Psychologische Aspekte
der Leistungsbeurteilung -
Verfälschungsmechanismen, diverse Effekte;
die Verhaltenskomponente …
Koliadis Emmanuel,
Warfy Viktoria, Panaikas Pantelis, Markakis Nikos, Universität
Athen/Pädagogische Abteilung
Renate Seebauer, Pädagogische Akademie Wien/Bund (Kap. 5, Anregungen
zur Weiterarbeit)
In diesem Text steht der psychologische Aspekt der Evaluation/Leistungsbeurteilung im Vordergrund: individuelle/persönliche Faktoren, die direkt oder indirekt das Verhalten und die Leistung der Schüler in der Schule bestimmen und beeinflussen. Das Athener Team geht zunächst auf jene Faktoren ein, die als Vorteile der Evaluation bezeichnet werden, dann werden ausführlicher die Nachteile der Evaluation durch elementare Dimensionen dargestellt: die pädagogische, die soziologische und die psychologische. Die Wiener Autorin widmet ihren Beitrag den Verfälschungsmechanismen in der Fremdwahrnehmung, wobei die Persönlichkeit des Lehrers mit seinen jeweiligen Selbstkonzepten als Grundlage für jede Fremdwahrnehmung angesehen wird. Subjektive Theorien von Lehrern werden im Bezug auf die Leistungen der Kinder diskutiert, ebenso die Selektivität der Wahrnehmung und Aspekte der Kommunikation, wobei auf allfällige Verfälschungsmechanismen im interkulturellen Kontext verwiesen wird. Leistungsbeurteilung kann nach Meinung des Athener Teams nicht "dynamisch", durch ihre Abschaffung gelöst werden; es ist vielmehr dafür Sorge zu tragen, dass die Evaluation objektiv wird, damit sie gültig ist. Das kann erreicht werden, indem man konkrete Maßnahmen im soziokulturellen Bereich trifft als auch psychologisch-pädagogisch und organisatorisch-verwaltend interveniert.
Der Studientext gliedert sich in folgende Abschnitte:
1. Einleitung
2. Begriff/Definition der Evaluation
3. Vorteile der Evaluation der Schülerleistung
4. Nachteile der Evaluation
4.1. Die pädagogische Dimension
4.2. Die soziologische Dimension
4.3. Die psychologische Dimension im Bezug auf den Schüler
5. Verfälschungsmechanismen in der Fremdwahrnehmung
5.1. Selbstbild, Selbstwert und Selbstkonzept des Lehrers/der
Lehrerin als Grundlage
der Fremdwahrnehmung
5.2. Subjektive Theorien von LehrerInnen im Bezug
auf die Leistungen der Kinder
5.3. "Selektivität der Wahrnehmung",
weitere Verfälschungsmechanismen
5.4. Aspekte der Fremdwahrnehmung im Kontext
der Kommunikation
5.5. Verfälschungsmechanismen im interkulturellen
Kontext
6. Diskussion - Vorschläge
Anregungen
zur individuellen Weiterbearbeitung der Thematik
Literaturangaben
Erfahrungen und Erlebnisse
aus der Schulpraxis weisen daraufhin, dass auch erfahrene Lehrer zögern,
eine klare Stellungnahme für oder gegen die Evaluation der Leistungen
der Schüler zu beziehen und machen klar, dass es sich hierbei
um ein heikles Thema handelt.
WILLMAN bezeichnet es als Gift: Wenn man es richtig einsetzt, wird
es zu einem Medikament, wenn es falsch benutzt wird, kann es zerstörerisch
sein.
Dieser zwiespältige Charakter der Evaluation ist gleichzeitig
eine Herausforderung für das Schulwesen (Schule), die auf die
Notwendigkeit der Wiederbestimmung der Ziele und der Mittel der Evaluation
hinweist.
Bei diesem Versuch wird besonders großer Wert auf die psychologische
Dimension der Evaluation gelegt, die eine entscheidende Rolle für
die Schülerbewertung spielt. Damit meinen wir alle jene individuellen-persönlichen
Faktoren, die direkt oder indirekt mehr oder weniger die Schülerleistung
in der Schule beeinflussen und bestimmen. Die wichtigsten dieser Faktoren
werden hier kurz dargestellt.
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2. Begriff/Definition der Evaluation
Das Wort Evaluation/Bewertung
kommt aus dem Wort "Wert" und dem Verb "bestimmen";
es handelt sich also um eine Wertbestimmung der Eigenschaften und
Merkmale von Sachen im weiteren Sinne des Wortes (Papanastassiou,
K., 1993, S.5). Es ist also die wissenschaftliche Schätzung/
Bewertung der Ergebnisse des Erziehungsprozesses.
Im Bild unten wird dargestellt, dass die Evaluation ein dauernder,
systematischer Prozess ist, während dessen die Unterrichtsziele
vor dem Unterricht formuliert und danach geprüft/kontrolliert
werden. Es kann auch bedeuten, dass diese didaktischen Ziele neu-/wiederbestimmt
und wahrscheinlich verbessert werden.

Die Evaluation der Leistungen der Schüler ist ein Teil der allgemeinen schulischen Evaluation. Es wird festgestellt, ob die Ziele in den verschiedenen Unterrichtsfächern und den anderen erzieherischen Aktivitäten vom Schüler erreicht wurden, besonders im geistigen, psychomotorischen, emotionalen und sozial-teilnehmenden Bereich.
Sie hat eine dreifache
Funktion :
Voraussagende, vor dem Unterricht (Sammlung und
Auswertung von Informationen - Planung)
Gestaltende, während des Unterrichtsablaufs,
die sich ständig wiederholt.
Abschließende oder zusammenfassende nach
dem Unterricht; Ziehen einer Bilanz.
Wir kontrollieren, was wir erreicht haben (Kassotakis, Mich./1989,
S. 618).
Diese Evaluation (in der Schule) im Unterricht darf nicht mit Prüfungen,
Notenlisten, Ablehnung, Auswahl, Notengebung, Messung gleichgestellt
werden.
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In den zwischenmenschlichen
Beziehungen wird auch verglichen und bewertet. Der Mensch bewertet
Informationen und Daten, denkt, vergleicht und beurteilt, gleichzeitig
wird er aber auch bewertet. Durch "Erkennen" und durch die
"Sprache" bewertet jeder von uns und wird auch bewertet.
Wenn die Evaluation ohnedies als Norm in der Gesellschaft existiert
und die Gesellschaft gewisse Ausleseverfahren durchsetzt, bereitet
die Schule den Schüler durch die Evaluation auf die zukünftige
Realität des Lebens vor und hilft ihm, sich der Gesellschaft
leichter, richtiger und erfolgreicher anzupassen. Durch die Evaluation
wird der Schüler verantwortungsbewusst und auf das Leben und
die Arbeit vorbereitet. Seine Leistungen müssen den Anforderungen
der Gesellschaft entsprechen, die durch die Evaluation festgestellt
werden können. Dem Schüler selbst wird das Lernen leicht
gemacht, denn durch die Evaluation und die darauffolgende Benotung
erkennt und nimmt er seine Neigungen, Fähigkeiten, Interessen,
Wünsche und sein Wissensvermögen wahr und verhält sich
dementsprechend später in der Gesellschaft.
Wenn die Belohnung bei den Bemühungen des Schülers existiert
(z.B. gute Noten, Erfolg bei den Prüfungen) wirkt die Evaluation
stärkend und zwar passiert ein Feed-Back (Rückkoppelung),
das den Schüler ermutigt und zu weiterem Erfolg führt. Der
Schüler gibt sich mehr Mühe, arbeitet zielstrebiger, wird
aufmerksamer, sein Selbstvertrauen stärkt sich und wird somit
auch in der Gruppe bestätigt.
Die Evaluation hat auch eine diagnostizierende Funktion. Wenn wir
davon ausgehen, dass die Vorbeugung die beste Therapie ist, stellen
wir durch die Evaluation fest, welche Schüler in welchen Bereichen
schwach sind, wer psychische Probleme und wer besondere Erziehungsbedürfnisse
hat.
Auf Grund dieser Diagnose treffen wir die entsprechenden Maßnahmen,
dem Schüler zu helfen, seine Kenntnisse und Fähigkeiten
zu verbessern. Gleichzeitig werden auch die individuellen Unterschiede
der Schüler im Bezug auf ihre Kenntnisse und ihr geistiges Niveau
entdeckt, danach können wir als Lehrer intervenieren. Wir können
sogar unsere Schlussfolgerungen daraus in der Gruppe (Schulklasse)
ziehen. Die Noten zeigen am besten die Leistung der Schüler im
Unterricht. Wie wir schon wissen, gründen die neuen Kenntnisse
auf den alten, deshalb müssen wir das schon vorhandene Wissen
der Schüler feststellen.
Die Schule und das Schulsystem werden mit allen ihren Parametern dadurch
auch direkt oder indirekt kontrolliert. Kontrolliert werden die Eignung
und Effizienz der Unterrichtsziele, das Material und die benutzten
Mittel, die Methodologie, das Lehrpersonal und die Unterrichtspläne,
damit man die entsprechenden Maßnahmen treffen kann.
Die Eltern werden auch über die Fortschritte ihrer Kinder informiert.
Sie bilden sich ein objektives Bild von den Fähigkeiten ihrer
Kinder und regeln somit ihren Umgang mit ihnen.
Im Allgemeinen kann man sagen, dass das ganze Erziehungssystem von
der Bevölkerung durch die Evaluation kritisiert wird. Die Bevölkerung
bewertet das Schul- und Unterrichtsprogramm, den Schulbetrieb und
seine Ziele und übt damit aufbauende Kritik daran. Das Volk will
damit dazu beitragen, dass das allgemeine Ausbildungssystem modernisiert
und verbessert wird.
Schließlich muss auch der wirtschaftliche Faktor der Evaluation
erwähnt werden.
Die Ausbildung ist unter anderem eine riesige Industrie mit ihren
Sponsoren, ihren Geldern, ihren Betriebs-, Unterhaltungs- und Produktionskosten.
Der Staat ist also verpflichtet zu kontrollieren.
Es ist nicht möglich, dieses riesige Bauwerk dem Zufall zu überlassen,
sondern wir müssen seine Effizienz sicherstellen, die nur durch
die Anwendung eines Bewertungssystems möglich ist.
Die Evaluation garantiert die Existenz von Kenntnissen und Fähigkeiten,
leistet und bestimmt die Schaffung von Fachkräften, so dass einerseits
die Produktivität steigt und andererseits diese Fachkräfte
beschäftigt werden. Außerdem wird behauptet, dass die Evaluation
von anderen Trägern unter schlechten und harten Bedingungen übernommen
wird, wenn sie nicht in der Schule durchgeführt wird. (Chitakis,
St., 1999, S. 79)
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4.1. Die pädagogische
Dimension
Indem der Lehrer auch Prüfer ist, wird das Verhältnis zwischen
ihm und dem Schüler gestört. Diese echte, richtige ehrliche
psychopädagogische Beziehung zwischen Lerner und Lehrer ist notwendig
für das Lernen, weil der Schüler dadurch zur besseren Leistung
motiviert wird und sein Selbstvertrauen gestärkt wird. Im Gegensatz
dazu wird diese Beziehung gestört, wenn der Faktor Prüfung
dazwischen tritt. Wenn die Evaluation obligatorisch ist, wird sie
automatisch unpädagogisch, weil sich Zwang und Erziehung nicht
vereinbaren lassen.
Manchmal dient die Evaluation anderen Zwecken wie "Lob"
oder "Strafe". Anstatt gerecht zu sein, ist sie oft ungerecht.
Manche nutzen dieses Mittel aus, um die Lehrprogramme und die Erziehungs-
und Bildungspolitik eines Landes zu beeinflussen. Die Evaluation wird
also zum Selbstzweck, so dass der Schüler mechanisch, auswendig
lernt.
Fragwürdig ist die auch die Zuverlässigkeit von Tests in
der Schulpraxis.
Man ist von folgenden Faktoren nicht überzeugt:
von der Eignung der Methodologie
von der Eignung der Mittel und den Techniken aus wissenschaftlicher
Sicht
vom Mangel an objektiven Kriterien für die Benotung
sowie die Gültigkeit von Leistungstests
vom Zweck der Noten
von der mangelnden Qualifikation des Lehrers/Prüfers.
Es kommt also vor, dass
Schüler mit unterschiedlicher Leistung die gleichen Noten bekommen
oder sogar für dieselbe Leistung mit anderen Kriterien an verschiedenen
Schulen vom selben Lehrer anders bewertet wird. Die Bezeichnung "gut"
oder "schlecht" ist relativ. Eine wichtige Rolle spielt
hier die Schulklasse. In einer schlechten Klasse wird mit Nachsicht
also nicht so streng geprüft, während in einer guten Klasse
die Lehrer streng prüfen. Ruhige Schüler und Mädchen
werden oft nicht so streng geprüft (vgl. dazu auch den Studientext
" Funktionen der Leistungsmessung ...").
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4.2. Die soziologische Sicht
Einerseits darf die Schule keine soziale Auswahl und keine soziale
Ungleichheit fördern andererseits aber passiert in der Praxis
das Gegenteil. Wenn wir "gute" oder "schlechte"
Schüler schaffen, herrscht automatisch in der Schule Ungleichheit
und Differenzierung, weil die Noten eine entscheidende Rolle bei ihrer
Entwicklung und in ihrem Leben spielen.
Es gibt sogar eine positive Wechselbeziehung zwischen Leistung und
sozialer Herkunft, während die Ausbildungschancen im selben Land
unterschiedlich sind. Kinder aus höheren Sozialschichten zeigen
bessere Leistungen in der Schule. Das liegt offenbar an der Kultur
und Sprache der Familie, den besseren Erziehungsmitteln, der Hilfe
beim Lernen zu Hause und der guten finanziellen Lage (Wohlstand).
Es wird noch darauf hingewiesen, dass die Evaluation von den oberen
Sozialschichten zur Erhaltung der sozialen Ungleichheit benutzt wird.
Bestimmte Sozialgruppen werden dadurch unterdrückt und diskriminiert.
Außerdem sind die Prüfungen nicht "sozial neutral",
sondern Mittel zu einer "sozialen Auswahl". ILLICH (1976)
meint, dass die Schule einen "fatalen Einfluss" auf das
Individuum übt und die Evaluation und die Schule deshalb abgeschafft
werden müssen (Dimitropoulos, E., 1999, S.23).
PAYNE (1974) behauptet, dass die Evaluation zur Diskriminierung der
schwachen Sozialgruppen führt, dass die Schüler in der Schule
und später in ihrem Leben klassifiziert werden. Erfolglose Schüler
haben vielleicht auch keinen Erfolg später in ihrem Leben.
4.3.
Die psychologische Dimension im Bezug auf den Schüler
Die Evaluation wirkt aus tiefen Gründen negativ auf die psychosomatische
und psychosoziale Entwicklung der Kinder. Allein der Begriff: Prüfungen
klingt negativ. Sie werden allgemein vom Schüler als Hindernis
und Hemmfaktor bei seiner kreativen Entwicklung erlebt. Hier steckt
auch der Widerspruch der Evaluation.
Ein Grundziel der Evaluation und im Allgemeinen der Erziehungs-/Bildungspolitik
ist es, dem Schüler bei seiner Entwicklung/Entfaltung zu helfen,
aber im Grunde genommen wird dieser Entwicklungsprozess verhindert
und gehemmt. Die Prüfung als Prozess ist unterdrückend und
kann manchmal Aggressionen hervorrufen (meistens verbal aber auch
manchmal körperlich gegen den Lehrer).
Die Prüfungsangst kann auch zu extremem neurotischem Verhalten
und manchmal sogar zum Selbstmord führen. Die innere Spannung
und die Müdigkeit des Schülers sind manchmal so groß,
dass er die Selbstkontrolle verliert und in die oben genannte Situation
gerät.
Es ist also für den Schüler unmöglich, die positiven
Seiten der Evaluation zu sehen, wenn er sich in einer solchen unangenehmen
Situation befindet. Er kann auch nicht verstehen, warum die Evaluation
notwendig ist. Wie viele von uns waren nicht schockiert, als sie nur
die "Liste" mit den Noten in der Klasse sahen?
Diese Spannung während der Prüfungen sowie die Angst zu
versagen rufen Stress hervor, der auf das Selbstvertrauen des Schülers
negativ wirkt, es verringert und stört.
Wie können wir die Schüler von der Freude am Lernen überzeugen,
wenn ihnen das Hindernis - Prüfungen - unüberwindlich scheint?
Die Evaluation kann positiv und negativ, erfolgreich und nicht erfolgreich
sein. Die positive Seite der Evaluation kann Erleichterung, Zufriedenheit,
Begeisterung, Stärkung des "Ich" u.s.w. bedeuten. Die
negative Seite bedeutet Misserfolg, Frustration, Verringerung des
Selbstwertgefühls.
Die Faktoren auf der "positiven Seite" sind wichtig für
eine gesunde, starke und richtige Persönlichkeitsentwicklung
sind. Die aus einer Evaluation folgenden Minderwertigkeitskomplexe
sowie die Frustration sind auf keinen Fall positive Gefühle,
die zur normalen Entwicklung eines Kindes beitragen. Auch der Erfolg
wird oft als "Pyrrhussieg", als (nicht) Misserfolg, wahrgenommen/
erkannt. Das liegt natürlich daran, dass unsere Erwartungen oft
nicht realistisch sind und über unsere Kräfte gehen. Das
hat zur Folge, dass sich die Freude am Erfolg verringert. Wenn wir
uns also in die Lage des schlechten Schülers versetzen, können
wir uns vorstellen, wie groß der Misserfolg ist! Wie sich der
psychische Zustand des Schülers ändert, wie das Bild des
"Ich" zerstört wird, indem Minderwertigkeitgefühle,
Schuldgefühle, niedriges Selbstwertgefühl und andere psychische
Störungen und Traumata auftreten und zur Verhaltensstörung
führen können.
Bei ihrem Versuch, sich vor der kommenden "Katastrophe"
mit all ihren Folgen zu retten (z.B. Prügelei zu Hause, körperliche
Gewalt, psychischer Druck, Spott von den Schulkameraden) greifen sie
zu hinterlistigen und betrügerischen Maßnahmen, wie z.B.
abschreiben. Das Ergebnis ist noch schlechter, denn damit bilden sich
unerwünschte Verhaltensmuster, die weitere Probleme bei der Persönlichkeitsentwicklung
des Schülers schaffen.
Für die schwachen und besonders für die schlechten Schüler
hat die Angst vor der Prüfung und überhaupt vor der Evaluation
schlechte Folgen. Wenn wir sie psychologisch untersuchen (Psychogramm),
stellen wir fest, dass sie nicht fähig sind, eine starke Persönlichkeit
zu bilden, ihr "Ich" ist schwach. Sie reagieren nicht aktiv
auf die äußeren Reize, sondern warten passiv auf die Hilfe
von oben (Deus ex machina), sind negativ zum Leben eingestellt
und isolieren sich von ihrer Umwelt. Sie stellen sich blind, verhalten
sich instinktiv und werden von der Gesellschaft verbannt. Die Hilfe,
die sie von ihrer Umwelt bekommen, kann man als "mangelhaft"
bezeichnen und sie leben in einer Kleinwelt voll von Konflikten, Strafe,
Unterdrückung und Schuldgefühlen, also in einer Welt, die
hemmend auf sie wirkt. Sie halten ihre Außenwelt für feindlich
und haben das Gefühl, dass sie bedroht werden. In manchen Fällen,
wenn sie sich auf ihre Eltern beziehen, bezeichnen sie sich als "verloren"
oder "tot" und deuten damit auf die "Größe"
ihres Problems. (Kaila, M., 1996/S.40)
Während wir bei der Prüfung hauptsächlich kontrollieren
wie und wie viel der Schüler lernt, d.h. seine
geistigen Fähigkeiten, übt der Erfolg oder Misserfolg einen
entsprechenden Einfluss auf seine ganze Persönlichkeit aus. Der
erfolgreiche Schüler ist der Sieger, der nicht erfolgreiche (Versager)
ist der Verlierer. Der Sieger wird gelobt, der Verlierer wird getadelt,
so dass oft der "Gute" noch besser und der "Schlechte"
noch schlechter wird.
Wir könnten also behaupten, dass die schlechten Schüler
eher entmutigt als ermutigt werden, das Gefühl des Misserfolgs
steht an erster Stelle, ihnen ist das Lernen gleichgültig, sie
sind dem Lesen gegenüber negativ eingestellt, sie hassen sogar
die Bücher und alles, was sie daran erinnert.
Natürlich sind die Gefühle anders, wenn man erfolgreich
ist. Der Erfolg bedeutet Zufriedenheit, Belohnung, einen Anlass zum
nächsten Erfolg, noch ein stärkendes Mittel für die
nächsten Bemühungen in der Zukunft. Dazu wächst das
Vertrauen des Individuums, der Glaube an seine inneren Werte und Kräfte.
Der Erfolg stärkt die Aufmerksamkeit, die Beharrlichkeit, den
Fleiß des Schülers, motiviert ihn positiv, stärkt
sein Selbstvertrauen und seine Bemühungen zum Lernen.
Auf Grund der Prüfungen bilden sich Elitegruppen zwischen den
Schülern. Es ist also kein Zufall, dass dadurch Gefühle
wie Rivalität, Neid und Eifersucht zwischen den Schülern
auftauchen. D.h., dass wir genau das Gegenteil von dem erreichen,
wonach wir streben, wie z.B. den gesunden Wettbewerb, den kooperativen
Geist, Solidarität, Zusammenarbeit, gegenseitige Hilfe und Kameradschaft/Partnerschaft.
(Vgl. dazu den Studientext "Portfolios und andere alternative
Formen der Leistungsbeurteilung")
Diese Jagd nach Noten wird auch nach Hause übertragen. Indem
die Eltern das Beste für ihre Kinder wollen, nämlich gute
Ausbildung, gute Berufsexistenz, soziales Ansehen, Wohlstand, interessieren
sie sich mehr für den praktischen Nutzen als für die sinnvolle
Erziehung ihrer Kinder. Die Kinder beschäftigen sich also nur
mit den Noten in der Schule, um die besten Noten zu bekommen, und
interessieren sich gar nicht fürs Lernen.
Der psychologische Aspekt manifestiert sich als der augenfälligste
negative Faktor des Phänomens Evaluation. Das betrifft vor allem
die Beziehung zwischen Lehrer und Schüler/Lehrenden und Lernenden.
Die Evaluation/Notengebung/Leistungsmessung zerstört diese zwischenmenschliche
Beziehung, die sich in eine unpersönliche Beziehung zwischen
Prüfer und Prüfenden verwandelt.
Wenn man mit berücksichtigt, dass
1. die Methodologie und die Motive der Evaluation unklar sind, werden
also Gültigkeit, Zuverlässigkeit und Objektivität der
Ergebnisse in Frage gestellt;
2. die Begriffe "guter", "schlechter" Schüler
relativ sind,
3. die Benotung subjektiv ist,
4. die Wahrscheinlichkeit von formalen Fehlern groß ist (z.B.
ein fauler Schüler wird auch für
dumm gehalten)
5. das Verhalten des Schülers durch die Evaluation kontrolliert
wird (dass er z.B. eingeschüchtert, bedroht und bestraft wird)
kann man leicht erkennen, wie schwer es sein kann, eine gesunde, ehrliche
und stabile Beziehung zu schaffen, die auch der Grundstein jedes Lernprozesses
ist.
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5. Verfälschungsmechanismen
in der Fremdwahrnehmung
5.1. Selbstbild,
Selbstwert und Selbstkonzept des Lehrers/der Lehrerin als Grundlage
der Fremdwahrnehmung
Wenngleich die Wahrnehmung und Bewertung der eigenen Person einen
Spezialfall der Personenwahrnehmung darstellt, ist sie für die
Interaktion in der Schule und letztendlich bezüglich der Leistungsbeurteilung
deswegen interessant, weil das Verhalten anderen Personen gegenüber
durch die Selbstwahrnehmung und Selbstbewertung erheblich determiniert
wird.

Das Selbstbild
versteht sich als Bündel aus mehreren Eigenschaften, die z.T.
positiv, z.T. negativ bewertet sind, es ist "das Bild, das wir
von uns selbst in unserer Vorstellung haben."
(URL: http://
www.zeitzuleben.de/inhalte/persoenlichkeitsentwicklung/selbstmanagement/nlp_9_selbstbild.html)
Dieses Selbstbild wird jedoch permanent durch unsere Umwelt beeinflusst:
"Bevor wir noch herausfinden konnten, wer wir wirklich sind,
hat man uns als Kinder von außen eingesagt, wer wir seien
und wie wir seien. ..." (URL: http://www.reschke.de/wirkgilde/falsche.htm).
Auf diese Weise entsteht unser Selbstwert, das Selbstwertgefühl.
Die fortlaufenden Erfahrungen mit und über die eigene Person
verdichten sich zum "Ich", zum "Selbst", zum Konzept
oder Schema der eigenen Person, zum Selbstkonzept. Auf diese
Weise entwickeln sich unterschiedliche Aspekte von Selbstkonzepten,
mit beschreibenden und bewertenden Anteilen, "auf eine Kurzformel
gebracht, könnten Selbstkonzepte als ein System von Einstellungen
zur eigenen Person bezeichnet werden." (Vgl. Seebauer, 1997,
S. 124ff).
Nach Sichtung der relevanten Literatur zur Sozial- und Entwicklungspsychologie
lassen sich vier große Teilbereiche von Selbstkonzepten anführen:
das "Körperselbstkonzept": körperliche
Erscheinung, körperliche Fähigkeiten, ...;
das "kognitive Selbstkonzept" (allgemein und
spezifisch);
das "psychosoziale Selbstkonzept": Bezugsgruppen,
Freunde ...; und
das "emotionale Selbstkonzept": Gefühle
in bestimmten Situationen, bestimmten Personen gegenüber....
(vgl. Seebauer, 1997, S.125)
Auf die psychologischen
Grundhaltungen im Zusammenhang mit dem Gefühl "OK"/"nicht
OK", die aus der Transaktionsanalyse, der Persönlichkeitstheorie
von ERIC BERNE, hervorgehen, sei an dieser Stelle nur verwiesen. Die
vier Grundhaltungen "ich bin OK - du bist OK", "Ich
bin OK - du bist nicht OK", "Ich bin nicht OK - du bist
OK" sowie "Ich bin nicht OK - du bist nicht OK", erscheinen
im Zusammenhang mit der Schülerbeurteilung relevant (Vgl. Harris,
1981; James/Jongeward, 1980, MÃller/Hegedahl, 1984, S. 124ff.)
weiter
zu: 5.2. Subjektive Theorien von LehrerInnen im Bezug auf die Leistungen
der Kinder