Interkultureller Dialog
Texte und Vorträge
Tilman Evers
Universitas Mundi.
Weltentwürfe von
Einheit und Vielfalt
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Universitas Mundi. Weltentwürfe von Einheit und Vielfalt
Tilman Evers

1. Einführung: Utopien des Mittelalters

Vergleicht man einige der inzwischen so zahlreichen Anthologien der wichtigsten Sozialutopien, so zeigt sich: Sie sind sich im Kanon der klassischen Utopien weitgehend einig. Sie beginnen alle mit Platos "Politeia", manchmal mit dem Goldenen Zeitalter des Hesiod als Auftakt. Fast alle erwähnen Iambulo's "Sonneninsel", manche noch die Satiren des Aristophanes - und springen dann in die Renaissance zu Thomas Morus, Campanella und Bacon als "den" Uto-poeten schlechthin.

In den nachfolgenden fünf Jahrhunderten bis heute sind zahllose weitere Sozialutopien erschienen sind; erst hier laufen die verschiedenen Sammelbände auseinander. Was aber ist mit den 17 Jahrhunderten zwischen Hellenismus und Renaissance, die sie einmütig überspringen? Hat es in all diesen dramatischen Jahrhunderten keine Schriftsteller gegeben, die über ein besseres Morgen nachdachten? Was ist mit den zahllosen Entwürfen von Gottesreichen in der römischen Welt und im Mittelalter, und was mit der philosophischen Tradition der Stoa und deren Utopie einer großen, über allem Geschick stehenden Einzelpersönlichkeit? Ignorieren wir die Utopien der Essener und der Urchristen, der frühen Mönchsgemeinden, der Bogomilen und Katharer, weil diese ihre Utopien lebten statt sie zu erdichten? Völlig unbekannt ist den Herausgebern all dieser Anthologien auch der Name des großen arabischen Philosophen Al-Farabi, der im 10. Jahrhundert mit seiner Utopie vom "Musterstaat" die politische Philosophie im Islam begründete. [1]

In Wahrheit ist der Strom der utopischen Phantasie nie abgebrochen, und er war immer breiter, als jener Ausschnitt, der uns in den klassischen Staatsutopien entgegentritt. Ernst Bloch hat es unternommen, diesen großen Strom auf seiner ganzen Länge und Breite zu erforschen. Und so finden wir in seinem Werk viele Einträge zu jenen Jahrhunderten, die andere Kompilatoren überspringen. Ausführlich behandelt er Augustins "Gottesstaat", die vermutlich wirkmächtigste Utopie der christlichen Welt. Und für das Mittelalter greift Bloch aus der Fülle der ersehnten oder erprobten Heilswege insbesondere Joachim di Fiore heraus, dessen Aufruf zu einem Tausendjährigen Friedensreich durch die Jahrhunderte zahllose Bewegungen von Frommen und Ketzern, Wiedertäufern und Frühsozialisten, Kommunisten und Faschisten begeisterte.

Zu Recht erinnert Bloch damit an das 12. Jahrhundert, in dem im Ringen zwischen Kaiser und Papst, zwischen alten Feudalmächten und aufstrebenden Handelsstädten soviel Neues aufbrach. Davon gleich mehr, denn auch ich will sie ins 12. Jahrhundert einladen, in dem so viele Keime der geistigen Moderne gelegt wurden. Anhand von Joachim di Fiore richtet Bloch den Blick auf die aufkommende Mystik als eine der zwei geistigen Strömungen, die dieses 12. Jahrhundert mit ihrem Neben- Mit- und Gegeneinander durchzogen. Bildlich gesprochen war die Mystik gewissermaßen die "weibliche" Geistesströmung der Zeit, an der auch real viele Frauen teilhatten. Die andere, gewissermaßen "männliche" Strömung ist die Frühscholastik; auf sie möchte ich den Blick wenden.

Scholastik und Utopie - ist das nicht ein Widerspruch? Ja, wenn unser Bild der Scholastik geprägt ist von der Begriffsklauberei, zu der die Spätscholastik im 14. und 15. Jahrhundert teilweise verkam. Nein, wenn wir die Frühscholastik im 11. und insbesondere im 12. Jahrhundert betrachten, die in einem wahren Wissensrausch neue Weltmodelle erprobte.

Drei dieser Entwürfe will ich Ihnen vorstellen. Ihre Autoren waren Bernardus Silvestris, Alanus ab Insulis und Johannes von Salisbury. Die meisten von Ihnen werden allenfalls diesen letzten Namen John of Salisbury je zuvor gehört haben. Dann geht es Ihnen nicht anders als mir bis vor wenigen Jahren. Mich hat damals die ungeahnte Aktualität dieser Entwürfe ergriffen. Ähnlich wie wir Heutigen in Zeiten der Globalisierung sahen sich die damaligen Menschen in Zeiten von Kreuzzügen und Pilgerströmen, von verarmter Landwirtschaft und reichem Fernhandel, von Papstmacht und Ketzerbewegungen einer verwirrenden Vielfalt von widerstreitenden politischen und religiösen Geltungsansprüchen ausgesetzt. Das zwang sie, nach neuen Brücken zwischen Chaos und Ordnung, zwischen Vielfalt und Einheit zu suchen. Es ist diese Herausforderung, die sich bis heute in jedem Entwurf einer besseren Welt wieder findet.

Meine These wird sein, dass es in diesem 12. Jahrhundert zum letzten Mal möglich und "erlaubt" war, das Weltganze mit all seinen widersprüchlichen Teilen zu einem großen, stimmen "Ein-und-Alles" zusammenzudenken. Gerade weil uns Postmodernen das nicht mehr erlaubt und möglich ist, können wir uns - so meine ich - von den damaligen Ganzheitsentwürfen inspirieren lassen. Und zugleich können sie uns lehren, heutigen, nicht mehr stimmigen Ganzheitsbehauptungen zu misstrauen.

2. Die Zeit der Frühscholastik

Was kennzeichnet das 12. Jahrhundert als eine Zeit des Umbruchs und Neuanfangs? Bis etwa zum Jahr Tausend war ungewiss, ob der lateinische Westen sich nach dem Zusammenbruch des weströmischen Reiches je aus den Katastrophen der Völkerwanderung erholen würde. Nur mit Mühe erwehrte sich Westeuropa der Invasionen der Sarazenen, der Wikinger und zuletzt der Ungarn. Erst um die Jahrtausendwende hatten sich neue Machtstrukturen gefestigt, das Christentum war zur verbindenden Religion in ganz Westeuropa geworden.

Das Blatt begann sich zu wenden, nun wurde Europa seinerseits expansiv, im Fernhandel wie in den Kreuzzügen. Der Raubadel verwandelte sich in einen Feudaladel, der die ländliche Produktion in seinen Herrschaftsgebieten organisierte. Zur wachsenden Prosperität trugen auch die Tributzahlungen aus der spanischen Reconquista, die Beutezüge im östlichen Mittelmeer sowie der aufblühende Handel bei. Städtische Zentren entstanden, erst in Oberitalien, dann auch nördlich der Alpen, und ermöglichten ein zunehmend reiches bürgerliches Leben. Die großen Sakralbauten sind nun nicht mehr die romanischen Abteikirchen in ländlicher Abgeschiedenheit, sondern die gotischen Kathedralen in der Mitte aufstrebender Städte. Insbesondere in den Bischofsstädten entwickelt sich eine immer ausgedehntere Weltgeistlichkeit.

Für den Nachwuchs dieser Weltgeistlichkeit entstehen Kathedralschulen, die eine anschwellende Zahl von karrieresuchenden Jünglingen aus dem niederen Adel und dem gehobenen Bürgertum anziehen. So verlagern sich auch Bildung und Schriftkultur aus den Klöstern, wo sie die Jahrhunderte überdauert hatten, in die neue Offenheit der Städte. Alte Bildungsgüter der Antike werden wiederentdeckt, studiert und gelehrt. Im Bemühen um Verstehen schult sich eine rationale Logik, die nun auch an den Glaubensüberlieferungen der Bibel erprobt werden. An der Wende vom 11. zum 12. Jahrhundert machen sich erstmals herausragende Intellektuelle wie Anselm von Canterbury und insbesondere Pierre Abaelard daran, dieses Bildungsgut selbständig weiterzudenken, und werden so zu Begründern westlicher Wissenschaft.

Dabei ist das 12. Jahrhundert keineswegs eine Epoche von Frieden und Harmonie. Das gesamte hohe Mittelalter steht im Zeichen des Investiturstreits, in dem kirchliche und weltliche Macht miteinander um den Vorrang ringen, nicht selten mit Mitteln der Gewalt. Auch zwischen den Lehnsherren und ihren unbotmäßigen Vasallen kommt es immer wie-der zu Kriegen. Aber gerade durch das Kräftepatt von widerstrebenden Machtansprüchen entstehen Freiräume für soziale und geistige Experimente. Das nachfolgende 13. Jahrhundert wird geordneter - und unfreier sein.

In diesen Freiräumen entstand die Bildungsbewegung der Frühscholastik. Ihren Mittelpunkt hatte sie im nördlichen Francien im Reich der Capetinger, vielleicht gerade weil diese Dynastie damals zwar hohe Würde, aber geringe Macht besaß. Unter Rückgriff auf das geistige Erbe der Antike einschließlich seiner nicht-christlichen römischen und griechischen Wurzeln entwickelten sich Formen des forschenden Denkens und der wis-sen-schaffenden Sprache, die bis heute das westliche Denken prägen. Die Bildungsgeschichte der Neuzeit kann nicht erzählt werden ohne Rückblick auf den geistigen Aufbruch, der sich damals im Lehrgespräch zwischen wenigen Magistern und einer Handvoll Studenten vollzog.

Die Grundannahme, ja das Programm dieser frühen Lehrstätten lautete: Glaube und Vernunft sind vereinbar. Es ging darum, diese Konkordanz zwischen christlichem Glauben und Weltwissen aufzuweisen und so das Ganze der Wirklichkeit einsichtig zu machen. "Fides quaerens intellectum" - der Glaube der den Verstand hinzufordert - so überschrieb Anselm eine seiner Schriften.

Konkret hieß dies, Vereinbarkeiten zu suchen zwischen den Büchern der Heiligen Schrift als Ausdruck des Glaubens und den Texten griechischer und römischer Philosophen, die als Corpus des menschlichen Wissens galten. In geistiger Freiheit zogen die Gelehrten der Zeit dabei auch weltliche Dichtwerke eines Homer, Vergil und Ovid heran und folgten ihnen, bis in der Form ihrer eigenen Schriften: Sie verfassten zumeist Lehrgedichte in einem klassischen Versmaß, in denen sie alte Mythen umdichten und neue erfinden. Wie ihre antiken Meister bedienen sie sich dabei der Allegorie; so treten beispielsweise im Konflikt zwischen Tugenden und Lastern die Damen Superbia und Modestia im Streitgespräch gegeneinander auf.

Dass die heidnische Philosophie den damaligen Scholaren als vereinbar mit dem Christentum erschien, gründete wesentlich darin, dass sie bis weit ins 12. Jahrhundert hinein fast nur in ihrer platonischen Strömung bekannt war. Die metaphysische Tönung des Platonismus erlebten sie als wesensverwandt mit der christlichen Glaubenslehre. Als wichtige Brücke erwies sich dabei der spätantike Neuplatonismus, wie er dem Mittelalter insbesondere durch den spätrömischen Staatsmann und Philosophen Boethius vermittelt worden war, der - selbst ein Christ - noch an der platonischen Akademie in Athen studiert hatte. Im Gefolge von Plotin als dem Großmeister des Neuplatonismus hatte dieser sich zu einer Art Vernunftreligion auf der Suche nach dem Ur-Einen entwickelt: Aus der All-Einheit des göttlichen Prinzips, das namenlos und unerforschlich bleibt, entfalten sich duale Urkräfte, aus denen wiederum in einer Abfolge von weiteren Emanationen die Vielzahl der Erscheinungen hervorging. Sie alle sind bestimmt, am Ende der Zeiten zu ihrem göttlichen Ursprung zurückzukehren. In dieser großen Schau des ?? ??? ???, des "Ein und Alles" waren Einheit und Vielheit in einer großen Gesamtheit zusammengeführt. Das ließ sich parallelisieren mit dem christlichen Glauben an einen Schöpfergott, der Himmel und Erde geschaffen hat, und in dessen Majestas am Ende der Zeiten alle Schöpfung wieder aufgehen würde. Schon der verehrte Kirchenvater Augustinus hatte den Brückenschlag zur außerchristlichen Philosophie seiner Zeit gesucht und konnte so als Garant einer erlaubten Verbindung gelten.

Gelehrt wurde diese antike Wissenstradition im Bildungskanon der sog. Sieben Freien Künste. In der Antike stand dieses Programm für ein Bildungsgut, das den Zwecken und Zwängen des Lebenserwerbs enthoben und daher nur den Heranwachsenden der freien Stände zugänglich war. Schon Plato erwähnt die Fächerfolge in seinem Buch vom Staat und lehrte sie in seiner Akademie. Diese Septem Artes Liberales teilen sich in drei sprachliche Fächer, das sog. Trivium mit Grammatik, Rhetorik und Dialektik, und das Quadrivium mit den vier arithmetischen Fächern Mathematik, Geometrie, Astronomie und Musik. Aus ihnen leitet sich unsere heutige Scheidung zwischen geistes- und naturwissenschaftlichen Fächern her.

Dabei standen die Zahlen nicht für abstrakte Quanten, sondern für kosmische Qualitäten, gemäß dem Satz im Alten Testament: "Gott hat die Welt nach Maß, Zahl und Gewicht geordnet. [2]" Unbekümmert nahm die Frühscholastik damit auch pythagoreisches, hermetisches und orphisches Geheimwissen in ihren freisinnigen Katholizismus mit auf. Entsprechend ging es ihnen in der Musik nicht primär um einen Wohlklang von Tönen, sondern um eine mathematisch gegründete Harmonielehre, die einen Zugang zum Verständnis vieler anderer Harmonien und Zahlenverhältnisse im Universum bot. Nicht zufällig haben die Baumeister der Gotik die Zahlenverhältnisse der Akkorde auf ihre Bauproportionen übertragen.

Ein wahrer Bildungsdrang beflügelte damals die Geister. Angetrieben wurde er von einer großen Hoffnung: Der Hoffnung auf eine verstehbare Einheit der Welt. Alle äußere Zerrissenheit müsse sich doch ordnen lassen, wenn es gelänge, die große Einheit der sichtbaren und der unsichtbaren Dinge, von Erde und Himmel, Natur und Geist zu begreifen. Das Wort für diese Hoffnung ist universitas; es bezeichnet die Einheit, aber auch die Gesamtheit und darin die Vielfalt.

In damaliger Weltsicht musste diese Einheit immer schon, wenn auch noch unverstanden, als Werk des einen göttlichen Schöpfers bestehen. Auch die außer-christlichen Völker und Glaubenswelten konnten nur demselben göttlichen Plan entsprungen sein, als Vorstufen zum Christentum. Soweit Heiden etwas Wahres über den Menschen mitgeteilt hatten, konnte dies nur Teil der einen Wahrheit Gottes sein. Im Letzten mochte diese wohlgeordnete universitas mundi dem menschlichen Verstand unbegreiflich bleiben. Aber eine Annäherung an die Erkenntnis war möglich, ja als Kern menschlichen Strebens sogar geboten. Insofern kann die gesamte Frühscholastik als ein großer Utopieentwurf gesehen werden.

Dem entsprach die Hoffnung, dass der Gesamtumfang des Wissbaren erfassbar sei. Der Umkreis von Gottes guter Ordnung - so dachte man - müsse mit dem Fleiß wenn nicht Einzelner, so doch der Generationen abgeschritten werden können. Die Zahl der verfügbaren Texte war um das Jahr 1000 außerordentlich begrenzt und wuchs in den nachfolgenden 150 Jahren nur langsam an, durch neue Funde, Übersetzungen und eigene Werke. Erst danach vervielfachten sich die Wissensquellen nicht zuletzt durch Übersetzungen aus dem Arabischen. Cluny, das reichste Kloster der Zeit, besaß Mitte des 12. Jahrhunderts die unvorstellbare Zahl von 570 Büchern [3]! Man bedenke, dass ein Buch in Schönschrift dem Wert eines Gutshofs entsprach. Studenten waren damals wochenlang zu Fuß quer durch Europa unterwegs, zu bekannten Lehrern, aber eben auch zu Manuskripten, die sie an keinem näheren Ort einsehen konnten.

Eine besondere Pflegestätte für dieses antike Weltwissen war damals die Kathedralschule von Chartres. Wir verbinden mit dieser Stadt vor allem das Bild ihrer frühgotischen Kathedrale. Weniger bekannt ist, dass dem Werk der Baumeister und Bildhauer an diesem Ort ein geistiges Werk von Theologen und Philosophen vorausging, das den neuen Kunststil der Gotik überhaupt erst ermöglichte. Man spricht von der "Schule von Chartres" als einem, wenn nicht dem Strahlungskern der sog. "Renaissance des 12. Jahrhunderts". Im weiteren Sinne werden dazu auch solche Gelehrte gezählt, die im selben Geist eines verchristlichten Platonismus wirkten, auch wenn sie persönlich nicht oder nur kurz in Chartres lebten.

Aus dem Kreis dieser Gelehrten greife ich drei Meister heraus, die uns solche Entwürfe von Einheit und Vielfalt hinterlassen haben.

3. Drei Weltentwürfe aus der Schule von Chartres

3.1 Bernardus Silvestris: De universitate mundi

Der früheste dieser Texte nennt sich selber im Titel einen Weltentwurf. Er heißt: "Über die allumfassende Einheit der Welt", lateinisch: "De universitate mundi". Er stammt von Bernardus Silvestris, von dem wir nur wenige Werke kennen, und dessen Lebensdaten uns so gut wie unbekannt sind. Seine Kosmographie aber machte ihn zu einem vielgelesen Autor des hohen Mittelalters. Er schrieb sie kurz vor der Mitte des 12. Jahrhunderts und übersandte sie seinem Freund und Lehrer Thierry, der damals Kanzler der Kathedralschule von Chartres war. Er selbst ist als Lehrer in Tours bezeugt. Vermutlich ist er um das Jahr 1100 geboren und um 1160 gestorben.

Wie viele Autoren der Zeit greift Bernardus eine literarische Form der Antike auf, nämlich das Prosimetrum, bei dem sich längere Prosateile abwechseln mit Passagen in Versform. Ein erster Teil der Schrift ist dem Megakosmos von Himmel und Erde gewidmet, ein zweiter Teil dem Mikrokosmos des Menschen. Das folgt damaligen Vorstellungen, wonach der Mensch ein Abbild des Kosmos im Kleinen und der Kosmos ein Gleichnis des Menschen im Großen sei - auch hier ein Gedanke überwölbender Einheit.

Die dichterische Form erlaubt es Bernardus nun, die kanonischen Lehrtexte der Zeit, nämlich die Genesis der Bibel und den "Timaios" des Plato miteinander in einem neuen mytho-poetischen Schöpfungsbericht zu verschmelzen. Eingestreut sind unzählige weitere Wissensschätze aus dem Fundus der Sieben Freien Künste. Im schmalen Umfang von kaum 60 Seiten entsteht so eine Gesamtschau des damaligen Denkens über Mensch und Welt. [4]

An Anfang war danach die Weltseele in Gestalt der Göttin Natura, die an ihre Schwester, den Weltgeist Nous herantritt mit der Bitte, das Chaos zu ordnen. Nous stimmt zu und ordnet die formlose Materie in vier Elemente. Aus ihnen entstehen Erde und Meer, Äther und Sterne. Ausführlich werden die Sternbilder mit ihren Sagen sowie die sieben Planeten beschrieben. Eingeflochten findet sich eine kurze Geschichte der Menschheit, wie sie in den Sternen geschrieben stand, einschließlich der Menschwerdung Gottes. Im Zusammenspiel der vier Elemente entstehen die Lebewesen; Wärme, Winde und Wasser erhalten und befruchten sie. Es folgt ein Durchgang durch die Weltgegenden mitsamt der größten Ströme, Gebirge und Städte, dann kommen Landtiere, Vögel und Fische, schließlich Bäume und Pflanzen mit ihren Eigenschaften zu Wort - eine wahre Enzyklopädie in Versform.

Nun will Nous ihr Werk mit der Schaffung des Menschen krönen. Das Kunstwerk übersteigt aber die Fähigkeiten von Nous und Natura, sie suchen die Sternenherrscherin Urania auf und treten unter deren Führung vor Gott, der hier den neuplatonischen Namen To Agathon - das Gute - trägt. Gott billigt den Plan. Der Rückweg führt sie über die Planetengötter, die Engel, die Luft- und Erdgeister zur Physis, der Werkmeisterin aller Stoffe. Auch ihr trägt Nous nun ihr Anliegen vor - in Versen, die zu den berühmtesten des 12. Jahrhunderts gehören:

"Als den Göttern verwandt und als heiliges Schlussglied,
Als meiner Schöpfungen Ziel soll nun erstehen der Mensch,
Wie er von Ewigkeit her, seit dem Urbeginne der Welten
Als eine hohe Idee würdig im Geiste mir lebt!
Geist empfängt er vom Himmel, den Leib aus den Elementen,
Erde bewohne sein Leib, aber den Himmel sein Geist. (…)
Göttliche Wesen, die Sterne, der Himmel sollen ihm sprechen (…)
Dass vor ihm die Natur nichts zu verbergen vermag. (…)
Alles soll er erkennen, (…) ihm glühe das Feuer,
Sonne erglänze für ihn, Erde und Wasser sei sein. (…)
Er regiere die Länder, den Weltkreis soll er beherrschen,
Allem geb' ich den Fürst und auch den Priester zugleich.
Wenn aber einmal schwankt mit ersterbenden Pulsen am Ende
Seines leiblichen Heims niederstürzendes Werk,
Auf zu des Äthers Höhen, nicht unbekannt dort wie ein Fremdling,
Steiget empor dann der Mensch - eilet zum Ort seines Sterns."


Die Seele des kommenden Menschen hat Urania aus Sternensphären mitgebracht, Physis formt nun den Leib, Natura fügt beide nach kosmischen Ordnungen zusammen. Ausführlich wird noch die Schaffung der fünf Sinne und der wichtigsten Organe geschildert. Auch die Organe der Fortpflanzung werden gewürdigt:

"Angenehm und bequem wird ihr Gebrauch wohl empfunden. (…)
Sie besiegen den Tod im Kampf mit den Waffen der Hochzeit,
Stellen Natur wieder her, pflanzen so fort das Geschlecht."

Damit ist der Mensch eingewoben in alle Weltgründe der antiken Kosmologie, der neuplatonischen Prinzipienfolge und der christlichen Heilslehre. Bei aller ausufernden Erzählfreude wird das philosophische Ziel klar: Indem Bernardus Silvestris erinnert an die göttlich-kosmische Ordnung, der sich der Mensch verdankt, setzt er ein Gegenbild zu den Verwirrungen der realen Menschenwelt seiner Zeit.

3.2 Alanus ab Insulis: Anticlaudian

Dieses Motiv des kosmischen Menschen greift vierzig Jahre später ein größerer Gelehrter und Dichter in einem weit komplexeren und umfänglicheren Werk wieder auf. Alanus ab Insulis wurde um 1120 in Lille geboren - daher sein französischer Name Alain de Lille. Er starb 1202 als Zisterzienser-Mönch in Citeaux. Er gilt als Universalgelehrter seiner Zeit und als letzter Vertreter der Schule von Chartres - wiewohl er vermutlich nie in Chartres, sondern in Paris, Le Puy und Montpellier lehrte. Von ihm ist ein vielfältiges Werk überliefert, das theologische Traktate, Gedichte, Predigten sowie ein Bibellexikon umfasst.

Sein berühmtestes Werk aber ist der "Anticlaudian", ein umfangreiches Lehrgedicht, das er in der 80er Jahren des 12. Jahrhunderts als Summe seines Wissens und Denkens schrieb. Der Titel bezieht sich auf den spätrömischen Dichter Claudian, der eine Schmähschrift auf einen oströmischen Staatsmann Rufinus verfasst hatte; sie beginnt mit einem Konzil aller Laster, die verabreden, sich in Rufinus zu vereinen. Der "Anticlaudian" dagegen beginnt mit einem Konzil aller Tugenden, die beschließen, gemeinsam den vollendeten Neuen Menschen zu schaffen [5]. Sie werden einberufen von der Göttin Natura, die manche ihrer bisherigen Schöpfungen für unvollkommen erachtet und sie nun gutmachen will mit der Erschaffung von etwas Vollkommenem. Das kann sie nicht allein, so beruft sie die Tugenden ein, die als 15 leuchtende Frauengestalten heranschweben und sich am Ort des ewigen Frühlings, der Residenz der Natura versammeln. Die Tugenden stimmen zu, doch Prudentia, die Klugheit, gibt zu bedenken, dass weder Natura noch die Tugenden diesen Plan allein verwirklichen können. Natura sei zwar befähigt, Körper zu bilden, die Seele kann sie jedoch nicht erzeugen: "Diese bleibt, jener verfließt, diese dauert und jener muss sterben."

Die Versammlung beschließt, die Klugheit als Botin zu Gott zu schicken. Diese nimmt den Auftrag an und befiehlt ihren sieben Dienerinnen, ihr einen Wagen zu bauen, mit welchem sie die Reise bestehen kann. Diese sieben Dienerinnen stellen sich als die Sieben Freien Künste vor, von denen die ersten Drei, das Trivium, den Wagenkasten und die weiteren vier die Räder bilden. Die Ratio spannt fünf Pferde davor, die den menschlichen Sinnen entsprechen, und übernimmt selbst die Aufgabe der Wagenlenkerin. Die Himmelsreise geht durch die Reiche der Elemente, dann durch die Sphären der sieben Planeten. Indem sie im Vorbeifahren vorgestellt werden, streut der Dichter das astronomische Denken der Zeit ein. An der äußersten Himmelsschale der Fixsterne angelangt, verweigern die Pferde den Dienst, auch der Wagen samt der Wagenlenkerin Ratio muss zurückgelassen werden: Hier enden die menschlichen Sinne und Wissenschaften. Schwindel ergreift Prudentia, doch da naht eine strahlende Jungfrau, die sich als Theologia zu erkennen gibt und Prudentia zu Gott führen will. Nur ein Pferd, das des Gehörs, wird ihr noch zugestanden.

Prudentia betritt nun ein Reich, das ihr Fassungsvermögen übersteigt. Hier wohnen die Engel, nach Hierarchien geordnet, mitsamt den Heiligen und Märtyrern. Sie alle werden vom Lichtglanz der Jungfrau Maria durchflutet, die zusammen mit ihrem Sohn das himmlische Reich regiert. Prudentia schwinden die Sinne. Theologia ruft ihre Schwester Fides herbei, die durch einen himmlischen Trank die Ohnmächtige ins Leben zurückruft. Außerdem schenkt sie ihr einen Spiegel, der ihr die übergroße Fülle des Lichts herabdämpft. Jetzt vermag sie die höchsten Ideen, die Urbilder aller Geschöpfe und deren Schöpfer zu schauen. Von Fides vor Gottes Thron geführt, kann Prudentia dem Allerhöchsten ihre Bitte vortragen. Gott stimmt zu und gebietet Noys, das Urbild der vollkommenen Seele zu ersinnen. Diesen himmlischen Geist bringt Prudentia zurück zur Erde und übergibt ihn der Natura. Diese stattet ihn mit einem vollkommenen Körper aus, die Tugenden beschenken das neue Wesen, die Sieben Freien Künste erfüllen es mit Kenntnissen, Fortuna gibt vornehme Geburt und Freiheit hinzu. Der vollkommene Mensch ist erstanden.

Da breiten sich Angst und Entsetzen unter den Lastern und Furien im Reich der Bosheit aus. Ein eilig einberufener Kriegsrat beschließt, den Jüngling zu vernichten. Doch alle Mächte der Finsternis versagen im Kampf, sie werden vom lichthaften Wesen besiegt, die Erde erstrahlt neu in seinem Glanze.

All diese äußere Handlung ist Anlass und Gerüst, in tausenden von Versen die gesamte Gelehrsamkeit, Theologie und Philosophie des späten 12. Jahrhunderts im Übergang von Plato zu Aristoteles darzustellen. Der kommende Mensch ist für Alanus die zum Bewusstsein ihrer selbst gelangte All-Einheit der Welt. Im "Anticlaudian" erreicht das helle Menschenbild der Frühgotik seinen höchsten literarischen Ausdruck. Von dort findet es seinen Weg zum Großen Menschen der Renaissance: Ein Schüler des Alanus, der Italiener Brunetto Latini (vor 1230 - 1294) wird seinerseits zum Lehrer des Dante Alighieri (1265 - 1321). Das Vorbild der Lehrgedichte von Chartres fließt so ein in die "Divina Comedia". Der Humanismus des 12. Jahrhunderts inspiriert den Humanismus der einsetzenden Renaissance.

3.3 Johannes von Salisbury: Policraticus

Aus der Schule von Chartres ging aber neben diesen philosophischen Weltbildern auch eine politische Vision hervor: Der "Policraticus" des Johannes von Salisbury, geschrieben in den 50er Jahren des 12. Jahrhunderts. Der Verfasser wurde um 1115 in England geboren und starb 1180 als Bischof von Chartres. Seine Biographie ist das Muster einer Bildungskarriere, wie sie im 12. Jahrhundert erstmals auch einem Nichtadligen möglich wurde. Als Zwanzigjähriger ging er nach Frankreich und studierte in Paris und Chartres bei Pierre Abaelard und weiteren berühmten Meistern. Er bekommt eine Anstellung am päpstlichen Hof in Rom und nimmt im Gefolge des Papstes an einem Konzil in Reims teil. Dort wird Bernhard von Clairveaux auf den gelehrten Beamten aufmerksam und empfiehlt ihn dem Primas der englischen Kirche Theobald. Er wird dessen Sekretär und nimmt so über zehn Jahre am Leben des englischen Hochadels zwischen König und Primas teil. Nicht weniger als fünf Mal reist er im Auftrag des Erzbischofs zum päpstlichen Stuhl nach Rom.

Er bleibt auch Sekretär, als Theobald stirbt und der bisherige Kanzler Thomas Becket dessen Nachfolger wird. Zum Entsetzen des Königs vollzieht Becket mit dem Wechsel ins geistliche Amt auch einen politischen Seitenwechsel: Aus dem bisherigen Gefolgsmann des Königs wird ein Verfechter der Papstkirche. Nach dem ordo der alten Feudalwelt hat der König die Oberhoheit auch über den Klerus, nun beansprucht Becket diese Gerichtsbarkeit für sich. Vor dem Zorn des Königs müssen der Erzbischof und sein Sekretär nach Frankreich fliehen. Erst sieben Jahre später kehren sie nach vermeintlicher Aussöhnung zurück, doch der Konflikt bricht wieder auf, Becket wird 1170 während der Messe in Canterbury von Rittern des Königs erschlagen. Der Mord im Dom entsetzt ganz Europa. Johannes von Salisbury schreibt eine vita des Thomas Becket und trägt so zu dessen rascher Heiligsprechung bei. Er kehrt zurück nach Frankreich und krönt seine letzten drei Lebensjahre mit dem Amt des Bischofs von Chartres.

Noch zu seinen Lebzeiten wird er als hochgebildeter und zugleich welterfahrener Schriftsteller bekannt. Das verdankt er vor allem zwei großen Werken, die er in seiner Zeit als Sekretär des Theobald schrieb: Das eine unter dem Titel "Metalogicon" ist die erste große Bildungstheorie der Zeit. Er verteidigt darin die ganzheitliche Bildung, die er selbst über viele Jahre durchlief, gegen eine rasche, bloß zweckmäßige Schulung für einträgliche Brotberufe (wie aktuell, möchte man rufen!). Das andere Werk ist der 800 Seiten starke "Policraticus" [6] . Mit ihm legt er die erste umfassende Staatslehre des Mittelalters vor. Der kennzeichnende Untertitel lautet: "Von den eitlen Beschäftigungen der Höflinge und den Lehren der Philosophen". Es geht Johannes um eine politische Ethik, die er dem verkommenen Treiben an den weltlichen und kirchlichen Höfen seiner Zeit entgegensetzt. Aus reicher eigener Anschauung geißelt er das Scheinleben der Höflinge, die den Fürsten schmeicheln und sich der Jagd, dem Prunk und der Lust ergeben. Sie verfehlen damit ihre Verpflichtung auf das Gemeinwohl, die ihnen aus einer sittlichen Ordnung zukommt.

Zur Begründung dieser gerechten Ordnung führt Johannes zahlreiche Beispiele aus religiösen und philosophischen Schriften, aber auch aus den Gesetzen der Natur und den Harmonien des Kosmos auf. Auch bei ihm entsteht so ein Gesamtbild der symbolischen Entsprechungen zwischen Welt und Mensch. Antiken Vorbildern folgend beschreibt er den Staat im Gleichnis eines Körpers. Der Herrscher ist das Haupt, der königliche Rat das Herz, die Provinzvorsteher sind seine Augen und Ohren, die Richter seine Zunge, Bedienstete und Bewaffnete werden mit den Händen verglichen. Die Finanz- und Güterverwaltung entspricht dem Bauch und den Eingeweiden, die Bauern und die Handwerker sind die Füße.

Die Seele dieses Körpers aber ist die Religion. Auch wenn Johannes durchaus die Eigenständigkeit weltlicher Macht betont, stellt er sie doch zuletzt unter geistliche Leitung. Der Fürst empfängt seine Herrschermacht von Gott zu dem einzigen Ziel, dem Gemeinwohl zu dienen. Zwar ist er an menschliche Gesetze wie dem römischen Recht nicht gebunden, um so mehr aber an die aequitas der Schöpfungsordnung. Verletzt er diese Bindungen, wird er zum Tyrannen. Johannes von Salisbury ist der erste, der die undenkliche Konsequenz zu denken wagt: Um die verletzte Ordnung zu heilen, ist es als ultima ratio erlaubt, ja gerecht, den Tyrannen zu töten.

Geschrieben mit dem kritischen Blick eines Menschen aus den unteren Schichten, hatte das Werk eine breite Wirkung auf das politische Denken des Mittelalters. Im Sinne einer Ermahnung widmete er es seinem hochadligen Freund und späteren Dienstherrn Thomas Becket, als dieser noch weltlicher Kanzler war. - Man kommt ins Grübeln über die erstaunlichen Parallelen zwischen der Ermordung Beckets im Jahr 1170 und der Hinrichtung des Thomas Morus 360 Jahre später, sowie zwischen den beiden Staats-Werken "Policraticus" und "Utopia", die ihnen jeweils vorausgingen.

4. Von der universitas zur Universität

Johannes von Salisbury und Alanus ab Insulis sind die letzten großen Vertreter der Schule von Chartres. Die Zeit der platonischen Ideenschau versinkt; das geistige Leben verlagert sich nach Paris. An der Schwelle zum 13. Jahrhundert werden zahlreiche neue Wissensquellen erschlossen, zumeist durch Übersetzungen aus dem Arabischen. Auf dem Umweg über die islamische Welt wird nun der gesamte Aristoteles verfügbar. Sein Empirismus revolutioniert das Denken, auch das vieler Theologen. An die Stelle der zusammenführenden Schau tritt die aufgliedernde Analyse; das mytho-poetische Lehrgedicht weicht dem systematischen Traktat. Der neue Name eine Gesamtheit ist die "Summa"; mit ihr sind die Gesamtdarstellungen von Wissensgebieten überschrieben, die nun an die Stelle erahnter Weltbilder treten. Der Umgang mit Kategorien und deren Definitionen, die Methodik von Gliederung und Quellenverweisen werden damals erfunden. Das Verhältnis von Einheit und Vielfalt muss neu bestimmt werden; das durchzieht die gesamte Hoch- und Spätscholastik im sog. Universalienstreit.

Immer häufiger erheben sich nun Zweifel, ob das Programm der Frühscholastik erfüllbar sei, Glaube und Vernunft zu verbinden. Die katholische Orthodoxie fürchtet die neue Rationalität und versucht immer wieder, den Aristotelismus zurückzudrängen. Das bringt im gegnerischen Lager viele Vorkämpfer der Ratio dazu, sich ihrerseits von der Theologie loszusagen. Große geistige Turniere folgen aus diesen Kämpfen, aber leider auch Ketzerprozesse und zerbrochene Biographien.

Just auf dem Höhepunkt dieser Kämpfe in der Mitte des 13. Jahrhunderts findet die Suche nach der Verbindung von Glaube und Vernunft ihren höchsten Ausdruck in der "Summa Theologiae" des Thomas von Aquin. Seine Antwort lautet: Ratio und Religio lassen sich nicht verschmelzen, wohl aber befruchtend aufeinander beziehen. Das Programm der Frühscholastik ist als unerfüllbar bewiesen - und findet gerade darin seine grandiose Lösung. Alle späteren Versuche, über diese Antwort des Thomas hinaus zu gelangen, müssen scheitern und führen in die Spiegelfechtereien der Spätscholastik.

Noch in anderer Weise bringt das 13. Jahrhundert die Erfüllung der Scholastik. Die Menge des neuen Wissens sprengt den Kanon der Sieben Freien Künste, neue Fächer kommen hinzu, der doctor universalis weicht dem Spezialgelehrten. In Paris schließen alle nicht-theologischen Fächer sich zur sog. Artisten-Fakultät zusammen; sie heißt zwar noch so nach den Septem Artes, umfasst aber zu Beginn des 13. Jahrhunderts bereits an die 100 Professoren. Der Lehrbetrieb ist inzwischen ein bedeutender Wirtschaftszweig der Stadt geworden, das gibt der Gelehrtenzunft die Macht, sich zunehmende Unabhängigkeit gegenüber weltlichen und kirchlichen Autoritäten zu erkämpfen.

Das Wort "universitas" wird nun in anderer Bedeutung wieder gebraucht: Im römischen Recht steht es für eine Vereinigung, eine juristische Körperschaft. Durch eine päpstliche Bulle erreicht im Jahr 1231 die entstehende Pariser Gelehrtenrepublik ihre förmliche Anerkennung als Autonome Körperschaft. Die erste europäische Universität ist entstanden. In anderem Sinne wird sie zur neuen "universitas mundi": Ihrem Vorbild folgend werden in rascher Folge weitere Universitäten gegründet, in Oxford und Cambridge, Salamanca, Prag und Padua und vielen weiteren Orten. Dazu kommen Spezialuniversitäten aus früheren Lehreinrichtungen, für Recht in Bologna, für Medizin in Salerno. Die westliche Wissensgesellschaft ist geboren.

5. Einheit und Überschreitung

Nicht zur Ruhe gekommen ist seitdem die ewig ungelöste Frage nach dem Verhältnis von Vernunft und Glauben. Sie beschäftigt uns auch heute noch und wieder, nach Renaissance und Aufklärung. Brauchen wir neue Sinnbilder, angesichts einer globalisierten Unübersichtlichkeit? Wenn wir den Knoten nicht mit dem Schwerthieb der Fundamentalisten durchschlagen wollen, dann benötigen wir Anknüpfungspunkte in unserer Tradition - deshalb die Erinnerung an die Frühscholastik.

Ein wichtiger Unterschied trennt uns jedoch von ihr: Für die Gelehrten von Chartres stand Gott, nicht der Mensch im Mittelpunkt ihres Universums. Die Einbettung in den christlichen Glauben war für sie eine unverrückbare Voraussetzung ihres Denkens und Erlebens, das unbezweifelte Ziel aller Bildung, ja die Grundgegebenheit aller Existenz. Gerade aus dieser Unverrückbarkeit der christlichen Heilsordnung heraus konnten sie sich ihre geistigen Freiheiten nehmen. Das war zugleich der Schlüssel, dank dem die Frühscholastik noch - gewissermaßen "unschuldig" - eine große Gesamtheit des Ein-und-Alles denken konnte. Uns Heutigen ist das nicht mehr möglich. Religion ist Ansichtssache geworden. Ob es Transzendenz gibt und wie sie gewahr wird, entscheidet jede und jeder für sich.

Denknotwendig aber bleibt: Nur dort, in einer Transzendenz, kann Einheit überhaupt gesucht werden; in den Dualitäten alles Seienden ist sie nicht zu finden. Wer von Gott nicht reden will, muss von Einheit schweigen. Dagegen verstoßen manche Weltentwürfe der Aufklärung und des 19. Jahrhunderts. Sie überhöhen irgendein Diesseitiges zum Absolutum - und laden ihre Wunschbilder so mit Heilsversprechen auf, die sie nicht einlösen können. In diese Falle geht z.B. Rousseau mit seinem durchaus utopischen "Contrat Social", der durchtränkt ist von uneingestandenen Erlösungswünschen des Verfassers. Dass die geheilte Welt sich weder erschaffen noch erzwingen lässt, wollte er nicht sehen; sein Schüler Robespierre auch nicht.

In diese Falle geht auch Ernst Bloch, wenn er die noch unerreichte Mündung des großen Stroms der Utopie immerhin schon zu erspähen glaubt, nämlich im roten Reich der Bolschewiken. Auch Oscar Wilde irrt, wenn er meint, der Fortschritt führe über die Küste von Utopia. Wir tun gut daran, diese Küste als Horizont zu sehen, der sich mit jeder unserer Annäherungen zugleich von uns entfernt. Das Spannungsfeld zwischen Wünschbarem und Machbarem muss erhalten bleiben. In dieser Verwechslung des transzendenten Fluchtpunkts mit einem erreichbaren, notfalls erzwingbaren politischen Ziel gründet die latente Gewaltsamkeit mancher politischer Utopien.

Das spricht nicht gegen utopisches Denken an sich, im Gegenteil: Die Dialektik von Vielfalt und Einheit ist innerhalb eines nur-rationalen Systems nicht darstellbar. Sie verlangt eine Überschreitung des Wissbaren. Alle großen Utopien leben von ihren Ausblicken ins Transzendente. Keine utopische Erzählung vermag Köpfe und Herzen zu bewegen, wenn sie nicht solche Blicke ins Jenseits beinhaltet. Die Frage ist, ob wir Leser verstehen: Diese Horizonte im Unendlichen bieten Richtungen, nicht Ziele.


Literatur
Quellen-Texte

Alanus ab Insulis: Der Anticlaudian, oder: Die Bücher von der himmlischen Erschaffung des Neuen Menschen. Übersetzt und eingeleitet von Wilhelm Rath. Stuttgart: J.Ch.Mellinger, 1966
Bernardus Silvestris. Über die allumfassende Einheit der Welt. Makrokosmos und Mikrokosmos. Übers. von Wilhelm Rath. Stuttgart: J.Ch.Mellinger, o.J.
John of Salisbury: Policraticus. Eine Textauswahl, Lateinisch/Deutsch. Ausgewählt, übersetzt und eingeleitet von Stefan Seit. Freiburg: Herders Bibliothek der Philosophie des Mittelalters, Band 14, Freiburg: Herder Verlag, 2008

Sekundärliteratur

Bloch, Ernst: Das Prinzip Hoffnung. 3 Bd., Stuttgart: Suhrkamp, 7. Aufl. 1980
Clerval, Abbé A.: Les Écoles de Chartres au Moyen-Âge. Mémoires de la Sociéte Archéologique d'Eure-el-Loire, Tome XI, Chartres: Librairie R.Selleret, 1895 (Reprint)
Duby, Georges: Die Zeit der Kathedralen. Frankfurt: Suhrkamp, 2. Aufl. 1984
Fichtenau, Heinrich: Ketzer und Professoren. Häresie und Vernunftglaube im Hochmittelalter. München: C.H.Beck, 1992
Flasch, Kurt: Das philosophische Denken im Mittelalter. Von Augustin bis Machiavelli. Ditzingen: Reclam, 2.Aufl. 2000
Günther, Rigobert und Reimar Müller: Das Goldene Zeitalter. Utopien der hellenistisch-römischen Antike. Stuttgart: Kohlhammer, 1988
Heer, Friedrich: Aufgang Europas. Eine Studie zu den Zusammenhängen zwischen politischer Religiosität, Frömmigkeitsstil und dem Werden Europas im 12. Jahrhundert. Wien-Zürich: Europa-Verlag, 1949
Hinkelammert, Franz u.a.: Kritik der utopischen Vernunft: Eine Auseinandersetzung mit den Hauptströmungen der modernen Gesellschaftstheorie. Luzern: Edition Exodus,1994
Jeauneau, Édouard: L'Âge d'Or des Écoles de Chartres. Chartres: Houvet, 2000
Le Goff, Jacques: Die Intellektuellen im Mittelalter. München: dtv, 1993
Moore, Robert I.: Die erste europäische Revolution. Gesellschaft und Kultur im Hochmittelalter. München: C.H.Beck, 2001
Panofsky, Erwin: Gotische Architektur und Scholastik. Zur Analogie von Kunst, Philosophie und Theologie im Mittelalter. Hrsg. und mit einem Nachwort versehen von Thomas Frangenberg. Köln: DuMont, 1989
Pieper, Josef: Scholastik. Gestalten und Probleme der mittelalterlichen Philosophie. München: dtv 1978
Schulthess, Peter und Ruedi Imbach: Die Philosophie im lateinischen Mittelalter. Ein Handbuch mit einem bio-bibliographischen Repertorium. Düsseldort, Zürich, Artemis & Winkler, 1996
Southern, Richard W.: Medieval Humanism and Other Studies. Oxford: Basil Blackwell, 1970
Teichmann, Frank: Chartres - Schule und Kathedrale. Stuttgart: Urachhaus, Reihe "Der Mensch und sein Tempel", 2. Aufl. 1997


[1]

Vgl. Bassam Tibi: Al-Farabi als Begründer der politischen Philosophie im Islam, in: Iring Fetscher, Herfried Münkler (Hrsg.): Pipers Handbuch der Politischen Ideen, Bd. 2: Mittelalter. München, Zürich: Piper, 1993, S. 98 - 105. - Einen (vorläufigen) Überblick über die Utopien der griechisch-römischen Welt geben Günther/Müller. Nach oben

[2] Sprüche Salomo 11, 21 Nach oben
[3] Heer S. 105 Nach oben
[4] Zum Folgenden siehe u.a. die Einleitung von Wilhelm Rath aus anthroposophischer Sicht, in: Bernardus Silvestris S. V ff; sowie Flasch S. 270 ff. Nach oben
[5] Die folgende Darstellung folgt vor allem Teichmann S. 152 ff. Nach oben
[6]

Eine deutsche Übersetzung liegt erst seit 2008 vor; siehe Stefan Seit. - Hilfreich für das Folgende war insb. Jürgen Mietke: Politische Theorien im Mittelalter, in: Hans-Joachim Lieber (Hrsg.): Politische Theorien von der Antike bis zur Gegenwart, Bonn: Bundeszentrale für Politische Bildung, 2. Aufl. 2003, S. 47 - 152, S. 71 ff.. Umfassend zu den politisch-religiösen Auseinandersetzungen der Zeit Friedrich Heer. Er widmet Johannes von Salisbury ein eigenes Kapitel mit über 90 Seiten (S. 290 - 383)! Darin feiert er ihn als den "bedeutendsten Kritiker des alteuropäischen Feudalismus … und der politischen Religiosität alten Stils" (S. 292) und nennt ihn den "größten Humanisten seiner Epoche" (S. 298). - Nicht konsultiert: Odoj, Ursula: Wissenschaft und Politik bei Johannes von Salisbury, Univ. Diss., München 1974 Nach oben

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