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Konrad Paul Liessmann
- ZUKUNFT KOMMT!
Unter den Tempora hat Zukunft momentan die beste Nachrede. Während Vergangenheit belastet, mühsam erinnert und dann auch noch bewältigt werden muss - und was immer man von der Wortwahl halten mag, sie klingt nach unangenehmer Anstrengung - und die Gegenwart überhaupt keine Rolle mehr zu spielen scheint, ist Zukunft nahezu ausschließlich positiv besetzt: Zukunftsindustrien orientieren sich an ihr ebenso wie Zukunftsberufe, und wer in Politik oder in Wirtschaft etwas auf sich hält, macht sich, sein Unternehmen, sein Land und die Bevölkerung fit für Zukunft. Und wer untermauern will, dass er jetzt etwas Wichtiges tut, behauptet: es hat Zukunft. Kein Wunder, dass sich die Zukunft mittlerweile auch als Verein organisieren lässt. Ganz neu ist das übrigens nicht, denn immerhin hatte Richard Wagner schon im 19. Jahrhundert "Zukunftsmusik" geschrieben. Dass diese heute manchem als der Inbegriff des Vergangenen erscheint, sollte uns allerdings vorsichtig stimmen: Nichts verschwindet so schnell wie die Zukunft - ja, es gehört geradezu zum Wesen der Zukunft, sich selbst zu vernichten. Zukunft kann nicht Zukunft bleiben, sonst wäre es keine Zukunft. Dem inflationären Gebrauch der "Zukunft" korrespondiert dabei eine denkbar enge Verwendung dieses Begriffs: Zukunft wird gegenwärtig fast ausschließlich über technische Innovationen und ihre Märkte definiert. Nur im Zusammenhang mit neuen Produkten, neuen Techniken, neuen Technologiezweigen und neuen Märkten lässt sich aktuell über Zukunft sprechen. Zukunft haben die Telekommunikationsindustrien und die Biotechnologien, Zukunft haben E-Commerce und Genetik, Zukunft haben Hirnforschung und Nanotechnologie, Zukunft haben die Märkte in Osteuropa und Südostasien. Diese Koppelung von Zukunft an Markt und Technik unterscheidet den modernen Zukunftsbegriff übrigens von dem älteren Begriff der Utopie, der in erster Linie auf die Perspektive einer anderen Sozialordnung setzte. Wer sich heute bereit erklärt, die Herausforderungen der Zukunft anzunehmen, meint damit in der Regel, dass die sozialen Folgekosten technischer Innovationen und expansiver Marktstrategien in Kauf genommen werden müssen. Die Frage, die angesichts der Risiken mancher Großtechnologien einmal gerne gestellt wurde, ob denn die auf Technik reduzierte Zukunft überhaupt zukunftsfähig sei, hat freilich unter diesen Bedingungen keine Zukunft mehr. Zukunft wird darüber hinaus gerne mit Beschleunigung assoziiert. Was nicht selbst schnell kommt und dabei verspricht, dass etwas schneller werden wird, hat keine Zukunft. Im weltweiten Karussell des Wettbewerbs kann sich nur behaupten, wer schneller ist als der andere. Der Gedanke, dass es genügen könnte, gleich schnell zu sein, ja dass es vielleicht sogar sinnvoll sein kann, zu warten, ist mittlerweile untragbar geworden. Mit der Reduktion von Zeit auf Beschleunigung und mit dem Begriff des Vorsprungs, den es zu erringen gilt oder der verloren gehen könnte, als einzige gültige Zeitordnung, verschwindet aber die Zeit als komplexe soziale und psychische Dimension menschlichen Lebens. Keine Zeit zu haben wird zum auch individuell spürbaren Merkmal einer Gesellschaft, die sich über ihre Zukunftstechnologien suggeriert, die Zeit im Griff zu haben. Tatsächlich vernichtet die Beschleunigung aber auch die Zukunft selbst. Während die Vergangenheit in den Archiven und Speicherplätzen zunimmt und immer mehr wird, wird Zukunft, gerade je schneller sie sich uns nähert, immer weniger. Das Insistieren darauf, dass die Zukunft immer schon begonnen hat, lässt eigentlich keine zukünftige Zukunft mehr zu. Was uns heute als Zukunft versprochen wird, ist morgen schon Vergangenheit, was uns heute als Erwartung entgegenkommt, kann morgen schon zu einer Belastung geworden sein. Und immer gilt, und dies sollte vorsichtig stimmen: Jede Vergangenheit, auch noch die erbärmlichste, war selbst einmal - Zukunft. Die Bestimmung der Zukunft ist es zu kommen und damit zur Gegenwart, gleich darauf aber zur Vergangenheit zu werden. Zukünfte, denen diese Aufhebung ihrer selbst nicht gelingt, bleiben deshalb auch außerhalb des Zeithorizonts hängen: als uneingelöste Versprechen, versunkene Utopien, vergessene Hoffnungen, ausgebliebene Erlösungen. Solche Zukünfte haben, wenn man nüchtern geworden ist, keine Zukunft mehr, ihr Eintreten in den Horizont der Gegenwart wird nicht mehr erwartet. Die Vergangenheit, so könnte man sagen, ist voll von nicht eingetretenen Zukünften. Das meiste von dem, was Menschen von der Zukunft erhofft oder befürchtet haben, hat sich nicht erfüllt. Ein Blick in die Futurologien aller Zeiten genügt, um dies zu bestätigen. Das dämpft zwar weder Zukunftseuphorien noch Zukunftsängste, generiert aber einen ständig wachsenden Friedhof abgestorbener Zukünfte, die als gespenstische Widergänger durch die Geschichte taumeln. Jede Zukunft speist sich ihrem eigenen Pathos zum Trotz nicht aus der zukünftigen Zukunft, sondern aus dem ungeheuren Reservoir uneingelöster, ungekommener Zukünfte. Alles, was nicht geworden ist, aber als eine Möglichkeit des Seins einmal gedacht worden war, kann als nahende Zukunft reaktiviert werden. Wer hätte noch vor Jahren gedacht, dass das Konzept gesellschaftlicher Eliten, das letztlich einer feudalen Sozialordnung entsprang, am Beginn des 21. Jahrhunderts eine Renaissance erfahren würde? Andererseits: So tot die sozialistischen Utopien des 19. Jahrhunderts uns bis vor kurzem dünkten - einige dramatische Abstürze auf den internationalen Finanzmärkten genügten um Karl Marx wieder zu einem Bestsellerautor mit Zukunft zu machen. Zukünfte sind nicht zu trennen von Renaissancen, Wiederkehren, Wiederholungen und Wiederkünften aller Art. Allerdings: Zukunft fällt nicht damit zusammen, dass Menschen etwas planen können, Ziele haben, ein Vorhaben verwirklichen wollen. Wer sich vornimmt, etwas in absehbarer Zeit zu tun, wartet nicht auf die Zukunft, erhofft sich auch nichts von der Zukunft, sondern zollt nur der Einsicht Tribut, dass nicht alles schon jetzt getan werden kann. Dass es ein Morgen gibt, ist zwar, wie David Hume wusste, eine logisch nicht gerade zwingende Annahme, aber aus Gewohnheit rechnen wir mit diesem Morgen und legen das eine oder andere für dieses Morgen fest. Der Zukunftsgehalt ist dabei eher gering, denn meistens plant man für das Morgen ohnehin das, was man auch heute schon getan hat. Sieht man einmal von dem Sonderfall ab, dass man Dinge, die man tun könnte oder tun sollte, aber nicht tun will, als Zukunftsprojekte formuliert, gerade um sie nicht tun zu müssen, bedeutet die Fixierung eines Ziels und die Überlegung, wie dieses Ziel zu erreichen ist, nicht mehr, als dass auch Handlungen in der Zeit erfolgen müssen: Manches dauert eben. Die Differenz zwischen Absicht und Realisierung ist eine andere als die von Gegenwartsbefindlichkeit und Zukunftserwartung. Wer Erwartungen an die Zukunft hat, für den wird die Zukunft zu einem Problem, mit dem er sich auseinandersetzen muss. Wer kurz- oder mittelfristig etwas ins Auge fasst, das er tun könnte und zu dem er auch die Mittel hat, hat damit erst einmal seine Gegenwart aus jeder möglichen Krise befreit: Man weiß jetzt, was man tun wird. Peter Sloterdijk hat den einprägsamen Gedanken formuliert, dass die ersten Projekte, die wohl intendiert, aber nicht unmittelbar realisiert werden konnten, aus Zorn geborene Racheprojekte waren, die nicht gleich erledigt werden konnten: "Der Zornige, der sich zurückhält, ist der erste, der weiß, was es bedeutet etwas vorzuhaben." [2] Wer, verletzt oder beleidigt, beschließt, sich zu rächen, muss damit rechnen, dass er warten muss. Es ist etwas anderes, auf die Zukunft zu warten, als auf eine Gelegenheit zur Rache. Sergio Leones legendärer Film Spiel mir das Lied vom Tod (Once Upon a Time in the West) aus dem Jahre 1968 hat diesen Zusammenhang von Rache und Warten in allen denkbaren Nuancen durchgespielt: Irgendjemand wartet immer. Solches Warten allerdings kennt keine Langeweile, ganz im Gegenteil: "Wer einen festen Rachevorsatz in sich trägt, ist vor Sinnproblemen bis auf weiteres sicher." [3] Er ist, nimmt man es genau, auch vor der Zukunft sicher: denn sein Racheschwur hält auch diese fest im Griff. Nähme man den Begriff der Zukunft ernst, wüsste man darüber allerdings nichts zu sagen. Da Zukunft in der Zukunft liegt, bleibt sie uns prinzipiell verschlossen. Da wir also nicht wissen, wann aus Zukunft Gegenwart geworden ist, lässt sich auch nicht mit letzter Bestimmtheit sagen, was keine Zukunft mehr hat. Eine grundlegend irritierende Erfahrung des modernen Menschen, der sich auf einer eindeutig gerichteten Zeitlinie wähnt, ist die Konfrontation mit Erscheinungen aus der Zukunft, die er eigentlich schon hinter sich glaubte. Für das moderne Bewusstsein etwa war Religion ein Vergangenes. Nun kommt sie aus der Zukunft. Und das Schönste daran: Der gebannte Blick auf die Zukunft ist selbst ein veritables Stück transformierter Religiosität: eine säkularisierte Heilserwartung. Ohne den jüdisch-christlichen Gedanken an ein Heil, das sich ereignen, auf die Menschen zukommen wird und für das die Menschen sich bereithalten müssen, ohne Messias, ohne die Erwartung der Wiederkehr Christi, ohne Eschatologie und Chiliasmus, ohne Apokalypse und Jüngstes Gericht, ohne Heilserwartung und Hoffnungsspirale gibt es keine moderne Vorstellung von Zukunft, keine katastrophale und keine triumphierende, keinen Zukunftspessimismus und keinen Zukunftsoptimismus. Das biblische Gleichnis von den klugen und törichten Jungfrauen aus dem Matthäusevangelium, die auf den Bräutigam warten, vorbereitet die einen, nachlässig die anderen, kann deshalb auch als Leitmotiv einer Zukunftsvorstellung gelten, in der es weniger um konkrete Ausformulierung von Hoffnungen, Erwartungen und Ängsten geht als vielmehr um eine Haltung: Jemand wird kommen, wir wissen nicht wann, aber wir haben darauf vorbereitet zu sein. Vom kommenden Gott bleibt allerdings nur die Vision des Kommens selbst: Zukunft, so unbestimmt wie unausweichlich. Etwas kommt. Mehr kann dazu nicht gesagt werden. Messianismus auf dem absoluten Nullpunkt seiner Emphase. Vom Erlöser ist in der Moderne nicht viel mehr übrig geblieben als ein substantivierter Infinitiv: das Kommen. Kein Gott und kein Teufel sind in Zukunft zu erwarten, sondern es ist das reine, leere, aber genauso unerbittliche Kommen selbst, dem wir uns zu stellen haben - was immer es bringen wird. Dafür gilt es gerüstet zu sein. Das Pendant zu den klugen Jungfrauen ist deshalb der moderne Mensch, der Zukunftsvorsorge als seine eigentliche Lebensaufgabe begreift. Für die Gegenwart bleibt da wenig Platz. Die religiöse Prophezeiung und ihre säkularen Varianten können deshalb vielleicht als die wirkmächtigste Denkfigur der Zukunft in der westlichen Moderne bezeichnet werden. Ursprünglich steht dabei die Beziehung des Propheten zu seinem Gott im Mittelpunkt, der Prophet ist eindeutig als Sprachrohr eines transzendenten Willens gekennzeichnet, weniger konkrete politische Entscheidungsfragen sind sein Geschäft, sondern die grundsätzliche Frage des Heils. Vor allem in ihrer christlichen Ausprägung bekommen die Prophezeiungen einen durchgängigen apokalyptischen Ton, die Zukunft der Welt insgesamt wird zum Gegenstand der Vorhersage. Die Zukunft: das kann nur das Ende von allem sein. Die großen christlich-jüdischen Prophezeiungen, vom Buch Daniel bis zur Apokalypse des Johannes gehen dann auch stets aufs Ganze und sprechen, wie dunkel auch immer, vom Ende der Zeiten, vom Ende der Geschichte. Verbunden damit sind die Warnungen vor diesem Ende, die Aufrufe zur Umkehr, die Aussicht auf Erlösung. Den nach dem Ende wird jenes Reich errichtet, das von jenen, die bereit waren zur Umkehr, bevölkert werden wird. Denkfiguren wie der Messianismus, die Hoffnung auf den Erlöser, oder die Parusie, die Wiederkehr des Erlösers, gehören seitdem zum festen Arsenal prophetischer Gesten. Damit wird die Zeit in Hinblick auf die Zukunft hin strukturiert: Es wird etwas geschehen, es wird jemand kommen. Das warten wird zur Erwartung, leben heißt, die Anzeichen des zukünftigen Untergangs oder des kommenden Erlösers schon jetzt zu erkennen. Seitdem wird Gegenwartsdiagnostik als Hermeneutik der Spuren des Zukünftigen im Hier und Jetzt betrieben. Die späten Nachfahren der biblischen Propheten, die die Zeichen des strafenden Gottes zu deuten wussten, sind deshalb die Trendscouts und Futurologen, die, meist in den Jugendkulturen, verzweifelt nach den Spuren der Zukunft suchen. Apokalypse und Heilserwartung liegen dabei eng nebeneinander, Katastrophenangst und Zukunftsoptimismus sind in der Tat nur zwei Seiten desselben Phänomens. Man kann das Treiben der Jugendlichen als Anzeichen des untergehenden Abendlandes ebenso deute wie als erste Indizien einer endlich erlösten, befriedeten, toleranten und ökologisch intakten Welt. Und bis heute gibt es keine säkulare Apokalypse, die nicht auch die Botschaft der Erlösung mitlieferte - und es ist immer noch die große Umkehr, die allein das Ende hintanhalten kann: Wir müssen unser Denken, unsere Lebensgewohnheiten, unser Verhalten, unseren Energieverbrauch, unser Verkehrssystem, unsere Ernährung radikal ändern, um der Klimakatastrophe gerade noch zu entgehen. Und es gibt auch keinen säkularen Zukunftsoptimismus, der nicht verkündete, dass wir der Zukunft nur werden teilhaftig werden können, wenn wir viel von dem, was uns gegenwärtig wichtig ist, über Bord werfen. Nur sind es nun alte Gewohnheiten, verbürgte Sicherheiten, lieb gewordene Traditionen, eingeschliffene Verhaltensweisen, soziale Standards, staatliche Pensionssysteme, geregelte Arbeitzeiten und Urlaubsansprüche, auf die wir verzichten müssen, sonst droht die andere große Katastrophe: Im globalen Wettbewerb zu verlieren. Die Denkfigur der Optimisten ist die gleiche wie die der Apokalyptiker: Wir müssen leiden, entweder mehr an uns oder eben für andere arbeiten, und wir müssen glauben: entweder an die Jugend und an die Weisheit indigener Kulturen, oder an die Logik der Konzerne und die Erlösungspotentiale der Technologien. Die Prophezeiung, auch in ihrer säkularen Form, stellt so bis heute die radikalste Form von Gegenwartskritik dar. Die Gegenwart und das Leben in ihr sind das Übel, das in ferner oder naher Zukunft alles beenden wird und nur ein Durchstreichen der Gegenwart, eine Abkehr von dieser kann eine Zukunftsperspektive eröffnen. In der Logik der Prophezeiung kämpft die Zukunft um ihre Zukunft. An der Gegenwart festzuhalten bedeutet, der Zukunft keine Zukunft mehr zu geben, Zukunft hat allein, was sich der Gegenwart verweigert. Keine Frage, dass diese wirkmächtige Logik in zahlreichen ökologischen, politischen und kulturphilosophischen Diskursen noch immer am Werk ist und deren eifernde und geifernde Protagonisten mitunter als mehr oder weniger komische Karikaturen der Propheten in Erscheinung treten, gleichgültig, ob sie nun das Ende durch Wachstum oder ohne Wachstum das Ende verkünden. Der dänische Philosoph Sören Kierkegaard hat einmal denjenigen, der sich aus den Fängen der Zeit nicht befreien kann, der entweder in der Vergangenheit als Erinnerung oder in der Zukunft als Hoffnung lebt, den "Unglücklichsten" genannt: "Der Unglückliche ist nun einer, der auf die eine oder andere Weise sein Ideal, seines Lebens Inhalt, seines Bewusstseins Fülle, sein eigentliches Wesen außerhalb seiner selbst hat. Der Unglückliche ist allzeit abwesend von sich selbst, niemals sich selber gegenwärtig. Abwesend aber kann man offenbar sein entweder in der Vergangenheit oder in der Zukunft." Diese Beobachtung ist aufschlussreich: psychologisch und existentiell. Wirklich gelebtes Leben tendiert dazu, die Vergangenheit durchzustreichen und die Zukunft nicht vorwegzunehmen. Umgekehrt können die Last der Vergangenheit und das Hoffen auf eine Zukunft - oder die Angst vor einer Zukunft - zu jener paralysierten Stimmung führen, die für Kierkegaard in Anlehnung an Hegel für das "unglückliche Bewusstsein" kennzeichnend ist. Dieser Gedanke ließe sich vielleicht durchaus verallgemeinern. Kulturen, so könnte man mit Kierkegaard etwas gewagt folgern, die prinzipiell einem Fortschrittsprinzip anhängen, also ihre Vergangenheit immer mit Blick auf die Zukunft überbieten müssen, sind unglückliche Kulturen. Da Zukunft, anders als ein Ziel, nie erreicht werden kann, sind solche Kulturen auch prinzipiell gehetzte Kulturen: Gefangen vom Anblick eines Horizonts, der vor ihnen stets zurückweicht. Klassische Tugenden wie Gelassenheit oder Muße mutieren in diesen Gesellschaften zu Sünden ersten Ranges, wer nicht ständig in Bewegung ist, offen für das Neue und unzufrieden mit dem Erreichten, bereit zum Lernen und verpflichtet auf Wachstum, macht sich verdächtig. Entgegen der unermüdlich wiederholten Behauptung, dass das Glück genau darin besteht, sich diesen Ansprüchen der Zukunft zu stellen, bedeutet dies, das gelebte Leben immer in Hinblick auf das Kommende zu entwerten. Das ist auch der Grund dafür, dass es momentan keine griesgrämigeren Menschen auf dieser Erde gibt als die selbst ernannten Zukunftsoptimisten. Das, was noch nicht ist und vielleicht nie sein wird, ist wahrlich eine dünne Suppe. Wer davon leben muss, hat nichts zu lachen. Weil Zukunft eine säkularisierte Heilserwartung ist, reagieren wir darauf mit ebenfalls säkularisierten religiösen Stimmungen: mit der Erlösungssehnsucht der Euphoriker und Optimisten und der Apokalypsefurcht der Depressiven und Pessimisten. Bei jeder technischen Innovation, die als Einbruch der Zukunft in die Tristesse der Gegenwart begriffen werden darf, sind deshalb mit schöner Regelmäßigkeit beide Reaktionen zu beobachten, oft in einer Sprache formuliert, die ihre religiösen Konnotationen gar nicht verbirgt. Ob es sich um moderne Kommunikationstechnologien oder die Biowissenschaften handelt - sie werden entweder die Menschen intelligenter, sozialer, gesünder, langlebiger und glücklicher machen oder die Kulturen zerstören, die Spaltungen verstärken, die Weltbürgerkriege intensivieren und das Ende näher rücken lassen. Als Spaßverderber gilt, wer sich weder von euphorischen Hymnen noch von apokalyptischen Ängsten beeinflussen lässt, sondern seinen Blick auf das richtet, was sich jenseits der raschen Bewegungen der Märkte und Technologien, die mit Zukünftigkeit verwechselt werden, als entscheidende Momente der conditio humana aus der Vergangenheit durch die Gegenwart in die Zukunft durchsetzen wird. Warum haben wir aber überhaupt Zukunft? Die Antwort, die wir geben müssen, ist paradox: Wir haben Zukunft, weil wir keine Zukunft haben. Oder anders formuliert: Alles, was wir von der Zukunft mit Sicherheit wissen, ist, dass wir sterben werden. Oder noch anders formuliert: Weil wir um unseren Tod wissen, wird uns die Zukunft zum Problem. Wie füllen wir die Spanne zwischen dem Jetzt und dem Tod, von dem wir nicht wissen, wann er uns ereilen wird? Wir haben also Zukunft, weil wir wissen, dass unsere Zeit ablaufen wird. Gleichzeitig will niemand dieses faktum brutum bis in die letzte Konsequenz zur Kenntnis nehmen. Wir denken deshalb immer über den Tod hinaus. Ob wir Unsterblichkeitsphantasien entwickeln, an unserem Nachruhm arbeiten oder in lebensverlängernde medizinische Technologien investieren: All dies dient dazu, dem Tod nicht ins Auge blicken zu müssen. Damit gewinnt Zukunft eine zusätzliche Dimension: Es ist die Überschreitung der Zeit, die uns zu leben vergönnt ist. Zukunft ist die Antizipation eines Zustandes, in dem wir nicht mehr sein werden. Nur weil die Menschen den Tod nicht akzeptieren können und nach ihrem Tod weiterleben möchten, entwerfen sie Zukünfte, die tatsächlich in der Zukunft liegen. Sie erhoffen sich für zukünftige Generationen das Beste oder befürchten für diese das Schlimmste, sie arbeiten jetzt an Entwicklungen, deren Resultate sie nie erleben können. Allein durch den Hinweis, dass Menschen eben für ihre Kinder und Kindeskinder das Beste wollen, ist dieser Glaube an die Zukunft nicht zu erklären. Gerade für ein pragmatisches, im wesentlichen an der Ökonomie und der Idee der Effizienz orientiertes Zeitalter scheint es höchst merkwürdig zu sein, auf eine Zukunft zu setzen, die den eigenen Erfahrungshorizont übersteigt. Genau dies eröffnet aber eine neue "Chance" für die Zukunft: Sie kann zur großen Entsorgungsanstalt für die Probleme der Gegenwart werden. Die Sorge um das Wohl der zukünftigen Generationen ist nämlich nur die Kehrseite des Glaubens, dass diese zukünftige Generationen die Lösungen für all das finden werden, was wir ihnen hinterlassen: Atommüll, Klimaveränderungen, Krisenherde, Ressourcenmangel, soziale Spannungen. Der Satz: Damit muss man in der Schule beginnen, ist so höchst verräterisch. Damit machen wir die kommenden Generationen verantwortlich für das, was wir tun. Die Faszination der Zukunft rührt so von den Erwartungen, sondern auch davon, dass wir vieles an die Zukunft abgeben können. Zukunft ist auch eine Form der Entlastung. Die Fähigkeit des modernen Menschen, sich einer Zukunft zu unterwerfen, die nicht mehr seine sein wird, ist so durchaus plausibel. Galt die Sehnsucht des Christen - Kierkegaard hat darauf mit Nachdruck aufmerksam gemacht - seinem ewigen Seelenheil, so gilt die Sehnsucht des säkularisierten Menschen einer Zukunft, die ihn eigentlich nicht mehr tangieren wird. Es geht dabei schon auch um den Trost, der darin liegt, jetzt für das Zukünftige zu leben, weil in diesem Zukünftigen die Endlichkeit und Beschränktheit des eigenen Daseins aufgehoben erscheint. Das Wissen darum, dass es Zukunft geben wird, gibt wenigstens zum Schein einem Leben Zukunft, dessen Zukunft begrenzt ist. Dass es ausschließlich um diesen Schein geht, erklärt auch, dass gerade die moderne Industriegesellschaft keine Probleme damit hatte und hat, im Setzen auf die Zukunft als Ideologie die realen Grundlagen für zukünftiges Leben auf der Erde nachhaltig zu zerstören. Das erklärt auch das Paradoxon, dass höchst riskante und destruktive Technologien als Zukunftsträger gelten, während etwa ökologische Strategien, die tatsächlich Zukunft sichern helfen könnten, als konservativ, bewahrend und zukunftsfeindlich denunziert werden. Umgekehrt leben die Warnungen der Ökologen von negativen Zukunftsvorstellungen, die als säkularisierte Apokalypsen den Menschen aufrütteln sollen. Die Zukunft fungiert so als eine positive oder negative Schablone, die handlungsmotivierend ist, gerade weil damit verbundene Zielvorstellungen für die Akteure nicht erreichbar sind. Die Voraussetzung für jede Zukunftseuphorie, aber auch für jede veritable Zukunftsangst liegt in der Unmöglichkeit von Zukunft. Entscheidend ist nie, was sich in Zukunft ereignen wird oder was die Zukunft bringen wird, sondern allein, was sich in der Vorstellung der Menschen als Zukunft festgesetzt hat. |
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| [1] | Matthias
Horx: Anleitung zum Zukunfts-Optimismus. Warum die Welt nicht schlechter
wird. Frankfurt/Main. Campus 2007 |
| [2] | Peter
Sloterdijk: Zorn und Zeit, Frankfurt/Main: Suhrkamp 2006, S. 97 |
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