SYBILLE FRITSCH-OPPERMANN
"ICH SAH EINEN NEUEN HIMMEL UND EINE NEUE ERDE" - BIBLISCHE
ENDZEITTEXTE ALS HERAUSFORDERUNG FÜR AKTUELLE THEOLOGIE UND VERKÜNDIGUNG
Sind biblische Endzeittexte
eine Herausforderung für aktuelle Theologie und Verkündigung?
Und wenn, warum?
Am Beispiel der Offenbarung des Johannes, manchen vielleicht geläufiger
als Johannesapokalypse, soll ich das heute versuchen, Ansatz weise zu
verdeutlichen.
Deren sperrige, provozierende und teils drastische Szenarien sind für
Theologen und Laien, für Kirchennahe und -ferne nicht leicht zu
verstehen und scheinen nach wie vor vielen nicht recht in den Kanon
der Bibel, vor allem des Neuen Testaments zu passen. Andererseits üben
sie eine gewisse exotische und esoterische Anziehungskraft aus.
Wie ist das etwa mit dem Bild vom Weltgericht heute?
Die Offenbarung des
Johannes, das letzte Buch im Neuen Testament, ist das einzige durchgehend
prophetische Buch desselben.
Es richtet sich wohl an sieben bedrängte Gemeinden in Kleinasien,
einer Provinz des Römischen Reiches im östlichen Hinterland
von Ephesus, und ist unter anderem eine Ermutigung, den Kaiserkult abzulehnen
und der Wiederkunft Jesu Christi als Endrichter zu vertrauen.
Dabei knüpft es an die Propheten Jesaja und Ezechiel und an das
Buch Daniel an - an die Hebräische Bibel und jüdische Prophetie
und Apokalyptik also.
Seit dem Mittelalter ist
es in 22 Kapitel eingeteilt. Der Verfasser kommt aus einer prophetischen
Gruppe
(Kapitel 22, Vers 9: Und er spricht zu mir: Siehe zu, tu es nicht!
Denn ich bin dein Mitknecht und deiner Brüder, der Propheten, und
derer, die da halten die Worte dieses Buches. Bete Gott an!);
Sprache und Gedankenwelt deuten auf das palästinensische Judenchristentum
hin, das sich nach der Zerstörung Jerusalems nach Kleinasien gewendet
hatte.
Er lebt auf der Insel Patmos vor Ephesus in der Verbannung und ist wohl
nicht mit dem Apostel Johannes zu identifizieren, da er an keiner Stelle
apostolische Autorität in Anspruch nimmt. Ursprünglich scheint
er in Galiläa beheimatet gewesen zu sein; sein Griechisch ist unvollkommen.
Auf Patmos - ca. 95 n. Chr. - ist wohl auch die Offenbarung des Johannes
entstanden; viel weist darauf hin, dass es die politische Situation
unter dem 96 n. Chr. gestorbenen Kaiser Domitian spiegelt. Rom ist bereits
durchgängig negativ besetzt, während es zur Zeit der Abfassung
der Apostelgeschichte mindestens noch anerkannte Staatsmacht war. In
Kapitel 17 wird es als Hure Babylon beschrieben:
Das große Babylon
Und es kam einer von den sieben Engeln, die die sieben Schalen hatten,
redete mit mir und sprach: Komm, ich will dir zeigen das Gericht über
die große Hure, die an vielen Wassern sitzt, mit welcher Unzucht
getrieben haben die Könige auf Erden; und die da wohnen auf Erden,
sind trunken geworden von dem Wein ihrer Unzucht. Und er brachte mich
im Geist in die Wüste. Und ich sah ein Weib sitzen auf einem scharlachfarbenen
Tier, das war voll lästerlicher Namen und hatte sieben Häupter
und zehn Hörner. Und das Weib war bekleidet mit Purpur und Scharlach
und übergoldet mit Gold und edlen Steinen und Perlen und hatte
einen goldenen Becher in der Hand, voll Greuel und Unflat ihrer Hurerei,
und an ihrer Stirn war geschrieben ein Name, ein Geheimnis: Das große
Babylon, die Mutter der Hurerei und aller Greuel auf Erden. Und ich
sah das Weib trunken von dem Blut aller Heiligen und von dem Blut der
Zeugen Jesu. Und ich verwunderte mich sehr, da ich das Weib sah.
Und der Engel sprach zu mir: Warum verwunderst du dich? Ich will dir
sagen das Geheimnis des Weibes und des Tieres, das sie trägt und
hat sieben Häupter und zehn Hörner. Das Tier, das du gesehen
hast, ist gewesen und ist nicht und wird wieder emporsteigen aus dem
Abgrund und wird fahren in die Verdammnis, und es werden sich verwundern,
die auf Erden wohnen, deren Name nicht geschrieben steht von Anfang
der Welt in dem Buch des Lebens, wenn sie sehen das Tier, daß
es gewesen ist und nicht ist und wieder sein wird. Hier ist der Sinn,
zu dem Weisheit gehört!
Die sieben Häupter sind sieben Berge, auf welchen das Weib sitzt,
und sind sieben Könige. Fünf sind gefallen; einer ist; der
andere ist noch nicht gekommen; und wenn er kommt, muß er eine
kleine Zeit bleiben. Und das Tier, das gewesen ist und nicht ist, das
ist der achte und ist einer von den sieben und fährt in die Verdammnis.
Und die zehn Hörner, die du gesehen hast, das sind zehn Könige,
die ihr Reich noch nicht empfangen haben; aber wie Könige werden
sie Macht empfangen eine Stunde mit dem Tier. Diese haben einerlei Meinung
und geben ihre Kraft und Macht dem Tier. Sie werden streiten wider das
Lamm, und das Lamm wird sie überwinden, denn es ist der Herr aller
Herren und der König aller Könige, und die mit ihm sind, sind
Berufene und Auserwählte und Gläubige.
Und er sprach zu mir: Die Wasser, die du gesehen hast, wo die Hure sitzt,
sind Völker und Scharen und Heiden und Sprachen. Und die zehn Hörner,
die du gesehen hast, und das Tier, die werden die Hure hassen und werden
sie einsam machen und bloß und werden ihr Fleisch essen und werden
sie mit Feuer verbrennen. Denn Gott hats ihnen gegeben in ihr Herz,
zu tun seinen Ratschluß und zu tun einerlei Ratschluß und
zu geben ihr Reich dem Tier, bis das vollendet werden die Worte Gottes.
Und das Weib, das du gesehen hast, ist die große Stadt, die die
Herrschaft hat über die Könige auf Erden.
Diesem Rom wird die bald
erwartete Milleniumsherrschaft mit der Wiederkunft Jesu Christi in Kapitel
20,1-10 kontrastreich entgegengesetzt.
Inhaltlich verdeutlichen auch sonst prophetische Bildfolgen den Ablauf
von Gottes Handeln. Gottes Wort überwältigt alle Feinde (19,15):
Und aus seinem Munde ging ein scharfes Schwert, daß er damit
die Völker schlüge; und er wird sie regieren mit eisernem
Stabe; und er tritt die Kelter voll vom Wein des grimmigen Zornes Gottes,
des Allmächtigen; ...
Das "Schwert aus dem Mund" versinnbildlicht an dieser Stelle
das Wort Gottes.
In Offenbarung, Kap. 21 und 22 wird eine neue Welt ohne Tod, Krankheit
und Leid, das "neue Jerusalem" gezeichnet. Besonders bekannt
und eindrücklich daraus die Verse 1-4:
Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde: denn der erste
Himmel und die erste Erde vergingen, und das Meer ist nicht mehr. Und
ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel
herabfahren, bereitet wie eine geschmückte Braut ihrem Mann. Und
ich hörte eine große Stimme von dem Thron, die sprach: Siehe
da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen,
und sie werden sein Volk sein, und er selbst, Gott, wird mit ihnen sein,
denn Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod
wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr
sein; denn das Erste ist vergangen.
Ich möchte nun um
der Konzentration auf das mir gestellte Thema willen auf eine zeit-
und sozialkritische Exegese - die etwa die Bedingtheit bestimmter symbolischer
Vorstellungen und auch Frauen feindlicher Bilder aufzeigt - verzichten.
Auch kann ich außer der kurzen Zusammenfassung nicht näher
auf Text- und Überlieferungsgeschichte und andere wünschenswerte
exegetische oder hermeneutische Details eingehen.
Gesagt sei aber noch, dass, besonders in den östlichen Teilen des
Römischen Reiches, die Kanonisierung des Buches heftig umstritten
war. Vielfach, etwa bei Eusebius, wird es insgesamt als Fälschung
gewertet.
Aber auch sonst ist es sowohl als Offenbarungsschrift als auch in seinen
theologischen Aussagen umstritten geblieben; mit dessen Lektüre
und Auslegung sich etwa Luther nie wirklich anfreunden konnte.
In der Gegenwart hat es Bedeutung vor allem in chiliastischen christlichen
Kreisen, etwa bei den Jehovas Zeugen und den Adventisten.
Gleichwohl hat es aber über die Jahrhunderte hinweg in nicht unbedeutendem
Maße, neben Daniel und Ezechiel und den Endzeitreden Jesu sowie
den Thessalonicherbriefen, die christliche Eschatologie geprägt.
Eschatologie hier gemeint als Lehre von der Vollendung des Einzelnen
und der Schöpfung, bzw. einer neuen Welt.
Besonders in der alten und mittelalterlichen Kirche war die Wirkungsgeschichte
des Buches bedeutender als etwa die von Paulus und Matthäus.
GEGENWÄRTIGE THEOLOGIE UND VERKÜNDIGUNG: WEDER FUNDAMENTALISMUS
DER AUFKLÄRUNG NOCH POSTMODERNE BELIEBIGKEIT
Und wenn nun Theologie
Glauben vor der Vernunft zu verantworten hat, lehrt uns die vernünftige
Beobachtung unserer gegenwärtigen Mitwelt nicht gerade, dass Sehnsüchte
nach Auswegen aus der Beliebigkeit gerne mit einer neuen Hinwendung
zu spirituellen Fragen sublimiert werden? Dass ein Ungenügen an
ethischer und politischer Klarheit häufig in drastischen Szenarien
und Dualismen aufgelöst wird?
Passen insofern nicht die in biblischen Endzeittexten enthaltenen und
symbolisch oder metaphorisch gesteigerten Bilder der Umkehr und der
Hoffnung in eine an ihre Grenzen stoßende Moderne und Postmoderne,
die sicher bis zu einem gewissen Grad Analogien aufweist zu den kleinasiatischen
Gemeinden, an die sich vor allem die Offenbarung des Johannes richtet,
und die zu dieser Zeit bereits deutlich unter den Krisen der zweiten
Generation von Christen und Christinnen leiden. Ihre Theologie ist von
der Gnosis beeinflußt. Smyrna etwa ist eine neue Gemeinde, die
zu Paulus Zeiten noch nicht existierte.
Hätte dann Theologie nicht die Aufgabe, der Beliebigkeit eigene
Szenarien entgegenzusetzen? Wie beispielsweise wäre es mit dem
Zeit und Raum, also Endlichkeit und Sterblichkeit in Gottes Liebe aufhebenden
SCHON JETZT - NOCH NICHT, das dem NO FUTURE keine Dauer gewährt
und dem FUTURE NOW aus ethischen Gründen und aus der Vernunft der
Aufeinanderbezogenheit alles Seienden in Gottes Schöpfung heraus
Einhalt gebietet? Das also in Vorläufigkeit handeln läßt,
weil die Hoffnung eine Gewähr in der Liebe hat und der Einzelne
seine Richtung in der Gemeinschaft findet? Eine so verantwortete Vorläufigkeit
ließe den mühsamen Weg zwischen Beliebigkeit und Dualismen/neuen
und alten Fundamentalismen und Ideologien möglich werden. Dem Sinn-
und Sinnenpatchwork das Muster der Einheit in der Vielfalt entgegenzusetzen,
die Globalisierung von unten, wäre eine Alternative. Dem reich
oder arm, Opfer oder Täter, Glück oder Unglück wäre
ein auf dem Weg zum Glück, auf dem Weg zu Gerechtigkeit, auf dem
Weg zur Versöhnung entgegenzuhalten. In die Mitte des sich selbst
absolut setzenden idealistischen Ich und eines selbstverlorenen, stets
flüchtigen und ängstlichen und darum oft in ganz eigener Weise
autoritären Ich träte eines, das um sich und seine Schwächen
weiß und sich in Gemeinschaft entwirft auf Zukunft hin. Das offen
ist für Änderung und Fremdes, weil diese Offenheit gleichermaßen
Nabelschnur zur Schöpfung und dem liebenden Schöpfergott wie
offene Wunde auf die noch ausstehende Vollendung hin ist, die in der
Zeit weder verheilen wird noch darf. Diskurs solcher Subjekte träte
an die Stelle von Unrecht und Rache.
APOKALYPSE UND UTOPIE UND DIE NOTWENDIGKEIT TRANSRATIONALEN DENKENS
Ernst Bloch, der Philosoph
der konkreten Utopien, aus denen er sein "Prinzip Hoffnung"
entwickelte, geht von dem über sich selbst hinaus denkenden Menschen
aus, der Bewußtsein hat als Überschuss zum Sein und so soziale,
ökonomische und religiöse Utopien entwickelt - auch und gerade
in der Kunst - , die wiederum den emotionalen, kulturellen, mentalen
und sozialen Untergrund jeder Gesellschaft bilden. Bloch bezieht dabei
metaphysische Überlegungen in den Sozialismus bzw. Kommunismus
als Weg eines solchen Gesellschaftsentwurfes ein. Das Seiende, so Bloch,
ist von einem Bedeutungshof noch unrealisierter Möglichkeiten umgeben,
der uns auf den Weg bringt.
So kann Bloch etwa von der Stadialität der Zeit reden, die eben
überall andere und nicht gegeneinander aufzuwiegende gesellschaftliche
Formen hervorbringt. Ein idealistischer Geschichtsentwurf würde
dieser Offenheit nach vorne und damit der Utopie und dieser Stadialität
widersprechen.
Aber radikale Gerichtsansage sowohl als auch gegen allen Augenschein
gelebte Hoffnung müssen apokalyptisch bzw. utopisch sein. Nur so
ist die Realität des Bösen hinzunehmen, ohne sie als unhintergehbares
Fatum zu begreifen. Nur so läßt sich ein idealistischer Geschichts-
und Gesellschaftsentwurf vermeiden, der seinerseits wieder in neuen
Fundamentalismen gefangen ist und sich mit dem im menschlich-allzumenschlich
Erreichten und Erreichbaren jemals zufriedengibt.
Das mit der "Hure Babylon" verglichene Dritte Reich steht
eben gegen alle Erfahrung unter dem Zeichen, daß das ehemalige
Martyrium als Rächer und vollkommener Sieger wiederkommt. Und das
ist nur möglich im Sinne eines "Surplus", der utopischen
Differenz zur Realität menschlicher Unvollkommenheit sowohl als
auch der apokalyptischen Differenz der eschatologischen Versöhnung.
Und wie in Band III seines Hauptwerkes "Das Prinzip Hoffnung"
Bloch die Genesis am Ende und nicht am Anfang liegen sieht, so könnte
ein im christlich-protestantischen Sinn aus geistlicher Aufklärung
gespeistes Semper reformanda eine Ethik (vielleicht gar eine Rechtsprechung)
in verantworteter Vorläufigkeit entwerfen, die die in Grenzsituationen
zu treffenden moralischen Entscheidungen birgt und auch speist, ohne
diese zu neuer Norm zu erheben und ohne eine Gesinnungsethik hiergegen
auszuspielen.
Über diese Geschichtsphilosophie und der ihr folgenden Ethik im
Sinne einer sich fortschreibenden, also keinesfalls dreigliedrigen Dialektik
hinaus muss es aber erlaubt sein, aus so benannter und damit in den
Diskurs gegebener religiöser Perspektive nach der Kontinuität
noch in der Diskontinuität zu fragen und - gar nicht so im Widerspruch
zu neueren naturwissenschaftlichen und philosophischen Erkenntnissen
- das Zusammenfließen von Genesis und Reich Gottes, Genesis am
Anfang und am Ende, jenseits von Zeit, also Geschichte, und Raum, also
Endlichkeit, zu sehen und so ein multirationales um ein multidimensionales
Denken zu ergänzen.
Wie die Blochsche "Philosophie des Tertium" zwischen Nicht
Mehr und Noch Nicht haben und sein zum gelungenen Sein führt, könnte
ein solch religiöser, i.e. in den Diskurs, also in Theologie, gegebener
mystischer Aspekt zum besseren interdisziplinären und interkulturellen
Verstehen ebenso beitragen wie zur Erweiterung des eigenen Weltbildes
und Wirklichkeitsentwurfes. Jenseits und diesseits aller absoluten Wahrheiten
wäre dann eine Wirklichkeit im Werden, die auch in der christlichen
Tradition des eschatologischen Vorbehalts (Schon jetzt - Noch nicht)
stünde, die auch einer globalen Weltgesellschaft wohl angemessene.
Unter den Religionen,
so Bloch, hat aber das Christentum zu wenig vom Geist des Exodus ins
Freie, während der Atheismus ohne die Religion zu einem Hohlraum,
einer Leere, führt.
In der Theologie werden ihm hier u.a. Jürgen Moltmann, Dorothee
Soelle und Johann Baptist Metz auf je eigene Art und Weise folgen.
Ausführungen darüber, "atheistisch an Gott zu glauben",
Gedanken zu einer "Mystik des Widerstands", zu einem schon
auf Erden erfahrbaren Himmel, einer präsentischen Eschatologie,
sind frühe Versuche, nicht nur Glauben und Handeln, sondern auch
Wirklichkeit und Wahrheit zu versöhnen; Tagträume von der
Ewigkeit sozusagen. Und die tägliche Einübung derer Umsetzung
gegen den Schein, nicht wider alle Vernunft, muss dann mehr und mehr
und über allen traditionellen linken oder rechten Idealismus und
alle Fundamentalismen der Aufklärung hinaus - zu einer Ethik des
NOW FUTURE führen, ohne dabei in postmoderne Beliebigkeit zu versinken.
ERDENKINDER UND WELTENBÜRGER? SPRACHE ZWISCHEN MANIPULATION
UND IMAGINATION
Als Vermittlerin zwischen
Erkennen und Handeln, als Brücke zwischen Noch nicht und Schon,
tritt in neuer Weise die Ästhetik, im Falle von Theologie und
Verkündigung besonders die Sprache.
Walter Benjamin etwa, für den der jüdische Messianismus ebenfalls
eine nicht unbedeutende Rolle spielte, hat sich in den 20ger Jahren
von der Sprachphilosophie mehr und mehr zu Fragen der Ästhetik
und Literaturkritik hin gewendet.
Seine antiidealistische und stets aufs Konkrete bezogene und am Einzelnen
interessierte Haltung verdankt sich u.a. der in den 30ger Jahren erfolgenden
Beschäftigung mit dem dialektischen Materialismus Adornos und Brechts.
Gegen die Hegemonie der Allgemeinbegriffe macht er den Versuch, das
in Begriffe nicht Fixierte und nicht Fixierbare einzuholen. Mehr noch
als bei Bloch spielt die Kunst für ihn insofern eine bedeutende
Rolle, als er, wenn überhaupt, nur hier, Sache und Wahrheit zusammen
kommen sieht. Sprache bleibt mehr als bloßes Zeichensystem, auch
wenn die Sprachphilosophie nie das Sein als solches einholen wird und
darf.
Deshalb bekommt eine materialistische Entmythologisierung eine Funktion
im Emanzipationshandeln von Gesellschaft. Das jüdische "Eingedenken"
wird der traditionellen Geschichtsphilosophie gegenübergestellt.
In diesem Eingedenken, so könnte man wohl formulieren, weist auch
Sprache Wege zur Stellungnahme ohne ein allgemeines Sein zu fassen.
Und immer dann, wenn Sache und Wahrheit punktuell, situativ in der Kunst
zusammenkommen, materialisiert sich der Bedeutungsüberschuss in
Sinn, wird anschaubar im Vorübergehen und Weitergehen. Ist aber
mehr als bloße Spur, als bloßes Zeichen - so wie, christlich
gesprochen, die Menschwerdung Gottes ebenso wie die nie verlorene Gottebenbildlichkeit
des Menschen nicht nur metaphorisch, auch nicht im traditionellen Sinne
symbolisch, sondern im Sinne eines Surplus zur Wirklichkeit und eben
auch zur Wahrheit zu verkündigen, zu erzählen, zu verdichten
(und in der sakramentalen Handlung zu vergegenwärtigen) ist.
Im Glauben wie in der ästhetischen Rezeption gilt es, sich mit
dem Verhältnis von Vernunft und Offenbarung auseinander zu setzen.
Der Künstler und Musiker Theodor W. Adorno war als Philosoph davon
getrieben, Rechenschaft abzulegen von der Unzulänglichkeit naiv
ästhetischen Verhaltens. Seine Kultur kritische Position arbeitet
demzufolge den Verblendungszusammenhang bürgerlicher Gesellschaften
heraus. Dies führt in der Kritischen Theorie zu einer grundsätzlichen
Kritik an der Aufklärung und deren Fortschrittsoptimismus.
Und mehr denn je müssen in der Tat heute Menschen beobachten, dass
Kunst käuflich sei und daß einer nahezu totalen Medialisierung
von Kultur nur schwer zu entkommen ist. Wenn, wie vor nicht allzu langer
Zeit geschehen, ein begnadeter Pianist seinen Flügel öffentlich
im Wasser versenken läßt, dann erinnert dies eben daran.
Vorausgesetzt er wollte hiermit nicht wiederum nur bessere Publicity
erlangen, läßt, dass er es nicht still und leise tat, im
besten Falle hoffen, dass er sich gegen alle Vernunft Änderung
erhofft oder diese auf diese Weise zu beschwören als letzte freie
Tat sieht. Aus diesem Grunde ist die Frage, wie final seine Entscheidung
sei obsolet - wie überhaupt Finalität immer nur auf dem Hintergrunde
des Surplus zu ertragen zu sein scheint. Wie im Waste Land von T.S.
Elliot an den Ufern des Wassers auf Erneuerung aus diesem zu hoffen
bleibt.
So hat das Planen seine
einzig sichere Gewähr im Prinzip Hoffnung, im Surplus der Utopie,
des Un-ortes.
So hat Erinnern seinen einzig sicheren Grund im Prinzip Sinn, im Surplus
der Apokalypse, in einer Art Gegen- und Vor-Geschichte.
So kann das Carpe Diem gelebt werden zwischen Natalität und Eschatologie
in verantworteter Vorläufigkeit.
Auch in der Johannesoffenbarung
tritt neben das dominierende prophetische Element das priesterliche,
das zuspricht, dass die Versöhnung mit der Zeit gerade durch zeitliche
Ent-grenzung möglich werde, dass aus dem Patchwork oder dem Verlust
von Persönlichkeit wieder eine Person werde, indem sie Ent-äußerung
als Hingabe begreift, durch Zerfließen womöglich, das aber
aufgefangen ist in Liebe und im Größeren. Das die Erfüllung
der Sehnsucht der Endlichkeit zum Trotz in Aussicht stellt. Visionen
von künftigen Welten stellen dann keine Alternativwelten vor. Vielmehr
ist die Sehnsucht nach solchen in bereits existierendem Wissen um und
überschüssigem Schauen von Vollendung der eigenen Welt - mag
sein der Summe aller möglichen Welten - parallel zur heutigen und
diesseitigen Realität aufzuheben und aufgehoben.
Natürlich ist dies
ein Weg des Tertium, der den unbefriedigt lassen wird, der eineindeutige
Lösungen und Regeln sucht. Aber sprechen nicht beispielsweise neue
Erkenntnisse der Naturwissenschaften, der mühselige politische
Alltag der Vermittlung und der oft auch grenzwertigen Entscheidungen
im Vorläufigen ebenso wie der nicht beweisbare, sondern im besten
Fall vor der Vernunft zu verantwortende, vorlebbare und erzählbare
Glaube für diesen Weg? Wohlgemerkt, Diskurs und Prophetie, Verkündigung
und Dialog versperren sich dem Sein der Allgemeinbegriffe und dem Fortschrittsglauben
der Aufklärung, jedem Absolutheitsanspruch und Fundamentalismus,
ebenso wie platter Beliebigkeit und Diffusität.
Fertige Antworten haben uns schon recht häufig an den Abgrund gedrängt.
Ihre scheinbare Sicherheit dem risikoreichen Weg des Tertium vorzuziehen,
erschiene mir denn doch wie ein Suicid aus Angst vor dem Tode.
Diffusität und Beliebigkeit wiederum spiegeln, wenn wir genau hinsehen,
die Sehnsucht nach dem Surplus der Summe aus Erfüllung und Entgrenzung.
Diese gilt es noch immer zu erden und zu richten.
Und wenn Verkündigung
nun bedeutet, den vor der Vernunft verantworteten Glauben einer Welt
und durchaus nicht nur Kirche zu sagen, die damit nicht nur innerlich
selig und heil oder auch zufrieden und glücklich werden, sondern
aufstehen, hinausgehen und verkündigend die Welt verändern
soll, die Welt verändern soll als Verkündigung - und so verstanden
eben nach wie vor von Mission, dem Gesandtsein von Gott in die Welt,
um diese gerechter, friedlicher und ganzheitlicher zu machen....kann
sie sich dann nicht - und erst recht vor dem Hintergrund dieser Überlegungen
- auch den Thesen des ersten Vortrags anschließen und einen dritten
Weg zwischen Apathie und Ideologie, i.e. zwischen Fundamentalismus
und Beliebigkeit, zu finden hoffen? Auf dem die Kraft aus Visionen eben
ohne Ideologisierbarkeit und mit der nötigen Aufmerksamkeit für
pragmatische Prozesse der nachlassenden Energie im politischen Diskurs
aus Mangel an glaubhaften Visionen entgegengesetzt wird?
Ob wir mit dem Begriff Surplus agieren, von einem gnädigen Schöpfergott
reden, in der Erleuchtung um die Leere wissen, die alle Fülle in
sich birgt, die Frage bleibt, ob die Erdenkinder, die Ebenbilder Gottes,
die Hoffenden und Sehnenden, auszusöhnen sind mit den Weltenbürgern
und ihren Zwängen und Schwächen. Mit anderen Worten: Können
Menschen, zum Wohle der Schöpfung und der Welt und eben auch anderer
Menschen, im Vorläufigen und auf Endgültiges hin, mit sich
selbst versöhnt werden?
Dr. Sybille C. Fritsch-Oppermann
Petershagen/Heppenheim

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