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Niels Werber
Utopische und dystopische Mediensemantiken
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Niels Werber
Utopische und dystopische Mediensemantiken

Medien- und kulturwissenschaftliche Überlegungen zu kurrenten Selbstbeschreibungsformeln der Gesellschaft

Das neue Buch eines bekannten Soziologen, es ist in diesem Jahr erschienen, trägt den Titel: "Studien zur nächsten Gesellschaft" [1]. Man könnte sagen, es formuliert einen "Weltentwurf" für unser noch junges Millennium. Dirk Baecker vertritt dort die Ansicht, daß wir auf der Schwelle zu einer anderen Gesellschaft stünden oder diese bereits überschritten hätten, deshalb sei eine Soziologie nicht dieser, sondern eben der "nächsten Gesellschaft" nötig [2]. Indikator und Auslöser dieses epochalen Wandels sei die Computerisierung. Ich zitiere Baeckers These:

Wir haben es mit nichts Geringerem zu tun als mit der Vermutung, daß die Einführung des Computers ebenso dramatische Folgen hat wie zuvor nur die Einführung der Sprache, der Schrift und des Buchdrucks. Die Einführung der Sprache konstituierte die Stammesgesellschaft, die Einführung der Schrift die antike Hochkultur, die Einführung des Buchdrucks die moderne Gesellschaft und die Einführung des Computers die nächste Gesellschaft. [3]

Man erkennt auf Anhieb das vierstufige Raketenprinzip sozialer Evolution - die Kommunikationstechniken Sprache, Schrift, Druck und Computer führen zur gesellschaftlichen Entwicklung. In der Tat handelt es sich bei Sprache, Schrift und Buchdruck um evolutionäre Errungenschaften mit weitreichen Konsequenzen: Orale Gesellschaften, Schriftkulturen und die Gesellschaft der Gutenberg-Galaxis unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Komplexität, ihrer sozialen Differenzierung, ihrer Kultur grundsätzlich. Die moderne Gesellschaft wäre ohne Buchdruck nicht vorstellbar, die antiken Hochkulturen nicht ohne Schrift. Die Analogisierung der Einführung des Computers mit der Einführung von Sprache, Schrift und Buchdruck bringt Baecker dazu, nun auch von der nächsten Gesellschaft, der "Computergesellschaft" zu erwarten, daß sie sich von ihrer Vorläuferin epochal unterscheide. Während die moderne Gesellschaft, deren Leitmedium der Buchdruck gewesen sei, sich durch funktionale Differenzierung oder ‚Arbeitsteilung' ausgezeichnet habe, erzeuge "das Verbreitungsmedium Computer eine Eigendynamik", schreibt Baecker, die der Gesellschaft neue Prioritäten aufzwinge [4]. Die nächste, kommende, andere, sozusagen post-moderne Gesellschaft nennt Baecker auch "Netzwerkgesellschaft". [5]

"Computergesellschaft", "Netzwerkgesellschaft" - dies klingt, ohne daß man sich näher damit beschäftigen müßte, was genau gemeint ist, zunächst einmal evident. Computer, Netzwerke, diese Begriffe hört man oft, und es scheint auch Sachverhalte in der Welt zu geben, die damit bezeichnet werden, und zwar so häufig, daß allein die Quantität es zu rechtfertigen scheint, die zahllosen Computer, Server, PCs, Laptops, Handhelds, PDAs oder Palms und Macs oder aber die unübersehbaren Netzwerke der NGOs und GOs, der Parteien oder Stiftungen, der Kartelle und Terrororganisationen, von Computernetzwerken und Netzwerkcomputern ganz zu schweigen, zum Typischen zu erklären, das unsere Gesellschaft auszeichnet und zugleich von anderen Gesellschaften unterscheidet. Eine Identität zu bezeichnen und eine Differenz zu markieren, ist Teil derselben Etikettierungs-Operation. Denn wenn die Gesellschaft, in der wir leben, in signifikanter, spezifischer Weise eine "Computergesellschaft" oder eine "Netzwerkgesellschaft" sein soll, dann meint dies: Computergesellschaft statt Buchgesellschaft; Netzwerkgesellschaft und nicht Gesellschaft der Funktionssysteme, nicht Klassengesellschaft oder auch nicht Kasinokapitalismus. Das Label "Computergesellschaft" indiziert also, daß die Gesellschaft dies und nicht das ist, etwa keine Buchgesellschaft. Doch ist die Formel mit der Gesellschaft keinesfalls identisch, denn die Gesellschaft als Computergesellschaft zu bezeichnen, bedeutet keineswegs, daß Bücher keine Rolle mehr spielen. Es bedeutet nur, daß Bücher keine entscheidende Rolle mehr spielen. Da immer noch Bücher gedruckt und wohl auch gelesen werden, kann man sagen, daß es sich bei dem Begriff der "Computergesellschaft" um eine simplifizierende Formel handelt, die es gestattet, all das, was passiert, auf einen Begriff zu bringen, der die Gesellschaft als ganze dann bezeichnen soll, obschon vieles von der Formel nicht mitabgedeckt wird.

Dies geht schon aus logischen Gründen gar nicht anders, denn die Selbstbeobachtung der Gesellschaft kann niemals die gesamte Komplexität der Gesellschaft erfassen, sonst würde sie die Gesellschaft verdoppeln wie jene Kartenzeichner bei Eco oder Borges, die eine perfekte Karte eines Reiches anfertigen wollten und schließlich bei der Erschaffung einer zweiten Welt landeten, einer Karte im Maßstab 1:1. Aber wie jede wirkliche Karte ist auch jede Selbstbeschreibungsformel selektiv - was nicht heißt, daß sie nicht informativ sei, im Gegenteil, gerade die Selektivität macht sie erst informativ, wie auch nur eine Karte des Maßstabs 1:10.000 oder 1:100.000 eine Orientierungshilfe darstellt.

Wenn Selbstbeschreibungen unserer Gesellschaft also selektiv und kontingent sind, läßt sich die Frage stellen, warum wir uns nun gerade zu einer Computergesellschaft oder Netzwerkgesellschaft entwickeln sollen? Es gäbe ja schließlich viele andere Kandidaten. Hat sich unsere Gesellschaft seit den Erfindungen der 1930er und 1940er Jahre, als Turing und Zuse die ersten Computer entwarfen und von den Österreichern Heinz von Foerster und John von Neumann die Grundlagen einer Kybernetik zweiter Ordnung gelegt wurden [6], so sehr geändert, daß man einen Begriff wie Computergesellschaft dafür benötigt, um uns von allen Vorcomputergesellschaften zu unterscheiden? Macht der Computer wirklich, wie Baecker behauptet, einen solchen Unterschied, daß man vorher und nachher in je anderen Gesellschaften lebt? Denn immerhin bleibt ja auch vieles beim Alten, es gibt weiterhin Nationalstaaten, Marktwirtschaft, Schiff- und Luftfahrt, Status- und Einkommensdifferenzen, gute und schlechte Schulen, Krankenhäuser oder Altersheime, kulturelle und ethnische Unterschiede, Gender- und Klassendifferenzen und vieles mehr. Und Netzwerkgesellschaft? Sicher, Al-Qaeda hat ein schwer zu übersehendes Beispiel für diese Organisationsform gegeben [7], aber gibt es nicht weiterhin Hierarchien in Unternehmen, Behörden und auch in Universitäten, gibt es nicht sogar noch immer oder wieder charismatische Führung, und gibt es nicht weiterhin Gruppen, Mengen, Massen, deren Elemente alles andere als ein Netzwerk bilden, sondern beispielsweise eine Marktnische, ein Publikum oder ein Nutzerprofil. Die Käufer von Sportwagen, die Schüler einer Klasse, die Liebhaber von Robbie Williams, die Fans von Wacker Innsbruck oder die Kunden eines gewissen Internetportals haben ja viel gemeinsam, ohne daß sie unbedingt ein Netzwerk bilden. Warum also Netzwerkgesellschaft und nicht Konsumgesellschaft oder Arbeitsgesellschaft oder Freizeitgesellschaft oder - wie Guy Debors sagen würde - société du spectacle?


[1] Dirk Baecker, Studien zur nächsten Gesellschaft, Frankfurt am Main 2007. Nach oben
[2] Ebd., S. 7. Nach oben
[3] Ebd., S. 7. Nach oben
[4] Ebd., S. 169. Nach oben
[5] Dirk Baecker, Form und Formen der Kommunikation, Frankfurt am Main 2005, S. 198, S. 234. Nach oben
[6] Vgl. Heinz von Foerster (Hrsg.), Cybernetics - Kybernetik. The Macy-Conferences 1946-1953. Transactions, hrsg. von Claus Pias, Zürich, Berlin 2003. Nach oben
[7] Vgl. John Arquilla, David Ronfeldt (Hrsg.), Networks and Netwars. The Future of Terror, Crime, and Militancy, Santa Monica, CA 2001. Nach oben
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