4. Gender Mainstreaming als Strategie zur Chancenoptimierung für Mädchen und Frauen
Wie in den vergangenen Abschnitten
gezeigt wurde,
finden Frauen und Männer in der Gesellschaft
unterschiedliche Lebensbedingungen und Chancen vor;
entwickeln Mädchen und Knaben/Frauen und
Männer auf Grund geschlechtsspezifischer Sozialisation unterschiedliche
Interessen und Bedürfnisse;
sind Mädchen und Knaben/Frauen und Männer
von gesellschaftlichen Prozessen und deren Auswirkungen unterschiedlich betroffen.
Zur Beseitigung von Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern gilt es zunächst,
die Ungleichheiten zu erkennen, aufzuzeigen und Fragen der "Gleichstellung
zwischen den Geschlechtern" in allen Politikbereichen zu verankern. Bereits
in Abschnitt 2.2. wurde auf die "Mainstream-Maßnahmen" verwiesen,
die ausgehend von einem Sachverständigenbericht des Europarats in das
Rahmenprogramm "Gemeinschaftsprogramm für die Gleichstellung der
Geschlechter (2001-2005)" der Europäischen Union Eingang gefunden
haben.
Diesbezüglich heißt es im Leitfaden "Gender Mainstreaming"
des Frauenbüros, herausgegeben vom, Magistrat der Stadt Wien: "Die
EntscheidungsträgerInnen müssen dafür gewonnen werden, die
Implementierung von GM als eine Gestaltungschance wahrzunehmen, von der sie
profitieren." ... GM betrachtet "die Gleichstellung der Geschlechter
nicht als separates Thema ... sondern als Grundprinzip, das in der täglichen
Arbeit zu beachten und mit Inhalt zu füllen ist. Im Kern zielt Gender
Mainstreaming auf eine Verbreiterung und Vertiefung der bisherigen Gleichstellungspolitik."
(Magistrat der Stadt Wien, Hg. 2000, S. 9)
Eine Gegenüberstellung der Aufgaben von "spezifischer Gleichstellungspolitik",
"Frauenförderpolitik" und "Gender Mainstreaming"
verdeutlicht die unterschiedlichen Denkansätze und verweist auf zukünftige
Entwicklungsaufgaben.
Das Zusammenwirken von Frauenförderpolitik und Gender Mainstreaming (nach: Magistrat der Stadt Wien, Hg. 2000, S. 12f.)
| Spezifische Gleichstellungspolitik | Gender Mainstreaming |
| zielt direkt auf bestehende Ungleichgewichte; | zielt auf Rahmenbedingungen und Strukturen, die Ungleichheit hervorbringen; |
| erarbeitet kurzfristig wirkende Maßnahmen dagegen; | wirkt langfristig und weniger direkt als spezifische Gleichstellungspolitik; |
| erarbeitet politische Strategien zu Fragen, die andere Politikbereiche nicht abdecken. | Erarbeitet Strategien für alle Politikbereiche. |
Können Frauen derzeit wegen Betreuungspflichten ein Jobangebot nicht annehmen, so zielt ...
| Frauenförderpolitik verstärkt darauf ab, | Gender Mainstreaming verstärkt darauf ab, |
|
Angebote an flexiblen Arbeitszeiten und an Teilzeitarbeit auszuweiten;
flexible Kinderbetreuungseinrichtungen (Öffnungszeiten) zur Verfügung zu stellen; |
dass mehr Männer von diesen Angeboten
Gebrauch machen und die ungleichgewichtige Verteilung der Betreuungspflichten zwischen Frauen und Männern verändert wird. |
An Hand der Beispiele wird evident,
dass der "Gender Mainstreaming-Ansatz" sich nicht primär an
Mädchen/Frauen richtet; vor allem Knaben/Männern muss zunächst
klar gemacht werden, dass ihre als "Normalsicht" der Dinge empfundene
Perspektive eine geschlechtsspezifische Perspektive ist.
Zumal Gender Mainstreaming nicht ein Inhalt ist, auch nicht ein Ziel, sondern
eine Strategie, ein Prozess, ein Weg zur Erreichung des Ziels der Chancengleichheit,
wird mit erheblichem Widerstand all jener zu rechnen sein, denen bislang die
etablierten Strukturen der Ungleichheit zugute kamen!
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Anregungen zur individuellen Weiterbearbeitung der Thematik
1. Erstellen Sie für für
Ihre Gemeinde/Ihren Wohnbezirk eine Datenaufschlüsselung.
Erheben Sie u.a. folgende Kriterien:
|
Gemeinde/Wohnbezirk
|
Frauenanteil
(absolut/in %) |
Männeranteil
(absolut/in %) |
Quelle
|
| Wohnbevölkerung | |||
| Studierende | |||
| Selbständige | |||
| LehrerInnen (getrennt nach Schulgattungen) | |||
| SchuldirektorInnen (getrennt nach Schulgattungen) | |||
| ÄrztInnen | |||
| ManagerInnen | |||
| BürgermeisterInnen | |||
| Gemeinderatsmitglieder | |||
| Arbeitslose | |||
| usw. |
Fügen Sie regionalspezifisch weitere Kriterien hinzu. Versuchen Sie zu eruieren, ob Männer oder Frauen die von Ihnen angeführten Daten zusammengestellt/verfügbar gemacht haben! Versuchen Sie, die ermittelten Daten zu interpretieren. Diskutieren Sie die ermittelten Daten mit PolitikerInnen in ihrem Land! Dokumenterien Sie möglichst viele Aussagen und Ergebnisse!
2. Versuchen Sie, Variable zu
identifizieren, welche die geschlechtsspezifisch unterschiedlichen Lebenswirklichkeiten
sichtbar machen!
Verwenden Sie dazu das folgende Zeitnutzungskonzept:
| Anteil bei Frauen | Anteil bei Männern | |
| Bezahlte Arbeit | ||
| Unbezahlte Arbeit | ||
| Freizeit | ||
| Persönliche Zeit |
Erheben Sie Maßnahmen, die im Bereich Ihres Berufsfeldes im Rahmen der Frauenpolitik und/ oder im Rahmen von "Gender Mainstreaming" gesetzt werden.
3. Halten Sie über eine
Woche hinweg Ihre Unterrichtsstunden auf Tonband fest! Analysieren Sie die
Tonbandprotokolle nach folgenden quantitativen und qualitativen Kriterien:
Wie
oft wenden Sie sich Mädchen/Knaben zu?
Unter
welchen Aspekten gehen Sie Interaktionen mit Mädchen/Knaben ein (lehrstoffbezogen,
verhaltensbezogen/disziplinierend, motivierend, dirigirend ...)?
Welche
Verhaltensweisen verstärken (loben) Sie bei Mädchen/Knaben (Sozialverhalten,
kognitive Leistungen, kreative Schöpfungen ...)?
Welche Interaktionsmuster treten häufig auf? - Lassen sich Sprachmuster
identifizieren, die im Bezug auf Mädchen/Knaben immer wieder auftreten?
- ...
Entwerfen Sie schriftlich einen Aktionsplan, wie Sie einer allfälligen
"Ungleichbehandlung" von Knaben und Mädchen begegnen können!
4.Analysieren Sie diverse Schulbücher (z.B. Physik, Mathematik; Fremdsprachenunterricht ...) a) hinsichtlich der bildhaften Darstellung von Frauen und Männern; b) hinsichtlich der textlichen Darstellung. - In welchen Funktionen sind sie dargestellt? Welche Tätigkeiten führen sie aus? ... Legen Sie eine Tabelle an! - Zeigen sich Unterschiede zwischen naturwissenschaftlich-technischen Schulbüchern und Büchern für den Fremdsprachenunterricht?
5.Nehmen Sie die im Text zitierte
Studie von OCENÁŠKOVÁ (2000) zum Anlass, eine eigene Studie
zur Fragestellung "Selbstbild von Mädchen und Zukunftsperspektiven"
zu entwerfen, durchzuführen, auszuwerten und zu präsentieren.
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Bittermann-Bittermann-Wille Christa/Hofmann-Weinberger Helga, Beitrag für das Projekt KolloquiA - Forschungs- und Lehrmaterialien zur frauenrelevanten und feministischen Dokumentations- und Informationsarbeit in Österreich, Projektleitung: Helga Klösch-Melliwa, gefördert vom Jubiläumsfonds der Österreichischen Nationalbank (Nr. 6816), vom BM für Wissenschaft und Verkehr und vom BM für Arbeit, Gesundheit und Soziales (Online-Dokument: http://www.onb.ac.at/ ariadne/pubhistz.htm).
Brehmer Ilse (Hg.): Sexismus in der Schule. Der heimliche Lehrplan der Frauendiskriminierung. Weinheim/Basel (Beltz) 1982.
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Enders-Dragässer Uta (Hg.): Frauensache Schule. Aus dem deutschen Schulalltag. Erfahrungen, Analysen, Alternativen. Frankfurt/M. (Fischer) 1990.
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Faulstich-Wieland Hannelore (Hg.): Abschied von der Koedukation? Materialien zur Sozialarbeit und Sozialpolitik, Bd. 18. Frankfurt/M. (Fachhochschule) 1987.
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Wagner, Angelika C./Barz, Monika,/Maier-Strömer, Susanne/Uttendorfer-Marek, Ingrid/Weidle, Renate: Bewußtseinskonflikte im Schulalltag. Denk-Knoten bei Lehrern und Schülern erkennen und lösen. Weinheim: Beltz 1984.
Wodak Ruth/Feistritzer Gert/Moosmüller
Sylvia/Doleschal Ursula: Sprachliche Gleichbehandlung von Mann und Frau, Klagenfurt
1987.