Marianne Gronemeyer
Morgenluft und Abenddämmerung.
Möglichkeiten der Zukunft in einem apokalyptischen Zeitalter
In Zeiten der Krise sind
Utopien und Visionen Mangelware und werden vielstimmig herbeigefleht.
Man wird schnell zuständig dafür, sie hervorzuzaubern, nicht
gerade aus dem Ärmel zu schütteln, aber doch so ähnlich.
Zum Beispiel, die regelmäßig an mich ergehende höfliche
Bitte, wenn ich irgendwo öffentlich meine Stimme erheben soll:
Ich möchte es nicht bei der düsteren kritischen Analyse sein
Bewenden haben lassen, sondern eine Vision oder einen Hauch von Utopie
riskieren, etwas das uns fröhlich macht oder mindestens beruhigt
und das uns sagt, was zu tun ist. Visionen und Utopien sollen uns die
quälenden Ohnmachtsgefühle ersparen. Aber das hat mit ihrem
Wesen nichts gemein.
Was es mit dem Wesen der Visionen auf sich hat, kann man in unserem
kulturellen Umfeld an den Geschichten, die im alten und neuen Testament
zahlreich überliefert sind, ahnen lernen. Ich erfahre von Heimsuchungen
auserwählter Menschen, denen Gott in wie immer verhüllter
Form erscheint, um sie mit einem Auftrag in die Welt zu senden. All
diesen Begegnungen ist gemein, daß sie die Angerufenen in Furcht
und Zittern versetzen und sie zum Äußersten treiben. Abraham
wird aufgefordert, seinen einzigen Sohn, auf dem die Verheißung
einer großen Nachkommenschaft liegt, zu schlachten. Unter welchen
Qualen und Zweifeln mag er gehorsam gewesen sein? Moses, dem der Herr
im brennenden Dornbusch erscheint mit dem Auftrag, zu Pharao zu gehen,
um das Volk Israel freizulösen, erfindet allerlei Ausflüchte,
er windet sich, erklärt sich für untauglich. Jonas drückt
sich vor dem Gang nach Ninive durch Flucht, er schifft sich für
ein angemessenes Fährgeld nach Tarsis ein, um, wie es heißt,
"dem Herrn aus den Augen zu kommen", und er gerät dabei
erst recht ins Verderben. Saulus, der Christenjäger, stürzt
auf seinem Gang nach Damaskus, als ihn ein Licht vom Himmel umleuchtet
und die Stimme dessen, den er verfolgt, zu im spricht, zu Boden, und
er erblindet für drei Tage. Einzig Maria, zu der der Engel in die
Kammer tritt, wird als vollkommen ergeben geschildert: 'Mir geschehe,
wie DU gesagt hast'. Aber in der Geschichte der Überlieferung haben
sich doch Zweifel an ihrer Furchtlosigkeit gemeldet. Der Sieneser Maler
Lorenzetti malt die Verkündigungsszene in Montesiepi di Galgano
mit einer Maria, die sich beim Erscheinen des Engels angstvoll an eine
Säule klammert. Später wurde diese Szene übermalt, weil
sie der Lehrmeinung nicht entsprach, aber sie hat sich in der Verwitterung
wieder durchgesetzt. Der Maler Lorenzo Lotti zeigt uns in der Verkündigungsszene
ebenfalls eine von Entsetzen gezeichnete Maria und im Zentrum des Bildes
zwischen den beiden Gestalten der Maria und des Engels eine in äußerster
Panik fliehende Katze, der sich buchstäblich das Fell sträubt.
An romanischen Kirchen sind die Gestalten der Jünger zu sehen,
denen der Auferstandene erschienen ist, der sie in die Welt sendet,
das Ungeheuerliche zu verkünden. Diese Gestalten werden oft in
einer eigentümlichen Körperdrehung dargestellt. Ihre Füße
gehen in die Welt, aber ihre Körper und ihr Blick wenden sich zurück,
so als wollten sie nicht gehen, sondern bleiben. Oder denken wir schließlich
an das, was dem Johannes auf Patmos zu sehen und weiterzusagen zugemutet
wurde, das in der Kraft seiner Bilder kaum Erträgliche.
Wir sehen also, die Visionen, die die Menschen in alter Zeit anfielen,
sind ungemein kraftvoll, unwiderstehlich, aber keineswegs in dem Sinne,
daß sie fröhliche, tatendurstige Aufbrüche stimuliert
hätten, keinen Projekteifer, keine Weltverbesserungslust, sondern
Verzagtheit, Unzulänglichkeitsgewißheit, Furcht und Beklommenheit,
Drückebergerei, Schacherei mit dem, was da in Erscheinung tritt.
Ein Zweites ist bemerkenswert
an allen diesen Visionen. Sie sind keine, die man haben kann, und schon
gar nicht solche, die man kraft eigener Anstrengung erzeugen könnte,
nichts, das der bemühten Vorstellungskraft, dem Erfindergeist entspränge.
Es sind keine Projektionen aus dem gedankenvollen eigenen Inneren, auch
keine Phantasieprodukte. Nichts, was in der Verfügung der Sehenden
wäre. Die Visionen überfallen sie, suchen sie heim, widerfahren
ihnen, die Menschen werden von ihnen erfaßt.
Ein Drittes: Visionen sind mit Aufträgen verbunden. Sie machen
den Seher zum Werkzeug Gottes. Und diese Aufträge sind alle von
der Art, daß man mit ihrer Ausführung in der Welt nicht reussieren
kann. Sie sind eher geeignet, sich der Lächerlichkeit auszusetzen
oder Ärgernis zu erregen, sogar Zorn und Gegenwehr. Es steht das
Ansehen, der gute Ruf dabei auf dem Spiel, oft sogar das Leben.
Und viertens geht es bei
diesen Aussendungen in letzter Instanz um Hoffnung wider alle Vernunft.
Und hier zeigt sich nun, daß die gängige Meinung, die Hoffnung
ließe sich leichter weitersagen als die Verzweiflung, jene stieße
auf mehr Gegenliebe als diese, ein Irrtum ist. Die Hoffnung ist wahrscheinlich
die schwierigere Übung und die größere Zumutung für
die Verkünder wie für die Hörer. Wir neigen ja dazu,
es uns leicht und gemütlich zu machen mit der Hoffnung, so als
sei sie zur Beschwichtigung gedacht. Beschwichtigung, die Versicherung,
so schlimm werde es schon nicht werden, irgendwie werde es schon gut
gehen und wo die Gefahr wüchse, wüchse das Rettende auch,
das ist die Zerrgestalt, die heute als Hoffnung durchgeht. Aber eine
Hoffnung, die das Entsetzen überspringt, statt ihm standzuhalten,
verdient ihren Namen nicht.
Die Hoffnung hat aber noch eine andere Schattenseite. Sie muß
nicht nur dem Entsetzen abgerungen werden und der Furcht, sondern auch
der Sicherheit oder Gewißheit, der Erwartung, der Garantie, der
Prognose. Sie kann nur auf Vertrauen gründen, dem äußersten
Gegenpol zur Garantie. Aber uns kommt ja alles darauf, die Prognostizierbarkeit
der Zukunft drastisch zu verbessern - und dabei eben sollen Visionen
helfen.
Wenn wir auf die Suche gingen nach den guten Gründen für die
Hoffnung, dann müßten wir hingegen auf Überraschungen
aus und gefaßt sein. Nun leben wir aber nicht in einer Gesellschaft,
die die Überraschungen des Lebens willkommen heißt, es werden
vielmehr alle gesellschaftlichen Anstrengungen darauf gerichtet, sie
zu eliminieren, unter Kontrolle zu bringen, ihre wilde Unberechenbarkeit
zu brechen.
Wenn wir in die Geschichte der großen Ideen schauen, dann sehen
wir am Beginn aufklärerischen Denkens die Ausmerzung der Überraschung
geradezu kategorisch und programmatisch auf die Agenda des modernen
Menschen gesetzt. Es war René Descartes, der in der Überraschung
die Ursache der Furcht des Menschen ausmachte. Und da er die Furcht
für das Grundübel menschlicher Existenz erachtete, weil sie
den menschlichen Taten- und Erkenntnisdrang paralysiere, wies er seine
Zeitgenossen an, sich auf alle Eventualitäten vorzubereiten, alle
Dinge so genau zu durchschauen, so vorhersehbar und berechenbar zu machen,
daß die Menschen von Überraschungen und Widerfahrnissen nicht
länger heimgesucht würden. Die Zukunft sollte plan und erwartbar
vor ihnen liegen.
Wir sind also im Großen
und Ganzen der Überraschung nicht hold. Wir haben uns gegen sie
entschieden und unsere gesellschaftlichen Verhältnisse so eingerichtet,
daß der Überraschung möglichst wenig von ihrem Eigensinn
bleibt. Daß diesem Bemühen dann doch nicht der rechte Erfolg
beschieden ist, ändert nichts an der Grundeinstellung gegenüber
dem Unvorhergesehenen. Es ändert nichts daran, daß wir die
Zukunft, das was ungemacht, ungeplant und unverhofft auf uns zukommt,
nicht leiden können und deshalb unablässig - gegen sie ankämpfend
- ihr unsere Signatur aufprägen, sie mit Beschlag belegen und in
die Gangart zwingen wollen, die unseren Plänen gemäß
ist.
Während aber alle Anstrengungen darauf hinauslaufen, die Überraschungen
zu eliminieren, geschieht unbemerkt etwas anderes. Nicht nur, daß
das Überraschende immer wieder über uns hereinbricht und über
unsere Bemühung triumphiert, nicht nur dass wir Niederlagen erleben
und uns vor den Trümmern unseres Kraftaktes wiederfinden. Das Überraschende
entzieht sich zugleich, wir sind ihm nicht mehr gewachsen, wir sind
buchstäblich überraschungsuntauglich geworden. Die Kunst,
sich überraschen zu lassen, ist abgestorben. Uns ist der sechste
Sinn für das Unverhoffte abhanden gekommen oder verklebt, taub
geworden. Und damit haben wir wohl auch die Fähigkeit eingebüßt,
von Visionen ereilt zu werden und machen uns daher selber welche. Wir
wollen wünschenswerte Zukünfte selber austüfteln und
wahr machen.
Zukunft wird damit wie alles andere auch in unserer von Industrieproduktion
und Konsumismus geprägten Welt zu einer Option, für
die man sich entscheiden soll. Sie erscheint immer häufiger
im Plural, und das sagt, sie ist im Angebot. Zukünfte dieser oder
jener Machart - je nachdem, was so alles für wünschenswert
gehalten wird - werden feilgeboten, und die Zukunftskonsumenten greifen
hinein ins pralle Angebot und wählen aus, was ihnen passend dünkt:
'Welche Zukunft soll's denn sein? Wie hätten Sie's gern. Der Kunde
ist König.' Während frühere Menschen wußten, daß
es immer anders kommt, als man denkt, soll es heute kommen, wie man
denkt, weil man kann, was man will (Peter Sloterdijk), und weil die
Zukünfte fertig designed offeriert werden.
Und nun zu den Utopien.
Auch ihnen wird abverlangt, daß sie uns mit einer ‚Hoffnung-light'
versehen, mit der Aussicht auf bessere Zeiten, mit der wie uns über
die Trübnis unserer Lage hinwegmogeln können. Utopien sollen
ein wenig Licht ins Dunkel bringen, Morgenglanz in den Niedergang. Aber
Utopien taugen zu diesem Selbstbetrug genauso wenig wie die Visionen.
Utopien seien "unmögliche Möglichkeiten" lese ich.
Das ist eine vielsagende Charakterisierung. Sie sind eben nur Möglichkeiten
und obendrein noch unmögliche Möglichkeiten. Der Sinn, der
sie erspüren kann, ist der "Möglichkeitssinn", wie
Robert Musil dieses Organ nennt.
Wir aber haben in der Regel etwas ganz Anderes vor mit den Utopien.
Wir wollen sie in die Wirklichkeit hereinzerren, sie dem "Wirklichkeitssinn"
ausliefern. Wir wollen aus ihnen etwas machen, das sie aus der luftigen
und flüchtigen Sphäre des Möglichen in die handfeste
des Dinglichen zwingt. Wir wissen aber, daß bei der Verwandlung
von Möglichkeit in Wirklichkeit die Möglichkeit, der ja buchstäblich
alles möglich ist, auch das ganz Unmögliche, Federn lassen
muß. In dem Augenblick, in dem Mögliches wirklich wird, verliert
es seine Unerschöpflichkeit und gerät in die Daseinsenge,
in die Niederungen der Zwänge und Bedingungen und Begrenzungen,
die allem, was wirklich ist, eigen sind. Natürlich können
wir leibhaftigen, erdenschweren, wirklichen Menschenwesen uns nicht
im Luftreich des Möglichen einrichten. Aber Utopien sind nicht
dazu da, verwirklicht zu werden, sondern dazu, das Andere der Wirklichkeit
im Spiel zu halten. Utopien sind Nahrung für den Möglichkeitssinn,
damit er sich dagegen behaupten kann, von der überwältigend
wirklichen Wirklichkeit aufgesogen zu werden. Utopien sind der Stoff
für unsere Sehnsucht. Sie halten die Möglichkeit des ‚Auch-anders-Könnens'
am Leben. Sehnsucht und Utopie erlauben uns, der Übermacht des
Realen zu trotzen. Wir brauchen Utopien nicht, um sie zu verwirklichen
und zu verwursten, sondern, um den Möglichkeitshorizont und die
Sehnsucht nach dem Anderen offen zu halten.
Bei Giorgio Agamben fand ich eine bedeutsame Betrachtung
zum Verhältnis von Wirklichkeit und Möglichkeit: den in ihre
Wirklichkeit eingezwängten, gefangenen, verkümmerten und versteinerten
Wesen, wäre demnach immer wieder "ihre Möglichkeit zurückzugeben"..."Leibniz"
so Agamben, "definiert in De veritatibus primis die Beziehung
zwischen Möglichkeit und Wirklichkeit wie folgt: omne possibile
exigit existere, ‚ alles Mögliche (verlangt) … zu existieren,
wirklich zu werden.' Trotz meiner unbedingten Bewunderung für Leibniz
glaube ich, daß diese Formel nicht korrekt ist, und daß
wir ... umgekehrt schreiben müssen: omne existens exigit possibilitatem
suam, ‚alles Wirkliche … will seine eigene Möglichkeit zurückhaben,
… verlangt möglich zu werden." [1]
Will sagen alles Verwirklichte will nicht bei dem, was es geworden ist,
als seiner einzigen Wahrheit behaftet werden, sondern in seiner Unerschöpflichkeit
und Unerschöpftheit gewürdigt werden. Hüten wir uns also
davor, die Utopie zum Projekt zu machen und sie durch Verwirklichung
zu misshandeln.
Trotzdem will ich es wagen,
die Utopie zu konkretisieren, sie beim Namen zu nennen. Mir scheint
die einzige statthafte Art, über sie zu reden, ohne ihr Gewalt
anzutun, wäre, sie als die ‚Kunst des Aufhörens' zu beschreiben.
Im Aufhören liegt die Möglichkeit, die allgegenwärtige
und alltägliche Gewalt zu unterbrechen. Und das hängt mit
der wunderbaren Doppeldeutigkeit des Wortes und der Praxis des Aufhörens
zusammen. daß nämlich das 'Aufhören' im Sinne von 'ein
Ende machen', etwas zu tun hat mit dem Gehörsinn, mit dem Hören,
vielleicht sogar mit dem Gehorchen.
Um herauszufinden, was es mit dem Aufhören auf sich hat, das dem
‚Hören-Auf' entspringt, muß man vielleicht weit zurückgehen
in der Geschichte. Mir hat sich dieser Zusammenhang an einer Darstellung
aus dem späten sechsten Jahrhundert erschlossen. Das Bild, das
meine Aufmerksamkeit auf sich zog, ist eine Miniatur aus der ‚Wiener
Genesis' , - wie gesagt, 6. nachchristliches Jahrhundert - und stellt
Abraham dar, der die Verheißung empfängt.
Wenn ich sagen wollte, die Gestalt des Abraham beherrsche das Bild,
so wäre das ganz falsch, obwohl sie neben der Hand Gottes, die
durch das gestirnte Firmament herabfährt, der einzige, der markante
Bildinhalt ist. Jedoch nichts an dieser Figur ist mit dem Prädikat
herrschen oder beherrschen zu assoziieren. Wollte ich sagen, Abraham
sei das Zentrum des Bildes, so gäbe das ebenfalls einen falschen
Eindruck, obwohl sich alles um ihn zu drehen scheint: sogar das Himmelsgewölbe
ist um seinetwillen umgedreht: Die Wölbung weist nach unten wie
eine auf den Kopf gestellte Käseglocke, so, als ob der Himmel sich
herabneige zu Abraham. Die den Segensgruß entbietende Hand Gottes
- übergroß - fährt mit einer solchen Kraft durch das
aufgespannte, von Sternen übersäte Himmelszelt, daß
an der Durchbruchstelle ein Faltenwirbel entsteht. Das entmutigt jede
süßliche Deutung des Gottessegens. Und nun Abraham. Er steht
in einem emphatischen Sinn des Wortes. Abraham steht wie angewurzelt,
reglos. Er hat den Blick nach oben gewandt, gleichsam lauschend, und
vernimmt die Worte des Herrn. Abraham lauscht nicht nur mit den Augen
und Ohren, sondern mit dem ganzen angespannten Körper.
Seine ausgestreckten Hände sind mit dem Umhang, der über seine
Schultern geworfen ist, verhüllt. Die verhüllten Hände
sind nicht nur Zeichen der Demut, sie sind auch die untätigen Hände.
Erst dadurch, daß Abraham seine Hände verhüllt, wird
er ganz und gar zu einem Vernehmenden, zu einer Gestalt reinen Empfangens.
Das angewurzelte Stehen und die Verhüllung der Hände ermöglichen
ihm erst auf-zuhören. Aber das ist womöglich die falsche Reihenfolge:
Nicht weil Abraham innehielt, konnte er hören, sondern weil er
Unüberhörbares, Unerhörtes hörte, mußte er
innehalten oder Gehorsam üben. Dies ist freilich ein Gehorsamsgebot,
das zwingend, aber nicht erzwungen ist.
Es ist, glaube ich, heutzutage
außerordentlich schwierig, wenn nicht unmöglich, uns einen
Gehorsam vorzustellen, der kein Zwang ist, der keine Einschränkung
der Freiheit, sondern im Gegenteil befreiend sein soll. Abraham wird
durch sein gehorsames Hören nicht erniedrigt, sondern erwählt,
er wird nicht geknechtet, sondern begabt, er wird nicht zu dumpfer Befehlserfüllung
abgerichtet, sondern zur eigenen Entscheidung befreit. Und doch wird
sein Eigenwille gebrochen und sein eigenmächtiges Handeln unterbunden.
Das können wir nur als einen Akt der Freiheitsberaubung und machtvollen
Unterwerfung unter einen durchsetzungsfähigen, fremden Willen verstehen.
Aber Abraham duckt sich nicht unter einen despotischen Befehl, im Gegenteil
er schaut auf. Er lauscht. Können wir uns einen Befehlsempfänger
denken, der auf den Befehl lauscht, statt zackig strammzustehen und
blindlings auszuführen, was ihm befohlen wurde? Befehlen kann nach
unserem Verständnis nur der Überlegene, der über die
einschlägigen Mittel zur Durchsetzung seines Befehls verfügt.
Gehorchen muss der Untergebene, der dem übermächtigen Willen
des Befehlshabers rein gar nichts entgegenzusetzen hat und nicht einmal
in der Flucht sein Heil suchen könnte.
Die Zumutung, der wir uns gegenübersehen ist die, dass wir uns
einen Befehl denken sollen, der nicht knechtend, sondern befreiend,
ja sogar erlösend ist und zwar für den, den er trifft. Eine
solche Ehrenrettung des Befehls-Gehorsams-Verhältnisses gerät
augenblicklich unter den Verdacht des blanken Zynismus. Ich habe unlängst
ein Seminar zum Thema ‚Befehlen und Gehorchen' abgehalten. Und auf meine
Frage, warum die daran Teilnehmenden sich durch diese Seminar-Thematik
angezogen fühlten, antwortete ein besonders aufgeweckter Student:
"Ich interessiere mich dafür, weil ich beides nicht leiden
kann", womit er einwandfrei bewies, dass er die historische Lektion
gelernt, das Herz auf dem rechten Fleck und den Verstand beieinander
hatte. Denn mit Befehl und Gehorsam kann man sich nach den Erfahrungen
des 20. Jahrhunderts, das "zu einer Zeit aus der Hölle"
wurde, und in dem "mehr als 70 Millionen Männer, Frauen und
Kinder" von gehorsamen Tätern auf Befehl umgebracht wurden,
schlechterdings nicht versöhnen.
Der "Befehl … ist das gefährlichste einzelne Element im Zusammenleben
von Menschen geworden. Der Befehl ist eine Gewaltmaschine, die unablässig
neue Gewalt erzeugt. Unmöglich zu glauben, daß er die geheimen
Kräfte enthalten könnte, die es doch möglich machen,
auf-zu-hören und die Gewalt zu unterbrechen.
Und dennoch geschieht dies zuweilen, wie eine aus dem Irak berichtete
Episode zeigt:
Der Journalist Dan Baum schreibt über junge Offiziere, die völlig
unvorbereitet in den Irak-Krieg geschickt wurden und sich dort selbst
beibringen mussten, was die Armee ihnen nicht vermittelt hatte. Ausgangspunkt
seiner Recherche war eine Szene aus den ersten Wochen des Irakkriegs,
die Baum auf CNN gesehen hatte: Er sieht auf dem Bildschirm, bei abgeschaltetem
Ton, was ihm ein ‚disaster in the making' zu sein dünkt. "Eine
kleine Einheit amerikanischer Soldaten ging in Najaf eine Straße
entlang, als auf einmal Hunderte Iraker aus den Gebäuden auf beiden
Straßenseiten quollen. Mit geballten Fäusten und vom Schreien
angespannter Halsmuskulatur drangen sie auf die Amerikaner ein, die
einander in blankem Entsetzen ansahen." Baum schaltet den Ton seines
Fernsehers an und hört nun die Iraker außer sich vor Wut
schreien. Die Kameraführung macht deutlich, dass der Kameramann
genau so entsetzt ist wie die Soldaten. "Das ist es", dachte
Baum: " Ein Schuß wird irgendwo fallen, die Amerikaner werden
das Feuer eröffnen, und die Welt wird Zeuge des My Lai-Massakers
des Irakkrieges sein. In dem Augenblick ging ein amerikanischer Offizier
durch die Menge, er hielt das Gewehr hoch über seinen Kopf mit
dem Gewehrlauf nach unten. Vor der Kulisse der brodelnden Menge, war
das eine ergreifende, geradezu biblische Geste. ‚Auf die Knie', befahl
der Offizier, der seine Erregung hinter den Gläsern einer großen
Sonnenbrille verbarg. Die Soldaten sahen ihn an, als ob er verrückt
sei. Dann kam einer nach dem anderen mit seiner schweren Ausrüstung
zu Boden und kniete vor der kochenden Menge mit dem nach unten gesenkten
Gewehrlauf. Die Iraker beruhigten sich, ihr Ärger verschwand. Der
Offizier befahl seinen Männern, sich zurückzuziehen."
Es dauerte zwei Monate, bis Dan Baum den Offizier, der inzwischen aus
dem Krieg zurückgekommen war, ausfindig machte und Gelegenheit
hatte, ihn zu befragen. Er wollte von ihm wissen, wer ihn gelehrt hatte,
eine aufgebrachte Menge dadurch zu bändigen, dass er seinen Männern
niederzuknien und die Waffen zu strecken befahl; ob dieses eine typische
Geste für den Irakkrieg und für den Umgang mit Muslimen war.
Die Fragen waren für Lieutenant Colonel Chris Hughes völlig
unverständlich. Niemand habe ihn darauf vorbereitet, mit einer
empörten Menge in einem arabischen Land umzugehen und schon gar
nicht auf den Umgang mit den verwickelten Stammesfehden in Najaf. Offiziere
lernten in der Regel, eine Menge mit tieffliegenden Helikoptern auseinanderzutreiben
oder Warnschüsse abzugeben. " ‚Das Problem dabei ist nur,
dass man dann im nächsten Zug gezwungen ist, scharf auf sie zu
schießen'. Die einzige Lösung war für Hughes deshalb
eine Geste des Respekts."
Der Befehl, der da erteilt
wird, ist Befehl im krassesten Sinn des Wortes: Er duldet keinen Widerspruch,
ist undiskutabel, knapp und klar. Er erzwingt trotz inneren Widerstrebens
der Befehlsempfänger unmittelbaren Gehorsam. Er befremdet diejenigen,
die ihm ausgesetzt sind, zutiefst. Er wird trotzdem nicht erklärt.
Er ist demütigend und zwar auf eine spektakuläre Weise und
in großer Öffentlichkeit. Die Soldaten müssen niederknien
vor jenen, denen sie sich ihrem militärischen Selbstbewusstsein
gemäß überlegen fühlen. Sie müssen sich selbst
entwaffnen, das heißt, sich der Machtmittel, die ihre Überlegenheit
garantieren, berauben. Dramatischer kann die Unterwerfungssituation
kaum gedacht werden. Auch der Befehlshaber genügt allen Ansprüchen,
die an einen durchsetzungsfähigen Kommandeur gestellt werden. Sein
Befehl ist scharf, präzise und dringt auf geradezu blinden Gehorsam,
denn der Zeitdruck ist enorm. Dennoch wird hier auf eindringliche Weise
von einer gelungenen Unterbrechung der Gewalt erzählt.
Befehl ist also nicht
gleich Befehl. Das Wort ‚befehlen' hatte früher eine ganz andere
Bedeutung als wir ihm heute unterstellen. Es hatte mit gebrüllten
Kommandos und schneidender Schärfe nichts zu tun. Es beschrieb
einen Vorgang, der sich alljährlich wiederholte, wenn nämlich
der Erde die Saat ‚befohlen', also anbefohlen oder anvertraut wurde.
Wenn der Same der Erde befohlen wird, so hat das alle Anzeichen, eines
wirklichen Vertrauensaktes, der ja immer dadurch gekennzeichnet ist,
dass man etwas wagt und aufs Spiel setzt. Der Bauer begibt sich, wenn
er aussät, der letzten Nahrungsreserven, indem er sie, auf ihre
Vermehrung, auf Gedeih und Wachstum hoffend, der Erde anvertraut, ohne
gewiß sein zu können, dass sie wirklich fruchttragende Pflanzen
hervorbringen wird.
Was heißt das nun für den Befehl, den Gott Abraham gibt?
Wir haben es hier mit einem Befehl zu tun, in dem der Befehlende sich
dem Adressaten anbefiehlt und also selbst zum 'Befohlenen' wird. Er
liefert sich an den, dem er zu befehlen wagt, aus, er vertraut sich
ihm an. Hätte Abraham dem Befehl Gottes den Gehorsam verweigert,
so hätte er dies Vertrauen Leere gehen lassen und den Befehl samt
dem Befehlsgeber lächerlich gemacht. Tatsächlich ist also
dies Befehls-Gehorsams-Verhältnis ein Verhältnis radikaler
Gegenseitigkeit ohne Gleichheit. Beide, Befehlsgeber und Befehlshörer,
sind herausgefordert zu vertrauen, das heißt beide gehen ein unerhörtes
Wagnis ein. Denn ohne daß der Befehl einen Hörer findet,
ist der Befehlende eine armselige Figur. Von diesem Wagnis des Befehlens
wissen wir kaum noch etwas, nachdem der Befehl zum Prüfstein der
Machtfülle geworden ist; und vom Wagnis des Gehorchens ist nur
noch die Kriecherei, das Sich-Bücken und Sich-Beugen unter fremden
Willen übrig geblieben.
Abraham jedoch steht, während er hörend gehorcht, aufrecht
da, und Gott begibt sich, dadurch dass er ihm befiehlt, man könnte
auch sagen: sich mit ihm einlässt - seiner Macht und muß
darum bangen, dass er gehört werde. Es wäre aber falsch, dies
einfach als eine Umkehr der Machtverhältnisse zu deuten. Wir müssen
vielmehr ganz und gar darauf verzichten, uns den Befehl als Machtprobe
vorzustellen, vielmehr hätten wir das Befehls-Gehorsamsverhältnis
als ein Geschehen zwischen Ebenbürtigen zu denken, die einander
durch Vertrauen verbunden sind. Man kann sagen: Weil Gott ihm befiehlt
kann Abraham hören, aber man muß zugleich den Satz umkehren:
Weil Abraham hört, kann Gott ihm befehlen. Abraham hört nicht
mit irgendetwas auf, mit diesem oder jenem, um dann etwas Anderes zu
machen. Abraham hört ganz und gar auf, will sagen: er wird ein
Anderer, ein 'neuer, ein zum Hören befähigter Mensch', der
sich dem Befehl überläßt. Im Auf-hören vergeht
ihm das eigene Wollen. Und das soll Freiheit sein?
Wenn wir diese Frage mit ‚Ja' beantworten wollten, müssten wir
allerdings nach einer Knechtschaft Ausschau halten, der unendlich viel
schwerer zu entkommen ist, als der Beugung unter fremden Willen. Und
das ist die Knechtung durch den eigenen Willen. Indem Abraham auf-hört,
kommt er von der Ankettung an sich selber los. Das Auf-Hören im
Sinne des Hinhörens auf eines Anderen Stimme ist womöglich
die einzige Hinwendung, die die ‚ego-logische' Fesselung sprengen kann,
jene Logik, die mich in die unablässige Bewegung der Selbstumkreisung,
des Gewinnstrebens und der eigenen Vorteilssuche zwingt.
Es gehört nicht gerade
ins Repertoir unserer Denkgewohnheiten, die Unfreiheit darin zu sehen,
dass ich meinen Willen kriege. Als unfrei gilt doch derjenige, dem es
verwehrt ist, seinen eigenen Willen zur Geltung zu bringen. Und frei
ist, wer die Verhältnisse so einrichten kann, dass sie sich seinem
Willen fügen. Die eine Freiheit besteht in der Befreiung des 'Ich',
die andere in der Befreiung vom 'Ich'.
Während ich also zu glauben gehalten bin, daß anderer Wille
oder andere Freiheit mich hindert 'für mich' zu sein, ist es in
Wahrheit die eigene Freiheit, die mich hindert, 'für dich' zu sein.
Und doch bin ich sicher, daß in jedem Menschen eine tiefe Sehnsucht
nach der Freiheit, 'für dich' zu sein, verborgen ist, verbunden
mit der Verzweiflung, es nicht zu können.
Es zeigt sich also, dass
wenn wir über die Kunst des Aufhörens nachdenken und uns in
ihr üben wollten, es beileibe nicht damit getan ist, dies oder
jenes zu lassen, weil wir es als schlechte Angewohnheit, schädliche
Neigung oder übertriebenen Anspruch erkannt haben. Die Kunst des
Aufhörens besteht im Hören-Können. Aufhören ist
also nicht ein heroischer Akt der einsamen Selbstüberwindung oder
der pfiffigen Spekulation auf etwas Besseres. Ohne eine Hinwendung zum
Anderen, zum Du, bleibt das Aufhören nur eine Variante des Weiter-So.
Ich bleibe mir treu. Das Aufhören in einem ernsten Sinn kann sich
nur ereignen, wenn ich mein Augen- und Ohrenmerk von mir löse und
auf einen Anderen, eine Andere oder ein Anders richten lasse. Und dazu
gehört, dass ich die Freiheit, die ich mir dir gegenüber herausnehme,
als ungerecht erkenne. Gewalt besteht, Levinas zufolge, in der Verselbigung
des Anderen, dem sein Anderssein machtvoll bestritten wird. Die Utopie
des Aufhörens hat etwas anderes im Sinn: der, die oder das Andere
ist nicht mehr ein ‚Der-da', ‚Die-da', ‚Das-da', ein Objekt, mit dem
ein selbstermächtigtes Subjekt nach Willkür umspringen kann,
sondern ein ebenbürtiges ‚Du'. Welch ein Unterschied, ob ich mich
hörend einem Du aussetze oder mich wissend an einem Objekt der
Behandlung vergreife.
Audio
etsi mutabor. Ich höre, obwohl ich dadurch verwandelt werde.
Dieser Begriff von Freiheit
hat einen so triumphalen Sieg davongetragen und sich so sehr ins Recht
gesetzt, dass in Vergessenheit geriet, wie sehr diese Freiheit mit Gewalt
liiert ist, wie sehr sie "in ihrer Ausübung selbst mörderisch
und usurpatorisch ist." [2] Es ist die Freiheit,
die zuguterletzt am Anderen keine Grenze mehr findet, weil sie sich
das Andere ganz einverleibt hat. Lévinas nennt diesen Prozeß
die "Verselbigung des Verschiedenen" [3].
Was auf den ersten Blick als ein zu starkes Wort erschien, nämlich
dass diese Freiheit mörderisch sei, hat sein Recht, wenn wir uns
klar machen, dass die Verselbigung buchstäblich das oder den Anderen
in seiner Andersheit tilgt, oder genauer: verschlingt, schluckt. "Die
Freiheiten führen Krieg gegeneinander" [4],
bis eine sich der anderen ergibt und in ihr aufgeht [5].
Es könnte jedoch sein, dass die Idee der Freiheit als Verselbigung
des Anderen, obwohl sie einen so triumphalen Sieg erfochten hat, selbst
durch und durch apologetisch ist. Was in Wahrheit eine Niederlage ist,
ein existenzielles Scheitern, dass ich nämlich der Egozentrik aus
eigener Kraft nicht entkommen kann, wird kurzerhand zur Tugend, zum
Inbegriff der Freiheit umgedeutet. Und die Anverwandlung des Andern,
des Fremden, an das Eigene, das Vertraute und Verstandene scheint vollkommen
gerechtfertigt, ein Akt der Aufklärung. Die wirkliche Freiheit,
die Freiheit von der Ichverhaftung hingegen, wäre "Güte",
die sich dem Andern zuwendet ohne ihn zum Objekt zu machen und in die
eigene Logik einzufügen. Güte sucht und findet "Freiheit
in der Heteronomie" [6]. Aber wir wären nicht
gut beraten, wenn wir Heteronomie wiederum nur einfach als Fremdbestimmung
im Gegensatz zur Selbstbestimmung interpretierten, im Sinne einer einfachen
Umkehrung der Verhältnisse. Heteronomie meint vielmehr, dass ich
mich vom Andern bestimmen und umstimmen lasse, mir also meine Stimme
von ihm verleihen lasse. Und dazu ist der "Zusammenbruch des guten
Gewissens des Selben" unerlässlich, damit jene andere Freiheit,
die Freiheit "sich selbst mehr und mehr in Frage zu stellen",
erblühen und der Gewalt ein Ende setzen kann. "In der Tat
ist es so, als ob die Gegenwart des Antlitzes (des Andern)… meine Freiheit
in Frage stellt." [7]
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