OPTIMAL OHNE EIGENSCHAFTEN
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DIE EUROPÄISCHE DIMENSION
DER QUALITÄT IM BILDUNGSWESEN
Hans Göttel, Europahaus
Burgenland/Eisenstadt
Neue Technologien und Globalisierung führen dazu, dass die "europäische
Dimension" im Bildungswesen neu interpretiert wird. Das geht ganz leicht,
denn viel Substanz war nie in diesem Begriff. Die Eigenschaft und Bestimmung
europadidaktischer Schlüsselwörter ist immer schon von mangelnder
Qualität gewesen, nun werden sie angeblich den Herausforderungen der
Wissensgesellschaft angepasst oder auch nur für die Businessgesellschaft
verkauft. Das Bemühen auf europäischer Ebene um Qualitätssteigerung
der Bildung sieht diese als Mittel - im Dienste der Wettbewerbsökonomie.
Grund genug daran zu erinnern, was da an europäischem Erbe verloren geht.
Der Studientext gliedert sich in folgende
Abschnitte:
1. Europas Gesellschaft
hat einen Namen bekommen
2. Der Bericht über die Qualität der Bildung
3. Die pädagogische Sprachlosigkeit als Folge
4. Und die Bildung ...?
5. Frischer Wind in muffige nationale Verhältnisse?
Anregungen zur
persönlichen Weiterbearbeitung der Thematik
Literaturangaben
"Schöne Worte sind
nicht wahr,
und wahre Worte sind nicht schön."
(Lao-Tse)
1 Europas Gesellschaft hat einen Namen bekommen
Die Dokumente der Behörden
verzeichnen sie als "Wissensgesellschaft, Informationsgesellschaft, kognitive
Gesellschaft". Nicht mehr das Gefüge der Nationen, die von ihrem
ständigen Gegeneinander zu einem vernünftigen Miteinander gebracht
werden sollen; keine Friedens- oder Völkerfreundschaftsutopie steht mehr
im Mittelpunkt, sondern das Bemühen, einen durch Technologie und Globalisierung
hervorgerufenen Strukturwandel wirtschaftlich erfolgreich zu steuern.
Der jüngste ehrgeizige Entwurf trägt den Titel "eEurope - eine
Informationsgesellschaft für alle" und seine Dringlichkeit wird
betont: Beim Lissabonner Gipfel vom 23.und 24. März 2000 haben die Staats-
und Regierungschefs der Europäischen Union festgestellt, daß "die
Europäische Union mit einem Quantensprung konfrontiert ist, der aus der
Globalisierung und den Herausforderungen einer neuen wissensbestimmten Wirtschaft
resultiert" und sie haben der Union ein strategisches Ziel gesetzt: "in
diesem Teil der Welt innerhalb des ersten Jahrzehnts des 21sten Jahrhunderts
die wettbewerbsstärkste und dynamischste wissensbasierte Wirtschaft der
Welt zu schaffen". (eLearning-Gedanken zur Bildung von Morgen. KOM [2000]
S. 318)
Im Zuge dieser Bestrebung ist die Bildung auf europäischer Ebene mehr
als zuvor Gegenstand des politischen Diskurses, ja sogar zu einem wesentlichen
Aspekt programmatischer Entwicklungstätigkeit geworden. Bildungspolitische
Fragen haben eine höhere Priorität auf europäischer Ebene erlangt
und eine Koordinierung bildungspolitischer Vorgangsweisen findet statt, "um
insbesondere die bestehenden Qualifikationsdefizite in den Informations- und
Kommunikationstechnologien zu bewältigen und die Umstellung auf das digitale
Zeitalter zu beschleunigen". (Viviane Reding, Ankündigung im Vorfeld
der Sondertagung in Lissabon [23./24.März2000]; IP/00/234 Date: 2000-03-09)
Schon in der Entschließung des Rates vom 26. November 99 haben die Bildungsminister
festgestellt, dass die Qualität der Bildung einer der Punkte sei, die
im Rahmen des neuen Kooperationsmodells der fortgeschriebenen Tagesordnung
vorrangig zu behandeln seien. (Bericht über die Qualität der schulischen
Bildung in Europa vom Mai 2000 [Einleitung].
Das Aktionsprogramm SOCRATES hat die Qualität der Bildung zum Hauptziel
seiner Maßnahmen gemacht. Ein Pilotprojekt zur Evaluation der Qualität
von Schule und Unterricht wurde in 101 Schulen in ganz Europa umgesetzt. Das
Europäische Parlament und der Rat haben den Mitgliedsstaaten eine Empfehlung
zur europäischen Zusam-menarbeit bei der Bewertung der Qualität
der Schulbildung vorgelegt und die Kommission ersucht, die Fähigkeit
der Schulen zu fördern, auf nationaler und auf europäischer Ebene
voneinander zu lernen, mit dem Ziel, vorbildliche Lösungen und wirksame
Instrumente wie Indikatoren und Benchmarks im Bereich der Qualitätsbewertung
der Schulbildung zu ermitteln und zu verbreiten. (2001/166/EG, vom 12. Februar
2001)
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2 Qualität der Bildung - Begriffe ohne
Eigenschaften
Der Europäische Bericht
über die Qualität der Bildung stellt die erste Reaktion der Kommission
auf die Schlußfolgerungen der Sondersitzung des Europäischen Rates
am 23.und 24. März in Lissabon dar. Dieser Bericht nimmt 16 Indikatoren
für die Bewertung der Qualität der schulischen Bildung in den Mitgliedsländern
an und soll als Wissensfundus für künftige bildungspolitische Entscheidungen
dienen [1].
Auch der Bericht der Kommission über die konkreten künftigen Ziele
der Bildungssysteme nimmt auf die in Lissabon formulierten Ziele Bezug: "das
Bildungswesen muß einen soliden Beitrag leisten, damit die Union als
Wirtschaftsraum fähig ist, ein dauerhaftes Wirtschaftswachstum mit mehr
und besseren Arbeitsplätzen und einem größeren sozialen Zusammenhalt
zu erzielen". (Die konkreten, künftigen Ziele der Bildungssysteme.
KOM (2001) 59 final)
Das von der Europäischen Union forcierte Bestreben zur Steigerung der
Qualität der Bildung sieht diese im Dienst der Wettbewerbsökonomie,
der Mobilisierung von Humanressourcen, des Kampfes um Arbeitsplätze,
der Steigerung von Erwerbschancen - Bildung erscheint als ein zu optimierender
Faktor in der Gesellschaft für den Wirtschaftskrieg. "Im Mittelpunkt
der Mensch" heißt es zwar auch in europäischen Dokumenten,
das Telos alles Bestrebens ist freilich der wirtschaftliche Erfolg. Dazu wird
'Wissen' verkürzt auf Know-how und der Mensch, wie sonst nur noch in
den Erfolgsmeldungen über die neuesten biotechnologischen Errungenschaften,
als kapitalisierbarer Rohstoff gesehen.
Diese Ansicht von europäischer Gesellschaft und der Aufgabe von Bildung
sind in den europäischen Dokumenten ehrlich genug dargestellt. Aber ist
das genug? Und hat das Qualität?
PLATON verwendet in seinen Texten das Wort Qualität nur einmal, wiederholt
hat er jedoch hervorgehoben, dass man, um zu wissen, wie beschaffen etwas
ist, zuvor wissen muß, was es ist. So kann man nicht wissen, ob Tugend
lehrbar ist, ohne zuvor zu bestimmen, was Tugend ist. (Historisches Wörterbuch
der Philosophie, Band 7, 1989, S. 1750) Auf eine Bestimmung, eine Eigenschaft
von Bildung, von Wissen, ja auch von "Europa" lassen sich die aktuellen
europäischen Entwürfe zur Qualität der Bildung in Europa nicht
ein. Vielmehr verlieren gerade diese Begriffe darin quasi jede "Qualität".
Begriffe ohne Eigenschaften, ohne eigenen Sinn, füllen die europäischen
Dokumente.
Weiters kennzeichnet diese Dokumente ein Pathos, das an militärische
Rhetorik erinnert. In den Mitteilungen der Kommission zu "elearning"
wird eine "dringend erforderliche Mobilisierung" konstatiert; Hindernisse
müssen schnell beseitigt werden. (eLearning-Gedanken zur Bildung von
Morgen. KOM (2000) S. 318 endg.) Bereits im Aktionsplan der Europäischen
Kommission für die Jahre 1994-1998 "Lernen in der Informationsgesellschaft"
war zu lesen: "Das Entstehen der Informationsgesellschaft stellt jeden
vor die Aufgabe, seine Kenntnisse permanent zu erweitern, und dies von frühester
Kindheit an bis ins Alter, und neue Qualifikationen zu erwerben". Begründung:
"Die Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel"; Die berufliche Aus-
und Weiterbildung betreffend hält das Dokument fest: "Wir benötigen
ein neues Wechselspiel ... ...das dem Einzelnen die Möglichkeit einräumt,
seine Fähigkeiten und Kompetenzen zu entwickeln und mit der ständigen
Revolution bei den Fertigkeiten, die mit der IKT einhergeht, Schritt zu halten"
(alle Hervorhebungen H.G.). Die Rhetorik zur Qualitätssteigerung der
Bildung gerät in der militärischen Diktion zu einer Parole für
Zurückgebliebene.
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3 Die pädagogische Sprachlosigkeit als Folge
Die "Frankfurter Rundschau"
vom 23.5.98 berichtet über eine Berliner Konferenz zum Thema "Qualitätsmanagement
in der Schule". Dort hätten die Wirtschaftler den Pädagogen
gründlich die Leviten gelesen. Der Geschäftsführer der Bundesvereinigung
der deutschen Arbeitgeberverbände habe gemahnt: "Wir dürfen
die Chancen des Standortes nicht schon im Klassenzimmer verlieren". Aber
die Schulleiter und Oberstudienräte, die Schulräte und Pädagogen
muckten nicht einmal auf, als ihnen Innovationsunfähigkeit und Verantwortungsarmut
bescheinigt und gehörige Mitschuld an der allgemeinen Stagnation zugewiesen
wurde. Die Schulen und ihre Träger steckten fest in der Defensive. Und
weiter ging die Attacke: "Die Schule denkt zu wenig an ihre Abnehmer
in der Wirtschaft, da müßte ein partnerschaftliches Feld entstehen."
Und ein Vorstandsmitglied einer Daimler-Benz-Tochter sagte auch gleich, wie
er sich die Behebung dieses Mankos konkret vorstellt. "Er frage sich
schon lange, warum der Deutschunterricht nicht stärker an das Fach Wirtschaft
gekoppelt werde." (Gronemeyer, Almanach, 2000).
Ja warum eigentlich nicht, dachten sich offenbar die geladenen Pädagogen,
denn auch zu diesem Vorschlag schwiegen sie dem Vernehmen nach. Mitten im
Krieg, vor 60 Jahren, schrieb THOMAS MANN sein berühmtes Memento für
Europa, in dem ganz andere Töne anklingen: "Der Begriff Europa war
uns lieb und teuer, etwas unserem Denken und Fühlen Natürliches
- das Gegenteil zu provinzieller Enge, borniertem Egoismus und nationalistischer
Rohheit; Er meint Freiheit, Weite, Geist und Güte. Europa, das war ein
Niveau, ein kultureller Standard." (Aus einer Radiosendung, die die BBC
1942 ausstrahlte).
In der griechischen Antike erscheint Europa als Begriff in politischem Gewande.
Es geht dabei um die Freiheit in ihren zwei wichtigsten Bedeutungsformen:
als Unabhängigkeit von Fremdherrschaft, und als Entfaltungsmöglichkeit
der Einzelperson in einer freien Regierungsform, eben der Demokratie. Europa
war ein Gegenbegriff zur (asiatischen, persischen) Despotie. "Nicht wahr"
- so Platon - "an erster Stelle steht doch dies, daß sie freie
Menschen sind, und daß der Staat förmlich überquillt von Freiheit
und Schrankenlosigkeit im Reden, und daß jeder in ihm die volle Möglichkeit
hat zu tun, was er will" (Schulze/Paul, Europäische Geschichte,
1994).
Wirtschaftskooperationen waren dagegen für die Griechen keine nennenswerten
Gemeinschaften, die Untertanengesellschaft war Barbarei, wie üppig die
Kunst- und Warenproduktion auch gewesen sein mag. (Vgl. von Hentig, 1996).
Die Entschließung über die "Europäische Dimension im
Bildungswesen", wie sie am 24. Mai 1988 durch den Rat und die im Rat
vereinigten Minister angenommen worden ist, lässt zwar im Wesentlichen
unklar, was "europäische Dimension" bedeuten soll, doch verweist
der Diskurs von damals auf ein intendiertes Werden Europas durch eine Erweiterung
des (nationalen) Bewusstseins hin zu einem übernationalen, europäischen
Bewusstsein; von einer nationalen Identität zu einer europäischen;
auf ein europäisches Bewußtsein, das als pädagogischer Auftrag
der Schule durch die Kultusministerkonferenz in der BRD bereits 1978 formuliert
worden ist. In einer neuen Fassung vom 7. Dezember 1990 wird ausgeführt,
dass zur Verwirklichung der europäischen Dimension in Bildung und Erziehung
die Schule Kenntnisse und Einsichten vermitteln muß: über die politischen
und gesellschaftlichen Strukturen Europas; über die prägenden geschichtlichen
Kräfte, vor allem die Entwicklung des europäischen Rechts-, Staats-
und Freiheitsdenkens; über den Interessensausgleich und das gemeinsame
Handeln in Europa zur Lösung wirtschaftlicher, ökologischer, sozialer
und politischer Probleme; über die Entwicklungslinien, Merkmale und Zeugnisse
einer auch in ihrer Vielfalt gemeinsamen europäischen Kultur u.a.m. Denn
es geht um: die Bereitschaft zur Verständigung, zum Abbau von Vorurteilen
und zur Anerkennung des Gemeinsamen unter gleichzeitiger Bejahung der europäischen
Vielfalt; um die Achtung des Wertes europäischer Rechtsbindung und Rechtssprechung
im Rahmen der in Europa anerkannten Menschenrechte; um das Eintreten für
Freiheit, Demokratie, Menschenrechte, Gerechtigkeit und wirtschaftliche Sicherheit;
um den Willen zur Wahrung des Friedens in Europa und in der Welt. Von einer
Qualifizierung für den Arbeitsmarkt war damals keine Rede, selbst die
Sprachkenntnisse werden nur im Kontext eines durch die Vielsprachigkeit gegebenen
kulturellen Reichtums erwähnt. (Europäische Zeitung vom 22. Mai
1991)
Als anlässlich der Einleitung neuer EU-Programme auf einer gemeinsamen
Ministertagung im März 2000 die portugiesische Ratspräsidentschaft
diese Idee einer europäischen Dimension der Bildung weiterentwickeln
wollte, wurden eine Reihe von Prioritäten im Bildungsbereich formuliert:
die Humankapitalinvestitionen pro Einwohner sollten von Jahr zu Jahr substantiell
gesteigert werden; die Zahl der 18- bis 24jährigen, die lediglich die
Sekundarstufe I abgeschlos-sen haben und keine weiterführende Schul-
oder Berufsausbildung durchlaufen, sollte bis 2010 halbiert werden; zwischen
den verschiedenen Bildungseinrichtungen sollten Lernpartnerschaften gegründet
werden; das lebenslange Lernen wäre zu fördern; es sollte ein europäisches
Diplom für grundlegende IT-Fertigkeiten eingeführt werden; die Mobilität
von Schülern und Studenten, Lehrern sowie Ausbildungs- und Forschungspersonal
wäre zu fördern und zu erleichtern; das Zusammenwirken von Arbeitsmarkt
und Berufsausbildung sollte verbessert werden - alles nützliche Vorschläge
gewiß, aber ohne Kohärenz zur Entschließung von 1988 bzw.
zum damaligen Diskurs.
So wie mit dem Begriff "Europa" geht es auch mit dem "Wissen"
zu. MAX SCHELER sah am Beginn des 20. Jahrhunderts noch drei Werdensziele,
denen Wissen dienen kann und dienen soll: dem Werden und der Entfaltung der
Person, dieses sei das Bildungswissen; zweitens dem Werden der Welt, des Daseins
und dem Verständnis des Ganzen, das als Erlösungswissen bezeichnet
wird; schließlich dem Werdensziel der praktischen Beherrschung und Umbildung
der Welt für unsere menschlichen Ziele und Zwecke - das Herrschafts-
oder Leistungswissen. War es für Max Scheler noch Unsinn, das Bildungs-
und Erlösungswissen gar nicht zu sehen oder nur jener Bildung Wahrheit
und Bedeutung zukommen zu lassen, deren Folgen "Erfolg" bedeuten,
so ist für die Europäische Wissensgesellschaft, wie sie die EU betreibt,
genau dies bezeichnend. Für die beabsichtigte Qualitätssteigerung
im Bildungswesen wird die Verstümmelung des Wissensbegriffs betrieben.
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Noch einmal MAX SCHELER: "Bildung
ist keine Bildung, wenn sie nicht all-seitige Bildung ist. Wie aber soll der
Charakter durch Erfassung des Bildungswesens seines Faches zu einer Entfaltung
seines religiösen Sinnes, seines staatsbürgerlichen Sinnes und Wollens
kommen? Auch wird eben das, was Spranger den philosophischen Bildungswert
eines Faches nennt, selber erst sichtbar und faßbar unter dem Lichte
einer das Ganze der Welt allseits umfassenden Philosophie und Bildung. Nur
wenn man sich durch eine von der Fach-arbeit bereits getrennte und geschiedene
Geistesarbeit Form und Bildung aufgeprägt hat, ist es möglich, das
eigene Fach, seinen begrenzten Sinn und seine begrenzte Bedeutung liegen zu
sehen in der Systematik der menschlichen Lebensaufgabe und des Lebenssinnes.
Und dann erst mag man eine besondere Arbeit darauf verwenden, die Verbindungslinien
des Faches mit dem Ganzen der Welt- und Volksaufgaben wahrzunehmen" (Scheler,
1982, S.482).
Schaut man diesbezüglich noch einmal bei NEIL POSTMAN nach, dann wird
man mit dieser Definition konfrontiert: Bildung ist "Aufstieg der Menschheit".
Sie leitet sich aus einer humanistischen Tradition her, die den Vorstellungen
der Technokraten ganz und gar zuwiderläuft. Bildung gewinnen bedeutet
nämlich, auch die Ursprünge und das Wachstum des Wissens und der
Wissenssysteme wahrnehmen lernen; es bedeutet, sich vertraut machen mit den
geistigen und schöpferischen Prozessen, in deren Verlauf das Beste, was
gedacht und gesagt worden ist, zutage kam; es bedeutet, lernen, wie man, und
sei es als Zuhörer, an dem teilnehmen kann, was ROBERT M. HUTCHINS einmal
das "Große Gespräch" genannt hat. Und er fährt fort:
"Sie werden bemerken, dass eine solche Definition nicht das Kind in den
Mittelpunkt stellt und nicht den Unterricht, auch nicht den Erwerb von Fertigkeiten,
ja nicht einmal die Probleme. In den Mittelpunkt stellt sie vielmehr die Idee
und die Kohärenz",..."es geht hier um eine Bildung, die Wert
auf Geschichte legt, auf eine wissenschaftliche Denkweise, auf einen disziplinierten
Umgang mit Sprache, auf eine weitgefächerte Kenntnis von Kunst und Religion
und insgesamt auf die Kontinuität menschlichen Strebens. Bildung, so
verstanden, ist ein ausgezeichnetes Korrektiv gegen den geschichtsfeindlichen,
informationsübersättigten, technikverliebten Charakter des Technopols"
(zit. nach Heinrich Badura, Die Informationsgesellschaft und ihre Werterscheinungsformen.
Vortrag zur Konferenz "Bibliotheken, Museen und Archive als Orte der
Integration und politischen Bildung" vom September 1999 in Eisenstadt).
Die europäische Dynamik im Bemühen um Qualitätssicherung und
Qualitätssteigerung steht im Dienst der Ökonomie. Eine Frage, wie:
"Was geht der Arbeitsmarkt die Bildung an?" wirkt zwar ketzerisch,
das mindeste aber, was zu tun wäre, wäre doch, den "Schein
der Einstimmigkeit" (P. Bourdieu) zu vereiteln und von pädagogischer
Seite ein klares und unmißverständliches Nein zur endgültigen
Vermarktung und Funktionalisierung menschlichen Lernens zu sagen (Gronemeyer,
Was geht der Arbeitsmarkt die Bildung an. Vortrag im Europahaus Burgenland
vom 20. Jänner 2000. Auszüge des Textes in: Europahaus Burgenland
Almanach 2000).
Das ist freilich leichter gesagt als getan, dagegen stehen nicht nur strukturelle
Zwänge, sondern insbesondere die mangelnde "Qualität",
also Eigenschaft, Bestimmtheit der Begriffe. Nicht nur die oft genannte "europäische
Dimension" ist eine Floskel geblieben, die mal gegen den Nationalismus,
dann für Frieden, gegen Lethargie, für ökonomische Tüchtigkeit
etc. stehen kann - ein Schlüsselbegriff, der bar eigener Qualität
sich hervorragend eignet, diverse Absichten zu transportieren.
5 Frischer Wind in muffige nationale Verhältnisse?
Die Ausrichtung des europäischen
Gedankens an den Bedürfnissen der Ökonomie zeigt sich darin, dass
Bildung nun "Humankapital" erzeugt, der Bildungsauftrag einzig als
ökonomische Funktion verstanden wird. Die Qualitätssteigerung im
Bildungswesen durch Europäisierung wird angetrieben durch eine Europäische
Union in der Rolle des Schulinspektors, die ihre Aufgabe darin gefunden hat,
danach zu trachten, dass ein als modern angenommenes Managementverständnis
in das Bildungswesen einzieht. Das kann bestenfalls frischen Wind in muffige
nationale Verhältnisse bringen, im schlimmsten Falle wird dem Bildungssektor
mit europäischer Autorität ein Managementverständnis verpasst,
von dem man sich in modernen Unternehmensführungen gerade mühsam
zu entfernen beginnt. Ergänzend zu der Orientierung an den wirtschaftlichen
und technologischen Bedürfnissen, werden in den europäischen Dokumenten
wohl auch weitere Zielsetzungen bezüglich "persönlicher Entwicklung,
politischer Beteiligung, sozialen Ausgleichs, Weltoffenheit,.." angeführt,
diese Relikte eines humanistischen Bildungsverständnisses werden aber
weit weniger deutlich ausgeführt und in ihrer Umsetzung gegenüber
der Entwicklung der IKT-Infrastruktur hintan gereiht.
Jede gesellschaftliche Organisationsform schafft Bildungsformen, die der Verbreitung
und subjektiven Internalisierung ihres Selbstverständnisses und der Durchsetzung
der ihr immanenten politischen Zielsetzungen dienen. Europäische Wissensgesellschaft
klingt zwar gut, ehrlicher wäre es, wenn der tatsächliche Kontext
der europäischen Forschungs- und Bildungspolitik mit einem vielleicht
nicht so schönen, aber wahreren Wort bezeichnet würde, anstatt mit
falscher Wortmünze unerreichbare Illusionen zu wecken: Ein solches Wort
wäre zum Beispiel 'Businessgesellschaft', ein im übrigen längst
globaler und nicht mehr nur europäischer Nenner, auf den sich wohl inzwischen
der Kontext aller Politik bringen läßt.(Aus einem Vortrag von Hans-Georg
Stork (Bollendorf), Vortrag beim Kolloquium "Die Wissensgesellschaft
als Raum europa-politischen Denkens", organisiert vom Europahaus Burgenland
vom 1. - 3. März 2001).
Für Pädagogen und Pädagoginnen mag es - um in Anlehnung an
FOUCAULT zu sprechen - darum gehen, für sich persönlich, als Gruppe
und Gesellschaft zu klären, wie ethisches Handeln innerhalb von Strukturen
möglich ist, also um die Kunst, nicht dermaßen optimiert zu werden.
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Anregungen zur persönlichen Weiterbearbeitung
der Thematik
1. Die Europäische Union
und auch der Europarat haben europäisches Bewusstsein als eine Aufgabe
der Schule definiert. Ist das nicht merkwürdig? Die Pflege europäischen
Denkens wird einer nationalen Agentur zugemutet! Ist diese dazu bereit und
dafür gerüstet? Erlauben das die Lehrpläne? Gibt es überhaupt
Lehrer, die sich als Europäer verstehen? Und im Ergebnis? Kommen unsere
Kinder als gute Europäer aus der Schule?
2. Die Europäische Kommission sagt, dass Europa eine Wissensgesellschaft
ist und dass es für die Bürger gut ist, über IT-Kompetenzen
zu verfügen. Dann nämlich bekommt man eher einen guten Job. Das
ist gewiß richtig, aber warum ist das gerade der Europäischen Kommission
so wichtig? Kann die Europäizität eines Bürgers/einer Bürgerin
tatsächlich an den IT-Kompetenzen erkannt werden?
3. Für die Europäische Kommission sind Bildung und Forschung wichtige
Faktoren, die optimiert gehören, um die wettbewerbstärkste Wirtschaftsregion
der Welt entwickeln zu können. Was könnte damit gemeint sein? Soll
man Goethes Faust schneller lesen? Was könnte der Beitrag europäisch
gesinnter Lehrer dazu sein?
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Badura Heinrich, Bildung als Bedingung der Wissensgesellschaft. Vortrag zur 44. Herbsttagung des Landesverbandes Niederösterreichischer Volkshochschulen am 13. Oktober 2000 in Hainburg.
Badura Heinrich, Die Informationsgesellschaft und ihre Werterscheinungsformen. Vortrag zur Konferenz "Bibliotheken, Museen und Archive als Orte der Integration und politischen Bildung" vom Sept. 1999 in Eisenstadt.
Gronemeyer Marianne (2000):
Was geht der Arbeitsmarkt die Bildung an? In: Europahaus Burgenland Almanach,
Eisenstadt.
Historisches Wörterbuch der Philosophie (1989): Band 7, Basel; Begriff
"Qualität" S. 1750
Scheler Max (1982): Politisch-pädagogische Schriften, Gesammelte Werke, Bd. 4, Bern.
Schulze Hagen/Paul Ina Ulrike (1994): Europäische Geschichte, Quellen und Materialien. Bayerischer Schulbuch-Verlag.
Stork Hans-Georg, Die Wissensgesellschaft als Raum europapolitischen Denkens. Vortrag zur Konferenz vom 1.-3. März 2001 (Manuskript unveröffentlicht, im Europahaus)
von Hentig Hartmut (1996): Bildung. Ein Essay. Hanser.
Verzeichnis der zitierten Dokumente
Bericht über die Qualität der schulischen Bildung in Europa vom Mai 2000
Die konkreten, künftigen Ziele der Bildungssysteme. Bericht der Kommission KOM (2001) 59 final
eLeraning - Gedanken zur Bildung von Morgen. Mitteilung der Kommission vom 24.5.2000, KOM (2000) 318
Empfehlung des Europäischen
Parlaments und des Rates vom 12. Februar 2001 zur europäischen Zusammenarbeit
bei der Bewertung der Qualität der Schulbildung (2001/166/EG)
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[1]
Bericht über die Qualität
der schulischen Bildung in Europa vom Mai 2000 (Einleitung). Die 16 Indikatoren:
Indikatoren für den Kenntnisstand (Mathematik; Lesen; Naturwissenschaften;
Informations- und Kommuni- kationstechnologie; Fremdsprachen; Die Fähigkeit
zu lernen, wie man lernt; Staatsbürgerkunde). Indikatoren
für Erfolg und Übergang (Abbrecherquote, Abschluß der Sekundarstufe
II, Teilnahme am tertiären Bildungsweg). Indikatoren für das Monitoring
der Bildung (Evaluierung und Steuerung der schulischen Bildung, Mitwirkung
der Eltern). Indikatoren für Ressourcen und Strukturen (Aus- und Weiterbildung
der Lehrer; Teilnahme an der Vorschulerziehung; Zahl der Schüler pro
Computer; Ausgaben für Bildungszwecke pro Schüler). ![]()