DIE ANHEBUNG DES EUROPABEWUSSTSEINS
DURCH DIE INTEGRATION DER EUROPÄISCHEN DIMENSION
IN DAS BILDUNGSWESEN
Oliver Holz, Technische Universität
Chemnitz
Bart Hempen, Katholieke Hogeschool Brüssel
In der Entschließung des Rates und der im Rat vereinigten Minister für das Bildungswesen zur Europäischen Dimension im Bildungswesen vom 24. Mai 1988 brachten die Minister "die Aufwertung der Europäischen Dimension im Bildungswesen als einen Beitrag zur Entwicklung der Gemeinschaft" in vielfacher Weise zum Ausdruck. Die Erweiterung des nationalen Blickwinkels um den europäischen und globalen Blickwinkel, die Sensibilisierung für den europäischen Einigungs- und Integrationsprozess sowie die Entwicklung von Europabewusstsein implizieren wichtige Zielstellungen gegenwärtiger Politikbestrebungen in der Europäischen Union. Oft sind es kleine Freuden und Probleme, die ohne eine intensive Auseinandersetzung mit dem Thema Europa nicht unmittelbar in das Bewusstsein jedes Einzelnen rückt. Meist aber sind es gerade diese kleinen Probleme und schönen Momente, die aus schwarz und weiß bunt machen, die aus einem Ich ein Wir werden lassen und die einen exzellenten Beitrag leisten, Europabewusstsein herzustellen.
Der Studientext gliedert sich in folgende
Abschnitte:
1 Einleitung
2 Die Bildungspolitik der Europäischen Union
2.1 Zur historischen Entwicklung des Europagedankens in der
Schule
2.2 Die Zusammenarbeit der Mitgliedstaaten im Bildungsbereich
3 Die Europäische Dimension im Bildungswesen - eine Annäherung
4 Die Europäische Dimension in der Lehrerbildung
5 Europa 2001 - Ziele und Probleme europäischer
Bildungspolitik
Anregungen zur individuellen
Weiterbearbeitung der Thematik
Literaturangaben
Am 7. Februar 1992 wurde in
Maastricht der Vertrag über die Europäische Union unterzeichnet,
der am 1. November 1993 in Kraft trat. Erstmals in der Geschichte des europäischen
Einigungsprozesses wurden mit diesem Vertrag Richtlinien geschaffen, die im
Zuge einer Europäisierung des Bildungswesens verwirklicht werden sollen.
Die Artikel 126 und 127 des Einigungsvertrages sehen als eine wesentliche
Aufgabe der Gemeinschaft vor, die Europäische Dimension in das Bildungswesen
zu integrieren, um so die Prinzipien der Demokratie, der sozialen Gerechtigkeit
und der Achtung der Menschenrechte als grundlegende Werte für das Zusammenleben
in Europa bei den Heranwachsenden herauszubilden, wodurch neben einer nationalen
Identität auch die Entwicklung einer 'europäischen Identität'
angestrebt werden soll. Mit dem Beschluss der Einheitlichen Europäischen
Akte 1986 in Luxemburg wurde die Integration der Europäischen Dimension
in das Bildungswesen als ein unverzichtbares Erfordernis festgeschrieben.
Am 29. September 1993 verabschiedete die Europäische Kommission in Brüssel
das Grünbuch zur Europäischen Dimension im Bildungswesen. In diesem
Grünbuch werden insbesondere die Aufgaben, die die Institution Schule
zur Realisierung der Europäischen Dimension zu leisten imstande ist,
herausgestellt.
Was Europa kennzeichnet, ist seine kulturelle und traditionelle Vielfalt.
Diese 'vielfältige Einmaligkeit' hat sich in den vergangenen Jahrhunderten
unter den Bedingungen von Kriegen, Machtkämpfen und der Entwicklung von
Nationalstaaten herausgebildet. Die Auseinandersetzung zwischen europäischen
Völkern um ihre nationale Eigenständigkeit und der Kampf um Vormachtstellungen
standen in der Schule bei der Vermittlung von Wissen über Europa im Vordergrund.
Vernachlässigt wurde jedoch die Darstellung der gemeinsamen Wurzeln,
der zahlreichen kulturellen, wirtschaftlichen, politischen und historischen
Gemeinsamkeiten, der gleichen geografischen und ökonomischen Ausgangsbedingungen
und auch der ethischen Wertvorstellungen. Erst nach den beiden Weltkriegen
besannen sich Historiker, Politiker und Ökonomen dieser Gemeinsamkeiten
und dachten an einen europäischen Zusammenschluss.
Der Begriff 'Europa' im weiteren Sinne meint nicht nur die Bejahung der multikulturellen
Idee, sondern ist als ein Synonym für das christliche Abendland und damit
als Friedens-, Freiheits-, Demokratie- und Sicherheitsgemeinschaft sowie als
Wirtschaftsgemeinschaft zu verstehen. 'Europa' meint daher insbesondere eine
politische Aufgabe, die die Sicherung von Frieden, eine gemeinsame Wirtschafts-
und Sozialpolitik sowie eine humanistische Rechtspolitik, den Ausgleich des
globalen Nord-Süd-Gefälles und die Abwehr von Terrorismus umfasst.
Somit ist Europa in erster Instanz als Raum der verschiedenen Ausprägungen
europäischer Kultur zu betrachten. Zu seinem Kern gehören u.a. die
Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz, die Würde des Menschen, ein
europäisches Rechtssystem, Gewaltverzicht und die hohe Wertschätzung
der Familie. Das Europäische liegt dabei in dem gemeinsamen Widerstand
gegen Hegemoniebestrebungen und einem erstarkten Bewusstsein gegen äußere
Bedrohungen. Keine Trennungslinie und keine politische Teilung kann die tief
verwurzelte, seit Jahrhunderten gemeinsame Hierarchie der Werte abschaffen.
Nach diesem Verständnis ist Kultur heute in Europa sehr viel mehr eine
einende als eine trennende Kraft.
In diesem Studientext beschränkt sich die Betrachtung Europas auf die
Situation in der Europäischen Union mit Blick auf Gesamteuropa. Wenn
somit im folgenden vom 'Europa der Bürger', 'Europabewusstsein', von
der 'Europäischen Dimension im Bildungswesen' und vom 'Europäischen
Einigungs- und Integrationsprozess' gesprochen wird, dann ist von den 3,2
Millionen Quadratkilometern und den 371 Millionen Menschen der 15 Mitgliedstaaten
der Europäischen Union die Rede.
Der Maastrichter Vertrag bedeutete für die 12 Mitgliedstaaten zum Zeitpunkt
seiner Unterzeichnung eine Erweiterung aller Aufgabenbereiche in der Union.
In ihm wurde die Schaffung einer gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik,
die Kompetenzerweiterung der Union und auch die Einführung einer Unionsbürgerschaft
verankert. Diese Unionsbürgerschaft und die im Vertrag ausgewiesenen
Bestimmungen über die Achtung der Menschenrechte und Grundfreiheiten
erweitern auf der Handlungsgrundlage des Subsidiaritätsprinzips die bisherige
wirtschafts- und außenpolitische Handlungskompetenz der Gemeinschaft
insofern, dass das Maastrichter Vertragswerk erstmals konkrete Vorteile (die
insbesondere aus der Vollendung des europäischen Binnenmarktes resultieren)
für den einzelnen Bürger zum Ausdruck bringt.
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2 Die Bildungspolitik der Europäischen Union
Ein vereintes Europa beinhaltet nicht nur Aspekte wirtschaftlicher und politischer Zusammenarbeit, sondern gestaltet sich auf Grund seiner Vielfalt auf allen gesellschaftlichen Ebenen. In den 1970er Jahren wurden durch die Organe der Gemeinschaft erstmals Anstrengungen unternommen, um Europa auch im Bewusstsein der Bürger zu entwickeln. Um die Integration des Europagedankens in den Mitgliedstaaten voranzutreiben, stellten Vertreter der europäischen Organisationen und Institutionen die Forderung auf, die gesamte Bevölkerung zu mündigen, verantwortungsbewussten Europäern zu erziehen, wodurch Europa gleichermaßen zu einem Lernziel wurde und das Ziel, Europabewusstsein zu entwickeln, eine neue Schlüsselstellung erhielt. Um auf der Grundlage gemeinsamer Werte und Normen Persönlichkeit zu entwickeln, zeigte sich die Notwendigkeit, Maßnahmen einzuleiten, die zur Weckung des Europabewusstseins, zur Kenntnis über Europa und seine Regionen sowie zu intereuropäischer und internationaler Kommunikation und Kooperation führen sollten.
Für die Schule wurde hervorgehoben,
die Fächer Geschichte und Geografie aktiv zu nutzen, um Europa als Lernziel
zu thematisieren und in das Unterrichtsgeschehen zu integrieren. Inhaltlich
wurden europäische Themen bereits lange zuvor in diesen Unterrichtsfächern
behandelt. Wichtig im europäischen Einigungsprozess ist jedoch die Vermittlung
von Wissen und die Herausbildung von Fähigkeiten und Fertigkeiten in
der Weise, dass gegenseitiges Vertrauen an die Stelle bisherigen nationalstaatlichen
Denkens treten muss. Um das Lernziel Europa zu verwirklichen, wurden wirksame
Maßnahmen festgeschrieben. Die Erfahrungen im europäischen Integrationsprozess
zeig(t)en, dass Sprachbarrieren eines der größten Hindernisse darstellen.
Das Beherrschen einer oder mehrerer Fremdsprachen kann den Abbau von Vorurteilen
und das Verständnis für andere Kulturen und Traditionen in erhöhtem
Maße ermöglichen. Die Fähigkeit, andere Sprachen, Kulturen,
Traditionen und Menschen zu tolerieren, ist eine wesentliche Voraussetzung
für demokratische Gesellschaftsordnungen und damit Grundlage, Europabewusstsein
entwickeln zu können. Toleranz zu entwickeln, um andere Denk- und Verhaltensweisen
respektieren zu können und um Bürger mit anderen Lebensgewohnheiten
und Glaubensrichtungen zu verstehen, erweist sich bei der Gestaltung des vereinten
Europas als ein primärer Aufgabenbereich, der durch die Integration der
Europäischen Dimension im Bildungswesen zu erfüllen versucht wird.
Diese Toleranz zu entwickeln sollte sich nicht als Schwierigkeit erweisen,
da ihre Basis eine Wertegemeinschaft ist.
Der Schule kommt dabei die wichtige Aufgabe zu, die Schüler zu kritikfähigen
und toleranten Persönlichkeiten zu bilden und zu erziehen. Ihr Ziel muss
sein, Kritikfähigkeit und Toleranz von Schülern und Lehrern nicht
nur zuzulassen, sondern vor allem zu fördern. Die Europäische Kommission
betont in diesem Zusammenhang in ihrem Weißbuch "Lehren und Lernen.
Auf dem Weg zur kognitiven Gesellschaft", dass in der schulischen Ausbildung
das richtige Maß zwischen Wissenserwerb und methodischen Fähigkeiten,
die ein selbstständiges Lernen ermöglichen, gefunden werden sollte.
Ein Schlüsselbegriff in
der Diskussion um die Europäische Dimension im Bildungswesen wurde der
Qualitätsbegriff. Die Qualität der allgemeinen Pflichtschule ist
traditionell in der Vermittlung der Grundfähigkeiten Lesen, Rechnen und
Schreiben zu sehen. Durch die Forderung, die Europäische Dimension zu
integrieren, impliziert beispielsweise das Erlernen von Fremdsprachen zunehmend
in den ersten Schuljahren einen in seiner Bedeutung stetig wachsenden Bildungsinhalt.
Durch solche Veränderungen, die einen entscheidenden Beitrag zur Entwicklung
der kognitiven Gesellschaft leisten, läßt sich tendenziell feststellen,
dass
1. die Akteure in der allgemeinen und beruflichen Bildung eine erweiterte
Autonomie in
ihrem pädagogischen Denken und Handeln erhalten müssen,
2. Chancengleichheit einen primären Stellenwert erhält und
3. dass folglich benachteiligte Zielgruppen bei der Vermittlung von Kenntnissen,
Fähigkeiten
und Fertigkeiten stärker in die europäischen Bildungsprogramme und
nationalen Bildungseinrichtungen integriert werden müssen.
Im Weißbuch wird darauf
hingewiesen, dass wir uns zu einer kognitiven Gesellschaft entwickeln, deren
Wurzeln in der Schule liegen. Von ihr wird somit eine große Adaptationsfähigkeit
verlangt. Sie ist unerlässliches Mittel, die persönliche Entfaltung
und soziale Eingliederung des Einzelnen zu begünstigen.
Seit 1976 wurde auf Grund dieser Einsichten die europäische Zusammenarbeit
im bildungspolitischen Bereich aktiv gefördert. Es wurden unterschiedliche
Programme und Initiativen (beispielsweise Chancengleichheit im Bildungswesen,
gegenseitige Anerkennung von Prüfungsleistungen ect.) entwickelt, die
bei der Realisierung der Ziele und Aufgaben einen entscheidenden Beitrag leisten
sollten. Das Jahr 1996 wurde durch das Europäische Parlament und durch
den Europäischen Rat zum 'Europäischen Jahr des lebenslangen Lernens'
erklärt, wobei Maßnahmen auf nationaler und europäischer Ebene
dem bildungspolitischen Einigungsprozess und der Europäischen Dimension
im Bildungswesen mehr denn je Gestalt und Form verleihen sollten.
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2.1 Zur historischen Entwicklung des Europagedankens in der Schule
Das Thema 'Europa' ist kein
neues Lern- und Lehrfeld. Im Geschichts- und Geografieunterricht impliziert
Europa ein Stoffgebiet, in dem bereits mehrere Generationen von jungen Menschen
Wissen und Kenntnisse erworben haben. Der Integrations- und Internationalisierungsgedanke
findet jedoch auch gegenwärtig noch zu wenig Beachtung. Europa wird zu
oft als 'Stiefkind' im Unterrichtsgeschehen behandelt und nimmt bei der Vermittlung
von Wissen und Kenntnissen an den allgemeinbildenden Pflichtschulen Europas
gegenwärtig einen zu geringen Anteil ein.
Die kognitive Gesellschaft, die durch die Verbreitung neuer Informationstechnologien
und durch die Globalisierung der Wirtschaft gekennzeichnet ist, erfordert
von den Pädagogen eine ständige Aktualisierung des Wissens, das
sie in diesem Bereich vermitteln sollen. Gerade im Pflichtschulbereich arbeiten
in den europäischen Ländern die ältesten Pädagogen. Nach
langjähriger Berufspraxis ergeben sich für die Lehrer erhebliche
Schwierigkeiten, sich neuem Wissen zu stellen und dieses in das Unterrichtsgeschehen
einzubeziehen. Motivationen zu erzeugen erfordert Zeit, die das Thema 'Europa'
durch seine Schnelllebigkeit in seinem Entwicklungs- und Integrationsprozess
nicht zur Verfügung stellt. Hierin begründet sich, dass noch heute
das Thema 'Europa' zu einseitig und vor allem unter zu starkem nationalstaatlichen
Denken vermittelt wird. Die gemeinsamen Wurzeln, die der abendländische
Kulturkreis als geistige Heimat aller Völker Europas besitzt, bleiben
bei der Vermittlung von Kenntnissen und Wissen meist unberücksichtigt.
Machtkämpfe, Herrschaftskriege und die Geografie des eigenen Landes innerhalb
Europas und in der Welt bilden an vielen Schulen noch heute die Lehr- und
Lerninhalte, die durch die Pädagogen in der Weise weitergegeben werden,
wie sie diese vor einigen Jahren selbst noch vermittelt bekamen. Dies ist
wohl kaum der richtige Weg, Europabewusstsein zu entwickeln.
Die Bemühungen, Europabewusstsein in der jungen Generation zu wecken
und sich mit Aspekten des europäischen Integrationsprozesses auseinanderzusetzen,
sind dennoch keine Frage des vergangenen Jahrzehnts. Einige engagierte Politiker,
Historiker, Pädagogen und Kulturfunktionäre bemüh(t)en sich
intensiv, Verständnis für den Nachbarn und für die Gemeinschaft
zu entwickeln, um das Boot, in dem die meisten Länder Europas gemeinsam
sitzen, nicht zum Kentern zu bringen. Beispielsweise wurden bereits in den
1950er Jahren auf dem Gebiet des Sports Anstrengungen unternommen, um durch
internationale Trainingslager und Wettkämpfe das europäische Zusammengehörigkeitsgefühl
zu stärken.
Europäische Kunstwerke und das Hören europäischer musikalischer
Meisterwerke stehen für kulturelle nationale Impressionen, die summiert
eine breite Vielfalt besitzen, wie sie kein anderer als der abendländische
Kulturkreis zu bieten hat. Musik und Literatur, Wissenschaft und Kunst zeigen,
dass Europa nicht nur in den Fächern Geschichte und Geografie behandelt
werden muss und thematisiert werden kann. Die Kenntnis, dass die Schule die
Aufgabe hat, auf die Erziehung zu Europa besonders Gewicht zu legen, ist so
alt wie das Thema selbst. Europa in die Schule integrieren heißt, es
erlebbar und erfahrbar zu machen und daher nicht nur politisch, historisch
oder kulturell zu betrachten.
Eine vielschichtige und akzentuierte Behandlung des Europathemas bietet der
fächerübergreifende Unterricht. Das setzt voraus, die innere Schulstruktur
sowie die Ausbildung von Lehrern so zu verändern, dass die Pädagogen
untereinander und gemeinsam mit den Schülern den Unterricht so gestalten,
dass nicht nur Erzieher und zu Erziehende voneinander profitieren, sondern
dass für alle am Bildungsprozess Beteiligten Europa als Realität
erfahrbar wird. Aus diesem Grund muss Europa in den Bildungseinrichtungen
so vermittelt werden, dass es für die Jugend als realistisches, erleb-
und erfahrbares Gebilde verständlich wird, in dem die Individualität
Europas aufgezeigt, ein Gemeinschaftsbewusstsein geweckt und der Wille gestärkt
wird, einen politischen Zusammenschluss der europäischen Nationen anzustreben.
Erziehung ist heute übernational, auf das Kommende und auf die Zukunft
gerichtet. Im ersten Beschluss der Kultusministerkonferenz zum Thema 'Europa
im Unterricht' von 1978 wurde betont, dass die Schule die Aufgabe hat, die
Annäherung der europäischen Völker und Staaten und die Neuordnung
ihrer Beziehungen im Wege der Gemeinschaftsbildung bewusst zu machen. Dass
dabei das Sammeln praktischer Erfahrungen wesentlich breitere Integrationschancen
als die theoretische Vermittlung von Kenntnissen und Wissen ermöglicht,
steht außer Frage. Europa durch Antizipation und Partizipation innovativ
zu erlernen, eröffnet erst die große Chance, sich als Europäer
zu verstehen.
Die Erziehungsziele einzelner Nationalstaaten basieren auf Werten und Normen,
die sich aus Traditionen, Kulturen, sowie aus Politik und Wissenschaft entwickelt
haben. Gesellschaftliche Werte und Normen durch Bildung und Erziehung dem
Individuum zu vermitteln, ist Ziel der einzelnen Bildungseinrichtungen. Erziehen
zu Europa heißt in diesem Zusammenhang auch, nach einem europäischen
Gerüst an Werten und Normen zu bilden und zu erziehen. Durch neue Werte
wie Toleranz und Geistes- und Gewissensfreiheit, die durch die europäische
Aufklärung hervorgebracht wurden, ist einerseits die Privatisierung individueller
Ziele, sind aber andererseits auch Orientierungsprobleme verstärkt aufgetreten,
da den Kindern und Jugendlichen heute gesellschaftliche Realität frühzeitig
in einer anonymen, wenig durchschaubaren formal organisierten Form entgegen
tritt.
Um gemeinsame Werte und Normen in Europa zu schaffen, trägt die Generaldirektion
XXII der Europäischen Kommission große Verantwortung. Wenn an den
Schulen der Mitgliedstaaten das Thema 'Europa' behandelt wird, dann muss den
Pädagogen bewusst sein, dass es sich nicht um die Diskussion über
eine genormte EG-Tomate, sondern um das Erörtern und Verstehen des europäischen
Einigungsprozesses nach dem Zweiten Weltkrieg handelt. Nur mit diesem Wissen
und dieser Einstellung können Kenntnisse über den europäischen
Integrationsprozess in qualitativ und quantitativ hochwertiger Weise an die
junge Generation weitergegeben werden und zur Entwicklung von Europabewusstsein
führen. Obwohl sich die Tendenzen und Probleme in den Mitgliedstaaten
in diesem Zusammenhang als ähnlich erwiesen, zeigt sich die Realisierung
einer 'europäischen Pädagogik' als fragwürdig und erfolgversprechend
zugleich, da jeder Staat seine eigene Geschichte und Kultur hat, aus denen
die Intentionen des jeweiligen Bildungswesens stammen. Der Versuch, einen
europäischen Bildungs- und Erziehungsauftrag zu erarbeiten, ist somit
bereits im Vorfeld zum Scheitern verurteilt. Fraglich ist zum gegenwärtigen
Zeitpunkt auch, wieviel Einheit Europa im Bildungswesen benötigt, um
zur Bildung einer europäischen Identität einen entscheidenden Beitrag
zu leisten.
Der europäische Reichtum liegt in seiner Vielfalt. Wenn von einem europäischen
Bildungswesen und seiner Europäischen Dimension die Rede ist, bedeutet
dies unter Wahrung nationaler Spezifika voneinander zu lernen und aus gemeinsamen
Erkenntnissen und Erfahrungen Möglichkeiten zu entwickeln, die zu einer
Annäherung der Bildungssysteme der Mitgliedstaaten führen. Im Prozess
der Globalisierung geht es um die Bewahrung der nationalen Bildungssysteme
und nicht um eine einfache Übertragung des formalen Systems. Insbesondere
wegen der Globalisierungstendenzen liegt eine entscheidende Herausforderung
darin, Lösungen zu finden, die in den jeweiligen Mitgliedstaaten ein
Bildungssystem mit der gewünschten Leistungsfähigkeit ausstatten.
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2.2 Die Zusammenarbeit der Mitgliedstaaten im Bildungsbereich
Die Zusammenarbeit der Mitgliedstaaten
in der Europäischen Gemeinschaft hat eine kürzere Geschichte auf
dem bildungspolitischen Sektor als auf ökonomischem Gebiet. 1971 traten
die Bildungsminister der damaligen sechs Mitgliedstaaten erstmalig zusammen.
Konkrete Vorhaben gab es zum damaligen Zeitpunkt noch nicht. Einig waren sich
die Minister jedoch darin, dass der bildungspolitische Bereich im zusammenwachsenden
Europa einen neuen Stellenwert erhält. Das erste Aktionsprogramm, das
durch die Bildungsminister 1971 verabschiedet wurde, sah vor, dass die europäische
Kooperation im Bildungsbereich entwickelt und gefördert werden soll.
In der Entschließung des Rates vom 9. Februar 1976 heißt es, dass
die Bildungsminister regelmäßig zusammentreten, um die Durchführung
des Aktionsprogrammes zu verfolgen, um Maßnahmen für die Zukunft
festzulegen und ihre Politik einander gegenüberzustellen. Die Mitgliedstaaten
erhielten spezifizierte Aufgaben, die zur Realisierung des Aktionsprogrammes
führen sollten.
Bevor die Zusammenarbeit in der Weise Gestalt annahm, dass sie erlebbar und
erfahrbar für den einzelnen wurde, sind durch die Bildungsminister in
intensiver Vorbereitung Ende der 1970er, Anfang der 1980er Jahre erste Schritte
(beispielsweise die gegenseitige Anerkennung von Diplomen und Prüfungszeugnissen;
Aktionsprogramm zur Förderung der Chancengleichheit für Mädchen
und Jungen ect.) in diese Richtung eingeleitet worden.
Wahre Gestalt nahm der Prozess der europäischen Bildungszusammenarbeit
durch den Beschluss von 1986 an, als die Programme COMETT und ERASMUS als
erste finanzwirksame Aktionsprogramme der Gemeinschaft einführt wurden.
Seitdem sind die Bildungseinrichtungen der Mitgliedstaaten in unterschiedliche
Programme und Aktionen der Union integriert und nehmen mit Erfolg an diesen
thematischen Initiativen teil.
1996 trat SOKRATES in Kraft, dass sich aus einzelnen Aktionsprogrammen für
unterschiedliche Zielgruppen zusammensetzt. Nach erfolgreichem Abschluss wurde
SOKRATES in SOKRATES II 2000 weitergeführt und soll bis 2006 realisiert
werden. Im Zentrum von SOKRATES II stehen folgende acht Aktionsprogramme:
COMENIUS (Schulbildung); ERASMUS (Hochschulbildung);
GRUNDVIG (Erwachsenenbildung); LINGUA (Sprachunterricht); MINERVA (offener
Unterricht und Fernlehre); Beobachtung und Innovation bei Bildungssystemen
und -politiken; Gemeinsame Aktionen mit LEONARDO oder JUGEND sowie Flankierende
Maßnahmen.
SOKRATES II, das eine siebenjährige
Laufzeit mit einem Gesamtbudget von 1.850 Millionen EURO umfasst, zielt insbesondere
auf:
1. den Ausbau der Europäischen Dimension der Allgemeinbildung sowie Förderung
von Chancengleichheit
2. Förderung der Kenntnisse in EU-Sprachen
3. Förderung der Zusammenarbeit und Mobilität und Abbau bestehender
Hindernisse
4. Förderung der Innovation im Bereich der Bildung und Prüfung von
diesbezüglichen Fragen von allgemeinem politischen Interesse.
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3 Die Europäische Dimension im Bildungswesen - eine Annäherung
Das Europäische Parlament
brachte zum Ausdruck, dass die Einführung der Europäischen Dimension
in das Bildungswesen das Ziel verfolgt, der jungen Generation vor Augen zu
führen, dass die Europäische Gemeinschaft existiert, sich weiterentwickelt
und eine Reihe von Entscheidungen trifft, die ihr jetziges Leben beeinflussen
und auch ihre Zukunft bestimmen werden. In der Entschließung des Rates
und der im Rat vereinigten Minister für das Bildungswesen zur Europäischen
Dimension im Bildungswesen vom 24. Mai 1988 brachten die Minister die Aufwertung
der Europäischen Dimension im Bildungswesen als einen Beitrag zur Entwicklung
der Gemeinschaft zum Ausdruck.
Noch vor Inkrafttreten des Unionsvertrages, durch den erstmals auch die legale
Basis geschaffen wurde, Aktionen auf bildungspolitischer Ebene an den allgemeinbildenden
Schulen der Union zu initiieren, wurde durch die Europäische Kommission
am 23. September 1993 das Grünbuch zur Europäischen Dimension im
Bildungswesen verabschiedet. Dort heißt es u.a.: "Dieses Grünbuch
über die 'Europäische Dimension im Bildungswesen' soll Denkanstöße
für mögliche Zielsetzungen eines gemeinschaftlichen Handelns im
Bildungsbereich liefern. In der Tat hat der Vertrag zur Gründung der
Europäischen Gemeinschaften in seiner durch den Vertrag über die
Europäische Union geänderten Form mit Artikel 126 neue Zuständigkeiten
der Gemeinschaft im Bildungswesen eingeführt."
Seit der Entschließung zur Europäischen Dimension im Bildungswesen
im Mai 1988 ist in den bildungspolitischen Dokumenten von ihr stets die Rede,
jedoch in einer Weise, die meist keinen Aufschluss darüber gibt, was
die Europäische Dimension charakterisiert. SEIDEL spricht beispielsweise
davon, dass die Mobilität der Studenten, die Zusammenarbeit zwischen
Hochschuleinrichtungen, Europa in den Curricula, die zentrale Bedeutung der
Sprache, die Lehrerausbildung, die Anerkennung von Qualifikationen und Studienzeiten,
die internationale Rolle der Hochschulbildung, Information und Vorgehensanalyse
und der Dialog mit dem Hochschulsektor die Europäische Dimension umreißen.
Wenngleich alle angeführten Punkte inhaltlich richtig sind, bleibt im
wesentlichen unklar, was die Europäische Dimension charakterisiert und
beinhaltet.
Die Europäische Dimension im Bildungswesen zu definieren, gestaltet sich
wie das Definieren des Europabegriffs kompliziert. Ein Anspruch auf Vollständigkeit
kann bei einem solchen Definitionsversuch nicht erhoben werden. Inhaltlich
ist sie bestimmt durch Kriterien wie: Curricula, Unterrichtsmaterialien, Mobilität,
Unterricht in Fremdsprachen, Lehrerausbildung, Informations- und Erfahrungsaustausch,
Fernunterricht in der Gemeinschaft und Europaschulen.
Unter Berücksichtigung dieser Kriterien, die hier nicht detailliert erörtert
werden sollen, sowie der Komplexität der Thematik stimme ich mit SEEBAUER
(1997) überein, dass die Europäische Dimension im Bildungswesen
im weiteren Sinne gemeinsame und bewahrenswerte politische und kulturelle
Werte impliziert und in Gestalt der Europäischen Union sowie als das
Gesamteuropa des Europarates und der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit
in Europa in Erscheinung tritt.
Im engeren Sinne kann die Europäische
Dimension im Bildungswesen mit einer Vielzahl von Kriterien und unterschiedlichen
Perspektiven beschrieben werden. Diese Charakteristik erfolgt im jeweiligen
Zusammenhang unter Beachtung geografischer, politischer, historischer, kultureller
und sozio-ökonomischer Aspekte. Durch
1. die Intensivierung von Fremdsprachenunterricht
2. den Austausch von Lernenden und Lehrenden
3. internationale Forschungsprojekte und
4. die Initiierung eines umfangreichen Informationsaustausches
wurden im Vertragswerk von Maastricht Maßnahmen festgelegt, die einen
entscheidenden Beitrag zur Realisierung der Europäischen Dimension zu
leisten in der Lage sind.
Die Entwicklung von Emanzipationsfähigkeit, Selbstständigkeit, Verantwortungsbewusstsein,
Toleranz, Demokratie, Gerechtigkeit, Verständnis und Solidarität
soll zu der Einsicht führen, dass trotz subsidiärem Handeln der
Europäischen Union auf Grund unserer hochtechnologisierten pluralistischen
Gesellschaft Entscheidungen auch auf Europaebene zu treffen sind und diese
Einfluss auf das weitere Leben der Bürger Europas haben werden.
Die Europäische Dimension im Bildungswesen umfasst die Gewährleistung
einer qualitativ und quantitativ hochwertigen Bildung. Die in den Artikeln
126 und 127 des Maastrichter Vertrages angeführten Maßnahmen sollen
eine komplikationslose und schnell voranschreitende Integration der Europäischen
Dimension in das Bildungswesen ermöglichen. An den allgemein- und berufsbildenden
Schulen der Nationalstaaten sollten daher insbesondere die Erörterung
von
1. Ursprüngen der europäischen Kultur, Kennzeichnung ihrer Einheit
und Vielfalt,
2. die politischen und sozialen Strukturen Europas und
3. die geographische Vielfalt und deren Bedeutung für Ökonomie und
Freizeit
stattfinden und gleichermaßen als Bildungsinhalte in die Curricula und
die Lern- und Lehrmaterialien integriert werden.
Die Aufgabe besteht darin, insbesondere bei Kindern und Jugendlichen, aber
auch allen europäischen Bürgern, Europabewusstsein zu entwickeln
und damit die Eingliederung in das gesellschaftliche Leben der Europäischen
Gemeinschaft zu erleichtern.
Das Ziel der Realisierung einer Europäischen Dimension im Bildungswesen
liegt darin, den Schülern die Annäherung der europäischen Völker
und Staaten bewusst zu machen und ein Verständnis dafür zu wecken,
dass in vielen Bereichen unseres Lebens nicht mehr nur nationale, sondern
europäische Entscheidungen zu treffen sind.
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