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Globale Rechte - Lokale Kontexte
Unser Vortrag untersucht die Differenzen und Gemeinsamkeiten der Menschenrechtsaktivistinnen im heutigen Serbien und Armenien. Die Analyse vergleicht ihre Positionen in der Zivilgesellschaft, ihre politischen Ziele und Strategien, den dahinter liegenden kognitive Rahmen, lokale feministische Traditionen und den breiteren globalen Kontext der Beziehungen zu internationalen Geldgebern und Menschenrechten von Frauen. Armenien Vor dem Hintergrund eines starken, breit verankerten Nationalismus, der seine Kraft aus dem immer noch nicht anerkannten Genozid an den Armeniern im Osmanischen Reich von 1915 sowie dem frozen conflict mit Azerbaijan bezüglich Nagorny Karabakh bezieht, navigieren Frauenrechts-NGOs ein schwieriges Terrain in Armenien. Sie oszillieren zwischen Forderungen nach gleichen Rechten und Möglichkeiten in einer sich konsolidierenden male democracy einerseits und einem nationalistischen Referenzrahmen andererseits der Frauen hauptsächlich die Rollen als Mutter und Ehefrau zuschreibt (hauptverantwortlich für Reproduktion und Fürsorge-Ökonomie). Ich untersuchte in meiner
Feldforschung in Armenien inwiefern die Partizipation armenischer Frauen
in NGOs ihre Diskurse und Strategien im Kontext des aktuellen Nation
Building Prozesses geformt und beeinflusst hat. Wie gehen die Aktivistinnen
mit den eingangs erwähnten Widersprüchen um? Welche Strategien
wenden sie in ihrer Arbeit an, und wie beeinflussen diese wiederum den
globalen Menschenrechtsdiskurs aus Gender Perspektive? 1. Chancen und Dilemmata an global-lokalen Schnittstellen (PPP2) Armenische Frauenorganisationen begannen seit der 4. Frauenweltkonferenz in Peking 1995 vermehr einen menschenrechtlich orientierten Diskurs aufzugreifen (bis dahin: humanitär ausgerichtet). 16 NGOs nahmen daran teil, Jemma Hasratyan, Direktorin der Armenian Association of Women with University Education beschreibt dieses Erlebnis folgendermaßen: "Die Teilnahme an dieser Konferenz hat zu einem Paradigmenwechsel innerhalb der Frauen-NGOs geführt. Wir realisierten, dass wir all unsere Fragen in einem breiteren Kontext erörtern müssen. Die Probleme von Frauen sind Probleme einer gesamtgesellschaftlichen Entwicklung. Zum Zweiten begannen die meisten von uns politischer zu arbeiten. Es fand ein Paradigmenwechsel statt, von einem eher humanitären Zugang zu Frauenrechten zu einem politisch orientierten Handeln. Dies inkludierte Themen wie Menschenrechte, politische Partizipation von Frauen und die Repräsentanz und Eingebundenheit von Frauen in entscheidungstragende Strukturen. Weiters realisierten wir, dass wir nur in Netzwerken und in gemeinsamer Kooperation unsere Interessen vertreten können. […] Im Jahre 1995 war Armenien durch die politische Krise und die Blockade total isoliert von der Außenwelt, und Peking eröffnete uns ein Forum, verband uns wieder mit der Welt und den Problemstellungen, mit denen sich die Zivilgesellschaft global beschäftigte". [1] Nach der ermutigenden
Erfahrung in Peking und dem darauf folgenden verstärkten Engagement
der internationalen Geberorganisationen in Armenien im Frauenrechts-NGO-Bereich
folgte eine Phase der Ernüchterung. Diese Phase war und ist bis
heute gekennzeichnet von Frustration und Enttäuschung über
den Status Quo. Seit Mitte der 1990er Jahre fließt ein beträchtlicher Teil der internationalen Entwicklungshilfe in den Aufbau der Zivilgesellschaft (siehe Kapitel 3.2.4.). Die Beziehungen zwischen der internationalen und der lokalen Ebene gestalten sich hierbei als wenig demokratisch und sind von großer Asymmetrie geprägt: Die Herangehensweise der Internationalen Gemeinschaft wird innerhalb der NGOs aber auch der breiten Bevölkerung immer noch als besserwisserisch, ignorant und teilweise kontraproduktiv für das Land beschrieben. Die Abhängigkeit von Geber-Geldern aus dem Ausland lässt NGOs als gegenseitige Konkurrenten und weniger als kooperierende Partner einer gemeinsamen Sache in Erscheinung treten. Alternative Einnahmen aus Mitgliedsbeiträgen oder Fundraisingaktivitäten stehen nur in geringem Ausmaß zur Verfügung. Hauptsponsoren sind die amerikanische Entwicklungshilfeorganisation USAID mit ihren diversen Untergruppen, Eurasia, das Open Society Institute (OSI) der Soros Foundation, UNDP, UNIFEM, und im Gender-Bereich zu einem gewissen Grad auch die OSZE. [2] Dieses asymmetrische Machtverhältnis bewirkt auch eine Abhängigkeit von Themenvorgaben durch die internationale Gemeinschaft. Dadurch werden lokal definierte Problemfelder oder Lösungsansätze vernachlässigt, was mittlerweile von vielen heftig kritisiert wird. So kommt die Politologin Jevgenija Paturjan in ihrer Untersuchung über Institutionalisierung und Entscheidungsstrukturen in armenischen NGOs zur folgender Schlussfolgerung: "Armenian NGOs are financed from outside. One of the largest donor countries appears to be the United States. That means that so far the international community bears the main responsibility for the development of civil society in Armenia. It also means that Armenian NGOs can be very vulnerable to external pressure" (Paturjan 2002:42). Eine
der größten Herausforderungen besteht darin, eine nachhaltige
Arbeit aufzubauen (zeitlich, geschulte lokale Expertinnen, planbare
Budgets, Infrastruktur etc.). Die große Abhängigkeit von
ausländischen Subventionen verhindert dies, und auch die teilweise
als neokolonialistisch empfundene Herangehensweise internationaler Geberorganisationen
erweist sich hierbei als problematisch: Die Ausländer, und aus der GUS kommen sie hierher, als ob es hier nichts gäbe und als ob nur sie uns etwas lehren könnten. Sie bemühen sich nicht einmal, etwas von uns zu lernen. Als wir bei der International Federation [of Women with University Education, Anm. A. St.-C.] unsere Arbeit vorgestellt haben, tauchte bei ihnen gleich die Frage auf, wie wir denn das alles geschafft hätten. (…) Ich denke, wenn ein beliebiges Seminar durchgeführt wird, irgendeine Analyse, dann müssen sie zuallererst lernen und begreifen, dass wir anderen etwas geben können. Im postsozialistischen Raum sind wir die Einzigen, die ein staatliches Curriculum [für Gender Education an Hochschulen, Anm. A. St.-C.] ausgearbeitet haben. Bei der Ausarbeitung dieser Standards konnte das AutorInnenteam auf eine vierjährige Erfahrung in der Lehre von Gender-Disziplinen an Hochschulen zurückgreifen. Wir können diese Standards weitergeben, die Studienprogramme, eine ganze Reihe Bücher auf Russisch. (..) All diese ausländischen Fonds und Firmen sollten auf die Länder mit ähnlichen Situationen schauen, die sich gegenseitig etwas geben können, um den Weg zur Demokratisierung zu verkürzen." [3] 2.
Lokale Strategien für die Implementierung von women's human rights:
Wie gehen also Aktivistinnen mit diesen Widersprüchen um, einerseits mehr Rechte, Chancengleichstellung, Öffentlichkeit einzufordern (gelöscht: Komma) und andererseits an einen "Familienkodex" gebunden zu sein, der fundamentale Kritik an traditionellen Geschlechterrollen in der Familie gleichsam untersagt und politisch sanktioniert (Verrat an der Nation)? Meinen Untersuchungen zufolge sind sich die meisten Frauen-NGOs dieses Dilemmas sehr wohl bewusst, und wenden deshalb Strategien an, die stets das Wohlergehen und die Stärkung von Familienstrukturen betonen, um so größere politische Manövrierfähigkeit und Handlungsspielraum zu erhalten. Hegemoniale Zuschreibungen von "Familie" und stereotypisierende Geschlechterrollen werden auf dieser Folie von innen heraus, gewissermaßen subversiv, und nicht konfrontativ aus einer Gegenposition, einer grundlegenden Rekonzeptualisierung unterzogen, um Veränderungen zu ermöglichen. Der globale Diskurs von Menschenrechten von Frauen wird dabei angeeignet und gleichzeitig transformiert: Im Zentrum steht nicht das autonome Subjekt allein, sondern die Frau als Individuum, die gleichzeitig in Familienstrukturen eingebunden ist. Ein "westlichen Feminismus" [4], der mit der Autonomiebestrebung von Frauen und einer Betonung auf die Frau als Individuum assoziiert wird, wird von den Aktivistinnen als inadäquat für ihre Lebenssituation und die sozialen, politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse des Landes abgelehnt, da er die Einbettung der Frauen in ihre Familiennetzwerke zur Grundlage der Kritik am Patriarchat erhoben habe. Dies bedeutet keineswegs, dass armenische Frauenrechtlerinnen keine Kritik an patriarchalen Familienstrukturen erheben, sie tun dies in äußerst expliziter Weise, stellen jedoch die Grundlage der Familie als Institution und konstituierend für die Nation nicht in Frage. Mit dieser Betonung eines kollektiver gefassten Rechtssubjekts und einer Empowerment-Strategie [5], die auf einem neu formulierten Familienkonzept gründet, stehen armenische FrauenrechtsaktivistInnen eher in der Tradition des maternal activism, wie er bereits in Kapitel 2.2.2. als Strategie asiatischer und russischer Frauenrechtsaktivistinnen erwähnt worden ist. Diese Strategie scheint den Gebrauch des woman's human rights concept zu legitimieren ohne sich in Opposition zum hegemonialen politischen Diskurs zu begeben, der eine Anti-Familien-Ideologie als anti-national und somit gefährlich ansieht. Bezeichnend in diesem
Zusammenhang ist, dass die Wurzel Azg für Familie und Nation steht.
"Family has been more than just a basic societal unit. In Armenian national mentality, it has traditionally been perceived as being of the highest value in its capacity as an intermediary, situated in between the individual and the state. In the absence of statehood, the concept of "Nation-as-a-family", a sui generis "familism", has evolved in Armenian society. The core and the unifying power of these ideas has traditionally been the Armenian woman, whose role is unique and decisive in the national history and culture. A history replete with war, invasion, massacre, genocide, and natural disasters shaped the Armenian family into a basic unit for viability and self-preservation. At the same time, due to the absence of independent statehood and the realities of living under the yoke of other states, Armenians have, over the course of time, developed an image of the state as an alienating and hostile entity" (UNDP 1998: 2). Was die Regierung hier
verschweigt ist die Tatsache, das der derzeitige Staat seinen Bürgerinnen
und Bürgern keinen Sozialvertrag anbietet, und dass Familiennetzwerke
schlichtwegs zum Überleben notwendig sind. Immer noch lebt über
die Hälfte der Menschen unter der Armutsgrenze, der Zugang zu Gesundheitsvorsorge
und Bildung ist kostenpflichtig geworden, Pensionen und Gehälter
betragen meist nur einen Bruchteil dessen, was die Deckung der realen
Lebenskosten ausmacht. Frauenrechtsaktivistinnen können nicht ausserhalb dieses kognitiven Referenzrahmen agieren. Indem sie Strategien anwenden, die für die Stärkung der Familie plädieren (motherhood strategy), bauen sie sich ein Image auf, das sie als konstuktives Element im Nation-Building-Prozess porträtiert (Frauen bringen künftige BürgerInnen Werte wie Demokratie, Bürger-Verantwortung etc. bei). In diesem Sine modifizieren und re-interpretieren sie das Familien/ Nationenkonzept von ihrem Standpunkt aus. (PPP 6) Als politischste
Sphäre der Menschenrechte von Frauen erweist sich demnach die Familie.
Besonders sensibel reagiert die Öffentlichkeit beim Thema häusliche
Gewalt, einem Schauplatz, der als "tabu" für die Publikmachung
von "Problemen" gilt. AktivistInnen, die in dieser Sphäre
tätig sind, werden als "Zerstörerinnen der Familie"
und somit auch als anti-national gebrandmarkt und sind Anfeindungen
seitens der Regierung, der allgemeinen Bevölkerung, aber auch anderer
NGOs ausgesetzt. "Als wir sagten, in Jerevan gebe es häusliche Gewalt, hat man auf uns fast gespuckt, man hat uns beschimpft, gesagt, wir hätten Geld bekommen mit der Aufgabe, die armenischen Familien zu zerstören. Das hat uns Nora ins Gesicht gesagt, und Dschemma Hasratjan - die weiblichen Leader [6]. Als ob wir gegen das armenische Volk wären, das ja sehr empfindlich gegenüber seinen Traditionen ist. Ich war am Anfang sehr betroffen, habe mich gerechtfertigt, das ja das Gegenteil der Fall sei. (...) Ich habe schließlich gesagt: Wisst ihr was? Machen wir zunächst schweigend unsere Arbeit. Die Fakten werden für sich sprechen." Die Sache ist die, dass es ein sehr geschlossenes Thema ist [Gewalt gegen Frauen, Anm. A. St.-C.] und wir nicht an jeder Ecke schreien können, dass wir ein Frauenhaus hätten, aber wir versuchen zu erklären, was ein Frauenhaus ist, das ist wichtig. Ja, in Armenien gibt es jetzt ein Frauenhaus, und das hat diese und jene Funktion, und warum landen Menschen dort? Das heißt, eine ordentliche Frau zu schlagen, die Ehefrau zu Hause, die Mutter deiner Kinder, sie vor den Augen der Kinder zu erniedrigen, sie zusammenzuschlagen, das soll also o. k. sein. Und wenn die Frau weggehen will, an diesen bescheidenen Platz, wo sie, nehmen wir an, sich einmal hinsetzen und durchatmen kann, und nachdenken, wie sie sich schützen kann, das ist also nicht o. k." [7] Susanna evoziert die im hegemonialen Diskurs zentralen Verwandtschaftsrollen von Frau-Sein, Mutter und Ehefrau, um Gewalt gegen Frauen (als Mütter und Ehefrauen) zu denunzieren. Sie gewinnt damit einen gewissen Handlungsspielraum, um die Einrichtung des autonomen Rückzugsraumes in Form des Frauenhauses - das in weiten Teilen der Bevölkerung als subversiv gesehen wird - zu rechtfertigen, mit dem Ziel, am Ende eine bessere, stärkere Familie zu schaffen. Lassen Sie mich einige wesentliche Elemente zusammenfassen: Frauenrechtsdiskurse in Armenien sind also besonders eng mit jenen über armenische Identität, Nation und Familie verknüpft und verwoben. Die Strategien de Frauenrechtsaktivistinnen werden insofern erfolgreich angewendet, als dass sie sich (beispielsweise im Gegensatz zu Kolleginnen aus Südosteuropa) mit diesen Ansätzen als nicht in Opposition zur gegenwärtigen Politik positionieren und sich als konstruktiv für den Nationenbildungsprozess der (immer noch) nationalistisch ausgerichteten Politik (Guardian of the Nation) darstellen. Vor dem Hintergrund dieser Folie können der politische Handlungsspielraum erweitert sowie Konzepte von innen heraus modifiziert und transformiert werden. Konzepte wie das der "idealen armenischen Familie" aber bleiben vieldeutig und erinnern teilweise an ähnliche, oben beschriebene Debatten in der Geschichte: So entzünden sich an Themen wie häusliche Gewalt immer noch sehr heftige Debatten, bis zu welchem Grad man das Thema öffentlich diskutieren könne oder ob Frauenhäuser für Gewaltopfer die richtige Lösung für Armenien darstellten, da Familien somit zerrissen würden. Doch AktivistInnen wie Susanna Vardanjan kämpfen, ebenfalls mit der Familienstrategie, gegen ihren Ruf als "Verräterinnen der Nation", indem sie ihre Arbeit als familienstärkend und sich als echte Bewahrerinnen der Nation präsentieren. Die Kehrseite der Einbettung des Konzepts der Menschenrechte von Frauen in den erweiterten Familienkontext ist die Ausblendung von Frauen außerhalb dieser Strukturen: geschiedene, unverheiratete, unfruchtbare, kinderlose, allein stehende Frauen, deren Stimmen nicht wahrgenommen werden. Es bleibt noch offen, auf welche Weise die junge Generation von Frauenrechtsaktivistinnen die Strategien zur Durchsetzung von Rechten und zu mehr Empowerment weiterentwickelt, transformiert oder übernimmt. Bis jetzt ist diese Generation noch marginalisiert in der von älteren Ex-Sowjet-Kadern dominierten Frauenrechtsszene. Serbien Im Falle des post-Milosevic
Serbien findet man eine fundamental andere Strategie der weiblichen
NGO-Aktivistinnen als Armenien. Während, wie wir gehört haben,
in Armenien keine ausgeprägte Kritik am Nationalismus von Seiten
der Aktivistinnen vorgenommen wird, üben Aktivistinnen in Serbien
eine radikale Kritik am Nationalismus, sowohl am politischen als auch
am Alltagsnationalismus. In der vordersten Reihe dieser Kritik sind
Frauenaktivistinnen, die einige der bekanntesten Menschenrechts-NGOs
leiten (wie bspw. das Helsinki Menschenrechtskommitte in Serbien, das
Humanitarian Law Centre usw.). Hier ist es wesentlich anzumerken, dass
diese ausgeprägte Antinationalismus-Rhetorik der lokalen Zivilgesellschaft
unter anderem durch die ausländischen Geldgebertrends der 1990er
Jahre bekräftigt wurde. Diese haben nämlich genau den Widerstand
gegen den Nationalismus bzw. gegen das Milosevic-Regime unterstützt.
(PPP 8) 1. Der serbische (Neo)nationalismus:
eine Diagnose Abgesehen von der inhaltlichen Kritik am organischen Nationalismus identifizieren Menschenrechtsaktivistinnen bestimmte lokale "Eliten" als Trägerinnen desselben. Neben nationalistischen Kreisen und der Kirche werden hier interessanterweise auch die ehemalige Milosevic-Opposition, also unabhängige Medien, Intellektuelle und AktivistInnen dazu gezählt. Diese würden zwar nicht offen für den organischen Nationalismus eintreten, würden jedoch nicht ausreichend klar eine Gegenposition beziehen. Eine zweite Form der Kritik am Nationalismus von seiten weiblicher Aktivistinnen ist die Ablehnung des Patriarchats und der dazugehörigen Phänomene wie bspw. der Retraditionalisierung und des Militarismus. Es ist hier wesentlich anzumerken, dass der heutige feministische Aktivismus in der Kritik des Tito-Sozialismus seinen Ursprung hat. Ab den 1970er und 1980er Jahren hatte sich nämlich der Feminismus im ehemaligen Jugoslawien (vor allem Serbien und Kroatien) entwickelt und viele Aktivistinnen von damals sind auch heute aktiv. Im Unterschied zur Argumentation der Menschenrechtsaktivistinnen, geht diese Spielart der Nationalismuskritik, etwa von Seiten der Frauen in Schwarz, vom Feminismus und Pazifismus aus. Die Frauen in Schwarz wenden sich radikal gegen die nationalistisch-patriarchale Ideologie der 1990er und der Gegenwart, da diese die Frau sozusagen zum Schweigen bringt und auf den häuslichen Bereich der traditionellen, religiösen Familie reduziert. Hier liegt die einzige Aufgabe der Frau in der Reproduktion der Nation, wobei der weibliche Körper sozusagen als Symbol der Nation genutzt und missbraucht wird. In diesem Sinne sehen die Frauen in Schwarz ihre Aufgabe in einem kontinuierlichen "zerbröckeln" des Patriarchats und des Nationalismus. Frauen sollen ihrer Meinung nach motiviert werden, einen selektiven Standpunkt zur Tradition einzunehmen und jene Elemente aus ihr zu entnehmen, die zur Autonomie der Frau beitragen können. Eine Aktivistin der Frauen in Schwarz hat dies folgendermaßen formuliert: "Es geht immer um die Entwicklung der weiblichen Autonomie. Keiner kann in meinem Namen sprechen, nicht der Ehemann, nicht der Vater, nicht der Bruder, nicht die Partei, nicht der Präsident. (…) Wir brauchen Handlungen die wahrlich den Frauen helfen, ihre Kraft ihr Leben zu meistern, zu begreifen. (…) Wir brauchen eine radikale kulturelle Transformation, einen Wandel der kulturellen Mentalität in bezug darauf, wie man sich in der Welt und der Familie positioniert. Wie man zum Subjekt wird." 2. Hexen, Verräterinnen, KommunistInnen, FeminsitInnen: Abstempelung des weiblichen Aktivismus In der serbischen Tagespresse
- vor allem in den Boulevardzeitungen - wimmelt es nur von Verleumdungen
und Herabsetzungen der weiblichen Aktivistinnen. Ich möchte hier
zwei Hauptdiffamierungstrategien diskutieren: die nationalistische und
die liberal-demokratische. Die nationalistischen
(und ultra nationalistischen) Kreise betrachten Aktivistinnen als Opponenten
der Nation und argumentieren primär in einer nationalistischen,
xenophoben aber auch oft einer misogynen und machistischen Art und Weise.
Die üblichen Labels zeigen die Strategien der nationalistischen
Konstruktion des "Anderen". Liberale Demokraten (also
die Opposition und die unabhängigen Medien) führen eine subtilere
Kritik am weiblichen Menschenrechtsaktivismus durch - ohne direkte Beleidigungen
und explizit frauenfeindliche Argumente. Man könnte diese Strategie
folgendermaßen paraphrasieren: die Menschenrechtsaktivistinnen
übertreiben oder zumindest sprechen die nationalistische Tendenzen
in der Gesellschaft nicht adäquat an. Sie würden nämlich
vor allem im Eigeninteresse handeln und seien vor allem daran interessiert,
die Grundlage ihrer Tätigkeit und Finanzierung - die Nationalismus-Gefahr
- zu jedem Preis aufrecht zu erhalten. Ihre Aktivitäten und Öffentlichkeitsauftritte
werden als zu radikal und einseitig angesehen. Sie seien ferner kontraproduktiv
in dem Sinne, dass sie Nationalismus eher provozieren und stärken
als ihn zu bekämpfen. Schlussfolgerungen Als Abschluss möchten wir den Vergleich der beiden Fallbeispiele Serbien und Armenien noch in ein Paar Punkten festhalten, die auch dann als Ausgangspunkt für unsere Diskussion dienen können. Neben den wesentlichen Parallelen - dem postsozialistischen Kontext, dem Nationalismus und dem "Aufblühen" der ausländisch finanzierten und frauendominierten Zivilgesellschaft - macht der Vergleich dieser beiden Fälle die Bedeutung der Unterschiede sowie die möglichen Ursachen für diese sichtbar. Erstens: Frauen besetzen verschiedene Bereiche der Zivilgesellschaft: Während sich Aktivistinnen in Armenien vor allem für Menschenrechte von Frauen einsetzen, sprechen Menschenrechtsaktivistinnen in Serbien selten explizit von Menschenrechten von Frauen. Eine mögliche Erklärung könnte die folgende sein: Während in Armenien ehemalige sozialistische Frauenaktivistinnen NGOs gegründet haben - also quasi in der neu entstandenen Nische der Zivilgesellschaft ihre Arbeit fortgeführt haben - sind die Menschenrechtsaktivistinnen in Serbien keine ehemaligen Frauenaktivistinnen. Der zweite Unterschied betrifft die fundamentale Strategie: Während in Armenien weibliche Aktivistinnen eine subversive Strategie im Rahmen des vorherrschenden Familien-Nationsdiskurses verfolgen, kritisieren die Aktivistinnen in Serbien offen den Nationalismus. Der dritte Unterschied - der auch eine Erklärung für den zweiten sein kann - bezieht sich auf die Bedeutung des Konzepts von "Familie": Während im hegemonialen Diskurs in Armenien die Familie mit der Nation gleich gesetzt wird (der erwähnte Begriff "asg"), bezog sich der serbische Nationalismus der Milosevic-Zeit vor allem auf territoriale Einheit der Nation und beruhte nicht auf dem Konzept der patriarchalen Familie. Das Konzept der Familie ist vor allem in dem Nationalismus des SOK wichtig, mit der Milosevic zwar quasi kokettierte, sie aber nie als gleichwertig zur politischen Macht anerkannt hat. Der vierte Punkt betrifft lokale feministische Traditionen: In Armenien lehnen die Aktivistinnen - in einer sozialistischen Manier - den "westlichen" individualistischen Feminismus ab. Stattdessen nehmen sie das Kollektiv bzw. die Familie als den Ausgangspunkt ihrer Argumentation. In Jugoslawien hingegen wirkten während des Sozialismus und heute feministische Gruppen, die gerade das patriarchale Familienmodell dekonstruieren und für individuelle Rechte und Autonomie der Frauen eintreten. Schließlich sind unterschiedliche Geberstrategien zu erwähnen: Während in Armenien der Nationalismus von den Geldgeberorganisationen toleriert wurde, wurde in Serbien gerade der zivilgesellschaftliche Kampf gegen den Nationalismus und für den Regimewechsel gefördert. Bibliography ABRAHAMYAN, Levon 2005: Armenian Identity in a Changing World, in print. BLAGOJEVI?, Marina 2002: Patriotizam I mizoginija. Mit o srpskoj muškosti. (Patriotism and Misogyny. The Myth of the Serbian Manhood) In: Blagojevi?, Marina (pr.). Mapiranje mizoginije u Srbiji. Diskursi i prakse. (Mapping Misogyny in Serbia. Discourses and Praxis). AŽIN. Beograd: 281-313 GRANEY, Katherine 2004: The Gender of Sovereignty: Constructing Statehood, Nation, and Gender Regimes in Post-Soviet Tatarstan, in: KUEHNAST, Kathleen/ NECHEMIAS, Carol (eds.): Post-Soviet Women Encountering Transition. Nation Building, Economic Survival, and Civic Activism, Washington, 44-64. HELSINKI COMMITTEE FOR HUMAN RIGHTS IN SERBIA 2003. Serbia 2002. Belgrade. HELSINKI COMMITTEE FOR HUMAN RIGHTS IN SERBIA 2005. Serbia 2004. Belgrade. Ishkanian, Armine 2003: Is the Personal Political? The Development of Armenia's NGO Sector during the Post-Soviet Period. Berkeley Program in Soviet and Post-Soviet Studies. Working paper series, Berkeley KUEHNAST, Kathleen/ NECHEMIAS, Carol (eds.) 2004: Post-Soviet Women Encountering Transition. Nation Building, Economic Survival, and Civic Activism, Washington. KUEHNAST, Kathleen/ NECHEMIAS, Carol 2004: Introduction: Women Navigating Change in Post-Soviet Currents, in: KUEHNAST, Kathleen/ NECHEMIAS, Carol (eds.): Post-Soviet Women Encountering Transition. Nation Building, Economic Survival, and Civic Activism, Washington, 1-20. STRASSER-CAMAGNI 2007: Global Rights, Local Contexts: Sozialanthropologische Analysen zu Menschenrechten von Frauen im postsozialistischen Armenien, Dissertation Wien. UNDP 1998: Human Development Report Armenia:
The Role of the State, Yerevan. |
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| [1] | Interview mit Dschemma Hasratjan,
15. 12. 2003, Jerevan |
| [2] | Die OSZE kann nicht als klassische
Geber-Organisation bezeichnet werden, da sie in der Regel die geförderten
Projekte selbst entwickelt und mitimplementiert. |
| [3] | Interview mit Dschemma Hasratjan,
31. 5. 2004, Jerevan |
| [4] | "Westlicher Feminismus"
ist unter Anführungszeichen gesetzt, um den Charakter eines Konstrukts
aus der Sichtweise armenischer Frauenrechtlerinnen auszuweisen, als einheitliche
Strömung regionalen Charakters gibt es ihn in dieser Form meines
Erachtens nicht. Über die Pluralität der Feminismen siehe auch
Schein/Strasser 1997, Moore 1990. |
| [5] | Der englische Terminus wird
an dieser Stelle (und im Folgenden) bewusst verwendet, da die deutsche
Entsprechung "Bevollmächtigung" nicht den sinngemäßen
Zusammenhang (im Sinne von Stärkung, Erweiterung des Handlungsspielraumes
und der Entscheidungsmöglichkeiten) wiedergibt. |
| [6] | Nora Hakopjan und Dschemma
Asratjan leiten die beiden größten Frauenorganisationen in
Armenien, Erstere das Women?s Republican Council, und Dschemma, wie weiter
oben bereits erwähnt, die AAWUE. |
| [7] | Interview mit Susanna Vardanjan,
1. 6. 2004, Jerevan |
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