2. Indikatoren für schulische Standards am Beispiel der Fremdsprachen

Das allgemeine und berufliche Bildungssystem spielt eine wesentliche Rolle bei der Weitergabe von Wissen und bei der Ausstattung junger EuropäerInnen mit den Fähigkeiten, Qualifikationen und Verhaltensweisen, die sie in die Lage versetzen, die Herausforderungen der Zukunft anzunehmen. Nicht weniger von Bedeutung sind die ([fremd]sprachlichen) Erfahrungen außerhalb der Schule sowie die Erfahrungen im informellen Kontext inernational zusammengesetzter Schulklassen.
Kenntnisse mehrerer Sprachen der Gemeinschaft sind zu einer Voraussetzung geworden, wenn Bürger der Europäischen Union die beruflichen und privaten Möglichkeiten wahrnehmen wollen, die ihnen der Binnenmarkt ohne Grenzen bietet. Sprachkenntnisse sind ein wesentliches Instrument für die Verständigung zwischen den Bürgern Europas und die Erkundung des reichen europäischen kulturellen Erbes. Daher werden Fremdsprachenkenntnisse zu einer politischen Schlüsselfrage. Mittel-bis langfristig ist dieser Bereich für die Europäische Union von höchstem Interesse.
Ausgehend von einer Vielzahl verschiedener Indikatoren, die von nationalen VertreterInnen in schriftlichen Beiträgen vorgeschlagen wurden, hat ein europäischer Arbeitsausschuss einige wenige Bereiche als Indikatoren ausgewählt, die im folgenden aufgeführt sind (Konferenz der Bildungs-minister der Mitgliedstaaten der Europäischen Union, der Länder in Mittel- und Osteuropa, Maltas, Zyperns und der Türkei, in Budapest, 24.-26. Juni 1999):

Indikatoren
Ergebnisse Kenntnisstand: Kenntnisse in Mathematik, Lesen, Fremdsprachen, Naturwissenschaften, Geschichte und Geographie. Im Rahmen der IEA existieren bereits mehrere dieser Indikatoren. ...
Fächerübergreifende Fähigkeiten: die Fähigkeit zu lernen, wie man lernt, Probleme zu lösen, Kooperationsfähigkeit, Anpassungsfähigkeit, Computer-Kenntnisse, EU-Kenntnisse, Kommunikationsfähigkeit. ...
Einstellungen und Werte: demokratische Werte, Selbstwertgefühl, Umweltbewusstsein, ethische Fragen, Staatsbürgerkunde und EU-Werte.
Gesamterfolg: Absolventenquote, Abbrecherquote, Wiederholerquote. ...
Prozess Übergangsquoten: von der Schule zu Hochschuleinrichtungen, von der Schule ins Erwerbsleben, von der Schule in die Arbeitslosigkeit, von der Schule ins Privatleben.
Evaluierung der Systeme: Verfahren für die externe Evaluierung, Beziehung zwischen externer und interner Evaluierung.
Input Finanzielle Mittel: Bildungsausgaben nach Bildungsniveau und je Schüler(in)/Studie-rende(r). Innerhalb dieser Kategorie wurde ein Indikator zum Kosten-Nutzen-Verhältnis vorgeschlagen.
Humanressourcen: Verhältnis Schüler(innen)/Lehrkräfte, Lehrkräfteangebot, Kompetenz der Lehrkräfte.
Bildungsstruktur: Umfang des Unterrichts bei Kindern unter fünf Jahren, Entscheidungsebenen, Bildungswege.
Ausstattung der Bildungseinrichtungen: Ausstattungen für den naturwissenschaftlichen Unterricht, Anzahl der Computer, Lehrbücher ...

Quelle: Konferenz der Bildungsminister der Mitgliedstaaten der Europäischen Union, der Länder in Mittel- und Osteuropa, Maltas, Zyperns und der Türkei (Budapest, 24.-26. Juni 1999); Informationsvermerk für die Minister über die Arbeiten der Arbeitsausschusses "Qualitätsindikatoren"


3. Zur Vergleichbarkeit von Fremdsprachenkenntnissen - aktuelle Initiativen in Europa

Vom Council for Cultural Co-operation (CDCC), Teil des Europarates, wurde eine Sprachenpolitik entwickelt, die folgende Hauptziele verfolgt:
Schutz und Entwicklung des sprachlichen Erbes und der kulturellen Vielfalt Europas als Quelle wechselseitiger Bereicherung, um auf diese Weise den Menschen in Europa zu helfen Sichtweisen, Gefühle, Werte, Glauben und Traditionen anderer zu akzeptieren, zu verstehen und zu respektieren.
Entwicklung eines harmonischen Zugangs zum Fremdsprachenunterricht auf der Grundlage gemeinsamer Prinzipien der Bündelung von Erfahrungen und Fachkenntnissen der Mitgliedstaten in diesem Bereich auf der Grundlage internationaler Kooperation. Ziel ist es, einen kohärenten, lernerzentrierten Zugang zum Fremdsprachnunterricht zu schaffen, der Ziele, Inhalte, Lernerfahrungen und Leistungsbeurteilung integriert.

Als Teil des zweiten Zieles stand die Spezifizierung realistischer, erreichbarer Lern-/Lehrziele im Mittelpunkt, die sogenannten "Threshold Levels".
Das Projekt 'Language Policies for a Multilingual and Multicultural Europe' (1997-2000), baut auf vorausgegangen Projekten wie 'Language Learning for European Citizenship' (1990-1996) auf und ist darauf ausgerichtet weitere gemeinsame europäische Empfehlungsinstrumentarien für die Planung und Bewertung des Fremdsprachenlernens, der gegenseitigen Anerkennung von Qualifikationen und der sprachenpolitischen Koordination weiter zu entwickeln und anzuwenden ("Common European Framework of Reference", Europäisches Sprachen-Portfolio and 'Threshold Levels').
Die 'Threshold Levels' entstanden in den siebziger Jahren und zielten auf die Entwicklung eines praktischen Inventars zur Identifikation von Wissen und Fertigkeiten ab, die ein Fremdsprachenlerner im freien kommunikativen Sprachgebrauch aufweisen soll. Das Instrumentarium wurde zunächst für Englisch als Fremdsprache entwickelt, gefolgt von "Un Niveau-Seuil", einer Spezifikation für Französisch. In der Folge wurden die ursprünglichen Modelle adaptiert und ausgeweitet mit besonderer Berücksichtigung sozio-kultureller Komponenten und solcher des "Lernen-Lernens".
Es folgten "Waystage" (1990) und "Vantage Level" - als Spezifikationen auf niedrigerem, bzw. höherem Niveau - zunächst für Englisch, mit der Absicht, andere Sprachen folgen zu lassen.
Das dreistufige System fand Eingang in das "Common European Framework" und bildet in diversen pan-europäisschen und nationalen Gremien die Basis ihrer Fremdsprachenlehrprogramme und Fremdsprachendiplome.
"Threshold Level"-Spezifikationen gibt es derzeit für Baskisch, Katalan, Dänisch, Holländisch, Englisch, Estnisch, Französisch, Galizisch, Deutsch, Italienisch, Lettisch, Litauisch, Maltesisch, Norwegisch, Portugiesisch, Russisch, Spanisch, Schwedisch und Walisisch; Griechisch und Irisch sind in Vorbereitung - gefolgt von weiteren Sprachen.


3.1. Das "Common European Framework"
Das Common European Framework (CEF) ist ein Planungsinstrumentarium, das eine gemeinsame sprachliche Basis für die Beschreibung von Zielen, Methoden und Möglichkeiten der Leistungserfassung im Fremdsprachenunterricht bildet; es wird für die Erstellung von Lehrplänen, Prüfungen, Lehrbüchern und Ausbildungsprogrammen für Lehrer in Europa eingesetzt. Es definiert Leistungsniveaus und ermöglicht die lebenslange Messung des Lernfortschritts, erleichtert den Vergleich von Qualifikationen und somit die Mobilität in Europa.
Ein Teilbereich sind vertikale Deskriptoren, die auf sechs Niveaus relevante Lernbereiche umfang-reich charakterisieren: A1 (Breakthrough), A2 (Waystage), B1 (Threshold), B2 (Vantage), C1 (Effective Operational Mastery), C2 (Mastery).
Während "Threshold" und "Waystage" bereits hinlänglich erprobt sind, erfreuen sich die anderen Niveaustufen nicht dieser weitreichenden allgemeinen Zustimmung.
Das CEF ist auf die Bedürfnisse der Anwender und Lerner ausgerichtet und definiert Kategorien und Parameter, die für die Beschreibung der Anwendung der Sprache und für das Lernen wesentlich erscheinen; ein Fremdsprachenlerner manifestiert sein Können demzufolge in den folgenden Bereichen:
Kompetenzen, allgemein und spzifisch (competences, general and specific);
Sprachaktivitäten, z.B. Verstehen, Produktion, Mediation (language activities, e.g. comprehension, production, mediation);
Text, rezeptiv und produktiv (text, in its reception or production);
Hauptanwendungsbereiche, z.B. beruflich, im öffentlichen Leben, privat (domains of use, e.g. occupational, public, personal);
Aufgaben, d.s. Aktionen mit festgelegten Zielen und Ergebnissen (tasks, i.e. actions with defined goals and outcomes);
Strategien, die das Individuum für die Sprachanwendung und das Erlernen der Sprache entwickelt hat (strategies for language use and learning developed by the individual).
Die Beschreibung sowie die wechselseitige Beziehung dieser Komponenten bezeichnen die horizontale Dimension des CEF, während die vertikale Dimension durch die sechs aufsteigenden Niveaustufen charakterisiert ist.

3.2. DIALANG
DIALANG ist eine neues Projekt zur Entwicklung diagnostischer Sprachtests in 14 europäischen Sprachen (die offiziellen EU-Sprachen sowie Irisch, Isländisch und Norwegisch). Das Projekt wird von der Europäischen Kommission im Rahmen von Lingua, Aktion D, gefördert.
Das Lern- und Testsystem wird über das Internet angeboten und richtet sich an lerndene Individuen, die sich über ihre Stärken und Schwächen sowie Sprachfertigkeiten informieren wollen, unabhängig davon auf welche Weise sie die Sprachkenntnisse und -fertigkeiten erworben haben. Über DIALANG werden keine Zertifikate ausgestellt; es erfolgt lediglich eine Rückmeldung an die ProbandInnen. Gegenwärtig sind sechs fertigkeitsbezogene Module geplant: Lesen (Reading), Schreiben (Writing), Hören (Listening), Sprechen (Speaking), Vokabular (Vocabulary), Strukturen (Structures). Die Anwender des Testsystems sind frei in der Abfolge der Bearbeitung der einzelnen Testbausteine sowie hinsichtlich der Anzahl der in einer Testsitzung bearbeiteten Module. Die Tests erfassen alle Niveaus - vom Anfänger- bis zum Fortgeschrittenenniveau - und fußen auf dem Konzept des Common European Framework (CEF) mit seinen sechs Niveaustufen.
Das Testsystem soll eine Grundlage hinsichtlich der fortschreitenden Transparenz bei der gegenseitigen Anerkennung von Sprachzertifiakten und Qualifikationen in Europa bilden.

3.3. Das "Europäische Sprachen-Portfolio"
Das "Europäische Sprachen-Portfolio" versteht sich als persönliches Dokument, in welches Lerner
ihre Qualifikationen und andere bedeutende linguistische und kulturelle Erfahrungen in einer international transparenten Form eintragen. Auf diese Weise sollen Lerner durch die Anerkennung ihrer Leistungen motiviert werden, ihr Sprachenlernen auszuweiten und zu diversifizieren - auf allen Niveaustufen und einer lebenslangen Perspektive.
Elemente des Sprachportfolios sind:
Der "Sprachenpass" sowie zugehörige Dokumente (a passport recording formal qualifications);
Die "Sprachlernbiografie" zur Beschreibung der erreichten Niveaus und der Lernerfahrungen (a language biography describing language proficiency and learning experiences);
Das "Dossier" - eine Sammlung von Arbeiten des Lerners (a dossier in which the learners' own work can be included).
SCHNEIDER charakterisiert den Sprachenpass folgendermaßen: Er "zeigt auf einen Blick, welche Niveaus man in verschiedenen Sprachen erreicht hat, für welche Niveaus Diplome erworben wurden und welche außerschulischen Erfahrungen man beim Sprachenlernen gemacht hat. Er enthält eine Übersicht, in welcher der Lernende seine Selbstbeurteilung und erworbenen Diplome und Abschlüsse im Bezug auf die sechs Niveaustufen des "Cadre européen commun de référence" des Europarats situiert." (http://www.unifr.ch/ids/Portfolio/html-texte/teil4-aufsatz-gu-sprachenportfo lio.htm, abgerufen am 29. Nov.00)
Die Selbstbeurteilung erfolgt über einen Raster mit Beschreibungen für die sechs Kompetenzniveaus und enthält Beschreibungen für Fähigkeiten in den Bereichen:
1. Hörverstehen (in Einwegsituationen),
2. Leseverstehen,
3. mündliche Interaktion,
4. mündliche Produktion (zusammenhängendes Sprechen) und
5. Schreiben.
Diese Auffächerung lässt die Identifikation eines differenzierten Kompetenzprofils zu (z.B. ein höheres Niveau im Hörverstehen als in der Gesprächsfähigkeit, ...). Sie erlaubt es auch, erworbene Teilkompetenzen anzugeben (z.B. jemand hat in einer Sprache eine Lesekompetenz erworben, ohne sprechen oder schreiben gelernt zu haben). SCHNEIDER beschreibt den Sprachenpass als "kleines Heft im Passformat, das aus dem Gesamtportfolio, einem Ringbuch im A4-Format, herausgenommen und bei Gelegenheiten wie einem Schulwechsel, dem Beginn eines Sprachkurses oder einem Stellenantritt vorgezeigt werden kann." (http://www.unifr.ch/ids/Portfolio/html-texte/teil4-aufsatz-gu-sprachenportfolio.htm)
Sprachdiplome und Zertifikate, die aufgrund von Prüfungen ausgestellt wurden, sowie Bestätigungen über wichtige Sprachlernerfahrungen (z.B. Austauschaktivitäten, Sprachaufenthalte, Teilnahme an zweisprachigem Unterricht, Aufenthalt im fremden Sprachgebiet, Teilnahme an einem kontinuierlichen Briefkontakt ...) ergänzen den Sprachenpass.
Zur Absicherung der Vergleichbarkeit dienen wieder sechs Skalen mit Niveaubeschreibungen.
"Sprachlernbiografie" enthält die u.a. die persönliche Geschichte des Sprachenlernens. Die Darstellungen kann sich an bestimmte Adressaten die Form einer stichwortartigen chronologischen Übersicht richten oder als Information für Lehrpersonen (und Eltern) freier gestaltet werden (erzählender und reflektierender Bericht, illustriert mit Fotos ...). Ferner: Checklisten mit Selbsteinschätzungen zur Kommunikationsfähigkeit in verschiedenen Sprachen, die für die sechs vom Europarat erstellten "Hauptniveaus" vorliegen; Informationen über Sprachlern- und Sprachverwendungserfahrungen durch die Lernenden (z.B. Informationen über Sprachkontakte, Informationen über Realsituationen, in welchen verschiedene Sprachen gebraucht wurden oder regelmässig gebraucht werden, sowie Informationen über interkulturelle Erfahrungen). Weitere Informationen beziehen sich auf Lernziele und Lernprogramme von besuchten Schulen und Sprachkursen sowie auf Angaben zu den Zielen und Plänen für das weitere Lernen verschiedener Sprachen.
Von zukunftsweisender pädagogischer Relevanz ist das Ergebnis der Auswertung der Erfahrungen und Selbsteinschätzungen. Fragen wie "Welche Sprache oder welche Sprachen möchte ich lernen oder weiterlernen? - Für welche Bereiche ist die Sprache wichtig: für meinen privaten Alltag, für meine Freizeit, für meine Ausbildung oder für den Beruf? Was möchte/sollte ich vor allem lernen: Lesen, Schreiben Telefonieren, Gespräche führen, ...? Wie lerne ich gern und gut: im Sprachunterricht: durch Selbststudium, mit einem Tandempartner, im Austausch, durch Lektüre ...? - können eine Entscheidungshilfe u.a. bei der Schulbahnwahl sein. Auch diese Dokumente bedürfen eines permanenten update.
Das "Dossier" enthält persönliche Arbeiten, welche individuelle Leistungen in diversen Sprachen veranschaulichen sollen (z.B. Briefe, Berichte, Aufsätze; Ton- und Videoaufzeichnungen, Ergebnisse aus Projektarbeiten. ...). Das Dossier wird laufend aktualisiert, wobei die Lernenden über den Inhalt des Dossiers selbst entscheiden. Die inhaltliche Organisation und jeweilige Neugestaltung des Dossiers kann - gemeinsam mit dem Lehrer/der Lehrerin Bestandteil der Reflexion des individuellen Lernprozzesses sein. (Vgl. auch Council of Europe, 1996).

SCHNEIDER charakterisiert das Sprachenportfolio u.a. folgendermaßen (detailliert ausgeführt unter http://www.unifr.ch/ids/Portfolio/html-texte/teil4-aufsatz-gu-sprachenportfolio.htm):
Es ist Eigentum der Lernenden; sie verwalten ihr Portfolio und entscheiden, welche Informationen und Dokumente sie einfügen, entfernen, beibehalten oder für bestimmte Gelegenheiten neu zusammenstellen.
Es dokumentiert die Mehrsprachigkeit des Besitzers und bezieht sich nicht auf eine einzelne Fremdsprache.
Es ist fächerübergreifend (bezüglich der in der Schule angebotenen Fremdsprachen als auch anderer Schulfächer, insofern sie zur Entwicklung der Mehrsprachigkeit und der Erweiterung der interkulturellen Kompetenz beitragen: Fachunterricht in der Fremdsprache, Sprachreflexion, Austausche ...);
Es erfasst schulisch gelernte und ausserschulisch erworbene Sprachen und dokumentiert auf diese Weise die Kompetenz von MigrantInnen in der Herkunftssprache;
Es erstreckt sich auf die fremdsprachliche Kommunikationsfähigkeit und die interkulturelle Erfahrung.
Es dokumentiert schulisches und ausserschulisches Lernen und misst somit den verschiedenen Formen des Sprachenlernens - z. B. expliziter Fremdsprachenunterricht, zweisprachiger Unterricht, Austausche ... ebenso Bedeutung bei wie dem ausserschulischen Lernen (z. B. private Kontakte, Reisen, Auslandspraktikum);
Es enthält Elemente der Fremdbeurteilung und Selbstbeurteilung, die zu den Referenzniveaus des Europarates in Beziehung gesetzt werden.
Es enthält Belege für summative und formative Evaluation und macht deren Stellenwert deutlich.
Es enthält formelle und eher informelle Dokumente: Diplome und Zeugnisse, aber auch Lernberichte von Lehrpersonen oder den Lernenden selbst.
Es zeigt Sprachstand und Entwicklung: Dokumentation des erreichten Standes der Mehrsprachigkeit und Wege, die zu diesem (Zwischen-)Ergebnis geführt haben.
Es dokumentiert Produkte und Prozesse, die sich aus den gesammelten eigenen Produktionen und aus den Berichten/Reflexionen über die Lern- und Produktionsprozesse ergeben.
Es ist stufenübergreifend, begleitet die Lernenden von einer Schulstufe zur anderen und dient als Instrument der Information und Koordination beim Übergang zur nächsten Stufe.
Es ist institutionenübergreifend, da die Entwicklung der Mehrsprachigkeit oft nicht erst in der Schule beginnt, sondern sie geht auch nach der Schule weiter.
Es ist zugleich Informationsinstrument und Lernbegleiter.
Es hat viele Adressaten, die im Verlauf der Lebens- und Lerngeschichte seiner Besitzer wechseln.
Es gibt zwei altersspezifische Fassungen - für jüngere Lernende (Primarschule und erste Jahre der Sekundarstufe I) - und für Jugendliche und Erwachsene (ca. ab dem letzten Jahr der Sekundarstufe I).
Es ist europäisch und existiert in verschiedenen Sprachfassungen, wobei die Lernenden ihr Portfolio in der Regel in der Erstsprache oder in der Ortssprache erhalten. Neben nationalen Varianten haben alle Versionen einige Gemeinsamkeiten (Verweis auf die Ziele des Europäischen Sprachenportfolios, Logo des Europarats, zweifache Funktion der Präsentation und Motivation, drei Teile: Sprachenpass, Sprachlernbiografie und Dossier, Verwendung der gemeinsamen Skala der Kompetenzstufen des Europarates.
Es ist flexibel, da die Loseblattsammlung mit strukturierenden Registerblättern, Anpassungen und Erweiterungen ermöglicht.

4 Zum Einsatz des "Europäischen Sprachen-Portfolios" am Beispiel der Tschechischen
Republik

Die Tschechische Republik gehört zu 14 europäischen Ländern, die das Sprachen-Portfolio für 8- bis 15-jährige SchülerInnen in den Jahren 1998-1999 erprobt haben. An dieser ersten Erprobungsphase nahmen 53 Englisch-, Deutsch- und FranzösischlehrerInnen und 902 SchülerInnen aus 40 Grundschulen teil (in allen 14 Ländern sind es insgeamt 31 000 SchülerInnen, jedes Land respektiert die allgemeinen Prinzipien und Ziele des Europäischen Sprachen-Portfolio, gleichzeizig aber darf es selbst die Zielgruppe bestimmen: Grundschule, Gymnasium, Fremdsprachenunterricht mit Erwachsenen etc.).
Das tschechische Sprachen-Portfolio betont in erster Linie seine pädagogische Funktion: Es will einen Beitrag zur Steigerung der Motivation zum Fremdsprachenlernen leisten, die Prinzipien der Selbsteinschätzung und des autonomen Lernens im Prozess des Erlernens der Fremdsprachen stärken. Auch die Wahl der Zielgruppe (8- bis 15-jährige SchülerInnen ) scheint richtig zu sein, weil die meisten Unterrichtenden, die das Sprachen-Portfolio erproben, von der Annahme ausgehen, dass es am günstigsten ist, wenn die SchülerInnen gleich von der Anfangsphase des Fremdsprachenlernens am Portfolio arbeiten können.
Das Erproben des Sprachen-Portfolio wird in der Tschechischen Republik vom Institut für englische Sprache und Literatur der Karluniversität in Prag koordiniert. Dort wurde auch die tschechische Erprobungsfassung des Europäischen Sprachen-Portfolio entworfen. Sie wurde ins Englische, Deutsche und Französische übersetzt, also in die Fremdsprachen, die in der Tschechischen Republik am häufigsten unterrichtet werden. In Zusammenarbeit mit dem tschechischen Schulministerium organisiert dieses Institut auch weiterbildende Seminare für für die LehrerInnen, die das Portfolio erproben. In den Seminaren werden den Teilnehmern/ Teilnehmerinnen ausführliche Informationen über die Philosophie des Sprachen-Portfolio und über die veränderten methodisch-didaktischen Prinzipien des fremdsprachlichen Unterrichts, die sich daraus ergeben, vermittelt. In den Diskussionen können die Erfahrungen, Schwierigkeiten und Erfolge von einzelnen Lehrern/Lehrerinnen ausgetauscht werden.
Die bisherigen Erfahrungen bei der Arbeit mit dem Portfolio haben gezeigt, dass sich die meisten Probleme im Bereich der veränderten Zugänge zur Selbseinschätzung etabliert haben, weil diese in dem alltäglichen tschechischen Unterrichtsprozess bis jetzt keinen festen Platz einnehmen. In die-sem Zusammenhang können drei Aspekte erwähnt werden, die besonders stark das methodisch-didaktische Umdenken der Unterrichtenden erfordern:
1. Die Evalutionsprozesse des Portfolio beachten weniger die vergleichenden Aspekte, d.h. jeder Lernende setzt sich individuelle Ziele, die er erreichen will, unabhängig von den anderen Mitschülern/Mitschülerinnen. Auf diese Art und Weise wirkt das Portfolio motivierend auch für die schwächeren SchülerInnen.
2. Die Portfolio-Evaluation bemüht sich um möglichst authentische Bewertungskriterien. Unser Ziel ist also nicht mehr Beherrschen einer Verbform oder des Stoffes einer Lehrwerklektion, sondern Bewältigung einer kommunikativen sprachlichen Situation, zum Beispiel "Kann ich im Restaurant Essen und Trinken bestellen?" (vgl. Perclová, 1999/2000, S. 57)
3. Die Portfolio-Evaluation betont das Prinzip der Autonomie. Die autonome Selbsteinschäztung, bei der wir uns nicht über-/unterschätzen, muss erlent werden. Das Sprachen-Portfolio setzt die konkreten Ziele, die es den Schülern/Schülerinnen ermöglichen, ihre sprachlichen Fähigkeiten und Fertigkeiten selbst und möglichst objektiv zu evaluieren, zum Beispiel "Ich kann einen kurzen Entschuldigungsbrief schreiben".

Im Juli 2000 wurde die erste Erprobungsphase in der Tschechischen Republik abgeschlossen und zur Zeit wird die bearbeitete Version des tschechischen Sprachen-Portfolio für die 8- bis 15-jähri-gen SchülerInnen vorbereitet. Diese Version sollte in der ersten Hälfte des Jahres 2001 auf dem Büchermakt für alle interessierten FremdsprachenlehrerInnen zur Verfügung gestelltet werden. Gleichzeitig arbeitet ein Autorenkollektiv an der Erstellung des Erprobungsfassung des SprachenPortfolio für 16- bis 19-jährige SchülerInnen.
Eine tschechische Deutschlehrerin, die an der Erprobung des Portfolio teilgenommen hat, bringt ihre Erfahrungen folgendermaßen zum Ausdruck:
"…Die Kinder sehen Deutsch nicht mehr als ein bloßes Fach, sondern viel mehr als Mittel zur Verständigung anderen Menschen. … Sie setzen sich einfache konkrete Lernziele und Zeithorizonte, in denen sie diese Ziele erreichen möchten. … In der Gruppe gibt es nur wenige Kinder, die kaum Interesse am Portfolio aufzeigen. Einige sind zögernd, gehen langsamer weiter, aber trotzdem sehen sie dann relativ bald transparent, dass sie Sprechfertigkeiten erlernt haben, die sie auch praktisch benutzen können (zum Beispiel beim Ausflug nach Wien oder im Urlaub im Ausland mit den Eltern ). Die Kinder sind sehr kreativ und motivieren sich gegenseitig. Sie denken sich selbst neue Situatio-nen aus, wo sie beweisen wollen, wie sie ihre Sprachkenntnisse gebrauchen können. Es werden individuelle Kassetten aufgenommen, auf denen die SchülerInnen über sich selbst erzählen; die meisten Kinder arbeiten mit einem eigenen Fotoalbum, wo sie die Situationen dokumentieren, in denen sie Kontakt mit einer Fremdsprache gehabt haben. … Es wäre schön, wenn jeder/e SchülerIn die Möglichkeit hätte, mit dem Portfolio als Lernbegleiter zu arbeiten, von den ersten Begegnungen mit einer Fremdsprache bis zu einer fortgeschrittenen Phase des Fremdsprachenerwerbs. Die konzeptionelle Arbeit mit dem Sprachen-Portfolio könnte wohl zur Vereinheitlichung der Anforderun-gen und Bewertungskriterien im Bereich der fremdsprachlichen Kompetenz, abgesehen von den konkreten Lehrwerken, beitragen." (Zbranková, 2000/2001, S. 23f.)
Nicht zuletzt wäre zu erwähnen, dass für einen effizienten Einsatz und eine Integration des Sprachen-Portfolio in den alltäglichen fremdsprachlichen Unterricht unbedingt das gezielte Thematisieren sowohl in der Ausbildung der FremdsprachenlehrerInnen als auch in der Fort- und Weiterbildung nötig ist.

Anregungen zur individuellen Weiterbearbeitung der Thematik

1. Versuchen Sie, mit Hilfe der weiterführenden Literaturangaben (inklusive Internetadressen) weitere Initiativen und Ansätze zur Vergleichbarkeit von Fremdsprachenkenntnissen zu identifi-zieren und zu beschreiben. Diskutieren Sie diese auch hinsichtlich ihrer schulpraktischen Relevanz.

2. Entwerfen Sie einen Plan, nach welchem Sie in ihrer Schulklasse schrittweise die Handhabung des "Fremdsprachen-Portfolios" einführen. Dokumentieren Sie über den Zeitraum eines Semesters hinweg Erfolge und allfällige Schwierigkeiten in der Handhabung dieses Instrumentariums.

Literaturangaben

Autorenkollektiv ( Leiter des Teams: Jan Koucky): Ceské vzdelání a Evropa. Strategie rozvoje lidských zdroju pri vstupu do Evropské unie./Tschechische Bildung und Europa. Tauris-Verlag Praha 1999, S.53

Bendler Alfred: Leistungsbeurteilung in offenen Lernformen - Qualität ohne Lernkontrolle?, in Pädagogik, 3/95, Beltz Weinheim, 1995, S. 10 - 13.

Brunner Ilse/Schmidinger Elfriede: Portfolio - ein erweitertes Konzept der Leistungsbeurteilung, in: Erziehung und Unterricht, ÖBV, Wien 1997. S. 1072 - 1086.

De Cillia Rudolf: Mehrsprachigkeit in Österreichs Schule und Gesellschaft, Sprachenpolitische Anmerkungen, in: Informationen zur Deutschdidaktik, Zeitschrift für den Deutschunterricht in Wissenschaft und Schule, 21. Jg. 1997, Studienverlag Innsbruck/Wien, S. 16 - 32.

Földes Csaba: Deutsch als Fremdsprache in Mittel-, Ost- und Südosteuropa - Überlegungen zu Bestand und Bedarf, in: Zeitschrift Deutsch als Fremdsprache, Berlin/München, 31. Jg. 1994, S. 3 - 12.

Gstettner Peter: Interkulturelles Lernen - ein Konzept zur Überwindung ethnozentrischer Scheuklappen, in: Zeitschrift für den Duetschunterricht in Wisssenschaft und Schule, 1992, Studienverlag Innsbruck/Wien, S. 21 - 30.

Helus Zdenek (2001): Europäische Perspektiven der tschechischen Schule - Ein bedeutender Auftrag an den Lehrer/die Lehrerin in einem erweiterten Europa, in: Seebauer Renate: Vom Europa-Projekt zum Projekt Europa, Mandelbaum Wien, S. 167ff.

Kieweg Werner: Projektbezogener Englischunterricht, in; Der fremdsprachliche Unterricht Englisch, 4/1999, Friedrich, Seelze. S. 4 - 9.

Oomen-Welke Ingelore: Kultur der Mehrsprachigkeit im Deutschunterricht, in: Informationen zur Deutschdidaktik, Zeitschrift für den Deutschunterricht in Wissenschaft und Schule, 21. Jg. 1997, Studienverlag Innsbruck/Wien, S. 33 - 47.

Perclová.R.: Jazykové portfolio zkuaebne. In: Cizí jazyky. 1999/2000/43, Nr.2, Fraus-Verlag Praha, S.57

Rampillon Ute: Englischlernen neu denken - und neu bewerten, in: Der fremdsprachliche Unter-richt Englisch, 1/1999, Freidrich, Seelze.

Schneider Günther: Universität Freiburg (Schweiz): http://www.unifr.ch/ids/Portfolio/html-texte/teil4-aufsatz-gu-sprachenportfolio.htm

Seebauer Renate: Fremdsprachen in der Grundschule, Mandelbaum Wien 1997.

Seebauer Renate: Sprachen als Brücken in die Zukunft, in: Akademisches Koordinationszentrum in der Euroregion Neisse (Hg.): Wissenschaftliche Abhandlungen VI/1, Liberec 2000, S. 96-110.


Thümmel Ingeborg: Lernen für Europa - eine bildungspolitische oder eine (grund-)schulpädagogi- sche Forderung?, in Gegenwartskunde, Zeitschrift für Gesellschaft, Wirtschaft, Politik und Bildung, 49. Jg. 1. Viertel 2000; Leske und Budrich Oplanden 2000, S. 101 - 108.

Zbranková M.: Labyrintem pocátecního jazykového vyucování. In: Cizí jazyky. 2000/2001/44, Nr.1, Fraus-Verlag Praha, S.23-24

Weitere Empfehlungen:

Themenheft 26: "Klassenarbeiten und Klausuren", Der fremdsprachliche Unterricht Französisch, Pädagogische Zeitschriften bei Friedrich in Velber in Zusammenarbeit mit Klett, Jg. 31, Heft 26, April 1997: Bestellnummer: 27026.

Themenheft 37: "Lernerfolge bewerten", Der fremdsprachliche Unterricht Englisch, Pädagogische Zeitschriften bei Friedrich in Velber in Zusammenarbeit mit Klett, Jg. 33, Heft 37, Januar 1999, Bestellnummer: 26037.

Informationen bezüglich diverser Schulmodelle sowie ein Lernprogramm zur selbständigen Auseinan-dersetzung: http://www.vobs.at/gassner/L2Min/G6Austrian%20models.htm

Günther Schneider: http://www.unifr.ch/spc/UF/94juin/schneider.html

Allgemeine Lehrerausbildung:
Eccellent: Bewertung im Fremdsprachenunterricht http://www.curdev.hull.ac.uk/ecc/html/project__english_.html
Passive Sprachbeherrschung im Sprachunterricht (im Aufbau)
http://www.lett.unipmn.it/ilte/
Échanger pour changer: Projekt zur Erstellung von Materialien, um individuelle Forschungsprojekte/Aktionen während eines Ausbildungsaufenthalts von Lehrern im Ausland zu lenken http://www.sbg.ac.at/rom/people/lekt/co/echanger/index.htm
Pro-gress: Verbesserung der fremdsprachlichen Leistungen bestimmter Gruppen von Schülern, die derzeit unterdurchschnittliche Leistungen erbringen oder nur begrenzte Möglichkeiten haben, Sprachen zu lernen http://www.bristol-lea.org.uk/teaching/secondary/mfl/progress/ progress.html

Frühzeitiges Erlernen von Fremdsprachen
Didaktisches und Unterrichtsmaterial für Dänisch-, Niederländisch- und Griechischlehrer an Grundschulen http://www.tino.org
Transfer : TRAining Native Speakers For EaRly Language Teaching http://www.hiof.no/hiof/avd/samf_spraak/prosjekter/transfer.html
Lehrerausbildung und frühzeitiges Erlernen von Fremdsprachen
http://www1.las.es/~cpr-ovi/linguaproject/
Projekt zur Beseitigung der Hindernisse für einen reibungslosen Übergang der Lernenden von der Primar- zur Sekundarschule http://www.wjec.co.uk/euro/projects/intersect.html
Fremdsprachenunterricht für Kinder http://www.Hocus-Lotus.edu/

Integriertes Lernen von Inhalten und Sprache (zweisprachiger Unterricht)
Tie-clil : Integriertes Lernen von Inhalten und Sprache http://www.tieclil.org/

Neue Technologien im Fremdsprachenunterricht
Internationale Module in Informations- und Kommunikationstechnologie und Sprachenerwerb
http://www.simplex.nl/~lemmens/imictll/
InTELL: Frühzeitiger Fremdsprachenunterricht mittels Informationstechnologie
http://www.int-ell.net/
Entwicklung einer IKT-Methodologie (Informations- und Kommunikationstechniken) für den Sprachunterricht http://www.linguatic.fba.uu.se/index.htm
Einsatz von IKT und autonome Strategien zur Vermittlung der Kultur des Ziellandes
http://vroomfondel.ultralab.anglia.ac.uk/spinalot/index.html
Informations- und Kommunikationstechnologie für Sprachlehrer http://www.ict4lt.org/


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