Friedrich Pohlmann - Das Elend der Utopien
Das Wort "Utopie" hat für viele einen einschmeichelnden Klang. Selten genauer begrifflich profiliert, zirkuliert es wie von einem parfürmierten Wattebäuschlein umhüllt durch die Diskurse, eine Aura des fraglos Freundlichen und Bejahenswerten verbreitend, die zwar leicht irritierbar ist, aber doch als erste Reaktion auf kritische Bemerkungen Überraschung und dann scheele Blicke erzeugt, wie auf einen Außenseiter, der das harmonische Beisammensein in trauter Runde durch insistierendes Beharren auf einem unpassenden Thema stört. Man erinnert sich, wie nach 1989 in gewissen Milieus mit klagendem Beiklang von einem "Ende der Utopie" geredet wurde, so als sei der Kommunismus eine verwirklichte Utopie gewesen, der man irgendwelche Tränen nachweinen müsse. Das war zwar nur "small talk", einzig durch die positive Besetzung von Worten wie "Utopie" und "Sozialismus" ermöglichtes gedankenloses Aneinanderreihen von Gedankenhülsen, aber derartige positive Besetzungen waren und sind - und das ist ernster zu nehmen - auch unter den Experten zum Thema verbreitet. Als zum Beispiel vor einigen Jahren in einer Fachzeitschrift eine Diskussion über einen Artikel eines der bedeutendsten deutschen Utopieforscher stattfand, stellte sich schnell heraus, dass der Erforscher der Utopie zugleich einer ihrer glühendsten Parteigänger war - die wichtigsten Utopien kennzeichnete er als "emanzipatorisch", "rational" oder "antiegoistisch" - , und daß die meisten Mitdiskutanten willens waren, ihm, wenn auch mit deutlich geringerer Emphase, zu folgen. Ich werde im folgenden eine ganz andere Sichtweise des Phänomens entfalten. Anhand der gemeinsamen Merkmale der wichtigsten neuzeitlichen Utopietypen soll zunächst die Auffassung begründet werden, daß sich hier keineswegs "emanzipatorische" oder "rationale" Strebungen zum Ausdruck bringen, sondern durch spezifische gesellschaftliche Konfliktkonstellationen hochgespülte kollektive regressive Bedürfnisse, ausgeformt zu Phantasien der Flucht aus den Zumutungen der Moderne in ein "Nirgendwo" der stillgestellten Zeit, in die immerwährende große Harmonie ewiger Infantilität. Im zweiten Schritt werden dann die engen Beziehungen eines bestimmten Utopietypus zu den totalitären Ideologien des zwanzigsten Jahrhunderts offengelegt. Was ihr Verwirklichungsversuch an Angst und Schrecken erzeugte, hat ganz wesentlich die "negativen Utopien" wie "1984" oder "Brave New World" inspiriert, die ich zuletzt behandele. In ihnen aber bündeln sich keineswegs nur düstere Erfahrungen aus der Welt der totalitären Diktaturen, sondern man kann auch zeigen, daß gerade in "Brave New World" in zugespitzter Form Tendenzen antizipiert und gespiegelt werden, die zum Signum unserer Gegenwartsgesellschaft geworden sind. Als Folge des gesellschaftlichen Wohlstandes, der Massenunterhaltungsindustrie und der atemberaubenden Fortschritte der Biotechnologie hat unsere Welt sich der "Brave New World" in Vielem bereits angeähnelt. Sie verfügt übrigens, wie wir sehen werden, auch über Nischen, die für jedermann den alten Traum vom Schlaraffenland - natürlich durchmischt mit Beigaben aus "Brave New World" - für eine gewisse Zeit erlebbar machen können.
Ich beginne, bevor ich die Gedankengewebe
utopischen Denkens genauer auf ihre Grundmuster hin untersuche, mit einem
kurzen Hinweis auf die anthropologische Grundvoraussetzung desselben.
Was sich im utopischen Denken in einer spezifischen Variante äußert,
ist die menschliche Fähigkeit zur Selbsttranszendierung. Im utopischen
Konstrukt wird das erfahrbare Gegebene, das "Ist", wie sehr auch
immer daran angeknüpft und mit ihm gespielt werden mag, qua Vorstellungskraft
zugunsten eines "Nicht-Ist" beziehungsweise "Noch-Nicht"
geistig überwunden, der Mensch löst sich aus den Fesseln seines
Hier und Jetzt und erfindet sich neu als Bewohner eines imaginierten Anderswo.
Das ist ein kreativer Akt, dessen anthropologische Basis die menschliche Potenz
zur vorstellenden Repräsentation des Unbekannten ist, also dasjenige,
was wir Phantasie nennen. Die Welt der Utopie ist freilich eine Phantasiewelt
besonderer Art. Sie ist kein Produkt spielerischer Höhenflüge des
Geistes in unverbindliche Bilder sozialer Wolkenkuckucksheime und entsteht
auch nicht durch fabulierendes Eindringen in Märchenregionen, in denen
Milch und Honig fließt oder einem gebratene Täubchen in den Mund
fliegen, aber ihr eignet auch nicht die gleichermaßen bedrückende
wie erhebende Verbindlichkeit religiöser Transzendenzvorstellungen mit
ihren Imperativen für das Seelenheil und Handeln der Gläubigen.
Sie liegt irgendwo zwischen diesen Extremen, denn die von ihr ersonnenen idealen
Welten weisen alle Zeichen des Unverwirklichbaren auf, sollen aber trotzdem
Wirkungen in der Wirklichkeit entfalten; sollen ihr - durch Präsentation
eines vollkommen gelungenen Sozialsystems- gewissermaßen die Augen über
sich selbst öffnen, so daß sie sich selbst ihrer Schattenseiten
- ihrer "Fehler" und Ungerechtigkeiten - gewahr zu werden vermag
und die Sehenden zu entsprechendem Handeln veranlaßt. Utopien sind so
etwas wie mit erhobenem Zeigefinger verkündete pädagogische Sinnbilder,
die, das sei schon zu Anfang hinzugefügt, keinen Spaß - am allerwenigsten
den derben der Tölpel von Schlaraffenland - verstehen und denen Selbstironie
völlig fremd ist. Vielleicht hat auch damit - also einem spezifisch reduzierten
geistigen Habitus der Utopisten - zu tun, daß die Wege der utopischen
Phantasie sich über die Jahrhunderte hinweg recht ähnlich geblieben
sind: Sie muten an wie ausgetrampelte Pfade mit magischer Anziehungskraft
für jeden Neuankömmling. Die utopische Phantasie ist gewöhnlich
nicht sehr phantasiereich.
Viele Utopien der Neuzeit, besonders stark bereits ihre erste und paradigmatisch
gewordene Ausformung - Thomas Morus' Utopia - sind durch Platons Konzeption
eines Idealstaats in seiner "Politeia" beeinflußt worden.
Er ist der Vorläufer der neuzeitlichen Utopien, in dem schon einige ihrer
typischen Muster gebündelt sind. Werfen wir einen Blick in dieses Staatswesen.
Bereits die Ausgangslage für seine Konstruktion durch Plato bezeichnet
Typisches: Es ist dies das Gefühl einer umfassenden Gesellschaftskrise,
in Platons Fall hervorgerufen durch die Niederlagen Athens im Peloponnesischen
Krieg und die Wirren im Inneren - Staatsstreiche, Bürgerkrieg, Gerichtswillkür
und zuletzt die Verurteilung des Sokrates. Dadurch verfestigte sich Platons
Überzeugung, daß die Regierung der Polis nicht vom Volk ausgeübt
werden dürfe - Demokratie führt zur Tyrannis -, sondern nur den
Wissenden, einer Elite von Philosophen, anzuvertrauen sei. Sie seien
einzig imstande, auf der Wahrheit beruhende Gesetze mit Gültigkeitsanspruch
für alle zu erlassen und vor allem die moralische Integrität der
Polis zu sichern. Ziel ist die Schaffung eines vollkommen gerechten Gebildes
mit "ewiger" Lebensdauer, der Zeit, jedem Wechsel enthoben, ein
sich selbst immer Gleiches, gegen jegliche innere Fäulnis gefeit; jene
egoistischen Leidenschaften, die einen Staat "zerreißen" und
die auch dem mächtig wirkenden Atlantis - dem von Platon im "Kritias"
entworfenen Gegenmodell zu seinem Idealstaat - schließlich zum Verhängnis
wurden. Der Staat muß auf vier Tugenden errichtet sein - der Weisheit,
Tapferkeit, Mäßigkeit und Gerechtigkeit -, und diese müssen
in seiner Konstruktion so ausgeformt sein, daß sie die drei Grundkräfte,
die in der Seele des Menschen miteinander ringen - Vernunft, Eifer und Begierde
- in ein Gleichgewicht bringen. Dem dient eine strikte Klassenhierarchie,
an deren Spitze die Philosophen, die Herren des Staates, stehen, gefolgt von
der Klasse der Krieger, und schließlich am unteren Ende den Handwerkern
und Bauern, - ein Klassensystem, das faktisch Kastenordnung ist, weil
die Klassenzugehörigkeit in der Generationenfolge weitgehend vererbt
wird. Geformt werden die Staatsbürger durch eine ausgefeilte Erziehung,
die ihre Körper stark und ebenmäßig machen und ihre Leidenschaften
zur Gleichheit hin mildern und glätten soll, im übrigen aber darauf
zielt, in jeder Klasse ganz spezifische, nur auf sie zugeschnittene Fähigkeiten
und Tugenden auszubilden. In völliger Askese und ohne nennenswerten Geldbesitz
müssen besonders die Krieger leben, weil sie sonst die Fähigkeit
zur höchsten Tugend - dem Einsatz ihres Lebens für die Verteidigung
der Polis - verlieren. Von zentraler Bedeutung ist vor allen Dingen die Regulierung
der Geschlechterbeziehungen - der Sphäre, in der in der "wirklichen
Welt" jene Leidenschaften und Begierden lodern, die der Tugend im Dienste
des Staates immer entgegenstehen. Plato sieht ein strikte Normierung vor,
die das Herz aller modernen Radikalfeministinnen höher schlagen lassen
müßte, weil sie, zumindest für die herrschenden Klassen, auf
genau dasjenige zielt, was auch ihnen vorschwebt: Geschlechtergleichheit
und die Abschaffung der Liebe und der Familie. Die Frauen erhalten
die gleiche Erziehung wie die Männer, und es gibt - freilich begrenzt
durch ganz strenge Rahmenbedingungen - eine freie Wahl und Sexualität
zwischen den Geschlechtern, aber die Kinder der oberen Klassen sollen "allen",
das heißt: dem Staat gehören, und der Vater seinen Sohn so wenig
kennen wie der Sohn seinen Vater. Den Inzest sucht Plato durch ein ausgeklügeltes
System zu verhindern, und auch eugenische Maßnahmen sind ihm schon bekannt,
die bewirken sollen, daß genau der Nachwuchs entsteht, den der Staat
braucht. Daß es im Idelstaat keine Neuerungen geben darf, ist evident,
weil das mit seinem Ziel "ewiger Dauer" als eines "sich selbst
Gleichen" nicht vereinbar wäre.
So weit einige Merkmale von Platos Idealstaat. Wir werden sehen, daß
Elemente desselben, vor allem aber sein grundlegendes Telos - sein Ideal der
Statik und der Konflikt- und Zeitlosigkeit - auch in den neuzeitlichen Utopien
immer wieder bestimmend hervortreten. Über ihre Deutung werden wir schrittweise
in das Wesen des Utopischen eindringen.
Die frühneuzeitlichen Utopien sind sämtlich Raumutopien,
denen sich dann ab dem letzten Drittel des 18. Jahrhunderts ein ganz neuer
Typus der Utopie hinzugesellt, die Zeitutopie, in der das utopische
Konstrukt in die Zukunft projiziert wird. Wir betrachten zunächst nur
einige Grundmuster des Utopischen bis zu dieser folgenreichen Fortentwicklung.
Das Wort "Utopia" stammt von Thomas Morus, dem Begründer frühneuzeitlichen
utopischen Denkens, dessen Utopie 1516 veröffentlicht wurde. Es ist ein
Kunstwort, das aus zwei griechischen Silben besteht: "ou=nicht"
und "topos=Ort". Utopia heißt also soviel wie Nicht-Ort oder
Nirgendwo. Gleichwohl "existiert" dieses Nirgendwo, ist aber nicht
exakt lokalisierbar, es ist irgendwo in weiter Ferne, wie hinter einem Schleier
verborgen, gewöhnlich im Meer, eine Insel. Dort "gibt" es -
jedenfalls nach den Schilderungen einiger Reisender - eine Gesellschaftsform,
in der die Ungerechtigkeiten der "real existierenden" überwunden
sind - Utopia fungiert immer als phantastischer Maßstab der Kritik an
der Gegenwartsgesellschaft. Von Utopia, berichtet Thomas Morus augenzwinkernd,
sei ihm von einem gewissen "Hythlodeus" - das ist ebenfalls ein
griechisches Wort und meint "Possenreißer" - erzählt
worden, einem älteren Mann portugiesischer Abstammung, sonnengebräunt
und wie ein Seemann wirkend, der es als Begleiter Amerigo Vespuccis auf einer
langen Seereise einmal besucht habe, und wie um den irrealen Charakter noch
zu unterstreichen, nennt Morus die Hauptstadt dieses Nirgendwo im Irgendwo
Amaurotum, Nebelstadt. Auch der "Sonnenstaat" Campanellas, eines
als Häretiker verfolgten calabresischen Mönches, ersonnen in der
Kerkerhaft und veröffentlicht 1623, liegt - wie auch Francis Bacons "Nova
Atlantis" - auf einer Insel. Der Sonnenstaat befindet sich auf Taprobane
- dem heutigen Ceylon - und wurde von einem genueser Schiffskapitän entdeckt,
nachdem er dort nach der Landung einen Wald und eine südlich des Äquators
gelegene Ebene durchquert hatte. Es liegt auf der Hand, daß im Inselmotiv
Erfahrungen aus den frühneuzeitlichen europäischen Weltentdeckungsreisen
und den Begegnungen mit den Kulturen der "Neuen Welt" aufscheinen
- manche Autoren glauben sogar, daß Ideen bei Morus, Campanella und
Bacon auch auf das Herrschaftssystem der Inkas zurückführen seien
, aber es gibt noch weitere Grundmerkmale in diesen Utopien, zu denen sich
in Platons Idealstaat kein Analogon findet: Das ist an erster Stelle eine
andere Bewertung der Arbeit - es herrscht gewöhnlich Arbeitspflicht
für alle -, zweitens die Indienstnahme der Technik für das
utopische Projekt, besonders stark in Bacons Nova Atlantis, und drittens das
Egalitätsprinzip als zentrales Regulativ. Schauen wir uns Utopia
und den Sonnenstaat etwas genauer an.
Wie Amaurotum ist die Hauptstadt des Sonnenstaates nach einem strikt abgezirkelten
geometrischen Plan entworfen, es gibt keinen architektonischen Wildwuchs,
und in Utopia sind die Wohnhäuser völlig gleich. Die Geometrie der
Stadt findet gewissermaßen ihre Verlängerung in einer numerischen
Aufgliederung der Gesellschaft in Dekurien, Zenturien und Stadtviertel. Es
gibt kein Stadt-Land-Gefälle, keine regionalen Unterschiede zwischen
den Städten oder den Bewohnern des flachen Landes: sie stimmen in Sprache,
Sitten, Einrichtungen und Gesetzen völlig überein. Die Gleichförmigkeit
macht auch vor dem Tagesablauf der Utopier nicht halt, er ist nach einem bestimmten
Muster bis in die Details festgelegt und läßt für Spontaneität
keinen Raum. Auch ihre Kleidung ist einheitlich, und im Sonnenstaat noch nicht
einmal geschlechtsspezifisch differenziert. Als Farbe dominiert weiß
oder aschgrau. Das Privateigentum ist in beiden Gesellschaften abgeschafft,
die Verteilung wird im Sonnenstaat aber von einer Staatsbehörde vorgenommen.
Die Arbeit wird als eine öffentliche Angelegenheit verstanden und organisiert,
es herrscht Arbeitspflicht für alle, und weil sie für alle herrscht,
ist in Utopia eine Begrenzung der täglichen Arbeitszeit auf 6 Stunden
möglich. Schichten von Müßiggängern - seien es Adlige
oder Kleriker - sind mit dem in beiden Gesellschaften herrschenden egalitaristischen
Grundprinzip nicht vereinbar, und in Utopia sind auch alle sonstigen Möglichkeiten
für Müßiggang und Laster abgeschafft, Bier- und Weinstuben
beispielsweise oder Freudenhäuser. Nach dem Abendessen, das - wie alle
Mahlzeiten im Sonnenstaat und in Utopia - in öffentlichen Speisesäälen
eingenommen wird, kann man sich bei Brettspielen entspannen, aber um acht
Uhr geht in Utopia die gesamte Bevölkerung schlafen. Nach acht Stunden
Bettruhe kann sie sich dann durch gelehrte Vorträge fortbilden. Die Geschlechterbeziehungen
sind in beiden utopischen Gesellschaften unterschiedlich reguliert. Während
in Utopia noch die monogame Ehe, freilich in einer unmittelbar staatsbezogenen
Form, existiert, sind im Sonnenstaat Liebe und monogame Ehe gleichermaßen
abgeschafft. Frauen und Kinder sind gewissermaßen staatlicher Besitz,
der Staat überwacht aus eugenischen Gründen die Sexualität,
und zwischen den Geschlechtern sind "freundschaftliche Gefühle",
nicht aber "brennende Begierden", wie Campanella unterstreicht,
die Regel. Deutlich unterschiedlich sind auch die politischen Systeme: Das
autoritäre Gesamtsystem Utopias kennt bereits einige Elemente der repräsentativen
Demokratie, aber der Sonnenstaat ist eine wissenschaftsgläubige Diktatur:
an der Spitze steht der Metaphysikus mit allen Entscheidungsbefugnissen, aber
assistiert von drei hohen Würdenträgern, den Verkörperungen
von Macht, Weisheit und Liebe, denen Bürokratien unterstehen, deren Mitglieder
ausschließlich Gelehrte sind. Die Unterscheidung von "privat"
und "öffentlich" hat in beiden Systemen keinen Sinn, bei Morus
ist selbst das Familienhaus, das nach zehn Jahren gewechselt wird, leicht
jedem zugänglich, es gibt keinen Privatbereich. Von zentraler Bedeutung
ist natürlich die Erziehung, die ab frühester Kindheit verstaatlicht
ist. Hier werden die Heranwachsenden im Sinne der Normen und Tugenden des
Systems so konditioniert, daß sie sich schließlich aus eigenem
Antrieb so verhalten, wie sie sollen. Verglichen mit den Bewohnern der normalen
Welt sind sie "neue Menschen".
Halten wir hier inne. Man könnte die Beschreibung zwar nach sehr lange
fortführen, aber dadurch würde sich der ermüdende Eindruck,
den wir bisher von Utopia bekommen haben, nicht ändern, nur verfestigen.
Fragen wir stattdessen, wie derartige Konstrukte deutbar sind. Sind sie "rational",
"emanzipatorisch", wie viele Autoren behaupten? Welche Wünsche
und Ängste dominieren? In welche Richtung müßte eine Psychologie
der utopischen Phantasie, wie wir sie bisher kennen gelernt haben, gedacht
werden?
Zunächst sei noch einmal das Ausgangsmotiv dieser utopischen Konstruktionen
hervorgehoben: ein umfassendes Krisenbewußtsein und die Überzeugung,
daß die bestehende Welt ungerecht eingerichtet sei. Der ungerechten
Wirklichkeit wird dann ein phantastisches Gegenbild entgegengehalten, das
Bild einer vollständig durchgeplanten, auf dem Egalitätsprinzip
errichteten Gesellschaft, die kein Privateigentum kennt. Das ist die Grundkonstruktion,
und wer - wie das sehr oft geschieht - nur aus ihr das "Wesen des Utopischen"
abzuleiten versucht, kann diesen Denkgebilden sogar mit einem Quentchen Berechtigung
"rationale" und "emanzipatorische" Züge zusprechen.
Das ändert sich freilich, wenn man in die Einzelheiten der utopischen
Konstruktion geht und auch ihren psychologischen Subtext mittels ihres Symbolgehaltes
zu entschlüsseln versucht. Rekapitulieren wir noch einmal: Statik und
Zeitlosigkeit dominieren - in Bacons Nova-Atlantis steht die Zeit bereits
seit neunzehnhundert Jahren still; die Menschen leben in präzis geometrisch
konstruierten Stadt-Räumen und kennen keine "dunkle Natur"
wie beispielsweise den Wald; sie kleiden sich in Weiß, nie in Rot; sind
durch die umfassende Durchgeplantheit der Gesellschaft vor jeglichen Überraschungen
gefeit, kennen keine Laster und haben in ihren Geschlechterbeziehungen auch
ihre eigene "dunkle Natur" überwunden, denn Leidenschaft und
Liebe und auch - sehr weitgehend - die Familie sind abgeschafft; die Kinder,
nach staatlich vorgegebenen eugenischen Gesichtspunkten gezeugt, werden vom
Staat, dem Kollektiv erzogen, und der Staat ist es auch, der die einzelnen
qua Güterdistribution nährt. In der Überwindung der "dunklen
Natur" geschlechtlicher Leidenschaftlichkeit ist Gabriel de Foigny 1667
am weitesten gegangen: er ersann eine von sanften Hermaphroditen bevölkerte
Insel, die nur einen Haß kennen: den Haß auf die Heterosexuellen,
die sie als halbe Monster betrachten.
Es ist ganz offensichtlich, daß derartige Phantasien aus einem Unterboden
diffuser Angst genährt werden, der Angst besonders vor zwei großen
Dimensionen der menschlichen Wirklichkeit: ihrer Unberechenbarkeit
und ihrer Gefühlsheftigkeit. Alle Obsessionen sind auf ihre Überwindung
gerichtet; und von ihrer Überwindung - der vollkommenen Begradigung der
sozialen Welt und dem nivellierenden Abschleifen aller Gefühlsheftigkeiten
- wird die Herstellung eines Zustandes der vollkommenen Harmonie des Menschen
mit sich selbst und seiner Mitwelt erhofft. Das ist der Kern der utopischen
Phantasie, der übrigens am deutlichsten in einer Utopie des zwanzigsten
Jahrhunderts hervortritt: in der Utopie "Futurum Zwei" des berühmten
Behavioristen Skinner. "Wir bauen …eine Welt auf", schreibt Skinner,
"in der es … mit etwas Glück gar keine Konflikte gibt. Unser Ziel
ist die allgemeine, wohlwollende Toleranz", und diese wird erreicht,
indem eine Wissenschaftler-Elite die Heranwachsenden durch behavioristische
Sozialtechniken so konditioniert, "daß sie genau das tun wollen,
was für sie und die Gemeinschaft das Beste ist". Wie sehr derartige
Phantasien von regressiven Bedürfnissen gespeist werden, demonstriert
die Entschlüsselung des Symbolgehalts der frühneuzeitlichen
utopischen Bilder. Schaut man genauer hin, dann entpuppt sich Utopia zunächst
als eine weitgehend vaterlose Gesellschaft, denn hier sind die wichtigsten
genuin väterlichen Funktionen von der Ernährung bis zur Erziehung
- und tendenziell sogar die Zeugung - dem Staat, dem Kollektiv übertragen;
einem "reinen", "nährenden", harmonieerzeugenden
Überwesen, das symbolsprachlich für nichts anderes steht als die
idealisierte, das heißt die ihrer Sexualität entkleidete
Mutter. Utopia - das ist psychologisch die regressive Phantasie
eines Zurück ins immerwährende harmonische Miteinander mit der entsexualisierten
Mutter. Manchmal spülen angsteinflößende gesellschaftliche
Krisensituationen kollektiv derartige regressive Bedürfnisse empor.
Es gibt in der frühen Neuzeit aber auch Gegen-Phantasien gegen
die bisher erörterten utopischen Konstruktionen; Vorstellungsmuster also,
die auf der Ebene und mit dem Material des Utopischen spielen, aber daraus
ganz andere Phantasiewelten zusammenfügen. Zwei scheinen mir besonders
interessant: Francois Rabelais' Utopie von der "Abtei Thelema" und
das Volksmärchen vom Schlaraffenland. Rabelais' Utopie, die ich nur kurz
ansprechen werde, ist eine Gegenutopie deswegen, weil sie gänzlich auf
dem Gegenprinzip zu den Grundlagen der anderen Utopien - ihrem strikten Egalitarismus
und staatlichen Institutionalismus - errichtet ist, auf einem aristokratisch
gefärbten Individualismus, und damit ihre regressiven Züge überwindet.
Im "Schlaraffenland" hingegen wird die Regression genau in die Gegenrichtung
ausgesponnen, freilich in einer burlesken, selbstironischen Weise. Hier geht
es nicht um die Erlangung jener dünnblütigen Harmonie, die eine
schützende Übermutter als Lohn für Tugenhaftigkeit und Maßhalten
verspricht, sondern um Maßlosigkeit; eine alle höheren Bedürfnisse
völlig ausklammernde Maßlosigkeit, um Phantasien von maßloser
Faulheit und maßloser Befriedigung von Magen- und Gurgelbedürfnissen,
also dasjenige, was man auf Deutsch nur "Fressen" und "Saufen"
nennen kann.
Rabelais' Thelema ist ein Kloster ohne Mauern, Ordensregeln und Arbeitspflicht,
aber deshalb kein Ort der Willkür und des nichtsnutzigen Müßiggangs,
sondern eine sich aus dem Geist eines aristokratischen Indivualismus heraus
selbst gestaltende Ordnung, in der gegenseitige Zuneigung Rücksicht erzeugt
und agonaler Wettstreit unter Bedingungen der Muße wissenschaftlichen
Fortschritt und Kunst. Gedacht ist eine derartige herrschaftsfreie Utopie
natürlich nur für eine kleine adlige, von der Sorge um die Zwänge
der materiellen Reproduktion befreiten und durch einen Verhaltenskodex der
Vornehmheit miteinander verbundenen Elite.
Keineswegs vornehm dagegen geht es in Schlaraffenland zu, aber das wird auch
dadurch entschuldigt, daß Schlaraffenland keine Utopie ist, sondern
ein der Volksphantasie entwachsenes Gebilde mit Märchencharakter und
allenfalls einigen utopieähnlichen Zügen. Aber Schlaraffenland bezeichnet,
und deshalb ist es hier interessant, genau die Gegenseite infantiler Regression
zu derjenigen, von der Utopia lebt; nämlich die Phantasie von einem Zurück
in eine gänzlich unsublimierte Maßlosigkeit, in einen Zustand,
in dem man völlig schamfrei jene "Sau rauslassen kann", die
sonst immer im Stall bleiben muß.
Erste vage, ihrer selbst noch eher unsichere Schilderungen von einem schlaraffenlandähnlichen
Land tauchen bereits in der Antike auf, aber exaktere Berichte häufen
sich doch erst in der frühen Neuzeit, und zwar vornehmlich in vier Ländern:
in Frankreich - dort wird das erstenmal schon 1250 von "Coquaigne",
"Honigkuchenland" berichtet; den Niederlanden im 15. und 16. Jahrhundert,
wo man es "Lant von Cokaengen" und dann "Luy lecker landt"
genannt hat; in Italien, bereits bei Bocaccio, aber gehäuft doch erst
in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts; und in Deutschland, man denke
an Sebastian Brandts illustrierte Erzählung von 1494, oder an diejenige
von Hans Sachs von 1548. Von den bildlichen Darstellungen, die alle sehr ähnlich
sind, ist die von Pieter ruegel dem Älteren von 1567 am bekanntesten
geworden. Es zeigt drei mit prall gefüllten Wänsten unter einem
mit Leckerbissen beladenen Baum liegende Gesellen, so satt und voll, daß
das im Hintergrund als Braten daherspazierende, messer- und gabelbesteckte
Schwein und das im Vordergrund sich zum Auslöffeln anbietende gekochte
Ei einstweilen Ruhe vor ihnen haben. Hinter dem Braten-Schwein ist ein Breiberg
erkenntlich, durch den sich gerade jemand - man versteht nicht warum - herausfrißt,
offensichtlich zu einem Boot hin, das vor Schlaraffia im Meere ankert.
Alle Berichte sind sich darüber einig, daß das Schlaraffenland
weitentfernt liegt - "6000 Meilen von Dover entfernt", behauptet
ein englischer Text, oder "jenseits von Montag" -, und daß
es dort kein Werden und Vergehen gibt, sondern nur ewige Gegenwart. Daß
Milch sauer würde oder Fleich verdirbt, liest man nirgends. Differenzen
gibt es hinsichtlich der Lage, manchmal erscheint es als Land und manchmal
als Insel, aber daß das einzig beschwerliche der Zugang zu ihm ist,
darüber herrscht Einvernehmen - zum Beispiel muß man sich in manchen
deutschen Schilderungen zunächst durch einen Berg aus Brei oder Pflaumen
durchessen. Im Lande selbst aber ist alles ganz einfach, da fliegt einem das
gebratene Geflügel in den Mund, ohne das von Köchen berichtet würde
- nichts erinnert dort im entferntesten auch nur an Arbeit. Manchmal tauchen
auch Tiere auf, deren Exkremente den Charakter leckerer Speisen haben - Hunde,
Pferde und Kühe lassen frische Pfannkuchen oder Feigen fallen -, und
auch unanständige Leibesgeräusche sind in Schlaraffia keineswegs
verpönt. Das geschlechtliche Liebesleben hingegen scheint, wie auch Thomas
Mann aufgefallen ist, keine große Rolle zu spielen. Das deutet darauf
hin, daß bei der schlaraffischen Phantasie die lustvolle Regression
in Bereiche infantiler Oralität und Analität dominiert, in prägenitale
Stadien. Das Genitale, da immer auch mit einer gewissen Aktivität verknüpft,
paßt nicht zu diesen Faulheitswünschen. Schlaraffia - das ist ein
unter den Bedingungen materiellen Mangels entstandener kollektiver Traum von
ewiger Völlerei, Faulenzerei und Konventionsfreiheit, ein pralles, burleskes
Gegenbild zu den einzwängenden Tugendpfaden, auf denen die Phantasie
ins Reich Utopia oder ins christliche Paradies wandert.
Ab der Mitte des 18. Jahrhunderts entfaltet
sich in den utopischen Konstruktionen der Aufklärungsepoche eine neue
Dimension: diejenige der Zeit. In Morellys "Gesetzbuch der natürlichen
Gesellschaft" von 1755 und dann besonders klar in Sebastien Merciers
Utopie von 1772 mit dem Titel "Das Jahr 2440. Ein Traum aller Träume"
wird das utopische Konstrukt nicht mehr im Irgendwo eines fernen Raumes angesiedelt,
sondern im Irgendwann der Zukunft. Mercier's Hauptperson - der Erzähler
- ist ein Mann, der in Paris siebenhundert Jahre geschlafen hat. Wieder erwacht,
entdeckt er nach und nach, daß nicht nur Paris, sondern Frankreich,
ja die ganze Menschheit sich gewandelt hat, daß sie - auf Wegen, die
verschwiegen werden - zu einem Leben im Einklang mit der Vernunft gefunden
hat. Dabei wird einem schnell klar, daß es sich auch bei ihr um jene
schmallippige Übervernunft, die keinen Spaß kennt, handelt, die
uns auch im Gros der Raumutopien begegnet ist: in Mercier's Vernunft-Gesellschaft
wird nicht an die unvernünftige Vergangenheit erinnert, und es herrscht
Meinungskontrolle; und wenn ein Autor abweichende Ansichten vertritt, wird
er zunächst sanft und nachsichtig belehrt, aber wenn auch das nichts
fruchtet, wird er zu lebenslanger Haft in den Staatsgefängnissen - vergitterten
Gräben in der Nähe der Friedhöfe - verurteilt. Inhaltlich hat
sich in Mercier's Utopie im Vergleich zu den klassischen nichts Wesentliches
geändert - man findet eine etwas radikalisierte Fassung des Üblichen:
der Kritik an der absoluten Monarchie und ihren Stützmächten und
der Wissenschafts- und Fortschrittsgläubigkeit -, aber die Einführung
der Zeitdimension markiert doch einen grundlegenden Wandel der Wege, die zukünftig
die utopische Phantasie beschreiten wird, die Entstehung eines neuen Utopietypus.
An ihm stechen zwei Merkmale ins Auge: erstens die Vorstellung, daß
die Geschichte ein Ziel habe, dessen Umrisse sich bereits in der Gegenwart
andeuten - bezeichnenderweise stellt Mercier seinem Buch das von Leibnitz
entlehnte Motto "Die Gegenwart geht schwanger mit der Zukunft" voran;
und zweitens die Überzeugung, daß menschliche Praxis dieses Ziel
- gewissermaßen als Geburtshelfer - verwirklichen könne. Mit dieser
Umkonstruktion konnte die Verwandlung der Utopien aus eher harmlosen kritisch-moralischen
Fabeln - Maßstäben von Kritik - in politische Handlungsprogramme
beginnen, in Ideologien; in jene Denkgebilde also, als die sie im 19. Jahrhundert
unter den Bedingungen der sich entwickelnden Industriegesellschaft immer geschichtsmächtiger
geworden sind und schließlich in den totalitären Ideologien ihre
radikalste Ausformung gefunden haben.
Daß mit der Industrialisierung die utopische Phantasie vor allem von
der neuen industriellen Lohnarbeit und dem neuen Typus technischer Artefakte
- der naturwissenschaftlich fundierten Maschine - gefesselt wurde, nimmt kein
Wunder. Allen Utopisten des 19. Jahrhunderts - an erster Stelle Robert Owen,
Charles Fourier, Etienne Cabet, William Morris, Edward Bulwer-Lytton und H.G.
Wells - ist das Ziel der Überwindung der Ungerechtigkeiten dieser Lohnarbeit
gemeinsam - das Arbeiterelend wird zum anreizenden Stachel utopischen Denkens
-, und alle zeigen sich gleichermaßen von der Maschine fasziniert: Technik
und Wissenschaft werden in einer beispiellosen Weise aufgewertet und als conditio
sine qua non des utopischen Gemeinwesens begriffen. Neben völlig richtigen
Einsichten in das Potential der Maschine - die Überwindung physischer
Schwerstarbeit und die Reduktion von Arbeitszeit - entstehen dabei teilweise
auch phantastische Spinnereien, vor allem bei Fourier, der, von allen Klimakatatrophenängsten
noch völlig unberührt, mithilfe moderner Technik sogar Eisberge
schmelzen, Wüsten erblühen und ewigen Frühling auf der Erde
einziehen lassen will. Freilich zeigen auch derartige Phantastereien, wie
sehr mit der Industrialisierung das neuzeitliche innerweltliche Könnensbewußtsein
- der Glaube an die Beherrschung von Natur und Gesellschaft - noch einmal
gewachsen ist: Basis des neuen Utopietypus ist eine anthropozentrisch fundierte
Machbarkeits- und Fortschrittsideologie, die noch von keinen Zweifeln angenagt
ist. Insofern sind alle Utopisten des 19. Jahrhunderts gläubige Schüler
von Henri Saint-Simon, eines einflußreichen Frühsozialisten, dessen
ganzes Werk ein enthusiastischer Lobgesang auf die Glücksverheißungen
moderner Wissenschaft und Technik war. Nicht die Technik ist ihnen die Ursache
der Gegenwartsübel, sondern - und damit werden wir wieder in vertraute
Vorstellungswege gelenkt - die Eigentumsordnung. Die Aufhebung des Privateigentums
an den Produktionsmitteln - sei es in einer etatistischen Planwirtschaft oder
in Produktionsgenossenschaften - und die allgemeine Arbeitsverpflichtung werden
deshalb durchgehend als Basis der neuen utopischen Gesellschaften gedacht.
Aber auch hinsichtlich anderer Elemente zeigen sich sehr bald altvertraute
Grundmuster im Neuen: die Träume von Konfliktfreiheit und Harmonie; die
Überzeugung von einer antipluralistischen Übervernunft, an der gemessen
abweichende Meinungen - so bei Owen und Cabet - wie Geisteskrankheiten erscheinen;
der Antiindividualismus, der sich - besonders bei Owen und Cabet - in der
geometrischen Ordnung des Städtebaus und der Kleidung und Struktur des
Tagesablaufs der Einzelnen zeigt; die Nivellierung der Differenz des Öffentlichen
und Privaten; die herausragende Rolle des Erziehungswesens als Prägestätte
der Heranwachsenden; der antidemokratische Etatismus, der bei Cabet und Wells
in Anknüpfung an altbekannte Traditionslinien bis zum Recht des Staates
an der Planung und Kontrolle der Fortpflanzung reicht; und, gewissermaßen
als Zusammenfassung von allem, die Schwärmerei von einem "neuen
Menschen", der teils als Voraussetzung und teils als Produkt des idealen
Gemeinwesens erscheint; eines Menschen, der, so bei Owen, dem alten in jeder
Hinsicht im "Verhältnis von 1000:1" überlegen sei, der
- so bei Morris und Bellamy - viel schöner und älter werde als der
alte; und Fourier behauptet, unter den Bedingungen der neuen Ordnung werde
es 37 Millionen Mathematiker wie Newton und 37 Millionen Autoren wie Moliere
geben, und die Menschen würden im Durchschnitt 7 Fuß groß
und 144 Jahre alt. Insgesamt bieten also auch die neuen Utopien einen eher
deprimierenden Anblick, der nur etwas aufgehellt wird durch Elemente von Fouriers
Idealgesellschaft: seine Utopie der sich aus kleinsten Einheiten - den Phalangen
- aufbauenden Idealgesellschaft basiert - auch gerade im Bereich der Geschlechterbeziehungen
- durchgehend auf Freiwilligkeit und erscheint in manchen Zügen wie eine
demokratische Vergröberung des aristokratischen Individualitätsideals
in Rabelais' Kloster Thelema.
Marx hat sich bekanntlich von allem utopischen Denken hochmütig abgegrenzt,
und viele "Linke" sind ihm darin gedankenlos - seine Kriterien übernehmend
oder ihn einfach nur zitierend - gefolgt. Tatsächlich aber erscheinen
in seinem überwältigenden Werk dessen Antriebskräfte und Tendenzen
eher wie ins Extrem getrieben, aber in ein gleichsam dialektisches Extrem.
Indem sich bei Marx die Utopie als Wissenschaft verkleidet - als jene seltsame
Wissenschaft mit Wahrheitsmonopol -, sich mit einem quasi-religiösen
Telos auflädt und zugleich ihre Verwirklichung als zentrales Element
ihrer selbst postuliert - eine Verwirklichung durch revolutionäre Gewalt
- wandelt sie ihre Gestalt. Sie wird zur Ideologie und, mit einer Rigidisierung
ihres Wahrheitsanspruchs und einer Radikalisierung ihres Revolutionspostulats,
zu einer totalitären Ideologie. Als solche ist sie dann im Leninismus
geschichtsmächtig geworden. Betrachten wir etwas genauer einzelne Züge
dieser Gestaltwandlungen.
Man kann die Form, die das utopische Denken bei Marx bekommt, nicht verstehen
ohne einen Hinweis auf die chiliastischen Wurzeln von Denkmustern bei Marx.
Im Chiliasmus bündeln sich zwar utopieverwandte, aber kategorial strikt
davon zu trennende Erlösungshoffnungen, religiös gespeiste, die
ursprünglich nur im jüdisch-christlichen Kulturkreis entstehen konnten.
Sie leiten sich ab vom diesseitigen Heilsziel der jüdischen Prophetie,
also von einer linearen, auf ein Ende ausgerichteten Vorstellung von einer
Weltzeit, die durch eine Apokalypse hindurch sich zur Heilszeit verwandelt.
Dieses chiliastische Muster wirkt in säkularisierter Form in Marx' dialektischer
Geschichtsphilosophie fort, in der Vorstellung des auf ein Ziel - den Kommunismus
- ausgerichteten Geschichtsprozesses, der sich gewissermaßen immer mehr
mit Unheil, mit "Entfremdung" anreichert, aber ineins damit die
Potenzen zu ihrer endgültigen Überwindung ausbrütet. Der dialektische
Umschlag der Unheils- in die Heilszeit liegt in der industriekapitalistischen
Gegenwart, und er verwirklicht sich gewissermaßen als apokalyptisches
Durchgangsstadium in der proletarischen Revolution, die eine Geschichtsnotwendigkeit
und selbstbewußte Praxis gleichermaßen darstellt. Dieses chiliastische
Grundmuster ist bei Marx überlagert durch jene ganz modernen Denktendenzen,
die uns auch in den Vorgängerutopien begegnet sind: erstens durch eine
hypertrophe Wissenschaftsgläubigkeit - die Überzeugung, die Gesamtheit
der vergangenen Geschichte mittels "richtigen" Denkens - also des
eigenen - "auf den Begriff bringen" und die Umrisses der Zukunft
vorhersagen zu können; zweitens durch einen ungebrochenen Technikoptimismus,
für den die ungehinderte Entfaltung der Produktivkräfte identisch
ist mit der Entwicklung des technischen Knochengerüstes für das
utopische Endziel; und drittens - gewissermaßen als Synthese der Wissenschafts-
und Technikgläubigkeit - durch einen hybriden Machbarkeitswahn, der im
Gedanken der "planmäßigen" Herstellbarkeit der "neuen
Gesellschaft" und des "neuen Menschen" kulminiert. Die Ausmalung
des geschichtlichen Endzieles selbst bleibt bei Marx im Vergleich zu den vorhergehenden
Utopisten ganz vage - Abschaffung des Privateigentums, Höchstentwicklung
der Produktivkräfte und der romantische Gedanke der "allseitigen"
Entfaltung der menschlichen Potenzen sind die einzigen drei zentralen Hinweise,
die keineswegs originell sind. Aber diese Vagheit hat der Breitenwirkung des
Marxismus eher genützt; einem Denken, in dem das Utopische sich chiliastisch
anreicherte und mit spezifisch modernen Merkmalen so verknüpfte, daß
es als politische Ideologie "Massen" zu "ergreifen" vermochte.
Zu einer zentralen weltgeschichtlichen Kraft wurde diese dann im 20. Jahrhundert
aber erst durch Lenins Transformation des Marxismus. Lenin hat zum einen alle
gerade skizzierten Muster des Marxismus - den ungebrochenen Wissenschafts-
und Technikoptimismus, das hypertrophe Könnensbewußtsein und die
chiliastische Heilsidee - in einer rigide dogmatisierten Form fortgeschrieben,
aber er hat zwei wesentliche Elemente modifiziert: er hat Marx' Idee von der
"Revolution des Proletariats" zu einer metaphysischen Auffassung
von der "Partei des Proletariats" verwandelt und zugespitzt, zur
Auffassung, ihr - einer schlagkräftigen, hierarchischen Organisation
von Berufsrevolutionären - sei wegen ihres Wahrheitsmonopols der Vollzug
der historischen Mission des Proletariats zu übertragen; und er hat bei
seiner "Anwendung" des Marxismus auf das unterentwickelte Rußland
dasjenige, was bei Marx als Prämisse des sozialistischen Endziels fungierte
- ein entwickeltes Industriesystem - zu einem zentralen Ziel des bolschewistischen
Aufbaus in Rußland erhoben, allerdings im übergeordneten Rahmen
einer "proletarischen Weltrevolution", die sich als Flächenbrand
im Ausgang von Deutschland entwickeln sollte. So betrat mit dem Sieg der Bolschewiki
eine chiliastisch aufgeheizte dogmatisierte Utopie, sprich: eine totalitäre
Ideologie die Bühne der Weltgeschichte, entfachte enthusiastische Glaubensbereitschaften
im Inneren und Äußeren und ein damit verkoppeltes Denken in unüberbrückbaren
Freund/Feind-Gegensätzen und verwandelte in einem historisch einzigartigen
Experiment die Struktur einer Gesellschaft in einer Weise, deren Inbegriff
der "Gulag" wurde. Aber dieser totalitären Ideologie erwuchs
im Nationalsozialismus eine todfeindliche totalitäre Gegen-Ideologie,
eine ihrerseits utopische Anti-Utopie; eine vom Willen zur vollständigen
Ausrottung aller Denkströmungen, die in den "Ideen von 1917"
kulminierten, angetriebene Bewegung. Darunter wurden alle okzidentalen Gleichheits-
und Universalitätspostulate - seien sie christlicher, bürgerlicher
oder kommunistischer Provenienz - verstanden, die einer als "Rasse"
definierten Gruppe als ihrem angeblichen Urheber zur Last gelegt wurden. Der
Begriff des "jüdischen Bolschewismus" umschließt alle
diese Feindbezüge. Das eigene utopische Endziel, so wie es sich aus Hitlers
Vorstellungswelt erschließen läßt, wurde als Gegenbild dieser
Feindbilder entworfen, als eine in den "östlichen Lebensraum"
mittels modernster Waffentechniken expandierende "Rassengesellschaft",
die sich im Krieg erst weitgehend selbst konstituiert. Das Bild dieser Rassengesellschaft,
in der - auch unter tatkräftiger Mithilfe der Eugenik - der "neue
arische Mensch" entstehen sollte, ist vom Willen zur völligen Zeit-
und Geschichtsverneinung bestimmt und orientierte sich an archaischen Formen
von Souveränität, Herrschaft und Kollektivismus. Aber darin tauchen
viele Elemente aus der utopischen Tradition auf - in den eugenischen und stadtplanerischen
Vorstellungen beispielsweise -, bis hin zu manchen strukturellen Affinitäten
zu Platons Idealstaat. Inbegriffe des Verwirklichungsversuches dieser Gegenutopie
waren der Vernichtungskrieg und die Gaskammer, aber die enge Verwandtschaft
der nationalsozialistischen mit der sowjetkommunistischen Ideologie zeigt
sich beileibe nicht nur darin, daß die erstere in ihren Zielen todfeindlich
auf die letztere reagierte, diese also die Grundvoraussetzung für sie
selbst war, sondern genauso bei dem Blick auf die strukturelle Bauart beider.
Beide Ideologien haben drei gemeinsame Grundmerkmale, in denen sich ihr spezifisch
totalitäres Gepräge auf den Begriff bringt: Beide waren, erstens,
dogmatische pseudowissenschaftliche Systeme mit dem Anspruch auf Totalerklärung
der Wirklichkeit, entwarfen, zweitens, ein Aktionsprogramm zur gewalttätigen
Verwirklichung eines dieseitigen "Heilsziels" für die Eigengruppe,
eines Heilziels, das - so die Konstruktion - einem "Geschichtsgesetz"
und ihrem "eigentlichen Willen" entspreche und sich in Reinform
in ihren "Führern" verkörpere; und sie waren, drittens,
auf einem unüberbrückbaren Freund-Feind-Gegensatz errichtet, einer
manichäischen Zweiteilung der Welt in Gut und Böse, die sich von
früheren Freund-Feind-Lehren dadurch unterscheidet, daß hier die
Feindgruppen primär als Träger objektiv feindlicher Eigenschaftsbündel
definiert werden, deren Tun weniger Ergebnis eines bösen Wollens, sondern
ihres - sozialen oder biologischen "Seins" sei -, so daß ihre
gewaltsame Ausschaltung gewissermaßen als ein Akt der "objektiven
Notwendigkeit" für die Verwirklichung des Heilsziels der Eigengruppe
postuliert werden kann. Daraus resultierten dann die Besonderheiten totalitären
Terrors als einer historisch neuartigen Form der Gewalt. Hervorzuheben ist
noch, daß die Heilskonstruktionen beider Totalitarismen eine universale
Ausrichtung besaßen, in ihnen also auch Antriebskräfte für
einen neuartigen Typus von Krieg steckten. Der messianisch-gewalttätige
Charakter des leninistisch-stalinistischen Kommunismus wird am besten durch
die Bezeichnung Welterlösungslehre verdeutlicht, der des Nationalsozialismus
durch "Weltheilungslehre".
Es liegt auf der Hand, daß aus den Erfahrungen mit den totalitären
Systemen im Anschluß an die Eindunkelung der Vorstellungswelt durch
den ersten Weltkrieg für das utopische Denken und das Denken über
Utopie völlig neue Rahmenbedingungen entstanden. Wichtig wurde in der
ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein neuer Utopietypus, die "negative
Utopie", in der die Grundkonstruktion der klassischen Zeitutopie umgedreht
wird: die Zukunft erscheint nicht als Verheißung, sondern als totalitäres
Schreckbild. Aber dieses Schreckbild stellt keineswegs nur eine phantastische
Überzeichnung von Gegenwartsrealitäten dar. Es enthält zugleich
in sich zentrale Topoi aus der klassischen Utopietradition, aber gewendet
ins vorbehaltlos Negative. Es ist also zugleich eine radikale Utopiekritik:
das totalitäre Schreckbild der negativen Utopie ist ein Produkt der Einsicht,
daß die Verwirklichung der Utopie den totalitären Schrecken produziert.
Natürlich ist diese Einsicht bereits im 19. Jahrhundert vielfach vorgeahnt
worden, zunächst vornehmlich als Reaktion auf den Terror der Tugend in
der französischen Revolution, und später beispielsweise in Samuel
Butlers Schrift "Erewohn" von 1872, die in der Satiretradition von
Jonathan Swift angesiedelt ist. "Erewohn" ist ein Anagramm des Wortes
Nowhere-Utopia und beschreibt ein Land, in dem die Grundsätze der bürgerlichen
Gesellschaft konsequent ins Gegenteil verkehrt sind, wo Verbrecher wie Kranke
umsorgt, Kranke aber ausgestoßen oder umgebracht, Ungeborene nach Gutdünken
abgetrieben, Kirchen wie Banken geführt und "Hochschulen der Unvernunft"
gegründet werden. Aber ein radikal antiutopischer Utopietypus konnte
doch erst mit den Erfahrungen des 20. Jahrhunderts dominant werden. Ihn bezeichnen
an erster Stelle Samjatins Utopie "Wir" von 1920, Aldous Huxleys
"Brave New World" von 1932 und George Orwells "1984" von
1949. Den hier ausgemalten totalitären Schreckenswelten ist dreierlei
gemeinsam: sie beruhen wesentlich auf moderner Wissenschaft und Technik; versuchen
- sei es durch Konditionierung, Menschenzüchtung oder Terror - eine Transformation
der Menschen zu "Nummern"; und in ihnen ist die Liebe abgeschafft.
Aber die Formen, in denen das geschieht, sind doch recht unterschiedlich,
so sehr, daß zwei Versionen der negativen Utopie unterscheidbar werden:
in der einen - der von Samjatin und Orwell - sind physische Gewalt und Terror
bestimmend, während in der anderen, der von Huxley, die "Natur des
Menschen" biotechnologisch bereits so weitgehend verändert worden
ist, daß "sanfte" Beherrschungsmethoden ausreichen, um die
Menschen funktionieren zu lassen, wie sie sollen. In Orwells Welt begegnet
uns überall die düstere Atmosphäre des stalinistischen Bolschewismus
- "1984" ist auch ein Produkt der Desillusionierung bezüglich
des sowjetkommunistischen Experiments. Es ist bekannt, wie sehr sich Orwells
Gegnerschaft gegen den Sowjetkommunismus durch seine Erfahrungen im spanischen
Bürgerkrieg und seine Konfrontation mit dem linken und liberalen Philobolschewismus
in England verfestigt hatte. Für "Animal Farm", diese geniale
Satire über die Entwicklung des bolschewistischen Herrschaftssystems
und seiner Schweine-Herrscher, hat er nur mit größter Mühe
einen Verlag finden können, und bei "1984" trat als zusätzliches
Hindernis für die Publikation noch die teilweise schwer erträgliche
Härte des Inhalts - die Darstellung grausamer Herrschaftsmethoden - hinzu.
Wir finden in verfremdeter Form nahezu alles, was im Sowjetkommunismus praktiziert
wurde: den Rattenkäfig; die durch Terror erzwungene Bereitschaft zum
Verrat eines jeden, auch des Geliebten; das ideologische "Newspeak",
das bereits das Denken eigener Gedanken verhindern soll; die inszenierten
Haß- und Begeisterungsveranstaltungen; die permanenten Feinde; die unvermittelten
ideologischen Umschwünge, und vieles mehr. Auch die bedrückende
graue Atmosphäre ewigen Mangels und allgemeiner Schäbigkeit - bei
Orwell freilich das Ergebnis systematischer Vernichtung der Überproduktion
durch die Partei - ist ähnlich. Nur zum zentralen technischen Überwachungsmittel
der Partei, dem "Televisor", einer Art Fernsehgerät, das nicht
nur die Propaganda in den Privatbereich hineinträgt, sondern auch alles,
was dort geschieht, an die Gedankenpolizei zurücksendet, gab es im Stalinismus
kein Analogon. In Huxleys "Brave New World" hingegen haben die Fortschritte
der Biotechnologie physischen Zwang und Terror weitgehend überflüssig
gemacht. Die Menschen werden künstlich erzeugt, und zwar in genetisch
und phänotypisch völlig unterschiedlicher Ausfertigung; in einigen
Grundtypen, die das Material für die verschiedenen Kasten, aus denen
die Gesellschaft besteht, bilden. Ihre genetische Ausstattung und eine umfassende
- bereits ab dem Embryonalalter einsetzende - Konditionierung sorgen dafür,
daß sie entsprechend den Kastenerfordernissen funktionieren, ohne dabei
größere Frustrationen zu spüren. Gegen die kleineren helfen
Pillen, "Feelies", die allgegenwärtigen "Feel happy!"-Slogans
der Unterhaltungsindustrie und schnell erreichbarer, unverbindlicher Sex.
Was "Familie" oder Liebe bedeuten, ist gänzlich unbekannt.
Alles ist auf permanenten Konsum eingestellt, und es gibt sogar ein Ministerium,
das sicherstellen soll, daß der Zeitraum zwischen dem Auftauchen und
Verwirklichen von Wünschen sich immer mehr reduziert. Ab einem bestimmten
Alter werden die Menschen in Brave New World sanft in den Tod befördert
- den einzelnen bleiben die Leiden des Alters erspart und der Gesellschaft
der Anblick derselben. Und die Krematorien sind so effizient konstruiert,
daß sie der Wiederherstellung wichtiger Rohstoffe dienen.
Vergleicht man die beiden Versionen der negativen Utopie, dann wird schnell
erkenntlich, daß "Brave New World" nach dem Ende des Zeitalters
des Totalitarismus die aktuellere Variante bezeichnet. Wesentliche Züge
der westlichen wohlfahrtsstaatlichen Gesellschaften - ihr biotechnologisches
Potential, die umfassende Daseinsvorsorge, der Abbau von Leidenschaften, Liebe
und Familie durch schnellen Sex, die billigen Glücksverheißungen
der Unterhaltungsindustrie, das Ideal allgemeiner Frustrationsfreiheit - sind
hier antizipiert. Besonders charakteristisch für unsere westliche Welt
aber sind jene Nischen, in denen sich Schlaraffia und Brave New World vereinigen.
Die typischsten dieser Art sind die Pauschalurlaubsdörfer des Massentourismus.
In ihren "all inclusive"-Angeboten hat sich - man denke an den mühelosen
Transport und die Möglichkeit unbegrenzten Essens und Trinkens den ganzen
Tag über - das Schlaraffenland weitgehend verwirklicht, aber die Animateure
und die permanente Musikberieselung dort - jene Produzenten einer allgegenwärtigen
"Feel-happy!"-Atmosphäre - kommen aus "Brave New World".
Interessanterweise hat es in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts
ein Wiederaufleben der positiven Utopie gegeben, das einen manchmal denken
läßt, die negative Utopie samt ihres totalitären Erfahrungshintergrundes
habe nie existiert. Man kann zwei Tendenzen unterscheiden: eine an die klassische
Tradition anknüpfende und eine andere in den Bahnen des chiliastisch
angeheizten Typs. Zur ersteren gehören Skinners schon erwähnte Utopie
"Futurum zwei" von 1948, Ernest Callenbachs "Ökotopia"
von 1982 und Ursula Le Guins "Planet der Habenichtse" von 1989,
zu letzterem die ganze Renaissance marxistischen Denkens ab den sechziger
Jahren und darin an vorderster Front das utopische Denken Ernst Blochs.
Thematisch und vom ganzen Denkstil bezeichnet die von Skinner vor dem Hintergrund
der atomaren Selbstbedrohung der Menschheit entworfene Utopie einer aggressionslosen,
konfliktfreien Gesellschaft - gedacht als Produkt konsequenter Konditionierung
des Menschen durch eine Kaste von Sozialingenieuern - die geradlinigste Weiterführung
des klassischen Typs, während in "Ökotopia" und im "Planet
der Habenichtse" als Reaktion auf wohlfahrtsstaatliche Erfahrungen der
Übersättigung und im Zusammenhang mit dem neuen ökologischen
Krisenbewußtsein "postmaterialistische" und ökologische
Ziele in den Vordergrund traten, die in der Geschichte des utopischen Denkens
neu sind und eine durchgehende Verniedlichung der utopischen Ideale bewirken.
Man schwärmt für dezentrale Siedlungsformen, Technikabbau und allgemeine
Verlangsamung. In Ökotopia sind an die Stelle der Autos von Elektromotoren
getriebene Lastwagen getreten, die nicht mehr als 25 km/h auf offener Strecke
leisten. Das Fahrrad steht kostenlos jedem zur Verfügung, es wird freiwillig
Konsumverzicht praktiziert, man erfreut sich einer freizügigen Sexualität
und lebt in Wohngemeinschaften, die die traditionelle Familie ersetzt haben.
Nicht von diesen anheimelnden harmlosen Strickstrumpf-Phantasien, sondern
von der Renaissance marxistischen Denkens in den sechziger Jahren ging die
Revitalisierung des utopischen Denkens aus; von jener für Deutschland
so charakteristischen chiliastischen Utopietradition, die mit ihren dogmatisierten
Heilszielen und Gewaltrechtfertigungen die totalitären Ideologien als
politische Religionen hervorgebracht hatte. Ihre Leitfiguren wurden Herbert
Marcuse mit seiner total-romantischen Kritik am Gegenwartskapitalismus als
eines "neuen Faschismus" und vor allem Ernst Bloch, der mit seiner
Schwelgerei für messianische Erlösungshoffnungen und seiner Legitimation
des stalinistischen Terrors gewissermaßen idealtypisch das Doppelgesicht
der modernen politischen Utopie verkörpert. Im deutschen "Roten
Jahrzehnt" zwischen 1967 und 1977 erlangten politische Utopien in unterschiedlichen
Erscheinungsformen noch einmal Massenwirksamkeit, aber danach kam es zu einer
Abkühlung der Gesellschaftsatmosphäre, die nur noch den Entwurf
kleinformatiger Entwürfe - beispielsweise als penibel ausgedachte Philososophenhoffnung
von "herrschaftsfreier Kommunikation" - zuließ. Die Zeitenwende
von 1989 bewirkte zwar zunächst einen Abgesang auf alle hehren Phantasien
von einer "neuen Gesellschaft" und einem "neuen Menschen",
aber es gibt doch viele Hinweise darauf, daß derartige Phantasiebedürfnisse
weiterglimmen und sich neue Ausdrucksformen suchen.
Blickt man zurück auf die Entwicklung und die drei Erscheinungsformen
der politischen Utopie in Europa - als Raum- und Zeitutopie und totalitäre
Ideologie -, dann drängt sich der Gedanke auf, daß das utopische
Denken im wesentlichen durch zwei Antriebe gespeist wird: durch die Angst
vor der menschlichen Triebnatur, die, regressive Bedürfnisse nach totalem
Schutz und völliger Harmonie stimulierend, die Phantasie in die öden
Bahnen pedantischer sozialtechnischer Tugendentwürfe lenkt; und durch
den Überschwang sakraler Erlösungs- und Gewaltwünsche. Beide
Antriebe waren in den totalitären Ideologien miteinander verknüpft,
und das erklärt, warum sie Anziehungskraft auf ganz unterschiedliche
Menschen ausüben konnten, unter denen zwei Typen besonders charakteristisch
sind: der glaubenswillige Fanatiker und der kühl berechnende Sozialingenieur,
die beide "das Gute" wollen. In den negativen Utopien erscheinen
sie manchmal - wie in O'Brian in "1984" - in einer Person vereinigt,
jenen Horror verbreitend, der Jacques Thoreau ausrufen ließ: "Wenn
ich sicher wüßte, daß jemand in mein Haus käme mit der
festen Absicht, mir Gutes zu tun, würde ich um mein Leben laufen".