Eurotopia
von Andreas Gross

Eurotopia ist eine der ersten echten transnationalen BürgerInnen-Initiativen, die sich anfangs der 199oer Jahre bildete und sich seither für eine echte europäische Verfassung mit direktdemokratischen Rechten engagierte. Eurotopia begann, als sowohl gesamteuropäische Referenden als auch eine europäische Verfassung vielen so unvorstellbar schienen wie ein Vegetarier im Metzgermeisterverband. Bis heute haben sich nun in ganz Europa 47 Referenden mit europäischen Fragen befasst (Vor 1991 waren es erst zehn gewesen) und die europäische Verfassung ist zumindest nach den beiden vehementen Neins in Frankreich und den Niederlanden vom Frühjahr 2005 zum damaligen "Verfassungsvertrag" ein Projekt, das Hunderttausende von EuropäerInnen beschäftigt.

Gegründet wurde eurotopia 1990 in Rostock von Menschen aus drei Bewegungszusammenhängen:
Einerseits war da der pazifistische Teil des "Neuen Forums" aus der alten DDR, das im Herbst 1989 nicht nur ganz wesentlich die friedliche Bürgerrevolte vorangebracht hatte, sondern auch die Absurdität der nationalen Volksarmee(n) erkannt und daraus eine europäische Bewegungsenergie für die Friedensarbeit schöpfte.
Aus der Schweiz kamen diejenigen Pioniere der im November 1989 fast ebenso erfolgreichen Gruppe für eine Schweiz ohne Armee hinzu, die sich bewusst geworden waren, dass echte Friedenspolitik europäisch sein muss. Ebenso war ihnen freilich aber auch bewusst, dass diese ebenso demokratisch legitimiert wie bürgergesellschaftlich beeinflusst werden können muss, um möglichst radikal ab- und umgerüstet werden zu können. Um solche direktdemokratischen BürgerInnenrechte zu erhalten, brauchte es ihrer Meinung nach eine europäische Verfassung, die wiederum nur eine Frucht einer breiten mächtigen gesamteuropäischen Demokratiebewegung sein kann.
Drittens waren da die "Mehr-Demokratie-Kämpfer" der alten Bundesrepublik, die sich mit deren "repräsentativdemokratischem Absolutismus" nicht mehr abfinden wollten. Sie waren seit 1985 zuerst aus Bonn, später von München aus aktiv geworden, verlangten 1989/90 auch - durchaus im Sinne der Mütter und Väter des Grundgesetzes - einen echten Wandel vom Grundgesetz zu einer neuen gesamtdeutschen Verfassung, der eine Mehrheit der Deutschen aus dem alten Westen und dem neuen Osten in einem bis heute ausstehenden gesamtdeutschen Referendum, die dem Grundgesetz immer noch mangelnde "Weihe" (Carlo Schmid) zukommen lassen würden. Damit hatten sie bis heute weniger Erfolg als 1995 mit der Direktdemokratisierung Bayerns, auf die heute nicht einmal mehr die CSU und die Herren Beckstein und Stoiber verzichten möchten.

Vertreterinnen und Vertreter dieser drei Gründergruppen von eurotopia fanden weitere Gesinnungsfreunde aus radikaldemokratischen, pazifistischen und christlich motivierten Bewegten aus den nordischen und den Benelux-Staaten, sowie Frankreich, Italien und Österreich. Bis in die zweite Hälfte der 90er Jahre trafen sich die EurotopistInnen zweimal jährlich irgendwo zwischen der Ostsee und dem Mittelmeer oder zwischen den Alpen und der europäischen Westküste Irlands. Die gemeinsame Basis wurde konzeptionell gefestigt und verfeinert, von der "BürgerInnen-Initiative für ein Europa ohne Gewalt:
Radikaldemokratisch, sozial und ökologisch" wandelte man sich zur "Europäischen Demokratiebewegung für eine europäische föderalistische Verfassung". Dabei wurden sich die eurotopia Leute wie so viele vor ihnen bewusst, dass das was ihnen als besonders mutiger avantgardistischer Vorschlag erschienen war, Jahrzehnte vor ihnen von anderen unbekannten Pionieren auch schon gedacht und angestrebt worden war (Siehe die Verfassungsprojekte, die in den 1940er Jahren entwickelt worden waren und der Gründung des Europarates vorangegangen sind).

Dies empfanden sie aber weniger als Originalitätsverlust sondern als Ermutigung. Ebenso wie die zunehmend kritischere Öffentlichkeiten zum Ausdruck bringenden Referenden in Dänemark und Irland der Jahrhundertwende, die keineswegs mehrheitlich europafeindlich waren, sondern massgebend von Perspektiven bestimmt waren, die für ein föderalistisches, demokratischeres und vor allem von den BürgerInnen beeinflussbareres Europa plädierten. Immer mehr arbeiteten eurotopisten auch mit neueren Bürgerinitiativen wie die "ICC"-Bewegung oder "Democracy International" oder dem europäischen Initiativ- und Referendums-Institut (IRI) zusammen. Allen zusammen gelang im überstürzten ersten europäischen Verfassungsgebungsprozess die Verankerung des Artikels 47, der erstmals in der Geschichte der Demokratie ein transnationales Bürger-Initiativrecht von einer Million EuropäerInnen vorsah. Damit war der Konvent wie auch das EP bereit, die Macht der Mehrheit des EP mit jener von einer Million EuropäerInnen zu teilen und beiden das Recht zuzusprechen, die Europäische Kommission mit einem Gesetzgebungsprojekt zu befassen. Allerdings hat das Ergebnis dieser überstürzten Verfassungsarbeit, bezeichnenderweise unter dem Zwitterbegriff des "Europäischen Verfassungsvertrages" - , viele EuropäerInnen verständlicherweise nicht überzeugt. Wann und wie es zu einem zweiten Anlauf zur europäischen Verfassungsgebung kommen wird, ist noch offen. Umso wichtiger ist der Aufbau der Voraussetzung für eine wirklich bürgerfreundliche europäische Verfassung, eine breite europäische Demokratiebewegung - einem Ziel, das sich die bis heute lose verbundenen und immer wieder zum gemeinsamen Denken und Handeln treffenden EurotopistInnen nach wie vor verpflichtet fühlen.

Andreas Gross ist National- und Europarat und Leiter des Wissenschaftlichen Instuts für Direkte Demokratie (WIDD) in St. Ursanne.


Zum Weiterlesen:

Roland Erne/Andreas Gross/Bruno Kaufmann/Heinz Kleger (ed), Transnationale Demokratie, Impulse für ein demokratisch verfasstes Europa, Zürich, Realotopia-Verlag, 1996.
Bruno Kaufmann/Peter Köppen, Der Rostock Prozess, 1991-2004: Unterwegs zu mehr Direkter Demokratie in Europa, Rostock, 2001
Bruno Kaufmann/Georg Kreis/Andreas Gross, Direkte Demokratie und europäische Integration, Basler Schriften zur europäischen Integration, Basel 2005
Sowie Texte und Vorträge auf der Homepage von Andi Gross www.andigross.ch (unter info@andigross.ch können die genannten Schriften ganz oder teilweise bestellt werden.)

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Frieden
Frid, Globales Lernen und Friedens-Orte
von Ingrid Schwarz

Europa braucht achtsame AkteurInnen der Zivilgesellschaft, die Frieden definieren und leben können. Wie wird Frieden in Europa unterschiedlich wahrgenommen und gedeutet? Wie gehen wir mit Minderheiten um? Ist interkulturelle Begegnung gestaltet als ein oberflächlicher Kulturaustausch oder gemeinsame Lebensweltgestaltung?
Von den Bildungsbegriffen in Europa geht es weiter zu den Friedensbegriffen in Europa. Wieder lohnt sich ein Blick in den Norden. Schweden ist jenes Land, dass seit 1811 keinen Krieg hatte. Und in Schweden drückt die Sprache differenziert die Friedensbegriffe aus. "Fred" ist der Begriff für den kriegsfreien Zustand, der Begriff für die Friedens-Verträge. Die schwedische Sprache kennt aber noch einen weiteren Friedensbegriff, "Frid", der Begriff für den inneren Frieden, für den Gemütszustand und auch religiöser Ausdruck für Glück. Wenn es Sprachen gibt, in der unterschiedliche Dimensionen von Frieden ableitbar sind, wie wird Frieden in den einzelnen Ländern überhaupt wahrgenommen und wie drückt sich diese Wahrnehmung aus?
Die Mitglieder eines länderübergreifenden Studienzirkels kamen zum Schluss, dass Krieg viel einfacher darstellbar ist als Frieden. Wenn wir in Europa Frieden definieren, dann ist es oftmals ein Zustand der "Abwesenheit von Krieg". Also wird Frieden oft nur als das andere, das Gegenteil von Konflikt, Gewalt und Auseinandersetzung definiert. Jede/r von uns kann sehr schnell Bilder von Krieg in seiner Vorstellung abrufen, es ist aber weit schwieriger Bilder des Friedens einprägsam darzustellen.
Die Geschichte und Mythen eines Landes sind sehr oft geprägt von kriegerischen Auseinandersetzungen, Museen und Archive sind voll von Darstellungen zu Krieg und Gewalt. Aber wer archiviert Friede? Und wo ist der Friede archiviert? Und gibt es dafür Orte?
Wer sind die TrägerInnen einer zivilgesellschaftlichen Diskussion zum Frieden in Europa? Eine Diskussion die notwendiger ist denn je, denn das vereinte Europa wird ja immer wieder als Friedensprojekt beschrieben, und das soll nicht bloß eine leere Worthülse sein, sondern gefüllt werden mit Sinn und Diskurs. Die Diskussion letztendlich drängt sich umso mehr auf, als Kriegsschauplätze bzw. Gewaltschauplätze in die Zentren Europas zurückkehren. Terroranschläge in London, Madrid...
Eine mögliche Begriffsklärung in einem länderübergreifenden Studienzirkel war, dass Friede ein Zustand ist, wenn unwichtige Sachen wichtig werden.

Globales Lernen und Friedens-Orte gehören zusammen. Dem Konzept des Globalen Lernens liegt zugrunde, dass es eine intensive Beschäftigung mit der eigenen Identität mit einschließt. Dabei geht es vor allem um unsere sozialen und räumlichen Identitäten. Die Bewertung unserer wichtigen Friedens-Orte ist beispielsweise eine Frage von räumlicher Identität. Wir füllen Räume mit Handlungen und Bewertungen - und prägen so unsere Identität - in einem laufend sich entwickelnden und gestaltbaren Lern-Prozess.
Als Mitglieder einer globalen Gesellschaft und im Bewusstsein, dass unser lokales Handeln ein wesentlicher Beitrag zur globalen Gestaltung von (Entwicklungs)-Zusammenarbeit ist, wird es zunehmend wichtig, dass wir auch an der Entwicklung und Gestaltung von globalen Herausforderungen teilhaben. Die Entwicklung und Gestaltung von Friedens-Orten ist eine solche globale Herausforderung.
Beispielsweise kann die Gestaltung eines Studienzirkels als Lern-Ort ein wesentlicher Beitrag zur Entwicklung eines Friedens-Ortes sein, denn atmosphärische Orte mit Platz für gute persönliche Gespräche, das miteinander Essen und Trinken, das gemeinsame Singen, Treffpunkte für Ideenaustausch und das gemeinsame Lesen von Texten, Diskussion und Vision - alles hat Platz und Raum in Form von Respekt und eines behutsamen Miteinanders - so entstehen Friedens-Orte.

Ingrid Schwarz ist Geografin und leitet die Entwicklungspolitische Initiative Südwind in Wiener Neustadt.

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Gesprächskultur
von Gerd Achenbach

Was wir heute als "politisch" verstehen, das diskutieren wir seit eh und je im Rückblick auf die Polis der Griechen, denen wir auch die entscheidenden Begriffe des Politischen verdanken, von den Staatsformen angefangen über das gemeinschaftlich anerkannte Gute und die Tugenden des zoon politicon bis zum Nobel- und Hauptbegriff ideal ausgedachter Stadtstaatlichkeit: der Gerechtigkeit.

Seit Jacob Burckhardt und Nietzsche allerdings haben wir gute Gründe, uns vor der bildungsselig-schöngeistigen Überschätzung des griechischen Vorbilds zu hüten und nicht zu vergessen, daß der frühe Meister des Gesprächs, der gute Sokrates, seine Unterredungen keineswegs in einem politischen Arkadien führte, sondern in den Kulissen durchaus schwankender und wechselhafter politischer Verhältnisse, die von jeglicher Vorbildlichkeit sehr weit entfernt waren. Entsprechend wurden seine gesprächsweise vorgenommenen Untersuchungen auch nicht als politisch stabilisierend und staatstragend wahrgenommen - als die er sie sich gedacht haben mag -, sondern als höchst gefährlich, subversiv, zersetzend und irritierend. Und das waren sie auch. Womit ich bei unserem Thema angelangt wäre: denn die Kultur des Gesprächs in Europa, wie sie stilbildend in Griechenland ausgebildet wurde, ist keine Zustimmung und Einstimmigkeit produzierende Einrichtung, also gerade keine Konsens-Fabrikation, sondern eine höchst riskante Überprüfung gängiger Meinungen, eingeschliffener Ansichten, überlieferter Urteile, traditionsehrwürdiger Geltungen, heiliger Normen und Gepflogenheiten und aller sonst üblichen Maximen - kurz: Das sokratische Gespräch betritt die Welt als eine Erschütterung und Verunsicherung, die den Meinungsinhabern listig ihr Wahrheitsbesitzertum streitig macht. Mit der ironischen Versicherung, er, Sokrates, wolle seine Mitunterredner auf solidem Grund und Boden in Sicherheit bringen, damit sie Halt unter den Füßen hätten, hat er sie tatsächlich aufs glatte Eis geführt mit seinen "Was-ist-Fragen" und seinem Insistieren darauf, was eine Sache denn nun eigentlich und wesentlich und in Wahrheit sei.

Der große Traum, den wohl schon Sokrates träumte - wie nach ihm zahllose andere philosophische Meisterdenker -, war wohl, auf dem Wege des Gesprächs zu bindend-gültigen Vernunftresultaten zu gelangen, die dann, einmal errungen, als fest eingezogene Fundamente und grundlegende Wahrheiten weiteren Gesprächen entzogen wären. Ihnen sollte vielmehr die Rolle des unumstößlichen Ecksteins zufallen, oder sie sollten als unangreifbare Berufungsinstanzen spätere Streitfälle schlichten helfen. Tatsächlich aber haben es selbst die strengsten philosophischen Gespräche zu solch prächtigen Resultaten nie gebracht - was in der Konsequenz bedeutet: Wir haben uns wohl darauf einzustellen, daß zwar die Gespräche dauern und bleiben werden, nicht hingegen die Resultate, die sie von mal zu mal produzieren.

Doch etwas anderes, was sich als Eigenart und Neuerung der sokratischen Gespräche ausmachen läßt, scheint mir noch entschiedener die europäische Kultur des Gesprächs begründet zu haben. Und das ist dies: Sokrates hat wohl als erster einen Gedanken, wie auch immer er ins Gespräch geraten sein mag, konsequent festgehalten, und zwar so lange, bis er begann, sich von der Stelle zu bewegen, indem er sich in Widersprüche verwickelte und so entwickelte, was man auch denken nennen darf. Hegel hat diese Neuerung auf eine gemeinverständlich-volkstümliche Formel gebracht:
"... bei der Stange bleiben ist hier die Hauptsache."

Und dann hat er unterscheidend erläutert, was solche Kultur des Gesprächs von sonstigen und alltagsüblichen "Unterhaltungen" unterscheidet:
"Der Geist der Rechthaberei, das Sichgeltendmachen, das Abbrechen, wenn man merkt, man kommt in Verlegenheit, das Abspringen durch Scherz oder Verwerfen, - alle diese Manieren sind da ausgeschlossen; sie gehören nicht zur guten Sitte, aber vollends nicht zur ... Sokratischen Unterredung."

Um dasselbe mit einem eigenen Wort in die Mitte zu rücken: die Kultur des Gesprächs, wie sie für uns Europäer dort in Griechenland von Sokrates angefangen wurde, ist die Beharrlichkeit, bei der Sache zu bleiben oder: sich zu konzentrieren.

Das aber, um nun meinerseits auch beharrlich zu sein, läßt sich ebenso als Einübung in Nachdenklichkeit verstehen. Womit ich mir selbst jenes Stichwort vorgelegt habe, auf das die gegenwärtigen Überlegungen hinauslaufen sollten. Denn wirklich ließe sich sagen, die europäische Kultur des Gesprächs sei eine Einübung in Nachdenklichkeit gewesen.

Gerd Achenbach ist Begründer der Philosophischen Praxis.

Der Text ist eine Zusammenstellung von Zitaten aus einem Vortrag von Gerd Achenbach über die Gesprächskultur der Europäer vom 15. Mai 2003 in Eisenstadt.

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Globalisierung
von Josef Langer

Der Globalisierungsdiskurs ist ein Versuch, die neuen Verhältnisse theoretisch besser zu verstehen, aber auch ideologisch zu legitimieren. In der Regel wird die ökonomische Expansion in Zusammenhang mit technologischen Entwicklungen diskutiert, wobei vielfach angenommen wird, dass beides auch zu einer kulturellen und sozialen Globalisierung ("Weltgesellschaft") führen wird (oder zumindest kann). Die technologischen Voraussetzungen für weltweite Kommunikation haben ein bisher noch nie gekanntes Niveau erreicht (z.B. weltweite TV und Radioausstrahlung, Internet, Telephonie, Satellitennavigation). Gleiches gilt für die technologischen Mittel zur Mobilität. Prinzipiell kann jeder Punkt der Erde von jedem anderen Punkt nicht nur in wenigen Stunden erreicht, sondern auch mit modernen Waffensystemen zerstört werden.

Die Akteure der Europäischen Union haben die Prämissen der Globalisierungstheoretiker mehr oder weniger übernommen, indem sie zum Beispiel zwischen ihren Mitgliedern die freie Bewegung von Waren, Kapital, Arbeit und Personen mit wenigen Ausnahmen durchgesetzt haben. Dazu kommen Verpflichtungen gegenüber internationalen Organisationen (WTO, UNO etc.), die auch die Außengrenzen relativ durchlässig machen. Alles Maßnahmen, die Europa "einigen" und "wettbewerbsfähig" machen sollen, aber auch als vorauseilende Globalisierung identifiziert werden könnten. Auch wenn die Mitgliedsstaaten theoretisch nach wie vor die Herren der Verträge bleiben, die diese Verhältnisse herstellen, folgt ihr Zustandekommen nicht den politischen Prozessen, wie sie sich in demokratischen Gesellschaften herausgebildet haben. Damit wird an der EU ein Problem erkennbar, dass auch die Globalisierung betrifft: die demokratische Legitimation politischer Entscheidungen.

Wie die EU dieses Problem zu lösen versucht, kann deshalb auch für die Einschätzung des politischen Potentials von Globalisierung allgemein von Interesse sein. Wie verhält sich nun die Europäische Union zur "Demokratie"? Der Konvent zur Erarbeitung eines Verfassungsvertrages lieferte dazu interessante Aufschlüsse:

a) Demokratie gilt als zentraler Wert der Europäischen Union. Auch in der Globalisierungsdiskussion wird argumentiert, dass Globalisierung mehr Demokratie bedeutet.
b)

"Partizipative Demokratie" wird nicht als Teilnahme an politischen Prozessen, sondern eher als die Möglichkeit zum freien Austausch von Ansichten definiert. Das demokratische Leben wird vorrangig als ein Problem von Transparenz und Information verstanden.

c)

Alle Bürger verdienen ein gleiches Maß an "Aufmerksamkeit" seitens der Entscheidungsträger, nicht unbedingt gleiche Rechte.

d)

Beim Demokratie-Dilemma, dass sich aus der territorialen Unbestimmtheit von Globalisierung ergibt, wird auf die neuen elektronischen Informationstechnologien gesetzt. Zu diesem Zweck wird versucht, den Demokratiebegriff informationswissenschaftlich zu adaptieren.

e)

Globale Demokratiemodelle stehen vor dem Problem, das Subjekt von Politik auszumachen. An die Stelle des "Bürgers" im Nationalstaat tritt die "Zivilgesellschaft" als Netzwerk von "nichtstaatlichen Organisationen", den so genannten NGOs. Für supranationale Entscheidungsträger werden sie neben den Staaten zu den wichtigsten Gegenüber ihrer Politik.

f)

Am wenigsten entspricht die EU dem Globalisierungsansatz dort, wo sie mit Elementen der parlamentarischen Demokratie ("Europaparlament") zu experimentieren versucht. Damit hat die EU neben dem "Europäischen Rat", der eine Art "Demokratie der Staaten" ermöglicht, eine zweite demokratische Ebene, die supranationalen Organisationen üblicherweise fehlt.

eder Globalisierungstheorie noch Globalisierungspraxis haben bisher befriedigende Antworten auf die Frage nach der politischen Legitimation dieses Prozesses gegeben. Ansätze dazu sind am ehesten noch am Beispiel der Entwicklung der Europäischen Union zu erkennen. Diese Ansätze sind allerdings aus der Perspektive des einzelnen Bürgers eher enttäuschend. Als politischem Subjekt bietet die Globalisierung dem Einzelnen wenig, als Marktteilnehmer hingegen unter Umständen sehr viel. Auf jeden Fall ist es bisher nicht gelungen, die Globalisierung demokratiepolitisch so zu fassen, dass die politischen Möglichkeiten für den Bürger auch nur annähernd an das herankämen, was entwickelte Nationalstaaten heute institutionell bieten.

Josef Langer ist Professor für Soziologie an der Universität Klagenfurt.

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Zum Weiterlesen:

Albrow, Martin (1996), The Global Age, Cambridge (Polity Press).
Altvater, Elmar/Birgit Mahnkopf (2002), Grenzen der Globalisierung, Münster (Westfälisches Dampfboot).
Beck, Ulrich (1998), Was ist Globalisierung?, Frankfurt/M. (Suhrkamp).
Castells, Manuel (1996), The Rise of the Network Society, Cambridge/MA (Blackwell).
Hamel, Pierre/Henri Lustiger-Thaler/Jan Nederveen Pietersen/Sasha Roseneil (eds.) (2001), Globalization and Social Movements, Basingstoke (Palgrave).
James, Harold (2001), The End of Globalization, Cambridge/MA (Harvard University Press).
Khor, Martin (2001), Rethinking Globlization, London (Zed Books).
Robertson, Robert (1992), Globalization - Social Theory and Global Culture, London (Sage).
Stiglitz, Joseph (2002), Die Schatten der Globalisierung, Berlin (Siedler).

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Grenze
von Josef Langer

Nach der Erweiterung der Europäischen Union (EU) auf 25 Mitglieder rückt das Problem der "Außengrenze" näher ins Zentrum der Europapolitik. Für diese Behauptung stehen zahlreiche Dokumente und Diskussionen der vergangenen Jahre. Vor 2002 war "Grenze" für die EU kaum ein Thema, mit Ausnahme der Schengenkooperation zur Abschaffung der Kontrollen an den Binnengrenzen. Und noch früher, zum Beispiel vor 1989, war die damalige Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) einfach noch nicht "politisch" genug, um sich dieser Frage stellen zu können, abgesehen von der Tatsache des Eisernen Vorhangs, der Europa auf "ewig" zu teilen schien - die ultimative Grenze.

Es hat also Zeit gebraucht, bis sich die EU dieses Themas bewusst geworden ist. Mit der Entscheidung für die "big bang" Erweiterung nach Osten und Süden war es dann soweit. Wie sich dieses gesteigerte Bewusstsein ("Wider Europe - Neighbourhood" Agenda) in den kommenden zehn bis fünfzehn Jahren politisch umsetzen lassen wird, darauf kommt es nun an. Vieles wird davon abhängen, welches Verständnis von "Grenze" sich dabei durchsetzen kann. Nur eines ist sicher, ganz ohne Grenze wird es nicht gehen, denn nichts was in der Welt ist oder sein will, kann auf Grenze verzichten. Wie jede Sache eine Oberfläche und jedes Lebewesen eine Haut besitzt, so produzieren soziale oder politische System Grenzen.

Umgekehrt kann anhand der Grenze immer auch auf die jeweilige Identität geschlossen werden. Der Eiserne Vorhang war ein gutes Beispiel dafür. Wie sein martialischer Bestand bestens das dahinter liegende rigide System erkennen ließ, war mit seinem Verschwinden auch dessen Ende gekommen beziehungsweise umgekehrt. Kurz gesagt: Zeig mir die Grenzen deines Landes und ich sage dir, in welchen Umständen du lebst.

Die Außengrenze der Europäischen Union ist in der Zwischenzeit weiter nach Osten gewandert. Wo sie einmal halten wird, weiß heute niemand. Ein Gefühl ist höchstens da, basierend auf der Erinnerung, dass das Vordringen des Westens in den Osten in der Vergangenheit regelmäßig gescheitert ist. Wird es jetzt erstmals anders sein? Die offiziellen Standpunkte dazu sind rar oder sie bleiben ambivalent. Vielfach indirekt und in entlegenen "elektronischen Ecken" des EU-Gebäudes werden jene Territorien angedeutet, in denen die EU-Außengrenze einmal ihre Finalität finden soll. Sicher ist dabei aber noch nichts.

Hier verhält es sich umgekehrt zum Prozess bei der Entstehung von Nationalstaaten, der in der Regel mit einer Vorstellung über den Verlauf der "natürlichen" Grenze beginnt. Was diese Umkehrung für die sich abzeichnende europäische Gesellschaft bedeutet, spielt in der Diskussion noch weniger eine Rolle als die Frage der Außengrenze selbst. Da könnte man nun ansetzen und einfach sagen: "Wir wissen es nicht. Lasst die Sache auf uns zukommen." Wenn aber "Grenze" das ist, als was sie hier verstanden wird, nämlich ein Definiens von Identität, dann wäre damit auch der Verzicht verbunden, die zukünftigen Konturen dieser Identität zu beeinflussen.

Wie viel Grenze braucht die Europäische Union? Die Antwort darauf wird immer eine gründliche Analyse der jeweiligen Umstände und der angestrebten respektive gegebenen Identität voraussetzen. Die politische Identität war im Verfassungs-Konvent gerade in Verhandlung: Bundesstaat, Staatenbund oder vielleicht auch nur ein gemeinsamer Markt. Das ist aber lediglich der grobe Rahmen. Insgesamt ist die Frage der Identität komplex, weil sie neben den politischen auch ökonomische, kulturelle und soziale Dimensionen einschließt.

Solange die Identität unbestimmt ist, werden auch die Grenzen unbestimmt bleiben. Sie werden einmal hier und einmal dort sein, diese oder jene Gestalt annehmen. Sollte sich die Identität indes klären, werden auch die Grenzen berechenbarer. Dann wird sich die Frage vermehrt auf das Regime konzentrieren, mit dem die Grenze das Verhältnis der Union zu ihrem Umfeld regulieren soll. Ein krisenhaftes Umfeld wird "mehr" Grenze bewirken, ein geordnetes entsprechend "weniger". "Wo aber wird die Grenze dann sein?" Die Grenze zum Angreifen wird weiter nach Osten wandern. Nach Zachony, nach Arad und später, wenn auch Rumänien Mitglied der EU sein sollte, noch weiter, zum Schwarzen Meer und Orten mit so fernen Namen wie Odessa oder Tiraspol. Ob die Grenze dort stehen bleiben wird, ist, wie zu argumentieren versucht wurde, höchst unbestimmt. Erst wenn die EU wissen wird, wer sie selbst wirklich ist, wird auch diese Frage beantwortet werden können.


Josef Langer ist Professor für Soziologie an der Universität Klagenfurt.


Zum Weiterlesen:

Eger, György/Josef Langer (eds.) (1996), Border, Region and Ethnicity in Central Europe, Klagenfurt (Norea).
Eskelinen, Heikki/Ilkka Liikanen/Jukka Oksa (eds.) (1999), Curtains of Iron and Gold, Aldershot (Ashgate).
Houtum, Henk van (2005), Bordering Space, Aldershot (Ashgate).
Komlosy, Andrea (1995), Kulturen an der Grenze, Wien (Promedia).
Schulz, Helga (1996), Grenze der Hoffnung, Potsdam (Verlag f. Berlin-Brandenburg).

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Grüner Traum
von Daniela Graf

Februar 2004, ein Saal mit mehr als 1000 Menschen wiegt sich in einer Melodie von Ennio Morricone, auf der Bühne stehen VertreterInnen aus über 30 Ländern (mehr als die EU Mitglieder hat) und winken mit Blumen, der Ort ist Rom, der Ort der Römischen Verträge, der Ort an dem der Rat die Europäische Verfassung unterschrieben hat.

Was ist der Anlass? Der Song Contest? Nein, die Gründung der ersten europäischen Partei.
Auf der Bühne steht einer der mächtigsten Außenminister der Welt, neben einem Parteichef, der nicht einmal Gemeinderat ist. Welche Partei wurde gerade gegründet? Die Europäische Christdemokratie? Die Europäische Sozialdemokratie? Die Europäischen Liberalen? Nein, die Europäischen Grünen. Der Außenminister ist Joska Fischer und der Parteichef kommt aus Ungarn.

Es ist ein bewegender Moment. Alle im Saal, egal ob sie in einer Regierung sitzen, in Opposition sind oder eben sogar außerparlamentarische Opposition betreiben und eher wie Bürgerinitiativen agieren, fühlen, dass da etwas außergewöhnliches passiert, ein Stück Europa wird Wirklichkeit, ein Stück Grenze wird abgebaut, ein Stück Vision wird geboren.

Die Grünen waren tatsächlich die ersten, die eine europäische Partei gegründet haben. Und sie waren auch die ersten, die bei der Europawahl 2004 eine "Europäische Liste" präsentiert haben, obwohl das rein rechtlich noch nicht möglich ist. Mit Daniel Cohn-Bendit als "Spitze" und natürlich war Johannes Voggenhuber auch dabei.

Die Grünen wissen vielleicht von allen Parteien am besten, wie notwendig Europa ist. Ökologische Probleme machen an keiner Grenze halt, egal ob das die Atomkraft, die Luftverschmutzung, der Verkehr, die Gentechnik, die Klimapolitik oder die Wasserversorgung ist, es gibt eben nur "eine Welt für alle" und Umwelt und Natur kennen keine Grenzen.

Trotzdem sind die Unterschiede natürlich groß und inhaltliche Einigungen oft schwierig. Eine Partei, die den deutschen Außenminister stellt, agiert wesentlich pragmatischer als eine Partei, die eher einer Bürgerinitiative gleicht. Trotzdem gibt es politische Entscheidungen in dieser jungen Partei, die gemeinsam getragen werden und in der Haltung der Grünen Abgeordneten im Europäischen Parlament ihren Niederschlag finden.

Die EU als "Grüner Traum"? Die EU, die uns verwehrt, die Verkehrslawine durch Österreich zu bremsen? Die EU, die uns unsere gentechnikfreien Zonen wahrscheinlich demnächst verbieten wird? Die EU, in der die vier Freiheiten mehr zählen, als ökologische und soziale Probleme? Die EU, die gravierende demokratische Defizite hat?

Aber die EU ist eben nicht nur "diese" EU. Die EU ist auch die EU, die mit Argusaugen über den Natura 2000- Gebieten wacht, die seltene Vogelarten tatsächlich wichtiger nimmt als Straßenprojekte und Golfplätze, die ökologisch und sozial sinnvolle Politik in den benachteiligten Regionen fördert, die mit der Ziel - 1 Förderung dem Burgenland geholfen hat, aus der tiefsten Provinz herauszukommen, die internationalen Wissensaustausch und internationale Vernetzung fördert.

Das berühmte Wort "Global denken und lokal handeln" ist angesichts der heutigen Probleme nicht mehr genug, wir müssen auch "Lokal denken und global handeln". Und da das nicht so einfach ist, sollten wir wenigstens "Lokal denken und Europäisch handeln" und umgekehrt.

Europa steckt mit der Verfassungskrise in einer sehr tiefen Krise. Europa braucht eine Verfassung und der erste Anlauf scheint wirklich gescheitert zu sein. Es wird viele gemeinsame übernationale Anstrengungen brauchen um Europa noch eine zweite Chance auf eine Verfassung zu geben.
Europäisches Denken ist bei den Grünen tief verwurzelt. Es gibt einige Länder, wo die Grünen auf Grund eines restriktiven Wahlrechts, das größere Parteien bevorzugt, in nationalen Parlamenten nicht vertreten sind, die sehr wohl aber grüne Abgeordnete zum EU-Parlament stellen, weil das EU-Wahlrecht Verhältniswahlrecht ist.

Ich wünsche mir, dass die anderen großen und kleinen Europäischen Parteienfamilien auf den Europäischen Zug aufspringen und unseren Traum mitträumen. Nationale Politik wirkt angesichts der großen Probleme der Zeit in meinen Augen nahezu lächerlich. Ohne große Lösungen auf Europäischer Ebene sind weder Umweltprobleme noch soziale Probleme in den Griff zu kriegen.

Egal ob wir die EU lieben oder nicht, wir brauchen sie!

Daniela Graf leitet die Grüne Bildungswerkstatt in Österreich.


Zum Weiterlesen:

Vision Europa, erschienen im Czerninverlag 2004, HerausgeberInnen: Daniela Graf und Karl Kaser, enthält die Ergebnisse der Sommerakademie der Grünen Bildungswerkstatt zum Thema und sämtliche Reden von Johannes Voggenhuber im EU-Verfassungskonvent.

www.gbw.at, die Homepage der Grünen Bildungswerkstatt
www.boell.de, die Homepage der Heinrich Böll Stiftung Deutschland
www.eurogreens.org, die Homepage der Europäischen Grünen
www.greens-efa.org, die Grünen im Europäischen Parlament


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Heimat
von Helmuth Hartmeyer

Wenn im Supermarkt "Tomaten" statt "Paradeiser" ausgepreist werden; wenn realitätsferne Schreibtischtäter in Brüssel meinen, dass ich nicht mehr "Marmelade" sagen soll; wenn das vermeintlich flotte "Tschüss" das wohlig-warme "Baba" ersetzt: dann gehen Symbole für Heimat verloren. Wenn österreichische Schi-Reporter von Schweizern, Deutschen und Slowenen zu berichten wissen, aber penibel penetrant zwischen Italienern und Südtirolern unterscheiden; wenn der blonde Bergbarde Hinterseer ein norddeutsches Fernsehpublikum mit einfältigen Kitzbühler Dorfklängen ergötzt; wenn der Quotenkönig Moik eine Veranstaltungshalle in Peking in einen Heustadel verwandelt; dann wird im Gegenzug Heimat nicht aufgebaut. Es gibt eine Entartung, wie sie die genannten Beispiele charakterisieren möchten. Heimat verliert ihre Verortung, wenn sie als Kategorie per Dekret verordnet oder als Ware im- und exportiert wird.
Heimat ist schließlich auch nicht in erster Linie die heimische Nation. Sie bedeutet für mich nicht ein patriotisches "Österreich zuerst" oder "Österreich über alles". Es ist mir kein Bedürfnis, bei der Bundeshymne die Hand theatralisch ans Herz zu legen und rot-weiß-rote Schulterschlüsse erzeugen in mir Abwehr mehr denn Identität. Es kümmert mich deshalb auch nicht, wenn "Arnie auf seine Heimat sauer ist", weil er dafür kritisiert wird, dass er zum wiederholten Mal als kalifornischer Gouverneur gegenüber zum Tode Verurteilten gnadenlos ist.
Alle Beispiele werben zugleich für eine Einsicht, dass Heimat kein festgezurrter Begriff ist. Sie findet in erster Linie in unseren Köpfen und Herzen statt. Dort verschafft sie sich ihren Raum und erfüllt ihn mit Sinn. Sie ist dort, wo ich mich wohl fühle, wo ich angenommen werde. Sie ist das, dem ich mit Respekt begegne, das mich neugierig macht und mir Freiraum zur Entfaltung gibt. Sie ist das Netz in der Manege, der passende Schlüssel zum Schatzkästchen, der Kompass in fremder Umgebung. Sie schenkt uns Selbstvertrauen, macht Raum für Freundschaften und Liebe, lädt uns zur Mitsprache und Mitgestaltung ein.
Es ist deshalb so besonders grausam, seiner Heimat beraubt zu werden. Gar allzu Schlimmes haben Menschen in diesem Zusammenhang anderen Menschen durch Kriege, Vertreibung, Ideologien, Habgier, offene und subtile Herrschaftsinstrumente angetan. Das Menschenrecht auf Heimat gilt es wohl noch zu formulieren und durchzusetzen.
Die persönliche Heimat zu finden ist gerade in einer sich so rasant globalisierenden Welt wichtig. Die Komplexität moderner Lebenszusammenhänge erhöht den Wunsch und die Notwendigkeit, sich wo auszukennen, eine Bindung zu Menschen, Gesellschaften und Gefühlswelten aufzubauen und zu pflegen. Ich nenne es Heimatgefühl, nicht Patriotismus.
Gibt es sie die Heimat im World Wide Web? Der Suchbegriff Heimat ergibt rund 8,5 Millionen Treffer bei den Seiten aus dem Web und ist es mehr als eine Ironie, dass bei der Suche nach "Heimat und Österreich" eine gemeinnützige Wohnungs- und Siedlungs GesmbH der erste Treffer ist?
Ich bin gespalten. Die virtuelle Heimat ist die Chance, sich auf eine Reise zu begeben, ohne den Standort zu verändern, Neues zu entdecken, durch die angebotene Anonymität neue Identitäten zu erleben. Es ist aber auch die Gefahr, sich von anderen und von sich selbst zu entfremden, keine Emotionalität unmittelbarer Kontakte zu erfahren oder über Telearbeit die wichtige soziale Heimat eines täglichen Arbeitsplatzes zu verlieren.
"Wo immer es gut ist, dort ist meine Heimat." (Cicero)

Helmuth Hartmeyer ist langjähriges Beiratsmitglied des Europahaus Burgenland.


Zum Weiterlesen:

Liebhart, Karin: Ein Haus für die Heimat. IG Kultur: Kulturrisse, Wien 2003.
Zips, Werner: Afrikanische Diaspora. Münster 2003.
Wikipedia: Heimat. http://de.wikipedia.org/wiki/Heimat, 03.01.2006.
Bruton, James: Heimat und Internet - die virtuelle Heimat? NOEO 01 (2001).
Haid, Hans: diverse Bücher, Artikel, Gedichte. Tirol o.J.
http://Wald-Heim.at: Grundstücke im Wald.

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Inter Citizens Conferences (ICC)
von Hans Göttel

Das Netzwerk Inter Citizens Conferences (ICC) wurde in den Jahren 1992-95 von verschiedenen Organisationen und Gruppierungen in Westeuropa entwickelt. Der Name, eine unbestimmte Mehrzahl von Konferenzen für und von BürgerInnen, sollte (als Wortspiel) ein Gegengewicht zu den Konferenzen der Regierungen (Inter Governemental Conferences - IGC) markieren.

Innerhalb der zivilgesellschaftlichen Sphäre unterschieden sich die ICC-Mitgliedsorganisationen in ihrem Selbstverständnis von Beginn weg von anderen europapolitischen Strömungen durch ihren kritisch-konstruktiven Ansatz, nämlich die umfassende Demokratisierung der Europäischen Union.

Seit dem Jahr 2000 ist das Europahaus Burgenland eine zentrale Informationsstelle für das Netzwerk, in dem sich die Partnerorganisationen für eine ganz informelle Zusammenarbeit entschieden haben. Weder können oder wollen die Partner eine geregelte Struktur und Finanzierung organisieren, noch hat es bisher Aussicht auf eine EU-Strukturfinanzierung gegeben. Der Austausch zwischen den Partnern erfolgt daher im Rahmen von geeigneten Projekten.

Die vielfältigen Tätigkeiten der Mitglieder des ICC-Netzwerkes zeigen das weite Spektrum europaorientierten Denkens in den Ländern und Gesellschaften Europas. Dabei sind zwei Richtungen zu erkennen: Die einen konzentrieren sich auf die Beteiligungsmodalitäten, die Mitsprachetechniken und die Ausweitung von Partizipationsrechten auf europäischer Ebene; andere betonen, dass für neue Teilhabemöglichkeiten zunächst Bürgerinnen und Bürger gebraucht werden, die diese ausfüllen können und wollen (schon jetzt werden allenfalls 25% der effektiven Mitwirkungsmöglichkeiten genutzt). Die Voraussetzungen für eine transnationale Partizipation, vor allem solche kultureller und bildungsmäßiger Art, sind in europäischen Gesellschaften aber sehr verschieden.

So ging es in einem ersten, gemeinsamen Projekt, das vom Europahaus koordiniert worden ist, darum,

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"einander von der "Stimmung" zu erzählen, die das "Abstimmen" umgibt, aber auch zu fragen, wie die Demokratie auf europäischer Ebene besser "gestimmt" werden kann.

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Europa-Bilder austauschen, insbesondere zu den Themen/Fragen: Europäische Verfassung; die Erweiterung / Begrenzung Europas; europäischer Bürger / europäische Bürgerin sein

Das Projekt ermöglichte einen ausführlichen Gedankenaustausch zur europäischen Demokratiefrage und diesbezüglichen Aufgaben von politischer Bildung (civic education). Es ist gelungen, auch Demokratie- und Bildungsinitiativen aus den Staaten des ehemaligen Ostblocks einzubeziehen. Dieses Projekt wurde aus dem EU-Programm "Partnerschaft mit der Zivilgesellschaft" gefördert.

Die Ergebnisse der Gespräche sind zunächst in einem Dossier dokumentiert worden: "Die demokratische Stimmung von Europa. Transnationale Demokratie-Wahrnehmung in europäischen Bürgergesellschaften; Eisenstadt, 2004". Auf ihrer Grundlage wurden in einem weiteren Projekt Studienzirkel in mehreren Ländern Europas eingerichtet, um das europäische Bildungsvermögen durch Bürgerinitiativen und Erwachsenenbildung zu untersuchen und die Ergebnisse auszutauschen (dokumentiert in "A Fortune for Empowering Europe - Activating an Educational Fortune by Means of Citizens Initiatives and Adult Education", Eisenstadt 2005).

Die Ergebnisse zeigen, dass den Maßnahmen zu Bildung und Information der Bürger/innen Vorrang vor der aktiven Beteiligung an Europäischer Politik eingeräumt wird.

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Identität
von Hans Göttel

Was bedeutet eigentlich Identität für komplexe Gesellschaften? Wäre es nicht besser - mit Habermas - von Verfassungspatriotismus zu reden? Und von einem in Vielfalt geeintem Europa statt von einem mit sich selbst identem? Genügt nicht eine Charta von Werten (wie sie im Verfassungsentwurf schon angelegt ist) als Basis für politisches Engagement?

Nach Hermann Lübbe ist Identität die Antwort auf die Frage, wer man ist! Zur Beantwortung dieser Frage kann man zwar selber viel beitragen - durch subjektive Identitätszugaben, wie Ideen, Visionen, Hoffnungen. Diese subjektiven Elemente sind aber "in die Geschichte gestellt", angewiesen und hingewiesen auf objektive Identitätsvorgaben.

Wer heute auf die Frage "wer bin ich" antwortet: ein Europäer, gibt entweder einer subjektiven Hoffnung oder Vision Ausdruck - und wird so als Visionär eingestuft - oder er/sie versteht sich in einer Situation, wonach die Nationen bzw. die nationalen Identitäten das Europäischste an Europa seien.

Die heute bestimmenden nationalen Identitäten sind nicht zuletzt ein Ergebnis eines aus heutiger Sicht monströs wirkenden Bildungsunternehmens, das angelegt worden war, um aus Leuten ein Volk zu bilden, ein homogenes, handlungsfähiges Grosssubjekt, ja ein kampfbereites Kollektiv. Wo kollektive Identitäten geschmiedet wurden oder werden, kann nach "Identitätern" gefragt werden. Zur Erfindung und/oder Herausbildung der nationalen Identitäten haben Intellektuelle viel beigetragen, die systematische Umsetzung geschah insbesondere in den Bildungseinrichtungen. Die zentrale Agentur war die "Volks"schule, in der die Lehrerschaft die Durchsetzung eines neuen, modernen, nationalen Weltbildes - mit erstaunlichem Erfolg - betrieben hat.


Dahinter stand das Interesse eines aufstrebenden Bürgertums und die Ideologie der Demokratie. Mit der neuen, nationalen Identifizierung gab der/die - nunmehr - Bürger/ Bürgerin die innerste Form der Zustimmung zu den neuen Verhältnissen.

Betrachtet man den europäischen Diskurs heute, so zeigt sich seitens der Institutionen der Europäischen Union zwar ein gewisses Legitimationsinteresse - man bemüht sich um Anerkennung als nützliche und effiziente Servicestelle - aber kaum Herrschaftsinteresse. Es ist nicht wirklich spürbar, wofür oder wogegen sich Europa bildet. Vielleicht kommt es von daher, dass die Europäische Union von heute keine Europäer braucht.

Europa beruht auf einem Vertrag zwischen Staaten, allerdings auf einem Vertrag mit existentiellen Qualitäten, der (wie ein Ehevertrag und anders als ein beliebiger Leistungsvertrag) den Status der Beteiligten verändert. Der josephinisch anmutende Servicecharakter der Europäischen Politik führt aber zu einer Europäischen Kundschaft, die in ihrem Verhalten an den Nationalcharakter der Österreicher erinnert: "Ein stets von oben beglücktes Volk, murrend, weil immer wieder von fragwürdigen und unverstandenen Reformen aus der Ruhe des täglichen Treibens gebracht, von fortschrittlichen Erlässen und Gesetzen genervt …. träge und beharrend … siegte nicht, es blieb nur übrig, es agiert nicht, es verweigert sich höchstens. Es hat keine eigene Geschichte und kann folglich auch keine Verantwortung für sie spüren" (Mappes-Niediek 2002).

Insofern scheint es plausibel, dass auf Europa bezogene bildungs- und kulturpolitische Strategien belanglos auf die Festigung von Pluralität abzielen, auf das Spiel mit der Völkerfreundschaftsutopie und dem interkulturellen Austausch. Europäische Identität bedeutet nicht viel mehr als die Zustimmung zu internationalen Begegnungsübungen.

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Information
von Anneli Bauters

Wir leben in einer Informationsgesellschaft in welcher alles von Informations- und Kommunikationstechnologien abhängig ist. Engagierte Bürger die sowohl auf globaler als auch EU- Ebene, teilnehmen und Einfluss haben wollen, benötigen neue Fähigkeiten im Bearbeiten, Empfangen und Versenden von Informationen.

Informationstechnologien haben für sowohl informelle als auch formelle Gesellschaftsgruppen, aber auch Individuen, neuen Raum und neue Möglichkeiten des Handelns eröffnet. Diese Foren werden oft als Cyberspace oder "virtual Community" bezeichnet, in denen aktive Bürger ihre Meinungen und Ideen vortragen können.
Diese Foren werden effektiv genutzt um Information und Erfahrung innerhalb einer Gruppe auszutauschen, die eine übliche, vorherrschende Situation verändern will. Die Ziele können z.B. das Entwickeln von Verständnis für eine nachhaltige Entwicklung oder Veränderung des Steuerwesens sein.

Information als Konzept hat einige verschiedene Bedeutungen im täglichen Gebrauch wie auch in speziellen Zusammenhängen. Normalerweise ist das Konzept eng verknüpft mit Worten wie Daten, Anweisung, Wissen, Bedeutung, Kommunikation.
en.wikipedia.org/wiki/Information

Information kann als Nachricht beschrieben werden, die sowohl erhalten als auch verstanden worden ist. Normalerweise sind die empfangenen Daten so organisiert, dass sie signifikant und bedeutsam für den Empfänger sind. Hinterher können Folgerungen aus den verarbeiteten Fakten gezogen werden, die als Basis zur Entscheidungsfindung fungieren.
wordnet.princeton.edu/peru/webwn

Wie geht man um mit dem konstanten Fluss an Information? Eine Antwort ist Bildung. Bürger einer Informationsgesellschaft werden zusätzlich zu der traditionellen Leseauffassungsgabe die Fähigkeit der Informationskompetenz benötigen.
Diese beinhaltet eine Anzahl verschiedener Fähigkeiten, die bei der Kommunikation in einer wachsenden multikulturellen Gesellschaft helfen. Informationskompetenz benötigt a) die Fähigkeit zu erkennen, wann Wissen benötigt wird, und b) die Fertigkeit, Information effektiv zu finden, auswerten und benutzen. Beherrscht man Informationskompetenz, so ist man als aktiver EU-Bürger in der Lage das benötigte Wissen aus dem Informationsfluss herauszusieben. Dieses Wissen kann dann für verschiedene Situationen und unterschiedliche Aufgaben verwendet werden. Informationskompetenz wird in unserer gegenwärtigen Umwelt der schnellen technologischen Veränderung und des Wucherns von Informationsquellen von immer größerer Bedeutung.

Die Medienkompetenz zu beherrschen ist genauso wertvoll wie die Informationskompetenz. Es ist ebenso eine vielgestaltige Fertigkeit. Eines ihrer Ausmaße ist die kognitive Fähigkeit, durch die der Bürger in der Lage ist, mit der neuen Medienumgebung verständliche Daten, Informationen und Wissen zu sammeln. Dazu benötigt man Medienkompetenz, die sich als Fähigkeit definiert, ein Problem zu erkennen. Dies erweist sich als immer schwieriger in einer Gesellschaft, die sich im ständigen Wandel befindet. Nachdem die wichtigen Informationen gefunden und kritisch gewertet wurden, müssen sie mit anderen Quellen verbunden werden. Neue Informationen werden basierend auf individuelle Werte und Erfahrungen erstellt. Schlussendlich sollte das Ergebnis in einer logischen und seriösen Form präsentiert werden.

Anneli Bauters leitet die Grüne Bildungswerkstatt in Finnland.


Zum Weiterlesen:
http://www.ala.org/ala/acrl/acrlstandards/informationliteracycompetency.htm
http://sociology.berkeley.edu/faculty/castells/publications.htm

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