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Öffentlichkeit Eine Europäische Öffentlichkeit ist empirisch kein Problem: die Vogelgrippe wird von Finnland bis Malta diskutiert, Olympische Spiele und Fussballeuropameisterschaften sind gemeinsame öffentliche Ereignisse - und die Sprachenvielfalt ist dabei kein Thema. Neben diesem empirischen Öffentlichkeitsbegriff, der schlicht feststellt, ob sich die Menschen in Europa über etwas unterhalten, gibt es noch einen anspruchsvolleren politisch-theoretischen Aspekt, durch den Öffentlichkeit mit Herrschaftskritik in Verbindung gebracht wird. In der Aufklärung passierte die Aufklärung, indem die Herrschaft erstmals in das Licht der Öffentlichkeit getaucht wurde. Immanuel Kant hatte die Legitimität der Herrschaft mit der Publizität verknüpft und die Öffentlichkeit als jenen Raum bezeichnet, wo sich die Herrschaft legitimiert. Diesbezüglich gibt es in Europa sehr wohl ein Problem: Gesetze sind europäisch, ihre Rechtfertigung geschieht aber in nationalen Öffentlichkeiten und in nationalen politischen Kontexten. Das schwierigste Problem aber liegt darin, eine für Bürgerbeteiligung bekömmliche Öffentlichkeit zu erfinden, um nicht in den Medien, der vermeintlichen Öffentlichkeit, zu landen. Goethe sah schon zu seiner Zeit in den Medien die Verkuppelung von Eile (velocitas) mit Luzifer - wahrlich veloziferisch: alles, was Nachricht ist, wird von den Journalen an die Öffentlichkeit gezerrt, "von Haus zu Haus, von Stadt zu Stadt, von Reich zu Reich und zuletzt von Weltteil zu Weltteil" Radikale Absagen an die großöffentlichen Diskurse sowie Aufrufe zu Rückzugsbewegungen ins Private kennen wir von Intellektuellen aus dem ehemaligen Ostblock (Antipolitik), es gab und gibt sie aber auch im Westen, hier und heute bezogen auf die pausenlosen Hintergrundgeräusche aus Talkshows, Parlamentsdebatten und sogenannten Gesprächsrunden, die nicht bloß seicht und oberflächlich scheinen, sondern viel mehr den Verdacht unterhalten, hier würde ein Spiel gespielt. Der Schriftsteller Botho Strauß formulierte dazu radikal: "Das einzige, was man braucht, ist der Mut zur Sezession, zur Abkehr vom Mainstream." Die Demokratie benötigt "Pflanzstätten für die von ihr Abgesonderten. Abschnitte, Orte, wo ihre Rede nicht herrscht und die inzüchtige Kommunikation unterbrochen ist. Ich bin davon überzeugt, daß [solche] Orte der Absonderung, daß ein versprengtes Häuflein von inspirierten Nichteinverstandenen für den Erhalt des allgemeinen Verständigungssystems unerläßlich ist." Und dann: Tatsächlich reichen die Bemühungen in Bürgerinitiativen und Bildungseinrichtungen von Professionalisierung strategischer Medienarbeit bis zu Formen der Kleingruppenpädagogik (Studienzirkel), die auch für die neuen Technologien adaptiert werden (siehe Stichwort Internet). Zum Weiterlesen: Merkwürdige Welten,
Bilder- und Lesebuch zu europäischen Versammlungskulturen. Dokumentation
einer Grundtvig-Lernpartnerschaft. 96 Seiten. Verlag Rötzer.
Europahaus Burgenland_Dossier. Eisenstadt 2003 Sie können diesen Text auch als *.doc-File downloaden... |
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Plan
D Nach den gescheiterten Verfassungsreferenden in Frankreich und den Niederlanden sucht die EU den Dialog mit ihren Bürgern. Obwohl Kommentatoren vor einem möglichen "Non" gewarnt hatten, hatte weder die Kommission noch der luxemburgische Ratsvorsitz einen "Plan B" parat. Auf dem im Juni stattfindenden Gipfeltreffen verordnete sich die EU-Spitze eine "Reflexionsphase"; es sollte eine breite Debatte über die EU innerhalb der Bevölkerung angeregt werden. Vor diesem Hintergrund brachte Margot Wallström, die Vizepräsidentin der Kommission, zuständig für institutionelle Fragen und Kommunikation, die Idee eines "Plan D" ins Spiel. Ziel des am 13.10.2005 veröffentlichten Plans ist es, die Kommunikation zwischen der Union und ihren Bürgern zu verbessern und ihnen europäische Entscheidungen und Reformen auf eine verständliche Weise näher zu bringen. Am 13. Oktober 2005 startete
die Kommission ihren "Plan D". Vizepräsidentin Wallström
kommentierte dessen Lancierung wie folgt: "Bei Plan D geht es um
Diskussion, Dialog und aufmerksames Zuhören." Plan D soll
politische Ideen nach sich ziehen, die den Wandel bewirken. Angesichts
der Herausforderungen, vor die uns die Globalisierung stellt, wollen
die Menschen wissen, wie es um die Sicherheit ihrer Arbeitsplätze
und ihrer Renten, das Problem der Migration und die Aufrechterhaltung
ihres Lebensstandards bestellt ist. Europa muss sich erneuern, damit
es selbst Teil der Lösung des Problems wird. Ziel des "Plan
D", ist es, die Union demokratischer zu machen, eine breite öffentliche
Debatte anzustoßen und einen neuen Konsens über die künftige
Marschroute der Union herbeizuführen. Jetzt müssen die Mitgliedstaaten
die Gelegenheit ergreifen und die Debatte anstoßen und als Motor
für den Wandel in Europa fungieren. "Plan D" ist
Ausdruck ehrgeiziger Zielsetzungen und wie auch im Fall von Lissabon
vom Mitwirken und dem politischen Willen der Mitgliedstaaten abhängig.
Voraussetzung für das Gelingen ist letztlich die Unterstützung
der politischen Eliten der Mitgliedstaaten. Sollten die Mitgliedstaaten
die ihnen zugeteilte Rolle auch diesmal nicht wahrnehmen, läuft
die Kommission Gefahr, wieder einmal die Schuld für das Versagen
nationaler Politiker in die Schuhe geschoben zu bekommen. Es erscheint
fraglich, ob die Regierungen aller Mitgliedsstaaten wirklich Debatten
ins Leben rufen werden. Dem Konvent zur Zukunft Europas war dies zumindest
nicht gelungen. Im "Plan D" wird das "Irish National
Forum on Europe" als Vorreitermodell genannt. Zum Weiterlesen: Madeleine von Mohl : Plan
D zur Kommunikationsstrategie der EU - Nicht mehr als Selbstverständlichkeiten.
Konrad Adenauer Stiftung, November 2005 Sie können diesen Text auch als *.doc-File downloaden... |
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Das
Politische Heute gibt es für jedes Detailproblem einen Experten. Das sind jene, die von immer weniger immer mehr zu verstehen vorgeben. Und uns übrigen Menschen wird nahe gelegt, dass wir doch von immer mehr immer weniger verstehen würden und deswegen eben immer mehr auf die Experten hören sollten. Seltsam freilich, dass trotz diesem Expertenkult und dieser Art von Detailversessenheit immer mehr Lebensfragen immer mehr über den gleichen Kamm geschert werden, den Kamm der Ökonomie. Ob in der Liebe, in der Familie, im Sport, in der Musik, in der Arbeit oder an der Börse: Überall wird investiert, optimiert, rationalisiert; es muss überall rentieren, das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmen, es gibt überall einen Markt mit Angebot und Nachfrage, der Aufwand muss sich lohnen, und zwar sofort, Leerzeiten sind verpönt, immer just in time, entsprechend müde sind wir und kämpfen vor dem Schlaf auch noch um den Schlaf. Doch wer sagt, dass die Liebe gleich funktionieren muss wie eine Fabrik? Hat einer wirklich schon bewiesen, dass eine Familie mit derselben Leadership ebenso erblüht wie ein Unternehmen, eine Kompanie oder eine Regierung? Ist ein erfolgreicher Unternehmer wirklich automatisch ein grosser Staatsmann? Etwas ist dann selbstverständlich und herrscht vor, wenn es nicht mehr in Frage gestellt wird oder entsprechendes Nachfragen verpönt ist und zu Vielen überflüssig erscheint. Dennoch möchte ich die gegenwärtige Hegemonie des ökonomischen Denkens über alle Lebensbereiche grundsätzlich in Frage stellen. Die ordnungspolitische Gleichschaltung von Wirtschaft, Politik, Kultur, Partnerschaft und Sport ist verhängnisvoll und führt zur Verkümmerung all dessen, was sich ökonomisch nicht rechnen lässt. Wir sollten wieder die kleineren und grösseren Unterschiede beachten lernen. Exemplarisch lässt sich dies an der Gleichschaltung von Politik und Wirtschaft illustrieren. In der Wirtschaft geht es um die Reproduktion dessen, was wir zum Leben nötig haben. Ein berühmter Philosoph (Karl Marx) sprach in diesem Zusammenhang vom "Reich des Zwangs oder der Notwendigkeit", während der Sinn der Politik die Freiheit ist. Und zwar nicht die Freiheit der Wahl zwischen verschiedenen, von anderen angerichteten Angeboten oder "Optionen" - das wäre eben die ökonomische Reduktion der Politik und der Freiheit -, sondern die Freiheit zum gemeinsamen Handeln mit anderen, so dass wir gemeinsam auf unsere Lebensgrundlagen einwirken können und das Leben nicht als Schicksal erdauern müssen. Immer wieder kommt es
zu entsprechenden Erfahrungen von gelungenem gemeinsamen politischen
Handeln, zu Momenten, in denen viele merken, dass sie durch ihr Engagement
Wesentliches verändert haben, das ohne ihr Handeln so nicht Wirklichkeit
geworden wäre. Letztmals war dies in der Wer die ganz grundsätzlich unterschiedlich strukturierten Lebensbereiche Wirtschaft und Politik aber gleichstellt und diese Ordnungsdifferenzen verkennt, wird einem banalisierten Verständnis von Demokratie und Freiheit zum Opfer fallen und dabei ganz nebenbei auch die republikanischen Stärken der in der Schweiz geltenden Direkten Demokratie verkennen. Denn wer sich in der Politik und der Wirtschaft gleich verhält, wird mindestens in einem Bereich kläglich scheitern. Was in einem Fall stimmt, ist im anderen Bereich hinderlich oder sogar falsch. So kann einer an der Börse
alleine und mit etwas Sachverstand und viel Glück durchaus reich
werden; in der Politik kann einer alleine und auch mit viel Sachverstand
aber nur verzweifeln - um handeln zu können, muss ich mich mit
anderen zusammen tun, mindestens mich auf viele andere einlassen, mich
mit ihnen absprechen, verständigen. Geld investieren sollte ich
nur in ein Unternehmen, von dem ich mich zuvor vergewissert habe, dass
es mein Geld nicht in den Sand setzt; politisch handeln muss ich auch
dann, wenn ich vom Erfolg meines Handelns noch nicht überzeugt
bin. Wer politisch erst dann handelt, wenn der Erfolg garantiert ist,
kommt immer zu spät, beziehungsweise dessen Tun war überflüssig,
denn Andere haben zuvor das Wesentliche schon geschafft. Passiv lässt
sich vielleicht das Schöne konsumieren, frei sein können wir
aber nur aktiv, in dem wir handeln, wie wir glauben handeln zu sollen. Andreas Gross ist National- und Europarat und Leiter des Wissenschaftlichen Instuts für Direkte Demokratie (WIDD) in St. Ursanne. Zum Weiterlesen: Emanuel Richter, Das republikanische Europa, Opladen 1999Philip Pettit, Republicanism, A Theory of Freedom and Government, Oxford 1999 Sie können diesen Text auch als *.doc-File downloaden... |
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Souveränität Der Souverän ist
diejenige Instanz, die in der Politik das letzte Wort hat; in einer
Direkten Demokratie das Volk. Doch auch bei uns ist das Volk, der Souverän,
nicht absolut souverän. Denn auch das Volk hat sich an die Bundesverfassung
zu halten, die es sich mit Mehrheit selber gegeben hat. Darin bringt
der Souverän seinen Willen zum Ausdruck, die Grundrechte jeder
und jedes Einzelnen, beispielsweise das Willkürverbot, ebenso zu
achten wie die europäischen Menschenrechte. Andreas Gross ist National- und Europarat und Leiter des Wissenschaftlichen Instuts für Direkte Demokratie (WIDD) in St. Ursanne. Sie können diesen Text auch als *.doc-File downloaden... |
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Staatlichkeit
Die Staatlichkeit der Europäischen Union (EU) ist politisch und begrifflich umstritten. Der Umgang mit dieser Frage hängt vielfach von der ideologischen Position der mit dieser Frage konfrontierten Personen ab. Verwirrend erscheint zum Beispiel, dass die EU zwar einerseits über eine Legislative, eine Exekutive und eine unabhängige Gerichtsbarkeit verfügt, anderseits aber keine eigene Rechtspersönlichkeit besitzt, die es ihr unter anderem erlaubte, eigenständig Verträge mit Drittstaaten abzuschließen. Nun, dieser Eindruck ist falsch und richtig zugleich. Er ist die Konsequenz einer Komplexität und Mehrdeutigkeit, die die öffentliche Kommunikation über die EU so schwierig macht. Die Mehrdeutigkeit ergibt sich teilweise aus dem prozessualen Charakter der europäischen Integration, in der immer wieder neue Aspekte und Ebenen zusammengeführt werden, die nicht unbedingt harmonisch zusammenpassen. Nach außen sichtbar wird diese Entwicklung vor allem in den "Verträgen": Die "Römischen Verträge" (1957) - Vertrag zur Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, Vertrag zur Gründung der Europäischen Atomgemeinschaft; Einheitliche Europäische Akte (1986); Vertrag über die Europäische Union (1992); Vertrag von Amsterdam (1997); Vertrag von Nizza (2001). Diese Verträge schaffen die Grundlage für ein hochfragmentiertes Entscheidungssystem, in dem eine Vielzahl von unterschiedlichen privaten und öffentlichen Akteuren interagieren. Teile dieses Systems verfügen über Rechtspersönlichkeit, können also im Rahmen ihrer Kompetenz zum Beispiel Verträge mit Drittstaaten abschließen, andere dürfen das nicht beziehungsweise streben eine solche Kompetenz erst an. Die komplexe Widersprüchlichkeit, um die es sich bei der EU offensichtlich handelt, provoziert immer wieder die Verwendung von Metaphern, um das Verständnis zu erleichtern. Eine solche Metapher ist das Bild von den "drei Säulen", die das EU Gebäude stützen. Säule 1 bilden die Europäischen Gemeinschaften, bestehend aus der Europäischen Gemeinschaft (EG), der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) und die Europäische Atomgemeinschaft (EAG). In der breiten Öffentlichkeit wird daraus vor allem die EG wahrgenommen, die dort nach dem Vertrag zur Gründung der Europäischen Union (1992) semantisch mehr oder weniger nahtlos in den Terminus "EU" übergegangen ist, ohne dass sich die beiden inhaltlich auch wirklich entsprächen. In dieser Säule 1 folgt die EU noch am ehesten den Merkmalen herkömmlicher Staaten (Volk, Territorium, Staatsgewalt und Vertragsfähigkeit nach außen). Hingegen sind Säule 2 und Säule 3 hinsichtlich Staatlichkeit erst rudimentär entwickelt. Mit Säule 2 ist eine "Gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik (GASP)" gemeint und Säule 3 bezieht sich auf polizeiliche und justitielle Zusammenarbeit in Strafsachen. Die EU ist sozusagen die äußere Hülle dieser Konstruktion, die selbst aber keine Rechtspersönlichkeit besitzt. In dem bisher noch nicht vollständig ratifizierten Verfassungsvertrag ist allerdings Rechtspersönlichkeit für die EU als Ganzes vorgesehen. Der Konflikt um dieses Vertragsdokument ist im Grunde eine Auseinandersetzung zwischen Befürwortern von Zwischenstaatlichkeit auf der einen und Suprastaatlichkeit auf der anderen Seite. Wegen der neuartigen und komplexen Konstruktion der Europäische Union könnte man sie auch als Staat sui generis oder supranationalen Netzwerkstaat (M. Castells) diskutieren. Macht wird in diesem Modell nicht hierarchisch, sondern durch Verhandlung und komplexe Kommunikation stabilisiert. Die Nationalstaaten werden weder ganz abgeschafft, noch werden sie wie im Bundesstaat einem übergeordneten Ganzen untergeordnet, sondern bleiben als selbständige und gleichberechtigte Netzwerkknoten erhalten. Ob die EU tatsächlich einer solchen Staatlichkeit entspricht, bleibt offen, weil ihr politischer Formierungsprozess noch nicht abgeschlossen ist. Auch ist weder in der EU-Wirklichkeit noch in der Theorie das Problem der Legitimation solcher politischer Systeme geklärt. Als Netzwerkstaat hätte die EU vor allem das Problem, dass die Machtträger zwar auf nationaler Ebene demokratisch legitimiert sind, sich ihre supranationalen Entscheidungen aber weitestgehend einer demokratischen Kontrolle entziehen, weil sie in Netzwerken außerhalb des demokratischen Systems gefällt werden. Eine Antwort darauf könnte vielleicht beim Subsidiaritätsprinzip (‚schlanke' EU) und im Ausbau der direkten Demokratie (‚Schweizer Modell') ansetzen. Außerdem bedürfte es neuer Entscheidungsmodelle, die die gruppendynamischen Zufälligkeiten in den EU Räten vermeiden helfen. Nur, ob die EU schon ein Netzwerkstaat ist, oder sich darauf hinbewegt, ist theoretisch und politisch noch keineswegs geklärt. Realistischere Aufschlüsse über die mögliche Richtung der Entwicklung können aus der noch nicht ratifizierten Verfassung abgeleitet werden. Dort finden sich Idee zu einer "partizipativen Demokratie", die allerdings eher als freier Austausch von Ansichten verstanden wird und nicht als generelle Mitentscheidung der Bürger. Das demokratische Leben der Union wird vorrangig als ein Problem von Transparenz und Information verstanden. Große Hoffnung wird in diesem Zusammenhang auf die neuen Informationstechnologien gesetzt. Die Vorstellungen des Verfassungsvertrages zur "repräsentativen Demokratie" folgen hingegen konventionelleren Ansätzen, außer dass sie im Unterschied zum nationalstaatlichen Regime zwei Adressaten unterscheiden: neben den im Europäischen Parlament repräsentierten Bürgern der Union auch noch die Mitgliedstaaten, repräsentiert im Europäischen Rat und Ministerrat. Das Europäische Parlament und die nationalen Parlamente sollen Kompetenzen hinzugewinnen. Auch Bürgerinitiativen auf Unionsebene sind vorgesehen. Allerdings verflüchtigt sich das Konzept des "Bürgers", das für das politische Leben im Nationalstaat zentral ist, in eine allgemeine Weltbürgerlichkeit, die in der Substanz mit Bürgern von Nationalstaaten kaum mehr etwas zu tun hat. Die Differenz zwischen ‚citizen' und ‚resident' wird bis zur Unkenntlichkeit verwischt. In diesem Zusammenhang wird auch von "output-Legitimation" gesprochen: Die EU als politisches System legitimiert sich über Nützlichkeit und Effizienz. Dem wird die "input-Legitimation" gegenübergestellt: Die EU ist legitim, weil ihre Bürger an zentralen Entscheidungsprozessen demokratisch teilhaben. Es scheint so, als ob die EU letzteres ihren Mitgliedsstaaten überlassen möchte, weil "government by the people" auf supranationaler Ebene zu unrealistisch erscheint. Die Mitgliedsstaaten garantieren den Weiterbestand demokratischer Verfahren, die EU eine effiziente transkontinentale Politik. Allerdings stellt sich die Frage, ob eine solche Arbeitsteilung in der Praxis überhaupt möglich ist. Welche Form von Staatlichkeit die Europäische Union letztendlich annehmen kann, wird nicht zu geringem Maße davon abhängen, mit welcher Art von politischer Legitimation die Bürger der Mitgliedstaaten schließlich einverstanden sein werden. Josef Langer ist Professor für Soziologie an der Universität Klagenfurt. Zum Weiterlesen: Baldwin, Richard/Widgren,
Mika: Winners and Loosers under Various Dual-Majority Voting Rules for
the EU's Council of Ministers, in: CEPES Policy Briefs, 50, April 2004,
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Stimmung In der Alltagssprache wird unter "Stimmung" entweder eine Situation verstanden, die Menschen erfahren oder eine Verfasstheit, in der sich ein Mensch befindet. Letzteres Phänomen könnte auch als "Gestimmtheit" bezeichnet werden. Die sozialwissenschaftliche Terminologie sah bisher dieses Phänomen als nicht relevant für ihre Forschung an, viel mehr wurde es von der phänomenologischen Philosophie sowie von der Gestaltpsychologie behandelt, etwa in der Philosophie der "Neuen Phänomenologie" des Kieler Philosophen Hermann Schmitz. Sein Begriffeapparat kann dazu dienen, den Blickwinkel für politische Analysen zu modifizieren. Der Bewusstseinshorizont aller Menschen besteht aus der physischen Lebenserfahrung (d.h. dem körperlichen Erleben seiner Lebenssituation in der Arbeitswelt und in der Freizeit, also körperliche Anstrengung, u.ä.m.) und dem heute gesellschaftspolitisch immer relevanter werdenden Anteil des leiblichen Spürens, der mit dessen kognitiver Verarbeitung einhergeht (Hermann Schmitz: "Mit einem Schlag den Gesamt-Eindruck des Menschen gegenüber als sympathisch oder nicht zu spüren."). Man erlebt "Stimmungen". Die wichtigen Begriffe der gemeinsamen implantierenden vs. der gemeinsamen includierenden Situation verweisen auf die Aufdeckung jener je schon vorhandenen Erlebens- und Kommunikationsdimension der Menschen, die aber durch die absolutistische Dominanz der Naturwissenschaften in unserem westlichen Kulturkreis als "Sinnestäuschung", insbesondere seit der Renaissance bis vor wenigen Jahren, denunziert wurde. Aber Menschen agieren aus ihrer persönlichen Situation heraus. Schmitz meint damit, dass alle Menschen von Geburt an in gemeinsamen Situationen leben, woraus sich eine binnendiffuse Multivalenz im Erleben und Handeln ergibt. Gerade schnelle Entscheidungen in Krisensituationen bewältigen wir nicht mit langwierigem Kalkulieren und Abwägen aller Vor- und Nachteile einer bestimmten Entscheidung, sondern leiblich, d.h. wir geraten unwillkürlich in eine "Verschmelzung" mit der gesamten Situation (Schmitz' Bsp.: Der Autofahrer muss plötzlich auf eine Gefahr im Straßenverkehr reagieren; er bildet mit seinem Fahrzeug eine Gesamtheit). Die gemeinsamen Situationen erzeugen die leibliche Kommunikation zwischen dem Akteur und seiner dinglichen und/oder sozialen Mitwelt. Entscheidende Merkmale dieser Kommunikation sind, dass sie nicht durch die körperlichen Sinne (v.a. Sehen, Hören, Tasten), sondern durch leibliches Spüren passiert, vorsprachlich ist, sogar bereits bei höher entwickelten Tieren anzutreffen ist und immer eine chaotisch-mannigfaltige Vielheit an Entscheidungs-möglichkeiten zulässt. Dieses Erleben von Situationen geht nun einher mit dem Spüren einer Stimmung. Schmitz versteht darunter alle Gefühle, die weit sind. Sie existieren in der Form einer "Verzweiflung" (nicht i. S. v. hoffnungslos, sondern als große Leere) bzw. des Gegenteils, der "Zufriedenheit" (ebenfalls nicht als erfüllter Wunsch, sondern als Erfülltheit von "innen") (Schmitz 1995, 297ff.). Diese Gefühle stellen eben keine "Erwartungsgefühle" dar, sondern entstehen durch die leibliche Kommunikation des Menschen mit seiner Umgebung, also als eine Interaktion des Menschen mit der ihn umgebenden Atmosphäre (etwa dem Gefühl einer "freundlichen" oder einer "ablehnenden Stimmung" in einem bevölkerten Saal). Im politischen Feld populistischer Strategien ("Politik für den Kleinen Mann") entspricht der Definition der gemeinsamen implantierenden Situation von Schmitz etwa das Aufkommen eines verbindenden Gefühls der "Masse" mit ihrem charismatischen Führer, wie er es in seinem Buch "Adolf Hitler in der Geschichte" (Bonn 1999b) für die "Führerveranstaltungen" der Nationalsozialisten getan hat: Populisten schaffen es (unbewusst oder eingelernt), durch musikalische Untermalung wie exakte Inszenierung ihrer politischen Veranstaltungen und abgestimmter Sprachmelodien eine Eindruckstechnik (Schmitz 1999b, 242 ff.) unter dem Publikum aufzubauen, die verschieden gelagerte Sehnsüchte gleichzeitig bedient, d.h. in ihrer binnendiffusen Multivalenz divergierende Gefühle gleichzeitig zulässt: ein "Sich-Erheben" über die Tristesse und Ausweglosigkeit der alltäglichen Lebenssituation, gepaart mit einem wohligen Gefühl des Aufgehobenseins und Mitgetragenwerdens durch die "Gemeinschaft", hingegen bei anderen Teilnehmern ein knisterndes Elite-Gefühl des Dazugehörens zu den Siegern der Gegenwart und Zukunft. Unser naturwissenschaftlich geprägtes Wahrnehmungsmodell will uns weismachen, dass die "objektiven Tatsachen" einer vollständigen Erfassung sozialer Phänomene entsprächen. Analog zu Schmitz kann dagegengehalten werden, dass die "objektiven Tatsachen" erst nach Abschälung der subjektiven Tatsachen (Schmitz 1999b, 23) durch Subtraktion eben dieser Erlebensdimension, also der volleren Realität, statistisch abstrahiert vor uns liegen. Daraus ergibt sich ein wesentliches Problem für unsere Interpretation dieser sozialen Phänomene: Die Menschen sind nicht emotionalisierter als früher (so eine oftmals von "vernunftorientierten" Menschen geäußerte Kritik am immer unberechenbareren WählerInnenverhalten), sondern das theoretische Modell befindet sich in der Krise. Neben
dem jederzeit kurzfristig zu aktivierenden Phänomen der Massenbegeisterung
(aktuelle Situation, Schmitz 1999b, 22) gilt es zusätzlich,
auf einen latent vorhandenen, "darunter liegenden", Grund
für das Ansteigen einer diffusen Unzufriedenheit und auf eine spezielle
Begebenheit hinzuweisen: Thomas Mann studiert Soziologie und arbeitet in der Erwachsenenbildung. Zum Weiterlesen: Adler, Max (1913): Marxistische
Probleme, Stuttgart. Sie können diesen Text auch als *.doc-File downloaden... [1] Adler, Max: "Nicht die Gesellschaft ist der Träger des sozialen Lebens, sondern nur der Einzelmensch, aber freilich der Einzelmensch, wie wir ihn heute allein noch verstehen können: nämlich der als Einzelmensch zugleich vergesellschafteter Mensch ist, [...]", in: Ders. (1913): Marxistische Probleme, S. 6, Stuttgart. |
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Studienzirkel Wenn wir uns ein bisschen umsehen - nämlich auf Bildungs-Reisen durch Orte und Nicht-Orte in Europa - so wird sehr bald klar, dass wir noch viel zu erfahren und zu erlernen haben - und zwar nicht nur über das, "was" wir lernen, sondern auch darüber, "wie" und "wo" wir lernen. Letztendlich geht es nämlich immer auch darum, gute Orte entlang von "Nachhaltigen Wissenswegen" zu finden, die demokratisch, stärkend, vielfältig und verantwortungsvoll sind. Und Nicht-Orte, die autoritär, verunsichernd und verstörend sind, zu entlarven. So entwickelte sich eine
kleine europäische Bildungsinitiative, ein Studienzirkel für
Frieden und Globales Lernen, die im Rahmen des Grundtvig-Programmes
der Europäischen Kommission unterstützt wird und die antritt,
die traditionelle skandinavische Lernform "Studienzirkel"
auf ihre Brauchbarkeit und Verortung zu überprüfen. Die Methode
Studienzirkel wird mit konkreten Inhalten gefüllt, die ebenfalls
das Potential zu einer zivilgesellschaftlichen Stärkung haben,
nämlich "Frieden und Globales Lernen". Initiiert wurde
das Projekt von Südwind NÖ Süd und wesentlich inspiriert
durch die vielfältigen Bildungs-Arbeiten des Europahauses Burgenland.
Gemeinsam mit PartnerInnen aus Schweden, der Slowakei, aus Ungarn und
aus Litauen begab sich eine Gruppe von Lehrenden in eine mehrjährige
Zusammenarbeit mit dem Ziel, selbst einen Studienzirkel und damit Lern-Orte
zu gestalten und durch die unmittelbare Erlebbarkeit daran zu lernen.
Die Studienzirkeltradition
in Europa hat seinen Ursprung in Schweden und ist bis heute eine wichtige
Lernform insbesondere in der Erwachsenenbildung in ganz Skandinavien. Der Studienzirkel ist
eine Lernform, der das Bewusstsein zugrunde liegt, dass eine Stärkung
der Zivilgesellschaft notwendig ist und diese durch Bildung erreichbar
ist. Es geht dabei um demokratische Arbeitsformen in der Wissensvermittlung,
denn "Lernen und Lehren" wird verstanden als Prozess, wo Menschen
im Mittelpunkt stehen, die gemeinsam nach Wissen suchen. Studienzirkel
setzen voraus, dass alle TeilnehmerInnen aktiv in die Planung und Gestaltung
einbezogen werden. Der Erfahrungsaustausch und die gemeinsamen Analysen
sind ein zentraler Aspekt der Zirkelarbeit. Der Lernprozess ist geprägt
von Integration und Entwicklung und offener Kommunikation. Damit ist
eine Lernatmosphäre geschaffen, die geeignet ist, Identitäten
zu verhandeln und zu stärken - eine zutiefst wichtige Zielsetzung
jeglicher Bildungs-Orte.
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Transparenz
Der Begriff Transparenz wird im Rahmen der Union häufig für die offene Arbeitsweise der EU-Organe verwendet. Er bezieht sich auch auf den vielfach geforderten leichteren Zugang der Bürger zu Informationen und Dokumenten der Europäischen Union, eine verstärkte Beteiligung an der Beschlussfassung sowie eine bessere Verständlichkeit der Rechtsvorschriften (Vereinfachung der Verträge, Konsolidierung und bessere redaktionelle Qualität der Rechtsvorschriften). Der Hinweis auf mangelnde Transparenz ist oftmals Ausdruck des Gefühls der EU-Bürger, dass es sich bei den Organen und Einrichtungen der Union um unerreichbare und wenig zugängliche Institutionen handelt, deren Beschlussverfahren schwer nachvollziehbar sind. Was insbesondere den Zugang zu Dokumenten anbelangt, so haben der Rat und die Kommission anlässlich des Ratsbeschlusses vom 20. Dezember 1993 einen Verhaltenskodex gebilligt, in dem gemeinsame Grundsätze beider Organe festgelegt sind. Auf der Grundlage dieses Kodexes haben die beiden Organe Sonderbestimmungen über den Zugang zu ihren Dokumenten in ihre Geschäftsordnung aufgenommen. Mit dem Amsterdamer Vertrag wurde ein neuer Artikel 255 über die Transparenz in den Vertrag zur Gründung der Europäischen Gemeinschaft eingefügt. Darin ist das Recht jedes Unionsbürgers sowie jeder natürlichen oder juristischen Person mit Wohnsitz oder Sitz in einem Mitgliedstaat auf Zugang zu Dokumenten des Europäischen Parlaments, des Rates und der Kommission festgeschrieben. Dieser Artikel wurde durch die Verordnung vom 20. Mai 2001 umgesetzt, die sich insofern nicht grundlegend von den bisherigen Rechtsvorschriften unterscheidet, als zwei Ausnahmeregelungen beibehalten werden. Sie betreffen die Fälle, in denen der Zugang zu einem Dokument (im Interesse der öffentlichen Sicherheit, der Verteidigung und der internationalen Beziehungen) grundsätzlich zu verweigern ist, und die Fälle, in denen der Zugang zu verweigern ist (im Interesse des Schutzes der Handelsinteressen einer Privatperson), es sei denn, es besteht ein überwiegendes öffentliches Interesse, das die Verbreitung des Dokuments rechtfertigt. Bernhard Kühr ist Dokumentar und leitet die Informationsstelle der offiziellen Vertretung der Europäischen Kommission und des Europäischen Parlaments in Wien. Sie können diesen Text auch als *.doc-File downloaden... |
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Uruguay Während Politiker in Europa kaum Initiative zeigen, die existierenden Modelle bürgerlicher Mitbestimmung auszuweiten, zeigt ein Blick über den Rio de la Plata, dass es auch anders ginge. Im fernen Uruguay zum Beispiel, diesem - für lateinamerikanische Verhältnisse - Kleinstaat mit drei Millionen Einwohnern. Dort lebt ein rebellisches Volk, auch wenn man hier kaum davon hört. Als die Militärdiktatur dem Land ihre eigene Verfassung aufdrängen wollte, lehnte dies die Bevölkerung 1980 in einem Referendum mehrheitlich ab. 1989 und 1997 wurde die Verfassung dann reformiert und u.a. um Mitbestimmungsrechte der Bevölkerung erweitert. Im vorletzten Artikel der uruguayischen Magna Charta, dem Artikel 331, ist zum Beispiel die Möglichkeit festgeschrieben, per Referendum neue Artikel in die Verfassung einzubringen. Dieser Mechanismus einer partizipativen Demokratie schützte das Land zwar nicht vor der weltweiten neoliberalen Privatisierungswelle, doch er ermöglicht der Bevölkerung, effektiv die Stimme gegen die Auswirkungen dieser Politik zu erheben. Weltbank und Internationaler Währungsfonds wollten die Wirtschafts- und Finanzkrise, in die der Staat in den 90er-Jahren geschlittert war, u.a. durch eine Privatisierung des öffentlichen Sektors sanieren. Ausländische Konsortien übernahmen Teile der Wasserversorgung, mit den bekannten Folgen: die Tarife stiegen um ein Mehrfaches, doch die Versorgung wurde nicht besser. Als im Südosten des Landes im Jänner 2002 im Wasser durch Fäkalien verursachte Kolibakterien festgestellt wurden, war die Zeit reif für den Protest. Eine Reihe von zivilgesellschaftlichen Organisationen starteten - auf Grundlage des Verfassungsartikels 331 - eine Kampagne mit dem Ziel, das Verbot der Wasserprivatisierung in die Verfassung aufzunehmen. Zur Einleitung eines Referendums
müssen sich 10 % der Stimmberechtigten des Landes dafür aussprechen,
für die Umsetzung des Referendums ist die Stimmenmehrheit erforderlich.
In einem Jahr wurden knapp 300.000 Unterschriften gesammelt, weit mehr
als erforderlich, und dem Parlament übergeben. Der angestrebte
Verfassungszusatz definierte das Wasser als ein Menschenrecht. Die Kontrolle
und die Verwaltung der Wasserressourcen und der Versorgung müsse
in öffentlicher Hand liegen. Als Zeitpunkt für das Referendum
wurde schließlich der 31. Oktober 2004 festgelegt, der Tag der
Präsidentschafts- und Parlamentswahlen in Uruguay. Und an diesem
Tag gewann nicht nur ein breites Linksbündnis die politischen Wahlen,
sondern auch das Referendum triumphierte mit 64,4 % der Stimmen. Somit
wurde der Zusatz in die Verfassung aufgenommen. Im Zeitalter der Globalisierung sollte es Europas Demokraten nicht schwer fallen, einmal einen Blick in die uruguayische Verfassung zu werfen. Artikel 331. Werner Hörtner
ist Redakteur der in Wien erscheinenden Zeitschriften "Südwind"
und "Lateinamerika anders". Sie können diesen Text auch als *.doc-File downloaden... |
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Versammlungskulturen
von Hans Göttel
Bildung sei, so Hartmut von Hentig, das Leben nach gewollten und bedachten Prinzipien und das Schaffen der hierfür bekömmlichen Ordnung. [1] Europa ist eine sehr große und komplizierte Angelegenheit und die Probleme, die es umgeben, sind gar von globaler Dimension. Die Weitergabe des Lebens geschieht aber, wer weiß wie lange noch, in der Kleingruppe und das Politische, wie wir es schätzen, wurde für die überschaubare Größe (der Polis) erfunden. Seine im Zuge der Neuzeit versuchte Transformation in eine nicht mehr überschaubare Dimension geriet immer wieder zu monströsen Unternehmungen.
Während in Florenz Mitte des 14. Jahrhunderts die schwarze Pest wütet und aus den im Chaos Überlebenden ein Haufen atomisierter Angstsubjekte wird, ergreift eine junge Frau die Initiative, überredet sechs Freundinnen und drei junge Männer, sich gemeinsam auf ein Landgut zurückzuziehen, um sich selbst zu bewahren und bis zum Ende der Plage in Heiterkeit und Menschlichkeit auszuharren. Um sich die Zeit zu vertreiben, erzählen sie einander Geschichten von den Möglichkeiten des Zusammenlebens von Menschen nach dem Zerfall der politischen Form. Sie inkarnieren quasi eine Lehre: brechen die großen Ordnungen entzwei, so kann die Kunst des Zusammengehörens nur aus den kleinen Ordnungen neu beginnen. Die Regeneration des Politischen setzt einen Raum voraus, in dem durch Zusammensein eine Welt aufgeht. [2] Die Szene ins urbane Milieu des 18. Jahrhunderts verlegt würde vielleicht einen Salon bedeuten, in Nordeuropa des 20. Jahrhundert einen Studienzirkel. Das Motiv der Bildung des Politischen durch eine weltoffene Kleingruppenhumanität begleitet und konterkariert die Ausbildung der großen politischen Strukturen in der europäischen Neuzeit. Monströse Strukturen, und mehr noch Phantasien, haben eine politische Erziehung zur furchtsamen Gefügigkeit gefordert und immer wieder zu verwirklichen versucht. Heute müsste man sich fragen, wie weit das für den globalen Wettbewerb betriebene technologische Fitnesstraining und die biotechnischen Züchtungsversuche die logische Fortsetzung dieser Tradition bedeutet. Können große Strukturen freies Menschenleben in guter Kleinräumigkeit ermöglichen - und welche Qualitäten müssen Menschen erwerben, damit sie die größte Staatlichkeit oder globale Strukturen ertragen und gestalten können? Im Denken des Politischen duellieren sich die Motive: die Herstellung eines für das Überleben in der Monstrenwelt geeichten Verhaltens gegen die Freistellung für die Regeneration im Refugium; die Erziehung für Reichs- und Kaiserspiele gegen das Üben der menschlichen Wiedergeburt in der individualistischen Kleingruppe.[3] In diesem Lichte erschien uns das Konzept der Grundtvig-Lernpartnerschaften als ein sehr interessanter und belebenswerter Versuch, die Idee des zweckfreien Lernens in der freien Kleingruppe auf europäischer Ebene und für europäische Gruppen zu etablieren. Neben den zahlreichen und großen technokratischen Programmen der EU wohl nur ein kleines Zeichen, aber doch eines, das ein wichtiges europäisches Erbe nicht vergisst: die große Kunst, Vernunft und Vergnügen zusammenzuführen. Liegt nicht etwa darin die so oft gesuchte europäische Dimension: die Frivolität in den Dienst der ernsthaftesten Dinge stellen zu können? In den nordischen Ländern
Europas ist es offenbar geglückt, die kleine Lerngruppe, in der
Vernunft und Vergnügen vereint sind, "volksbildend"
zu kultivieren und damit der modernen Demokratie in diesen Ländern
zu einer besonderen Qualität zu verhelfen. Nicht so in Zentraleuropa,
wo die staatlichen Regime bis in die Gegenwart der Gesellschaft mißtrauen
und dafür sorgen, dass Versammlungen möglichst als veranstaltete
Inszenierung durchgeführt werden, oder, wenn informell, dann
auch im Belanglosen verbleiben. Die zentraleuropäische Ausprägung
der Versammlungskultur kann auf den Nenner "Vernunft oder Vergnügen"
gebracht werden. Zum Weiterlesen: Merkwürdige Welten, Bilder- und Lesebuch zu europäischen Versammlungskulturen. Dokumentation einer Grundtvig-Lernpartnerschaft. 96 Seiten. Verlag Rötzer. Europahaus Burgenland_Dossier. Eisenstadt 2003 Sie können diesen Text auch als *.doc-File downloaden... [1] Hartmut von Hentig,
Bildung. Hanser 1995? [2] Peter Sloterdijk,
Im selben Boot. Versuch über die Hyperpolitik. Suhrkamp, 1995,
S. 66 [3] Peter Sloterdijk,
Im selben Boot. Versuch über die Hyperpolitik. Suhrkamp, 1995,
S. 69
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