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Rio
und der Geschmack von Bildung "Gestern hatten wir
den Rand des Abgrunds erreicht. |
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Hat damals, 1992 in Rio, bei der bislang größten Weltkonferenz, niemand an Schönheit gedacht? Der Zustand des Planeten hat wohl stärker nach Effizienz als nach Anmut verlangt? So sind die nationalen Folgeaktivitäten auch geprägt gewesen von gehetzten Menschen und Kampagnen; selbst Maßnahmen die vorgaben, bilden zu wollen, sind kampagnisiert und damit eng geführt worden. In Eile wurde die Rettung der Welt proklamiert, projektiert, koordiniert, schließlich aber doch nur, wie schon so oft, pädagogisiert. Gelegentlich hört man von Evaluierung - und von Einsparung. Die intellektuelle Redlichkeit der entwicklungspolitischen Übung, Weltprobleme nach der Beschließung einer Weltkonferenz den Lehrern und Kindern in die Schule zu schieben, ist zu bezweifeln; wichtiger aber ist die Frage, ob denn die junge Generation Zukunftsprobleme überhaupt sehen kann und lösen will. Ist nicht die Zukunftsbesorgnis eher ein Konstrukt der Alten, eine Weltsicht, die sich einstellt, wenn man in die Jahre kommt? Waren es nicht - auch im Sinne ihrer eigenen Lebensbiographie - ältere Menschen gewesen, die ökologische Weltthemen sorgenvoll formuliert haben, wie etwa Willi Brand oder Robert Jungk. Wenn sie im Alter klug geworden sind, dann kann man auch der heutigen Jugend ihre Zeit lassen. Eigentlich ist die ältere Generation ein größer werdendes gesellschaftliches Potential für die Umsetzung der Rio-Agenda - schon durch die demographische Entwicklung. Eine
weitere Frage ist, ob die zur Seniorenuniversität werdende 68er-Generation
der Jugend irgendwelche glaubhafte Orientierung bietet. Die Jugendrevolten
der 80er-Jahre, wie sie der schwedische Schriftsteller Per Olof Enquist
in Kopenhagen studierte [1]
, zeigen eine Entwicklung, wie sie für Entwicklungspädagogen nicht bitterer
sein könnte: "Es gab etwas Apolitisches bei ihnen, das überaus unangenehm
war; die jugendlichen Revoltierer bestanden definitiv nicht aus Antikapitalisten,
sie hatten keine ideologische Motivation, ihr Aufruhr stütze sich nicht
auf Theorie, er drückte sich stumm aus, bestenfalls in Graffiti; sie
empfanden jeden Deutungsversuch als eine Falle; sie protestierten nicht
gegen Ungerechtigkeiten und Unterprivilegierung; sie reagierten nicht
mit Analyse, Organisation, Arbeit, sie verzichteten auf eine Artikulation....und
drückten die gleiche Moral aus wie die Neoliberalen, nur umgekehrt:
Sie liessen uns, die Sieger der Zweidrittelgesellschaft, ausserhalb
ihrer Gefühlswelt".
In der Dekade nach Rio
ist trotz aller antikapitalistischen Rhetorik der ökonomistisch geprägte
Diskursrahmen nicht erweitert worden. Nicht nur gleicht die Arbeitsweise
der "Weltretter" immer mehr den herrschenden Ausbeutungsverfahren,
wie sie die vermeintlichen Gegner in den Konzernen und militärisch-industriellen
Komplexen vorgeben, auch der gewählte Handlungsrahmen ist konformistisch
verengt. Produktdeklaration, Konsumentinnenerziehung, Imagekampagnen
für oder gegen eine Firma - entlang der vorgegebenen Schienen von global
business wird kontextkonform agiert.
Das verbessert gewiß
manche Verhältnisse, kann aber dem politischen Anspruch nicht einmal
annähernd genügen, und es hat einen hohen Preis, der nicht gesehen oder
unterschlagen wird. So wie die "Weltzerstörer" den Verbrauch an reiner
Luft, sauberem Wasser, Ruhe etc. für die Produktion wirtschaftlicher
Güter gerne unberechnet lassen, ja sogar ihre Verschmutzung und Vergeudung
in Kauf nehmen, mißbrauchen oder verschütten die "Weltretter" für vermeintliche
politische Gegenstrategien die Ressourcen der Sprache, die Klarheit
der Begriffe, die Potentiale von Geschichte(n), die Qualität (Bestimmtheit)
von Bildung. Für ein bißchen Gewinn, für schnellen Erfolg! Im Namen
der Nachhaltigkeit!
Fast alle Daten deuten darauf hin, daß die Degradierung der natürlichen Lebensgrundlagen auf unserem blauen Planeten in dem Jahrzehnt seit Rio so gut wie ungebremst weitergegangen ist, obwohl die mit dem Rio-Bekenntnis eingegangenen Verpflichtungen substantiell sind: "Das ist ein Umkrempeln bis tief hinein in das Wesen der Industriegesellschaft. Eine Revolution im wahrsten Sinne des Wortes..." zitiert Ulrich Grober einen bayerischen Forstmann. Aber das Konzept greift nicht. Es ist weder in der gesellschaftlichen Mitte, noch in den Herzen und Köpfen der Menschen und - allen Bekenntnissen zum Trotz - auch nicht in der politischen Klasse angekommen.[2] Es wird viel davon abhängen, so Ulrich Grober, ob es uns gelingt, das Wesen des zentralen Begriffs und das volle Potential der Idee zu erkunden. "Nachhaltigkeit ist weit mehr als die intelligentere Steuerung des Ressourcen-Managements, mehr als ein Begriff aus der Retorte von Club of Rome, Weltbank und UNO. Schubkraft bekommt die Idee, sobald sie als ein neuer zivilisatorischer Entwurf wahrgenommen wird, als ein neuer Entwurf, der allerdings in unseren Traditionen und in der menschlichen Psyche verwurzelt ist."... Die Formel "sustainable developement" ist zwar neu, aber die Substanz dieses Denkens ist uralt und global verbreitet - ein Weltkulturerbe.[3] "Rio" lebt, wenn die ökologisch gesinnte Subkultur aus Graswurzel-Initiativen, einzelnen Menschen, Teilen der Verwaltung, wissenschaftlichen Einrichtungen etc wächst und ein Vermögen an Wissen und Kompetenzen aufbaut - und dabei ihre ästhetische Gesinnung entwickelt. In der Logik eines tibetischen Sprichworts wäre das gleichsam der "Wald". In Pannonien mögen dazu
Bäume wachsen. Das Europahaus wird mit Unterstützung der Gesellschaft
für Kommunikation und Entwicklung (KommEnt) und in Zusammenwirken mit
interessierten Menschen dem "Geschmack der Nachhaltigkeit" nachspüren.
Das Aktuell wird darüber weiter erzählen. |
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| [1]
Per Olov Enquist, Die Kartenzeichner. Fragile
Utopien. Hanser, 1997. S. 205ff -
[zurück] [2] Ulrich Grober, Die Idee der Nachhaltigkeit als zivilisatorischer Entwurf. In: Aus Politik und Zeitgeschichte. Beilage zur Wochenzeitung „Das Parlament“ vom 8. Juni 2001. S.3 - [zurück] [3] Ulrich Grober, S.3 - [zurück] |