5.2. Subjektive Theorien
von LehrerInnen im Bezug auf die Leistungen der Kinder
Selbstkonzepte des Lehrers/der Lehrerin werden in der Lehrer-Schüler-Interaktion
und speziell in der Leistungsbeurteilung wirksam und manifestieren
sich in der
"impliziten Persönlichkeitstheorie"
als Mechanismus der "Selektion" (der Lehrer nimmt vom Schüler
nur das wahr, was er sehen will) oder "Projektion" (der
Lehrer projiziert eigene Unzulänglichkeiten in die Person des
Schülers; Zuspätkommen, unordentliche Heftführung,
u.v.m. werden extrem stark gewichtet) ...
"Attribuierungstheorie", an Hand derer
das Zustandekommen von Handlungsresultaten auf die Faktoren "Can"
und "Try" - "Können und Bemühen"
sowie "Fähigkeit und Anstrengung" zurückgeführt
werden; und in
der "Theorie der self-fulfilling prophecy",
der "Sich-selbst erfüllenden Prophezeiung".
Innerhalb bestimmter Gruppen, Schichten, Kulturen ... gibt es weit verbreitete und ziemlich einheitliche Meinungen darüber, welche Persönlichkeitsmerkmale gemeinsam auftreten (zusammen passen, zusammen gehören) und welche Merkmale einander ausschließen: z.B. ein Schüler der lügt, stiehlt auch ...). CRONBACH (1955) bezeichnet solche Meinungssysteme als "implizite Persönlichkeitstheorien", deren Existenz in der Regel nicht bewusst ist. Nach HOFER (1993) handelt es sich hierbei um das "Insgesamt an Annahmen einer Person ..., die Schlußfolgerungen über Eigenschaften einer anderen Person ermöglichen." (Hofer, 1993, S. 21; Karakatsanis, G., 1994, S. 44). Das spezifische Selbstkonzept eines Lehrers/einer Lehrerin liegt dann bei der Beurteilung der Schüler gleichsam als Erfahrungshintergrund vor und beeinflusst die selektive Wahrnehmung: Der Lehrer/die Lehrerin sieht nur noch, was in sein/ihr Bild passt. Dazu zählt auch der unzulässige Schluss von den Leistungen in einem bestimmten Fach (z.B. Mathematik) auf die Leistungen in einem anderen Fach (z.B. Physik) - positiv wie negativ. (vgl. auch Höhn, 1967)
Im Zusammenhang mit
der "impliziten Persönlichkeitstheorie" ist eine
soziale Bewertungsdimension (verlässlich, ehrlich,
tolerant, ...) und eine
intellektuelle Bewertungsdimension (intelligent, fleißig,
beharrlich, ...) zu unterscheiden.
Beide Bewertungsdimensionen existieren nicht unabhängig voneinander;
so besteht beispielsweise in unserem Kulturkreis die Tendenz, Personen,
die man in sozialer Hinsicht positiv einschätzt, auch positive
intellektuelle Eigenschaften zuzuschreiben und umgekehrt: Es ist eben
bequem, jemanden generell positiv oder negativ einzuschätzen.
Als Beispiel für das Streben nach sog. konsistenten Bewertungen
sei der "Halo-Effekt" (Thorndike), auch "Hof- oder
Überstrahlungseffekt", angeführt. Er bezeichnet die
Tendenz zur konsistenten Bewertung - vor allem bezogen auf das Aussehen.
Demnach werden physisch attraktiven, ordentlich gekleideten Personen
eher positive soziale Eigenschaften zugeschrieben als unattraktiven.
ZIEGENSPECK (1999) bezeichnet es "als sehr problematisch, daß
der Halo-Effekt sich ebenfalls dort nachweisen läßt, wo
der Ruf einem Schüler vorauseilt (Sitzenbleiber, Kinder aus einer
bekannten Problemfamilie usw.). (Ziegenspeck, 1999, S. 175)
Allfällige Inkonsistenzen
in der Wahrnehmung können auf drei Arten reduziert werden; durch
Gewichtung, wobei ein Teil der Informationen mehr Bedeutung
beigemessen wird als anderen Teilen, bzw. manche Informationen werden
zu Gunsten anderer unterdrückt;
Schaffung eines Mittelwerts, wobei der Gesamteindruck
eine Art Summe oder Durchschnitt aus den Einzelinformationen darstellt;
und durch
Interpretation, bei welcher ein Teil der inkonsistenten
Informationen so lange uminterpretiert werden, bis sie zum Rest der
Wahrnehmungen/Informationen passen.
Wiederum ausgehend von ihrem persönlichem Erfahrungsgrund (eigene Schulzeit, Schulzeit der eigenen Kinder ...) neigen LehrerInnen zu Extremurteilen bei der Beurteilung der Schüler. CRONBACH (1955; vgl. Herkner, 1975, S. 243) unterscheidet drei Fehler in der Personenwahrnehmung: Beim konstanten Fehler schätzt ein Beurteiler alle Stimuluspersonen um einen konstanten Betrag zu hoch oder zu tief/zu gut oder zu schlecht ein. Auch die Variabilität ist eine falsche Einschätzung, die sich durch die Neigung zu Extremurteilen auszeichnet: Alle Schüler werden um einen "konstanten Betrag" zu gut oder zu schlecht eingeschätzt (Milde-Fehler, bzw. Strenge-Fehler) oder objektive Unterschiede zwischen Personen werden nicht wahrgenommen; die Beurteilungen der Schüler gruppieren sich um einen Mittelwert ("Central Tendency"). Bei der stereotypen Genauigkeit wird zwar eine Gruppe/Schulklasse durchschnittlich korrekt eingeschätzt - im Sinne eines "Durchschnittswerts" - es erfolgt aber keine exakte Differenzierung der einzelnen Mitglieder. Erst bei der differentiellen Genauigkeit gelingt es einem Lehrer/Beurteiler, die Unterschiede zwischen den Schülern/Stimuluspersonen richtig wahrzunehmen. (Vgl. auch Bartnitzky/Christiani, 1979, S. 63)
Nach der "Kausalattribuierungstheorie"
(Heider, 1958) besteht die Tendenz, das Zustandekommen von Handlungsresultaten
im Wesentlichen auf zwei Faktoren zurückzuführen: Can
& Try - Können und Bemühen/Fähigkeit und Anstrengung.
Demnach wird bei der Schülerbeurteilung das Ausbleiben einer
erwarteten Handlung oder das Versagen bei einer Aufgabe unterschiedlich
interpretiert werden - durch Mangel an Wollen (und Bemühen, Anstrengung)
oder durch Mangel an Können. Es zeigte sich, dass Beurteiler
negative Werturteile eher bei einem Mangel an Wollen als bei einem
Mangel an Können bilden.
Lehrer und Schüler führen also Erfolge und Misserfolge auf
Ursachen zurück, die vor allem in den Fähigkeiten und in
der Anstrengung, mitunter auch in der Aufgabenschwierigkeit oder im
Zufall gesehen werden. In ihrer verbalen und non-verbalen Interaktion
mit Kindern vermitteln Lehrer den Kindern ihre Ursachenzuschreibung.
Die (vermeintliche) Kenntnis der Persönlichkeitseigenschaften
des Schülers erzeugt im Lehrer Erwartungen hinsichtlich des künftigen
Schülerverhaltens. Diese Erwartungen tragen dazu bei, dass sich
die Kinder entsprechend diesen Erwartungen verhalten. Die Kausalattribuierungstheorie
liefert demnach die wahrscheinlichste Erklärung für die
"Sich-selbst-erfüllende Prophezeiung". Die Attribuierung
kann das Selbstkonzept des Schülers verändern und damit
den Erwartungseffekt anbahnen. Ausgeprägte Erwartungshaltungen
von Lehrern sind schwer veränderbar; dazu kommt noch, dass Beurteilter
im Sinne der "Theorie der kognitiven Dissonanz" (Festigen,
1957) Informationen vermeiden, die den eigenen Erwartungen widersprechen.
Die Selektivität der Wahrnehmung unterstützt dieses Phänomen.
Die Ursachenzuschreibung für das Zustandekommen von Leistungen
verläuft nicht nur in Richtung Lehrer à Schüler;
auch die Kinder entwickeln Theorien über das Zustandekommen ihrer
Leistungen. BERND FIEDLER berschreibt dies treffend: "Auch SchülerInnen
werden ihre Schulleistungen auf bestimmte Ursachen zurückführen,
die wesentlich von ihren bisherigen Erfahrungen abhängen. Die
Ursachenerklärungen werden stark vom schon sehr früh entwickelten
Selbstkonzept beeinflußt. Je nach verinnerlichtem Selbstkonzept
wird die Selbstbewertung für ein selbst verursachtes und zu verantwortendes
Handlungsergebnis (Kausalattribuierung) positiv oder negativ ausfallen.
Erfolgsmotivierte schreiben ihren (häufigeren) Erfolg eher eigenen
Fähigkeiten und ihrer Anstrengung zu, während sie ihre (selteneren)
Mißerfolge eher als Ergebnis unzureichender Anstrengung oder
als Zufall ansehen. Mißerfolgsmotivierte führen ihren (häufigeren)
Mißerfolg eher auf mangelnde Begabung oder zu große Aufgabenschwierigkeit
zurück, während sie ihren (selteneren) Erfolg eher mit zufallsbedingten,
äußeren Umständen erklären. Im Attribuierungskonzept
sind die Kausalfaktoren, mit denen ein Erfolg oder Mißerfolg
erklärt werden können, die eigene Begabung, die eigene Anstrengung,
die Schwierigkeit einer Aufgabe bzw. eines Problems und der Zufall.
Begabung und Anstrengung sind Ursachen, die "in der Person"
liegen, Aufgabenschwierigkeiten und Zufall liegen dagegen "außerhalb
der Person". Man spricht daher auch von internalen und externalen
Attribuierungsgewohnheiten. Begabung und Aufgabenschwierigkeit sind
zeitlich relativ stabil, während Anstrengung und Zufall eher
variabel sind. Das Modell des Attribuierungskonzeptes beschreibt die
Dimension der Internalität - Externalität und die Dimension
der Stabilität-Variabilität. Die Art, mit der eine SchülerIn
ihre Erfolge und Mißerfolge in der Schule erklärt, stellt
eine wichtige Bedingung für das Verhalten, sowohl der SchülerIn
als auch der LehrerIn dar. Führt eine SchülerIn ihre Mißerfolge
auf mangelnde Begabung zurück, wird sie wenig unternehmen, um
bessere Ergebnisse zu erzielen, da Begabung als relativ konstant und
wenig veränderbar, da in der Person begründet, angesehen
wird. Erklärt auch die LehrerIn den Mißerfolg als Begabungsmangel,
wird sie sich weniger um die SchülerIn bemühen, als wenn
sie das schlechte Ergebnis auf Zufall oder zu geringe Anstrengung
zurückführen würde." (URL: http://www.stud.uni-hannover.de/user/77042/motiv-4.html#ss4.2,
abgerufen am 1.Juli 2000; vgl. auch Brehm/Kassin, 1996, S. 81 ff.;
).
Der Begriff der "sich-selbst-erfüllenden
Prophezeiung" geht auf ROBERT KING MERTON (1949) zurück.
Self-fulfilling-prophecy ist eine "Selbstverstärkung
von getroffenen Aussagen, wobei es keine Rolle spielt, ob das Eintreten
der Aussage gewünscht wird oder nicht. So können sich nicht
nur Erfolgserwartungen, sondern auch Befürchtungen oder negative
Szenarien durch positive Rückkopplung verstärken. Selbsterfüllende
Prophezeiungen haben deshalb eine wirklichkeitserschaffende Macht.
Goldstein unterscheidet fünf Arten von "self-fulfilling
prophecy", die mit Ausnahme des "Placebo- Effekts"
im Zuge der Leistungsbeurteilung in der Schule als Verfälschungsmechanismus
wirksam werden können:
Pygmalion-Effekt: Die Erwartungen an andere beeinflussen
deren Leistung.
Joseph-Effekt: Einmal in Gang gesetzte Trends setzen
sich ohne Störungen weiter fort.
Prokrustes-Effekt: Erwartungen sind in den Rollen begründet.
Placebo-Effekt: Technologieerwartungen führen zu
den gewünschten Ergebnissen.
Identitäts-Effekt: Die Identifizierung mit Strategien
führt zur Selbstverstärkung.
(Vgl. URL: http://wissensnavigator.europop.net/microsoft/lebenswelt/sinnfindung/artikel_7.html;
abgerufen am 1.Juli 2000)
GERD MIETZEL (1982) beschreibt ein Prozessschema, welches das Zustandekommen
des Pygmalion-Effekts erklärt:
"Der Lehrer schreibt jedem seiner Schüler
eine bestimmte (z.B. hohe oder geringe) Befähigung sowie andere
Eigenschaften zu, Auf dieser Grundlage entstehen Erwartungen bezüglich
des jeweiligen Leistungsverhaltens. ...
Der Lehrer behandelt seine Schüler in Übereinstimmung
mit seinen Erwartungen unterschiedlich. So schafft der Lehrer zwischen
vermeintlich guten und schwachen Schülern Unterschiede u.a. bezüglich
des sozial-emotionalen Klimas, in der Art und Häufigkeit der
Kontakte und in der Rückmeldung. ...
Über die besondere Behandlung durch den Lehrer
erfährt jeder Schüler, was von ihm erwartet wird, und das
wiederum hat Einfluß auf sein Selbstkonzept, seine Leistungsmotivation
und sein Anspruchsniveau ... (vgl. auch Studientext: Leistung in Arbeitswelt
und Schule).
Als Reaktion auf den Lehrer tendiert der Schüler
dazu, sich so zu verhalten, daß er die besonderen Erwartungen
des Lehrers ihm gegenüber vervollständigt und bekräftigt.
Aufgrund der Rückkoppelung (Anerkennung, Kritik)
verbessern sich die Leistungen einige Kinder möglicherweise,
verbleiben aber zumindest auf einem höheren Niveau, während
andere eventuell absinken oder auf einem niedrigeren Niveau stabilisiert
werden. Diese Entwicklungen vollziehen sich in Übereinstimmung
mit den jeweiligen Lehrer-Erwartungen." (Mietzel, 1982, S. 164ff.
und bezüglich der Testsituation: Hartmann, 1973, 34ff.)
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5.3. Die "Selektivität der Wahrnehmung",
weitere Verfälschungsmechanismen
In einem von JONES, ROCK & SHAVER (1968; vgl. Herkner, 1975, S.
237) durchgeführten Versuch hatten Versuchspersonen eine Stimulusperson
beim Lösen schwieriger Aufgaben zu beobachten. Die Stimuluspersonen
waren dahin gehend instruiert, dass sie bei jedem Versuchsdurchgang
jeweils 15 von 30 Aufgaben richtig lösen sollten.
Beim ersten Versuchsdurchgang standen die richtig gelösten Aufgaben
am Anfang der Serie, beim zweiten Durchgang am Ende der Serie und
beim dritten Versuchsdurchgang waren sie über die ganze Serie
der Aufgaben verteilt.
Es zeigte sich, dass die Stimulusperson mit der abfallenden Leistung
für intelligenter gehalten wurde als die Personen mit aufsteigender
oder gleichbleibender Leistung. Der hier auftretende starke Primäreffekt
(Primacy-Effect) ist bei Leistungsbeurteilungen schwer korrigierbar.
Dieser Verfälschungsmechanismus ist auch als "Perseverationstendenz"
oder "Nähe-Fehler" bekannt und bedeutet, "daß
ein Lehrer von seinem bereits gefällten Urteil, bei (zeitlich)
späteren Beurteilungen nicht abrückt, sondern an ihm festhält.
Auftretende Abweichungen erfolgen meistens dann nur um eine Notenstufe."
(Ziegenspeck, S. 176)
Als weitere Verfälschungsmechanismen beschreibt HELGA ULBRICHT
(1993) "Reihungs- und Kontrasteffekte" zutreffend: "Aufgrund
der Erfahrung bei der Beurteilung schriftlicher oder mündlicher
Schülerleistungen erwarten LehrerInnen eine bestimmte Verteilung
der Qualität. Haben sie nun, z.B. bei der Aufsatzkorrektur, hintereinander
nur mäßige Arbeiten vor sich, so werden sie bei einer der
folgenden Arbeiten unter dem Gesichtspunkt 'alle können doch
nicht gleich schlecht sein' eine bessere Note vergeben." (Ulbricht,
1993, S. 22) Umgekehrt kann nach einer entsprechenden Anzahl sehr
guter Arbeiten eine "mittelmäßige Leistung" als
"schlecht" bewertet werden.
"Sympathie und Ablehnung" als Verfälschungsmechanismen
in der Leistungsbeurteilung wurden in einer klassischen Untersuchung
von MARIA ZILLIG (1928) untersucht. Sie konnte nachweisen, dass Beliebte
und Unbeliebte bei qualitätsgleichen Leistungen unterschiedlich
beurteilt wurden; die Beurteilungen fielen zu Gunsten der Beliebten
aus. (Vgl. dazu auch: Weiss, 1965).
KARL WOLF (1962) verweist hingegen darauf, dass Sympathie nicht immer
zu einer günstigen Bewertung des Schülers führen muss;
im Bewusstsein seiner Zuneigung benachteiligt der Lehrer sympathische
Kinder, um dem Vorwurf der Bevorzugung zu entgehen. (Vgl. Wolf, 1962,
S.32, dort im Bezug auf die eigenen Kinder des Lehrers).
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5.4.
Aspekte der Fremdwahrnehmung im Kontext der Kommunikation
Auf Grund wahrgenommener oder oft nur angenommener Äußerungen
und Handlungen eines Schülers gelangt der Lehrer zu Meinungen
über die momentane Stimmung, des Kindes, seine Ab
sichten, Einstellungen und Charaktereigenschaften. Die einzelnen "Meinungen",
die sich ein Lehrer über den Schüler gebildet hat, werden
zur Grundlage der Beurteilung/Bewertung des Kindes. Dieser Prozess
verläuft nach zwei charakteristischen Aspekten der Fremdwahrnehmung:
der "Selektion" und der "Inferenz". Bei der Selektion
wird nur ein kleiner Teil aller gegebenen Reize beachtet (ausgewählt)
und verarbeitet. Manche Verhaltensweisen des Kindes werden als typisch
angesehen, andere werden gar nicht beachtet. Bei der Inferenz geht
der Lehrer über die tatsächlich wahrnehmbare Information
hinaus und zieht unbewusst Schlüsse auf weitere, nicht beobachtbare
Eigenschaften des Wahrnehmungsobjekts. Diese Meinungen und Einstellungen
hinsichtlich des Schülers beeinflussen das Lehrerverhalten jedem
einzelnen Schüler gegenüber. Die Meinungsbildung erfolgt
häufig durch non-verbale Kommunikation, wobei Körperhaltung,
Gesten, der Gesichtsausdruck, die Stimme, Lautstärke und Tonfall,
...zu Einflussfaktoren werden. MEHRABIAN (1969) verweist in diesem
Zusammenhang auf den Blickkontakt als wichtige Variable: Demnach wird
der Blick durchschnittlich kürzer auf einen negativ bewerteten
Interaktionspartner gerichtet als auf einen positiv eingeschätzten;
umgekehrt sind Personen, die den Partner mehrmals relativ lange anschauen,
beliebter als solche, deren Blickperioden kurz sind.
Ein klassisches, bezüglich der schulischen Beurteilungspraxis
interessantes Experiment, führten MEHRABIAN & WIENER (1967;
vgl. Herkner, 1975, S. 231) aus: Sie kombinierten drei Inhalte (freundlich,
neutral, unfreundlich) mit verschiedenen Tonfällen und Gesichtsausdrücken
(z.B. "konsistent": unfreundlicher Inhalt mit unfreundlichem
Tonfall und Gesichtsausdruck; bzw. "inkonsistent": freundlicher
Inhalt mit unfreundlichem Gesichtsausdruck ...). Die Versuchspersonen
sollten den Gesamteindruck, der durch jede dieser Reizkombinationen
vermittelt wird, beurteilen. Dabei zeigte sich, dass die einzelnen
Komponenten verschieden stark gewichtet wurden. Am ehesten vertraut
man dem Gesichtsausdruck, in zweiter Linie dem Tonfall, dem Inhalt
wird fast gar keine Bedeutung beigemessen (s. Grafik).

5.
5. Verfälschungsmechanismen im interkulturellen Kontext
Alle andiskutierten Verfälschungsmechanismen verdienen in der
interkulturellen Begegnung in der Schulklasse (z.B. Kinder ausländischer
Arbeitnehmer, Flüchtlingskinder aus Kriegsgebieten; Kinder von
Wanderarbeitern, Sinti und Roma, ...) besondere Beachtung. Genauso
wie oben bereits skizziert, durchschauen die Beteiligten auch in der
interkulturellen Begegnung die jeweiligen Attributionen nicht; häufig
passiert es, dass die am Unterrichtsprozess Beteiligten einander Voreingenommenheit
und böse Absichten unterstellen. BRISLIN (1981) verweist darauf,
dass wir gerade in der interkulturellen Kommunikation nicht mit dem
Anderen als Person und Individuum kommunizieren, sondern mit dem Kollektiv-Image,
das wir uns vom "Nationalcharakter" der Partnerseite gebildet
haben. (Brislin, 1981, S.216f., zit. bei Maletzke, 1996, S. 154)
Zumal Wahrnehmung kulturspezifisch erfolgt, können aus unterschiedlichen
kulturbedingten Wahrnehmungsunterschieden Kommunikationsprobleme entstehen.
Diese können das proxemische Verhalten (räumliche Nähe/Distanz;
"Respektdistanz") betreffen, ebenso wie das Zeiterleben
(Pünktlichkeitsbegriffe). Unterschiedliche Denkansätze (induktiv/deduktiv),
die unterschiedliche Interpretation von "Sprachsymbolen"
sowie spezifische non-verbale Elemente können zu Missverständnissen
führen; Blickkontakt hat beispielsweise in unterschiedlichen
Kulturen unterschiedliche Bedeutung und ist jeweils eigenen Regeln
unterworfen. ...
Um den Verhaltensweisen
von Kindern aus anderen Ländern nicht über Gebühr mit
Fehlinterpretation zu begegnen, ist es bedeutsam, dass Lehrer
ihre Kenntnisse von den Herkunftsländern der Kinder
ihrer Klasse ausbauen,
sich ihre eigene Kultur bewusst machen,
sich ihre eigenen Vorurteile und Stereotype gegenüber
den Herkunftsländern der Kinder bewusst machen ... (vgl. dazu
auch Maletzke, 1996, S. 135ff.)
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Aus der oben erwähnten
kurzen Analyse der Evaluation der Schüler wird uns klar, dass
es sich um ein Thema handelt, das multidimensional behandelt werden
muss. Es wird darauf hingewiesen, dass die negativen Wirkungen und
Schwächen der Evaluation realistisch sind, aber ihre Abschaffung
ist auch kein realistischer Vorschlag. Die globale multidimensionale
Evaluation ist vollständiger und objektiver und kann sich nicht
nur an den Lehrer richten. Zwar ist es möglich, abfragbares Wissen
zu bewerten, aber andere Eigenschaften, die für das Lernen genauso
wichtig sind, wie Fleiß, Geduld, Zusammenarbeit ... werden ohne
Methode und nur vom Lehrer bewertet, aber es besteht die Gefahr, dass
man Fehler macht. Persönlichkeitsmerkmale des Schülers,
wie Intelligenz, Lernreife, zwischenmenschliche Beziehungen, Motivation
u.s.w. können nicht nur vom Lehrer bewertet werden, sondern hier
ist eine interdisziplinäre Zusammenarbeit von Psychologen, Pädagogen
und anderen Fachleuten nötig.
Wir stimmen also LOBROT und ILLICH nicht zu, wenn sie gegen die Evaluation
und für die Abschaffung von Zeugnissen und Diplomen sind. Wir
halten aber eine Verbesserung der Evaluation für nötig,
so dass sie objektiv und gültig, also wissenschaftlich ist.
Diese Verbesserung kann geschehen durch die Anerkennung von
1. bestimmten und objektiven Kriterien;
2. streng kontrollierten Bedingungen, die für (die) Objektivität
garantieren;
3. Schulung. Fortbildung der Prüfer in der Theorie der Evaluation;
4. Miteinbeziehung von nicht leicht erfassbaren Faktoren;
5. Empirische Studien zu den griechischen Parametern;
6. Fortbildungsseminare zur Evaluation von Lehrern;
7. Gesetzliche Maßnahmen;
8. Benutzung von Förderprogrammen für die schwachen Schüler;
9. Differenzierung der Evaluation je nach Schulstufe;
10. Finanzielle Unterstützung von armen Familien, Elternschulung
- Miteinbeziehung von verschiedenen Faktoren (z.B.
soziale
Lage, Familienstand, produktive Arbeit).
Abgesehen von den oben
erwähnten organisatorisch-verwaltenden Vorschlägen muss
der Lehrer/ Erzieher psychologisch vorgehen und sich darauf konzentrieren,
dass die Symptome der Schul- angst langsam verschwinden. Die Kombination
von organisatorisch-verwaltenden Vorschlägen mit den psycho-pädagogischen
Interventionen führt dazu, dass das Ziel der Schule, nämlich
die vollkommene und vielseitige Entwicklung des Individuums, erreicht
wird.
Zusammenfassend kann man sagen, dass die Evaluation - psychologisch
gesehen - abzuschaffen ist. Das ist aber nur die eine Seite der Münze.
Aus anderen wichtigen, praktischen, sozialen, wirtschaftlichen aber
auch psychologischen Gründen ist die Evaluation notwendig. Es
ist eine Utopie, von einer Schule ohne Evaluation zu sprechen. Die
Evaluation ist jedoch kein Allheilmittel, sie hat eher ergänzende
Funktion. Daher kann sie, je mehr sie verbessert wird, zu einem wirklichen
Hilfsmittel für eine vernünftige Auswahl werden.
Anregungen zur individuellen Weiterarbeit
1. Nehmen Sie eine Ihrer
Unterrichtsstunden auf Tonband/mit der Videokamera auf. Analysieren
sie die Lehrer-Schüler-Interaktion (Welche Schüler werden
aufgerufen? Wie oft? Werden die Antworten der Kinder verstärkt?
- Wenn ja, wie? Welche Kinder erhalten nie Verstärker? -Versuchen
Sie Gründe zu finden ...). Entwickeln Sie schriftlich Strategien
zur Verbesserung der Lehrer-Schüler-Kommunikation in der Klasse.
2. Laden Sie einen Kollegen/eine Kollege ("critical friend")
zur Hospitation in Ihre Schulklasse ein. Reflektieren Sie die oben
angeführten Fragen gemeinsam mit dem Kollegen/der Kollegin.
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Avdali, Athan/I vathmi einai anagkaioi? Verlag Sychnoni Epochi/Athen 1989.
Bartnitzky, Horst/Christiani Reinhold: Zeugnisschreiben in der Grundschule, Agentur Dieck, Heinsberg, 1987.
Brehm, Sharon S./Kassin Saul M.: Social Psychology, Houghton Mifflin Company, Boston-Toronto, 1996.
Chiotakis, St./I amviswitissi ton exetaseon kai vathmon sto scholio/3. Auflage/Grigoris-Verlag/Athen 1999
Dimitropoulos, Evst./Ekpaidvetiki axiologissi - i axiologissi tou mathiti/Grigoris-Verlag/Athen 1999
Harris, Thomas, A.: Ich bin o.K. Du bist o.k., Rohwolt, Reinbeck b. Hamburg, 1981.
Hartmann, Hans: Psychologische Diagnostik, Kohlhammer, Stuttgart, 1973.
Herbert, Martin/Problems of childhood, A complete quuide for all concerned/Band 1a/9. Auflage/Ellinika Grammata/1997 Athen
Herbert, Martin/Problems of childhood, A complete guide for all concerned/Band 1b/7. Auflage/Ellinika Grammata/1996 Athen
Herkner Werner, Einführung in die Sozialpsychologie, Hans Huber, Bern 1975.
Höhn, Elfriede: Der schlechte Schüler, Piper, München 1967.
James, Muriel/Jongeward, Dorothy, Spontan leben, Rohwolt, Reinbeck b. Hamburg, 1980.
Kaila, Mar./I scholiki apotychia/2. Auflage/Verlag Ellinika Grammata/Athen 1996
Kassiotakis, Mich./I axiologissi tis epidosseos ton epidosseon/Grigoris-Verlag/Athen 1999
Maletzke Gerhard: Interkulturelle Kommunikation, Westdeutscher Verlag, Opladen 1996.
Mietzel, Gerd, Interpretation von Leistungen: Dargestellt aus der Sicht der Attribuierungstheorie, Opladen, 1982.
MÃller, Claus/Hegedahl, Poul, Persönlicher Service durch persönliche Entwicklung, TMI, 1984.
Pädagogisch-Psychologische Enzyklopädie/Band 2/Ellinika Grammata/1989
Papanastassiou, K./Metrissi kai axiologissi stin ekpedvessi/Zyprisches Pädagogisches Institut/1989
Passiardis, Petros/I axiologissi tou ergou ton ekpaidevtikon/Grigoris-Verlag/Athen 1989
Seebauer, Renate, Fremdsprachen in der Grundschule, Mandelbaum, Wien 1997.
Weiss, Rudolf: Zensur und Zeugnis, Haslinger, Linz 1965.