Portfolios und andere
alternative Formen
der Leistungsbeurteilung
Renate Seebauer, Pädagogische
Akademie Wien/Bund
mit einem Beitrag von
Zdenek Helus, Karlsuniversität Prag
Der Beitrag nimmt seinen Ausgang von einer Betrachtung der zunehmenden Heterogenität der Kinder in den Grundschulen und versucht, aus dieser Vielfalt des "Kind-Seins" die Notwendigkeit neuer Lernkulturen zu begründen. Der aus der Arbeitswelt in die Schule eindringende erweiterte Leistungsbegriff, gekennzeichnet von Leistungsqualität, Leistungsdynamik und Teamleistungen, fordert seinerseits neue Formen der Leistungsbeurteilung: nicht nur produktorientiert, sondern auch prozessorientiert. Neue Formen der Leistungsbeurteilung wie die Beurteilung mittels Portfolios, die Kommentierte Direkte Leistungsvorlage und das Pensenbuch werden vor allem im Bezug auf die Wiener Schulszene beschrieben. Ein amerikanisch-tschechisches Kooperationsprogramm verdient besondere Aufmerksamkeit. Der/die LeserIn wird angehalten, eigene Beurteilungsformen zu reflektieren und allenfalls zu revidieren.
Der Studientext gliedert sich in folgende Abschnitte:
1. Die zunehmende Heterogenität
der Schülerinnen und Schüler und die Notwendigkeit neuer
Lernkulturen
2. Veränderungen im Leistungsverständnis und
in der Aneignung von Wissen, Fertigkeiten und Verhaltensweisen
3. Neue Lernkulturen erfordern alternative Formen der
Leistungsbeurteilung
3.1. Das Portfolio und das Wiener Modell der "Kommentierten
Direkten Leistungsvorlage
3.2. Das Pensen- oder Studienbuch
3.3. Portfolios in der Tschechischen Republik
am Beispiel eines amerikanisch-tschechischen
Kooperationsprogramms
4. Versuch einer Gegenüberstellung traditioneller
und innovativer Formen der Leistungsbeurteilung
Anregungen
zur individuellen Weiterbearbeitung der Thematik
Literaturangaben
1. Die zunehmende
Heterogenität der Schülerinnen und Schüler
und die Notwendigkeit neuer Lernkulturen
Historisch betrachtet
sind Kinder - existentiell und materiell - nie zuvor unter so günstigen
Lebensbedingungen aufgewachsen wie heute; verwiesen sei auf den drastischen
Rückgang der Kinder- und Säuglingssterblichkeit, auf die
medizinische Versorgung, die öffentliche und private Hygiene,
die Wohnbedingungen, die offizielle Abschaffung der Kinderarbeit ...
. Andererseits wachsen in eben dieser Gesellschaft viele Kinder unter
ökonomischer Benachteiligung, drohender Armut und psychischer
wie physischer Benachteiligung auf. HURRELMANN (1990) verweist auf
die "hohen Quanten von Delinquenz, Kriminalität und Aggressivität
bei Kindern und Jugendlichen", auf die "Zunahme des Alkohol-
und Drogenkonsums, des Medikamentenmißbrauchs, der Fehlernährung,
des Unfallverhaltens", auf "die hohen Werte der Verbreitung
von psychischen Auffälligkeiten und Störungen ..."
(Hurrelmann, 1990, S. 13).
Längst ist nicht mehr mit einem einheitlichen Erscheinungsbild
der Kinder in einer bestimmten Schulgattung (z.B. Grundschule, Sekundarstufe
I ...) zu rechnen. Dort, wo im Gefolge einer mehr als hundertjährigen
entwicklungspsychologischen Tradition noch immer von "Entwicklungsstufen"
und "Phasen" gesprochen wird, verschwinden Ausmaß
und Häufigkeit von Abweichungen hinter einem "Durchschnittsbild",
das "den Blick auf einen weitgehend kontinuierlichen Entwicklungsprozess
mit beachtlichen individuellen Schwankungen" verstellt und beispielsweise
dazu angetan ist, die "Vierjahreszyklen", die das österreichische
Schulsystem charakterisieren, zu zementieren (vgl. Seebauer, 2000).
BAACKE/FERCHHOFF (1997) verweisen unter Berufung auf diverse Publikationen
im deutschsprachigen Raum zum Themenkomplex "Kindheit/Kind-Sein"
auf den "Wandel des Kinderlebens während der letzten Jahrzehnte".
Sie nennen: die "Medienkindheit", "Werbekindheit",
"institutionalisierte Kindheit", "eigensinnige Kindheit",
"Zukunftskindheit", die "verhäuslichte Kindheit",
die "Konsumkindheit", Kindheit als multikulturelle Kindheit",
die "Versportung der Kindheit", die "bürgerlich-mittelständisch
geprägte Kindheit", die "emotional aufgeladene Kindheit",
die "Verschulung der Kindheit", die "permissive Kindheit",
die "verplante oder gehetzte Kindheit", die "verinselte
Kindheit" (Baacke/Ferchhoff, in: Haarmann [Hg.], 1997, S. 58ff.).
Freilich wären - unter Berücksichtigung der aktuellen Situation
in Europa (Entwicklung in den Staaten des ehemaligen Ostblocks; Kriege
auf dem Balkan ...) - zumindest noch die "desorientierte Kindheit",
die "Kriegskindheit", die "entwurzelte Kindheit",
... zu ergänzen.
Es ist vor allem die Grundschule, die Kinder mit höchst unterschiedlichen
Lebenserfahrungen, aus unterschiedlichen kulturellen Milieus, Kinder
die relativ unbeschwert aufwachsen konnten, und solche, die ständig
auf der Flucht, auf Wanderschaft ... unter der Last ihrer Probleme
zusammenzubrechen drohen in einer Klasse vereint; ebenso Kinder, deren
Muttersprache auch die Unterrichtssprache ist sowie Kinder mit zahlreichen
anderen Sprachen als Muttersprache ...
Nicht nur Schulbehörden,
sondern auch einzelne Schulstandorte versuchen, diesen neuen Entwicklungen
gerecht zu werden. Im Bezug auf das Wiener Schulwesen sei hier beispielhaft
auf folgende Veränderungen während der letzten 10 Jahre
verwiesen (vgl. Stadtschulrat für Wien, 12/99; S. 81f):
Reformpädagogische didaktisch-methodische Ansätze
(Offenes Lernen, Freinet, Montessori, Jena-Plan, Dalton-Plan, Projektunterricht
...),
Dynamisches Förderkonzept (integrative Förderung),
Flexible Organisationsformen mit dem häufigen Merkmal
"Teamteaching",
Konzeptierung neuer Unterrichtsgegenstände,
Jahrgangsheterogenität in zahlreichen Modellen
des Schuleingangsbereichs (Neue Grundschule, Mehrstufenklasse),
Fächerübergreifender Unterricht (Schulversuch
Mittelschule),
Schülerzentrierter, handlungsorientierter Unterricht,
Alternative Formen der Leistungsbeurteilung (Grundschule,
Schulversuch Mittelschule),
Neuer Leistungsbegriff, der neben den traditionellen
kognitiven Leistungen auch auf den Erwerb sozialer Kompetenz abzielt),
Durchführung internationaler Projekte (Comenius,
Arion, Sokrates ...),
Entwicklung eines Sets an spezifischen Fördermaßnahmen
(interkulturelles Lernen, Teilleistungsschwächen wie Legasthenie,
sonderpädagogische Förderung, allgemeine Förderpläne,
Dissozialität ...),
...
Darüber hinaus
haben alle Wiener Schulen ein auf den Schulstandort bezogenes eigenes
Schulprofil entwickelt: Schulen setzen sich mit gesellschaftlichen
Ansprüchen auseinander, prüfen, wie gut sie diese Ansprüche
erfüllen und ziehen aus dieser Auseinandersetzung mit Schulqualität
Konsequenzen für die weitere Arbeit (vgl. Stadtschulrat für
Wien, 12/99; S. 82).
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2. Veränderungen im Leistungsverständnis
und in der Aneignung
von Wissen, Fertigkeiten und Verhaltensweisen
Die Frage der Leistungsbeurteilung
beschäftigt nicht nur die Schulpädagogik und die Pädagogische
Psychologie, längst ist sie zu einem Politikum geworden. Das
folgende Zitat aus der Parlamentsdebatte vom Juni 1997 beleuchtet
recht gut die weitere Problematik, die sich hinter Fragen der alternativen
Leistungsbeurteilung verbirgt:
"Hier ist in der Tat Handlungsbedarf. ... Sie werfen mir vor,
ich hätte im Unterrichtsausschuß Ihrem Antrag zum Aufsteigen
mit "Nicht genügend" nicht zugestimmt. ... Ich sage
Ihnen: Dieser Antrag hat mit Reform der Leistungsbeurteilung nichts
zu tun, und auch das Pensenbuch ist nicht die Reform der Leistungsbeurteilung.
Ich meine, Reform der Leistungsbeurteilung heißt, darüber
nachzudenken, wie wir denn schulische Leistung definieren wollen.
Wollen wir abfragbares Wissen? Merkfähigkeit? Geht es uns um
persönlichen Lernzuwachs, Zielerreichung, selbständiges
Lernen, Verhalten im Team? Legen wir Wert auf die Fähigkeit,
anderen zu helfen? Wie beobachten wir das? Nach welchen Kriterien
messen wir Leistung? Wie halten wir Leistung fest? Im geheimen Notenbücherl,
oder steht es irgendwo in der Klasse, für alle einsichtbar und
nachvollziehbar? Wie gestalten wir die Rückmeldung an den Schüler,
wie gestalten wir die Rückmeldung an die Eltern? ..."
(Stenographisches Protokoll, 77. Sitzung des Nationalrates der Republik
Österreich, Mittwoch, 11., und Donnerstag, 12. Juni 1997, XX.
Gesetzgebungsperiode; URL: http://www.parlinkom.
gv.at/pd/pm/XX/NRSP/NRSP_077/077_001.htm, abgerufen am 24.6.00)
War der Leistungsbegriff
in Arbeitswelt und Schule lange Zeit auf die Einzelaufgabe und den
Einzelarbeitsplatz hin ausgerichtet, wie wir ihn von der konventionellen,
auf Arbeitsteilung und Funktionsdifferenzierung angelegten Arbeitsorganisation
kennen, so sind heute viele Leistungen in Wirtschaft, Wissenschaft
und Technik nicht mehr so sehr Einzelleistungen oder einzelne Abläufe,
sondern Leistungen von Teams und Gruppen. Wie in der Wirtschaft ist
demnach auch in der täglichen Arbeit in der Schulklasse, auf
die "Leistungsqualität und Leistungsdynamik" bei der
Arbeit in der Gruppe besonderer Wert zu legen; vor allem dann, wenn
"die Arbeitsgruppe oder die Gruppe der Lernenden ihre Aufgabendurchführung
weitgehend selbst steuert und damit selbst entscheiden muss, welche
Leistung welche Situation richtig beantwortet.
Dieser im Wandel begriffene Leistungsbegriff impliziert nach MANFRED
MUSTER,
"daß die Leistungsschwerpunkte sehr unterschiedlich
sein können - je nach Schwierigkeitsgrad einer Problemsituation;
andererseits ist die Arbeitsgruppe ausdrücklich
ein lernendes System, bei dem Erfahrungen mit Siegen und Niederlagen
bei der Aufgabenbewältigung zu neuen und erweiterten, individuellen
und kollektiven Kompetenzen führen." (Muster, http://www.flexible-unternehmen.de/kl0610.htm,
abgerufen am 25. Juli 2000).
Diese Aspekte gestatten nicht nur, auf das aktuell erreichte Leistungsergebnis
zu schauen, sondern öffnen zwangsläufig die Perspektive
für neue Leistungsziele.
Auf einem Symposium
an der Universität Dortmund zum Thema "Schulische Leistungsbewertung
und Qualitätssicherung" verweist LUDWIG ECKINGER darauf,
dass "...schulpädagogisch gesehen ... Leistung in erster
Linie Lernleistung" sei, ... "doch umfasse menschliches
Leistungsvermögen auch soziale Einsatzbereitschaft, Einfühlungsvermögen,
Solidarität und mitmenschliche Fürsorge. So lange statt
eines ganzheitlichen der eingeengte kognitive Leistungsbegriff in
der Schule vorgezogen wird, werden Bewertungen schulischer Leistungen
in Prognosen für Berufseignungen umgedeutet... ." (http://www.vbe.de/html/newm_6c.html;
abgerufen am 25.6.2000)
Aus pädagogischer Sicht wäre also - ausgehend von diesem
modifizierten Leistungsbegriff - eine Schule zu fordern, in der die
Würdigung jeder Leistung von der Individuallage des Kindes oder
Jugendlichen aus geschieht, in der auch die Schwachen, Ängstlichen,
Unsicheren und Benachteiligten bestätigt werden. Lernen darf
demnach nicht in Konkurrenz verwandelt und aus Kindern und Jugendlichen
dürfen nicht Sieger und Verlierer werden.
Zahlreiche Schulen unternehmen
auf der Grundlage dieses veränderten Leistungsbegriffs Versuche,
Lernen anders zu organisieren als in der Form des darbietenden Unterrichts
mit Lehrervortrag und Unterrichtsgespräch. So wird Leistungsbeurteilung
unter Beachtung der jeweiligen Individuallage der Kinder und der gesellschaftlichen
Funktion auch zu einem Schlüssel zur Kultivierung schulischen
Lernens. Dass diese Versuche nicht nur auf Grundschulen beschränkt
bleiben, sondern längst in Hauptschulen und allgemein bildenden
höheren Schulen Platz greifen, zeigen die folgenden Kernelemente
für die Begründung eines pädagogisch legitimierten
Leistungsverständnisses, die von der Abteilung für administrative
Angelegenheiten für allgemein bildende höhere Schulen des
Landes Steiermark herausgearbeitet wurden. Sie stehen miteinander
in Verbindung und können nur zusammen ihre Wirksamkeit entfalten:
"Leistung ist produkt- und prozessorientiert, es
dürfen nicht ausschließlich Lernresultate ins Zentrum der
Unterrichtsarbeit rücken, mindestens gleichgewichtig sollten
die prozessualen Aspekte des schulischen Lernens berücksichtigt
werden.
Leistung ist individuelles und soziales Lernen, ein
pädagogisches Leistungsverständnis sollte die Verbindung
zwischen diesen beiden Aspekten stiften.
Leistung ist problemmotiviertes und vielfältiges
Lernen, schulische Lernumwelten sollten aufforderungsstarke Lernsituationen
enthalten, um die Neugierde bei den Schülern zu wecken und ihnen
vielfältige Möglichkeiten explorativer Tätigkeit zu
bieten.
Leistung hat ermutigendes und anstrengendes Lernen zur
Voraussetzung, der Grundsatz der Ermutigung ist dem Förderprinzip
in Relativierung zum Ausleseprinzip verpflichtet." (http://www.lsr-stmk.gv.at/p3/SCHWERPU.HTM;
abgerufen am 4.6.2000)
Neue Formen der Aneignung
des Wissens haben z.T. neue schulorganisatorische Maßnahmen
zur Voraussetzung, z.T. sind sie auf der Basis eines neu konzipierten
Schulleitbildes umsetzbar, oder auch ausgehend von den in einer konkreten
Schulklasse beteiligten Akteuren: LehrerInnen, Kinder, Eltern ....
Exemplarisch sei hier auf einige aktuelle schulorganisatorische Maßnahmen
und Projekte der Schulentwicklung im Bereich des Stadtschulrats für
Wien verwiesen (vgl. Stadtschulrat für Wien, Schulversuche und
Schulentwicklung, 12/99, S. 11ff.).
Die selektionsfreie Grundschule:
Die Mehrstufenklasse mit reformpädagogischem
Schwerpunkt. In diesem Schulversuch bleiben die Bezugspersonen
für die Kinder über den gesamten Grundschulzeitraum gleich.
Beziehungen können aufgebaut und über mehrere Jahre hin
gelebt und vertieft werden. Altersmäßig heterogene Schülergruppen
bieten eine positive "familiäre" Atmosphäre: Die
Kinder erleben sowohl die Rolle dessen, der unterstützt wird,
auch die des Unterstützenden. Die Kinder finden eine Vielzahl
an Möglichkeiten vor, ihren Selbstwert zu bestätigen und
sich positiv zu profilieren. Durch die Altersdurchmischung werden
unterschiedliche Arbeitstempi und unterschiedliche Leistungsfähigkeit
als selbstverständlich erlebt....
Die modifizierte Grundschule. Der Unterricht
erfolgt in zwei parallelen Klassen, die eine Stammklasse bilden. Diese
Stammklasse umfasst ca. 50 Kinder. Die Organisation des Unterrichts
ist flexibel, je nach erreichten Lernzielen, Lerntempo, Lernschritten,
individuellem Interesse bzw. Förderbedarf - in der Stammklasse,
in einer der Parallelklassen oder in Kleingruppen. Die Stammklasse
wird von drei LehrerInnen betreut.
Die neue Grundschule auf der Grundstufe II. Die
Schulversuch versteht sich als sinnvolle Fortsetzung des Modells "Mehrstufenklasse
mit reformpädagogischem Schwerpunkt".
Das dynamische Förderkonzept: Ziel dieses Projekts ist es, allen SchülerInnen der Grundschule - entsprechend ihren individuellen Bedürfnissen - zielgerichtete optimale Förderung zukommen zu lassen. Förderung bedeutet hier nicht ein Gebot auf Grund eines diagnostizierten Lerndefizits, sondern Förderung kommt vielmehr vielmehr allen Kindern - auch den hoch begabten - zu. Diesem Konzept liegen folgende Merkmale zu Grunde: Unterstützung der Lernprozesse durch Schaffung begabungsfördernder Lernsituationen, Individualisierung der Arbeitsweise, intensivere Lernhilfe, zeitlich längeres Verweilen an Stoffelementen (kompensatorische Maßnahmen), kleine Lernschritte durch Strukturieren der Lerninhalte, individualisierendes Lernen, das auch speziell und allgemein begabten Kindern zugute kommt.
An Hand einer österreichischen
Hauptschule sollen exemplarisch einige Lernformen skizziert werden,
in deren Konsequenz die im nächsten Abschnitt angemessene Formen
der Leistungsbeurteilung beschrieben werden.
Sog. "Offene Lernformen"/"freie Unterrichtsphasen",
die neben dem gebundenen Unterricht und dem Projektunterricht praktiziert
werden, charakterisieren die Arbeit auf der Sekundarstufe: "In
dieser Zeit können die SchülerInnen je nach Begabung, Interesse
und Motivation im individuellen Lerntempo alleine, in Partnerarbeit
oder in Kleingruppen, mit und ohne Hilfe des Lehrers arbeiten. Dazu
werden von den Lehrern (später auch von den Schülern selbst)
in allen Fächern Arbeitspläne erstellt, in denen festgehalten
ist, in welchem Zeitraum welche Mindestanforderungen zu erfüllen
sind. Die Inhalte der Freiarbeit sind je nach Fach verschieden...."
(http://www2.vol.at/
hsbuers/hdoc.htm, abgerufen am 4.6.2000). Die kindbezogene Differenzierung
wird an dieser Schule durch Pflichtteile/Basisstoffe und Zusatzaufgaben
erreicht. Die Freiarbeit wird in Doppelstunden gelegt, im Idealfall
sind dies die ersten beiden Stunden des Vormittags. Freiarbeit zielt
darauf ab, auf "Studierfähigkeit" hinzuarbeiten, "Selbständigkeit
und Eigenverantwortlichkeit" zu entwickeln, "soziale Verantwortung"
zu übernehmen, wie im herkömmlichen Unterricht "Kenntnisse,
Einsichten und Fertigkeiten" zu vermitteln, "fächerübergreifende
Themen" zu bearbeiten (Projekte) und "Disziplinprobleme"
zu verringern.
Die offenen Lernphasen werden folgendermaßen skizziert: "Beim
gemeinsamen Einstieg im Sitzkreis werden die zum Thema mitgebrachten
Gegenstände (Bücher, Bilder, Geschichten usw. ) von den
Kindern vorgestellt, dabei kann jedes Kind sein derzeitiges Wissen
zeigen. Dann werden, wieder gemeinsam von LehrerInnen und SchülerInnen
die wissenswerten Elemente des Themas herausgearbeitet. Auch die Sozialform,
ob in Gruppen oder mit einem Partner oder alleine gearbeitet wird,
sollte gemeinsam besprochen werden. Bei der darauffolgenden Arbeitszeit
tritt der Lehrer in die Rolle des Assistenten. Die Kinder beschaffen
sich durch Lexika, Fachliteratur, praktische Experimente, Gespräche
mit Fachleuten oder aus Fachzeitschriften neues Wissen und bringen
dies nach einer Konzeptphase in eine ansprechende Form. Die Präsentation
der Ergebnisse, meistens wieder im Sitzkreis, ist dann der Höhepunkt
für die ganze Klasse. ..." (http://www2.vol. at/hsbuers/hdoc.htm,
abgerufen am 4.6.2000)
Derart konzipierte Formen
des Lernens stehen beispielsweise in Kongruenz mit dem "Grundsatzerlass:
Ganzheitlich-kreative Erziehung (GZ 10.077/23-Präs.20a/90 vom
7. September 1990), der "problemorientiertes Lernen", "Prozessorientierung,
Selbsttätigkeit, Leistung", "mehrdimensionales Arbeiten",
"Spielpädagogik und Integriertes Schulspiel" sowie
"Kompetenzerweiterung" ausdrücklich anführt.
Auch im Zusammenhang mit der ganzheitlich-kreativen Erziehung wird
ein Leistungsbegriff voraus gesetzt, der soziale Komponenten und individuelle
Möglichkeiten sowie Entdeckungsstrategien, Neugier- und Probierverhalten
... berücksichtigt. Diese Leistungen sollen über rein reproduzierende
Wissensaneignung und deren Kontrolle wesentlich hinausreichen und
sollen bei der Leistungsbeurteilung entsprechend berücksichtigt
werden (vgl. auch den erweiterten Leistungsbegriff im Studientext
"Leistung in Arbeitswelt und Schule").
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3. Andere Lernkulturen erfordern
alternative Formen der Leistungsbeurteilung
Bevor nun auf die alternativen Formen der Leistungsbeurteilung eingegangen wird, soll das folgende Diagramm mögliche wechselseitige Formen der Beeinflussung veranschaulichen:

Intention der beiden
vorangehenden Kapitel war es, zur Überlegung hin zu leiten, dass
kind-/ zeitgemäße Formen des Unterrichts - organisatorisch
und/oder methodisch - auch nach entsprechenden Formen der Leistungsbeurteilung
verlangen. Herkömmliche Schularbeiten mit Ziffernbenotung, denen
ein pädagogisches Konzept zu Grunde liegt, dem zufolge alle Kinder
einer Klasse gleich schnell, gleich gut ... lernen, werden weder einer
heterogenen Lerngruppe gerecht, noch können sie den gesamten
Lernzuwachs (quantitativ und qualitativ) erfassen, der in offenen
Lernphasen oder im Projektunterricht erworben wurde.
FELIX WINTER (1999) beschreibt Alternativen zur herkömmlichen
Leistungsbeurteilung nach den Kategorien
prozessbezogen,
produktbezogen,
personenbezogen und
gemeinschaftlich (vgl. Winter, 1999, S. 71ff).
|
Prozessbezogen
|
Produktbezogen
|
| Berichte
über das Arbeitsvorgehen (z.B. Leistungen innerhalb eines projektartigen Unterrichts festhalten und Reflexionen darüber anregen; Lerntagebücher: ermöglichen es, die eigenen Lernerfahrungen und Arbeitsweisen genauer wahrzunehmen und kontrollieren zu lernen; Kontrollen in der Kleingruppenarbeit: ein "Prozessberichterstatter" kontrolliert den Grad der Zielerreichung und/oder die aufgewendete Zeit; Mitplanung und Kontrolle des Unterrichts durch Schülerinnen und Schüler: vor allem auf der Sekundarstufe II. Kursabschlussbriefe: nach Beendigung eines Kurses/Kursabschnitts schreibt der/die LehrerIn einen Brief an die Klasse, in dem der Arbeitsgang nachgezeichnet, sowie Erfolge und Probleme festgehalten werden... (Winter, 1999, S. 71f.; Gallin & Ruf, 1990, S.166ff.; vgl. auch Pollard, 1998, S. 275ff.) |
Mitteilungen
über die wahrgenommene Leistung: es kann eine nützliche Übung für LehrerInnen sein, eine bestimmte Leistung zunächst nur zu beschreiben und sich der Wertung zu enthalten; Rückmeldebögen: zu bestimmten Arbeiten/ Aufgabenstellungen wird ein Raster mit Beurteilungskriterien erstellt; Wechselseitige Korrektur durch die Kinder, allenfalls auch Rückmeldungen und Verbesserungsvorschläge; ... (Winter, 1999, S. 73; Bartnitzky, 1989; vgl. auch Pollard, 1998, S. 275ff.) |
|
Personenbezogen
|
Gemeinschaftlich
|
| Lernberichte
und Briefe: an einzelne SchülerInnen gerichtet, sind geeignet, die Individualität der Kinder besser zu beachten; Nachdenken über einzelne SchülerInnen: alleine oder mit KollegInnen, die das Kind ebenfalls kennen, aktiv nach den Stärken eines Kindes suchen als Anknüpfungspunkt für Maßnahmen zu Überwindung allfälliger Schwächen; ... (Winter, 1999, S.74, vgl. auch Bartnitzky, 1995; vgl. auch Pollard, 1998, S. 275ff.) |
Gespräche
über Leistungen: mit einzelnen Schülern und oder mit der gesamten Klasse; Selbstbeurteilungen: im Gespräch erfragen oder schriftlich einfordern; Besondere Beurteiler: SchülerInnen in bestimmten Bereichen mit Beobachtungs-und Beurteilungsaufgaben betrauen; Sich selbst Rat und Beurteilungen einholen: Rückmeldungen an den Lehrer zur Verbesserung des Unterrichts; ... (Winter, 1999, S.74f.; vgl. auch Pollard, 1998, S. 275ff.) |
Jede/r Lehrer/in wird - in Abhängigkeit vom Alter der Kinder
und den vorausgegangenen Lern-und Arbeitsweisen - für sich entscheiden,
welche Formen alternativer Leistungsbeurteilung er zur Anwendung bringen
kann und will.
Formen alternativer Leistungsbeurteilung zeigen auch an österreichische
allgemein bildenden höheren Schulen einen bemerkenswerten Innovationsschub,
wobei der traditionelle kognitive schulische Leistungsbegriff nicht
preisgegeben, sondern erweitert wird, So werden für das "porfessionelle
Beurteilen von Fähigkeiten neben den traditionellen u.a. folgende
Datenquellen herangezogen: Diskussionsbeiträge, Gruppenberichte,
Projektberichte, Protokolle, Aufsätze, Portfolios, die fachbezogene
Bearbeitung von Zeitungen oder Zeitschriften, die Führung von
Mitschriften, Berichte über fachspezifische Problemstellungen,
Aktivitäten bei Einzel-, Patner-oder Gruppenarbeiten oder spielpädagogische
Beiträge. Zu den erweiterten Formen der Leistungsfeststellung
gehören darüber hinaus die lernzielorientierte Beurteilung,
die Portfoliobeurteilung oder die direkt kommentierte Leistungsvorlage,
die im AHS-Bereich am ehesten auf die Fachbereichs-arbeit zutrifft,
die den Maturantinnen und Maturanten im günstigsten Fall spezielle
Kenntnisse und entdeckenden Forschergeist attestiert: Der an manchen
Schulen praktizierte lernzielorientierte Unterricht erzeugt hilfreiche
Kommunikationsprozesse zwischen Lehrern und Schülern, indem gemeinsame
Prioritätensetzungen erfolgen, und er fördert ein kommunikatives
Klima zwischen den Schulpartnern." (vgl. URL: http://www.lsr.stmk.gv.at/p3/SCHWERPU.HTM;
abgerufen am 4.6.2000)
weiter zu: 3.1. Das Portfolio und das Wiener Modell der "Kommentierten
Direkten Leistungsvorlage"