeinflusst die Grenzen der Leistungsfähigkeit eines
Individuums und hat daher entscheidende Bedeutung für seine Entwicklung,
seine Effektivität, seine Beziehungen zur Umwelt und damit für
seine Zukunftsaussichten.
Wo ein Individuum für gute Leistungen wiederholt Belohnungen
erfuhr, gelangt es zu einem Streben nach der Erzielung von Erfolgen;
wo es hingegen Bestrafungen erlebte, die an missglückte Leistungen
anknüpfen, entwickelt es ein Streben nach Vermeidung von Misserfolgen,
was mit einer - oft kontinuierlichen - Senkung des Anspruchsniveaus
einher geht.
Die Entwicklung des
I-Niveaus ist durch folgende Faktoren gekennzeichnet:
In der frühen Kindheit, in Phasen besonderer Aufnahmefähigkeit,
schwankt das I-Niveau erheblich entsprechend den Erfahrungen und Einflüssen
aus der Umgebung.
Der Einfluss auf das I-Niveau ist in den ersten Lebensjahren
am stärksten und vermindert sich graduell schon ab dem 8. Lebensjahr.
Ab dem 18. Lebensjahr sind Individuen nicht mehr so
empfänglich für Einflüsse. Das I-Niveau stabilisiert
sich, um spätestens Mitte des zweiten Lebensjahrzehnts ziemlich
fest zu liegen.
Die folgende Grafik veranschaulicht den Sachverhalt:

(Grafik aus: Claus MÃller, 1988, S. 36)
Mögliche Maßnahmen
zur Anhebung des Anspruchsniveaus bei Erwachsenen wurden von MCCLELLAND
(1961) erforscht.
Demnach müssen folgende situative Anregungsvariable erfüllt
sein:
Das Individuum muss sich für das Ergebnis seines
Verhaltens verantwortlich fühlen;
Es muss von diesem Ergebnis Kenntnis erhalten;
Es muss ein gewisses Risiko für die Erreichung
des Erfolgs bestehen, das allerdings nicht zu hoch sein darf. Das
Ziel muss erreichbar sein; der Erfolg soll nicht durch Zufall eintreten,
was das Erleben des Individuums als Verursacher des Ergebnisses behindern
würde.
Mit dem letzten Punkt
tritt der Begriff des Schwierigkeitsgrades in die Diskussion ein:
Einerseits bestimmt er die Höhe des Erreichbarkeitsgrades der
Leistung, andererseits geht der Schwierigkeitsgrad auch mit dem Anreizwert
einer Aufgabe einher: Dieser ist umso größer, je schwieriger
die Erbringung der Leistung ist.
Das Spannungsfeld "Schwierigkeitsgrad" - "Anreizwert"
gilt es auszubalancieren: Ist eine der beiden Größen so
geartet, dass das Leistungsmotiv nicht angesprochen wird (erscheint
die Leistung unerreichbar oder schafft ihre Erreichung keine Befriedigung)
kommt die Leistungsanstrengung nicht zustande.
Die folgende Grafik veranschaulicht den Sachverhalt:

Nach: Renate Seebauer, Einführung in die Lernpsychologie, Leitner, 1987, S. 195.
Nach HEINZ HECKHAUSEN (1965) bevorzugen die nach Erfolg strebenden
Individuen Aufgaben, deren Schwierigkeitsgrad etwas über dem
Mittelwert liegt, während die nach Vermeidung von Misserfolg
Strebenden sich in zwei Ausformungen präsentieren: Ängstliche
bevorzugen einfache Aufgaben, während Draufgänger mit hochfliegenden
Erfolgswünschen und wenig Durchhaltevermögen überdurchschnittlich
schwierige Aufgaben vorziehen.
WILHELM URBAN (CD-ROM der Pädagogik, 1996) verweist darauf, dass
im Rahmen der 'kognitiven Wende' in der Psychologie bezüglich
der Leistungsmotivation eine intensive Forschungstätigkeit einsetzte:
"Als Ziel galt nicht mehr die Maximierung bzw. Minimierung positiver
bzw. negativer Affekte, sondern motiviertes Handeln wird als zielgerichtet
angesehen, das von bestimmten Erwartungen (und anderen kognitiven
Prozessen) gelenkt wird. ...
Das charakteristische Merkmal dieser Motivationstheorien ist nach
ANDREAS KRAPP (1993) eine Zweck-Mittel-Kalkulation. Die motivationale
Dynamik resultiert aus Überlegungen, Einschätzungen und
Bewertungen des möglichen Nutzens einer Handlung. Entscheidend
sind nicht Freude und Zufriedenheit mit dem Ergebnis, sondern die
Instrumentalität für das Eintreten der Folgen (erwünscht
vs. nicht erwünscht)." (CD-ROM der Pädagogik, 1996)
![]()
weiter zu: 4. Leistung als Ergebnis persönlicher Qualitätsstandards