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Europahaus und Burgenland

Hans Göttel

Europahaus und Burgenland.

Die Nachhaltigkeit einer Polemik des 18. Jahrhunderts.

Die Behauptung

Im September 1966 wurde in Eisenstadt, der Hauptstadt des Burgenlandes, ein Europahaus gegründet, das für ein geeintes und friedliches Europa wirken sollte. Bedenkt man den Standort, quasi direkt am Eisernen Vorhang, eine besondere Herausforderung. Sie wurde, wie alle zu großen Aufgaben, zunächst einmal übersehen. Es gab ja vieles zu tun. Mit der großen Wende, 1989, kam, wenn auch nur für kurz, die Besinnung auf den Ursprung: war nun erst die Zeit des Europahauses gekommen? Oder war sie jetzt vorbei und die Idee Europahaus neu zu erfinden? Ein Glück, wenn die Politik dabei hilft.

Die Initiative, im Burgenland ein Europahaus zu gründen, ging von Konsul Bruno Buchwieser, einem Bauunternehmer und langjährigen Präsidenten der Österreichischen Jungarbeiterbewegung, aus, und es soll dafür ein Vorbild gegeben haben. In Deutschland hatten junge, besorgte Menschen, die bald nach dem zweiten Weltkrieg Anzeichen für eine Wiederkehr des Nationalismus bemerkten, versucht, versöhnliche Begegnung deutscher und französischer Jugendlicher zu organisieren. Eine alte Jugendherberge diente als Begegnungsstätte - das erste Europahaus war entstanden.

Über die Jahrzehnte sollten es viele werden, große und kleine, reiche und arme, moderne Konferenzzentren und vormoderne Stammtischrunden - alle zusammengehalten durch einen internationalen Dachverband, die Internationale Föderation der Europahäuser (FIME) [1]. Sitz dieses bunten Netzwerkes wurde der Europarat in Straßburg, ein eigenes Sekretariat in Saarbrücken kümmert sich darum, unter den Europahäusern und Europäischen Akademien, wie sich die größeren Einrichtungen bald nannten, internationale Projekte und Begegnungen zu ermöglichen. Zwei mal pro Jahr treffen sich die Vertreter aller Einrichtungen im Europäischen Bildungszentrum Otzenhausen im Saarland, um Projekte zu entwickeln und gemeinsame Strategien zu beschließen.

Das Europahaus Burgenland gehört zu den kleineren Einrichtungen. In seiner fast 40jährigen Geschichte ist es trotz seines Namens nie ein Haus gewesen, sondern eine ambulante Bildungsinitiative, die in unzähligen Veranstaltungen in Dörfern, Schulen, regionalen Vereinen und Medien versucht hat, mehr Europäizität, ja mehr Weltoffenheit unter das Volk und insbesondere unter seine Politiker zu bringen. Bald kamen berühmte Persönlichkeiten des europäischen Geisteslebens, wie Adam Schaff, Manès Sperber und Dorothee Sölle zu internationalen Kulturtagen ins Land, ein Fenster zur weiten Welt wurde geöffnet!

Was anfangs neu, sogar exotisch anmutete, zog bald Irritationen nach sich und die provinzielle Politik reagierte auf die frische Luft, die, unangenehm genug, auch noch den Hauch einer Kritik an den Zuständen mit sich brachte. Mehrmals während der 80er und 90er-Jahre drehte die Landesregierung den Geldhahn zu, wenn man sich dort durch zu kritische Aussagen oder eigenmächtige Aktivitäten auf den Schlips getreten fühlte, so auch und zuletzt 1996, damals in der Absicht, das Institut endgültig zu beseitigen.

Die These mag am Beginn stehen: Das Europahaus Burgenland konnte gerade über die lange und zeitweise heftige Konfliktgeschichte mit der Landesregierung einen Sinn finden und dabei erst entdecken, worauf ein europäisches Bewusstsein aufbauen und dann politisch hinauslaufen könnte. Für die Entwicklung von politischem Bewusstsein im Lande bzw. in der Region sind weniger die Dienstleistungen relevant gewesen (obwohl sie zahlreich erbracht und vielfach anerkannt worden sind) als vielmehr die eigensinnige Anmaßung von befreienden Bildungskonzepten und der Erfolg im Überlebensspiel. Denn in der Verweigerung der Unterordnung unter vorgegebene Strukturen und feudale Gewohnheiten konnte auch der Hinweis auf die Aktualität und Notwendigkeit eines Instituts, das die Vereinigung Europas und darüber hinaus globale Zukunftsfragen öffentlich zu thematisieren versteht, die Machthaber nicht überzeugen.

Die Kleinkariertheit provinzieller Politik, die gewiss nicht auf das Burgenland beschränkt ist, ist aber nur eine Sache, hinzu kommt, dass die voranschreitende europäische Einigungspolitik und die Idee des Europahauses miteinander eigentlich nichts mehr zu tun haben.

Aktuelle strategische Beschlüsse der Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union sprechen eine klare Sprache: nicht mehr die Völkerfreundschaftsutopie wird erzählt, sondern was zählt, ist, einen durch Technologie und Ökonomie hervorgerufenen Strukturwandel wirtschaftlich erfolgreich zu steuern. Bildung muss reagieren auf den Quantensprung, der aus der Globalisierung und den Herausforderungen einer neuen, wissensbestimmten Wirtschaft resultiert, um die Union innerhalb des ersten Jahrzehnts des 21sten Jahrhunderts zur wettbewerbsstärksten und dynamischsten wissensbasierten Wirtschaft der Welt zu machen. [2]

Mit diesem Programm ist die Bildung auf europäischer Ebene zwar mehr als zuvor Gegenstand des politischen Diskurses, ja sogar zu einem wesentlichen Aspekt programmatischer Entwicklungstätigkeit geworden, "um insbesondere die bestehenden Qualifikationsdefizite in den Informations- und Kommunikationstechnologien zu bewältigen und die Umstellung auf das digitale Zeitalter zu beschleunigen". [3] Die Idee der Europahäuser wirkt vor diesem Hintergrund aber ziemlich antiquiert. Sie ist gebunden an das Europa der Vielfalt und Buntheit von Nationen und Kulturen, an die interkulturellen Begegnungsübungen, die ein affektives Europäisch-Sein vorübergehend erzeugen können. Sie führt, wie viele Veranstaltungen auch zeigen, in die Folklore schlechthin.

Die Ideengeschichte

Die Gründung des Europahauses Burgenland beruhte auf der Idee, in einem sehr kleinen Maßstab, in der Dimension eines Hauses eben, eine europäische Einigung modellhaft vorzubilden, indem Menschen aus unterschiedlichen Ländern und mit verschiedenen Sprachen und Geschichten zusammenkommen, ihre Gedanken austauschen und eine die Nationalgrenzen überschreitende Verständigung suchen. Die Europahäuser, so die Idee, mögen Menschen zusammenführen, damit sie die Völkerfreundschaftutopie zunächst selber erleben, um dann als Multiplikatoren weiter zu wirken, damit irgendwann und irgendwie ein Europa vom Atlantik bis zum Ural wirklich werde. Von der Überwindung des Nationalismus und die Aussöhnung ehemaliger Kriegsgegner war ebenso die Rede wie von der vorsichtigen "Durchlöcherung" des Eisernen Vorhangs.

Ein (halbwegs chronologischer) Rückblick durch die Geschichte der Ideen, die im Europahaus entstanden bzw. durch das Europahaus Burgenland tatsächlich ins Land gekommen und im Land verbreitet worden sind, zeigt aber andere Umrisse.

Politische Bildung

Bald nach seiner Gründung, das Jahr 1968 war kaum vergangen, befasste sich die Leitung des Europahauses (damals Europahaus Eisenstadt) mit dem strukturellen Aufbau von "politischer Bildung" in Österreich, um die allgemeine Erwachsenenbildung neu und zeitgemäß auszurichten. Ein Ergebnis davon war die Gründung und Einrichtung des "Österreichischen Instituts für politische Bildung" mit Sitz in Mattersburg, das zu einem zentralen Serviceinstitut für die gesamtösterreichische Erwachsenenbildung wurde. Der erste Leiter des Europahauses wurde folgerichtig auch zum ersten Direktor des von ihm neu geschaffenen Instituts. Dieses wurde von der Bundesregierung und allen Bundesländern getragen und galt damals als Vorzeigeeinrichtung für eine Republik, die vielleicht einem damaligen Trend folgend "mehr Demokratie wagen wollte". Dass damals ein Burgenländer, Fred Sinovatz, österreichischer Bundesminister für Unterricht war, hat die Ansiedlung dieses neuen Institutes im Land wohl begünstigt, ebenso wie die Wahrnehmung von späteren Initiativen, die aus dem Europahaus kamen. Schließlich erhielt das Europahaus im Jahre 1977 auch seinen Ehrenpreis für Erwachsenenbildung verliehen.

Während das in Mattersburg angesiedelte Institut für politische Bildung im Jahre 1993 wieder aufgelöst wurde, trägt das Europahaus bis heute die Bezeichnung "Institut für politische Bildung" im Untertitel, was nicht nur unzeitgemäß erscheint sondern auch sehr unzweckmäßig ist, weil es sowohl im Land und mehr noch im Ausland eine abschreckende Wirkung hat. Die Versicherung, dass es sich dabei nicht um parteipolitische Bildung handelt, ist unbedingt und prompt mitzuliefern, will man Interessenten bei der Stange halten, unverdächtiger ist es, gleich von "civic education" zu sprechen.

Im Zuge einer im Jahre 1998 im Europahaus geführten Leitbilddiskussion wurde erstmals eine Beschreibung versucht, die in der politischen Bildung - der Bildung des Politischen - eine Kunst sieht, bekömmliche Bedingungen für humane Versammlungen zu schaffen und zu erhalten. [4]

Entwicklungspolitik

In den 70er-Jahren stieg das öffentliche Interesse an den Problemen der Dritten Welt. Die Hungerkatastrophe im Sahel 1973 und die Revolutionen in Lateinamerika waren Anlass für Solidaritätskampagnen und für die Formulierung einer neuen Politik der Entwicklungshilfe. Hatte man Entwicklungshilfe bislang eher im caritativen Sinne der Soforthilfe in akuten Notlagen verstanden, so bekam die Entwicklungspolitik nun ein umfassenderes Design, das neben der Katastrophenhilfe die Unterstützung für den Aufbau von Selbsthilfe vorsah und - die gründliche Information der Bevölkerung in der ersten Welt, nicht nur um deren Spendenbereitschaft weiter zu heben sondern auch um Verhaltensänderungen zu bewirken, die auf längere Sicht dem internationalen Wirtschaftsgeschehen seinen ausbeuterischen Charakter nehmen sollten.

Ab Mitte der 70er-Jahre erhielt das Europahaus über die Initiative eines neuen Leiters, des Friedensforschers Karl Kumpfmüller, ein neues inhaltliches Konzept, das diesen Überlegungen Rechnung trug, mehr noch: das Europahaus wurde zu einem der Ausgangspunkte für die Entwicklung eines bundesweiten Netzwerkes von entwicklungspolitischen Informations- und Bildungseinrichtungen. In jedem österreichischen Bundesland sollte über dafür einzurichtende Büros eine fachlich betreute und auf die Probleme der Dritten Welt ausgerichtete Informations- und Bildungsarbeit, insbesondere in Gemeinden und Schulen, stattfinden. So entstand 1977 der Österreichische Informationsdienst für Entwicklungspolitik (ÖIE) und das Europahaus wurde zu seiner Regionalstelle im Burgenland, und ist es - mit dem inzwischen auf Südwind-Agentur geänderten Namen - heute noch.

Friedensbewegung

Im Zuge der Kontroversen um die atomare Aufrüstung und die Stationierung neuer Raketen in Westeuropa war das Europahaus durch die friedenspolitische Kompetenz und das entsprechende Engagement der damaligen Leitung anregendes und organisatorisches Zentrum für die Friedensbewegung im Burgenland geworden, der am Beginn der 80er-Jahre 4500 Personen angehört haben. Das war der mit Abstand höchste Prozentsatz an friedensengagierten Menschen im österreichischen Vergleich. Als dann nach einer Kontroverse mit dem damaligen Landeshauptmann der Geldhahn zugedreht wurde und die Existenz des Europahauses gefährdet war, wurde die Friedensarbeit neu konzipiert und damit der Aufbau des heute weit bekannten Schlaininger Friedensforschungsinstituts begonnen. [5]

Klimabündnis

Ende der 80er-Jahre kam aus Berlin, wo sich eine internationale Konferenz mit der globalen Klimaänderung befasste, die Idee Klimabündnis Europa-Amazonien nach Österreich. Gemeinden und Städte in Europa sollten mit Indianervölkern in Amazonien ein Bündnis eingehen, um das Weltklima zu erhalten, was für die europäischen Partner eine Selbstverpflichtung zu Schadstoffreduzierung, Verzicht auf Tropenholz, Verkehrsberuhigung und diesbezügliche Bildungsarbeit bedeutete. Die ersten Veranstaltungen im Burgenland dazu wurden vom Europahaus im Herbst 1990 mit Repräsentanten der indigenen Völker Amazoniens durchgeführt, später koordinierte das Europahaus eine Plattform aus 19 Organisationen, die eine Entschließung durch den Burgenländischen Landtag für den Beitritt des Burgenlandes zum Klimabündnis, bewirkte. Mehrere Gemeinden sind seitdem diesem Beispiel gefolgt. Die Verfolgung dieser Idee wurde begleitet von Informationsveranstaltungen über die Zerstörung der tropischen Regenwälder, weiteren Begegnungen mit Vertretern der Indianervölker Amazoniens und entwicklungspolitischer Länderkunde.

Menschenrechte

Immer wieder, jährlich bedacht zum 10. Dezember, dem Internationalen Tag der Menschenrechte. Mit einigen dieser Veranstaltungen nahm das Europahaus wieder Bezug auf seine ursprüngliche Idee und der Skandal des Eisernen Vorhangs wurde öffentlich ins Bewusstsein gerufen. So etwa im Dezember 1978, als der Tag der Menschenrechte mit einem Vortrag des exilierten, renommierten, slovakischen Schriftstellers Ladislav Mnacko, der sonst völlig unbeachtet in Großhöflein wohnte, gefeiert wurde.

Generell aber hat es den Eindruck, dass bei der Verfolgung der das Europahaus prägenden Ideen der Eiserne Vorhang nicht wirklich hinderlich war. Eher scheint es heute, als hätte er den Rücken frei gehalten, um sich mit der Verbesserung der weiter entfernten Welten beschäftigen zu können.

Europäizität

Die Ideengeschichte des Europahauses ist nicht arm an Vorstellungen gewesen: mehr Demokratie, mehr Weltoffenheit, Hilfe für die Dritte Welt, Sorge um die Umwelt, für Frieden und Menschenrechte weltweit; eine Ansammlung von Idealen und Programmen, die universalistischen Charakter haben und daher wenig zu einer Bestimmung Europas beitragen konnten.

Als Anfang der 90er-Jahre die öffentlichen Debatten um den EG-Beitritt Österreichs einsetzten, wurde das Europahaus in eine schwere Krise manövriert. In der öffentlichen Wahrnehmung passte die traditionelle Ausrichtung des Hauses auf die genannten Ideale gar nicht auf das Bild, das so viele damals von der EG (EU) hatten, und man beobachtete sehr genau, wie sich das Europahaus zu diesem Europa der vermeintlichen Mega-Bürokratie, der angekündigten Verkehrslawinen und angedrohten Verheerung kleiner Strukturen stellte, während manche in der politischen Führung des Burgenlandes dem Europahaus sogar von vorneherein EG-Gegnerschaft unterstellten.

Nachdem das Europahaus den Versuch der Landesregierung, die Organisation von erfolgreich laufenden Streitgesprächen über den Vor- und Nachteil eines EG-Beitritts zu untersagen, zurückgewiesen hatte, eskalierte die Situation (wieder einmal). Über diesen Konflikt etablierte sich das Europahaus aber als eine Stelle, wo politische Fragen offen und kontrovers diskutiert werden konnten, außerhalb der Propagandaaktivitäten, die gerade zu europäischen Fragen seitens der Landes- wie Bundesregierung reichlich und peinlich genug betrieben wurden.

Die Idee des Europahauses driftete damals von der Bestimmung durch Inhalte und Programme zu einer Positionierung als besonderer Ort, wo eine kritische, kontroverse Form des politischen Diskurses, das Gespräch in kleinen, freien Versammlungen geführt werden konnte.

Die Bildung des Politischen

Dass mit Bildung das Bewusstsein zu verändern und dadurch politische Gegebenheiten zu bewegen seien, stand in den 70er-Jahren außer Zweifel. Eine strategische Konzeption lag vor, die in den Multiplikatoren, gemeint waren fast immer Lehrer und Lehrerinnen, die Schlüsselfiguren sah. Sie galt es zu gewinnen, dann würde ihre Arbeit mit der jungen Generation in absehbarer Zeit politische Früchte tragen, die Welt besser werden.

So wurde auf die Weiterbildung der Lehrer und Lehrerinnen gesetzt, ergänzt durch die Anregung und Betreuung von schulischen Projektwochen, wofür Referentenpools angelegt, mobile Sammlungen mit Büchern und didaktischen Materialien und künstlerische Akteure vermittelt wurden. Schließlich sah man in der Lehrerschaft nicht nur eine Brücke zu den Kindern und Jugendlichen sondern auch zu vielen gesellschaftlichen Initiativen im politischen, kulturellen und kirchlichen Bereich, die vorwiegend von Lehrern getragen wurden. Weiters wurden die Ideen des Europahauses über viele Veranstaltungen in den Gemeinden des Landes verbreitet.

Erst in den 90er-Jahren wurden die Zweifel an diesem Konzept laut und der Eindruck manifest, dass damit Ideale nicht verwirklicht und Probleme nicht gelöst sondern abgelagert, um nicht zu sagen: entsorgt, werden, und zwar dort, wo es eben geht: ob die Vernichtung des Regenwaldes oder die Klimaänderung, ob Hungerkatastrophen oder das Ozonloch - alles landete in den Schulen und in den Schulbüchern der Kinder, während die Erwachsenen, in der Wahrnehmung der kritischen Pädagoginnen, weiter machten wie bisher, immer effizienter.

Anfang der 90er-Jahre wurde daher in mehreren Kolloquien die Bestimmung der Bildung selbst Gegenstand der Auseinandersetzungen. Wenn es stimmte, dass "Bildung das Leben nach bedachten und gewollten Prinzipien und das Schaffen der hierfür bekömmlichen Ordnung sei" [6], dann musste gerade der Bildungssektor der Gesellschaft hinterfragt werden. In der Arbeit in den verparteipolitisierten Schulen mit den absurden Ritualen ein Leben nach bedachten und gewollten Prinzipien sehen zu wollen, erschien manchen Pädagogen bald wie eine Zumutung, innerhalb dieser Strukturen eine bekömmlichere Ordnung schaffen zu können, wie ein Witz. Auch die katastrophendidaktische Aufbereitung globaler Probleme in der Erwachsenenbildung sah man im Dilemma, immer genötigt, Betroffenheit künstlich zu erzeugen und politische, ökonomische, ökologische und soziale Missstände in Erziehungsdefizite umzudefinieren. [7]

Das Europahaus verabschiedete sich allmählich von der Vorstellung, nützlich sein zu wollen. Es schlug ab Mitte der 90er-Jahre den Weg in Richtung freie Akademie ein und setzte auf neue Formen transnationaler Zusammenarbeit. Philosophische Kolloquien und unkonventionelle Netzwerke eröffneten neue Spielräume und die erwiesen sich bald als eine bekömmlichere Bedingung für öffentliches Nachdenken. Das Verhältnis von Utopie und Bildung wurde diskutiert, vergleichende Studien zur Erkundung der Arbeitswelt von Pädagogen in europäischen Ländern konnten erstellt werden [8] und eine durch das Europahaus koordinierte Lernpartnerschaft befasst sich mit europäischen Versammlungskulturen für politische Bildungsprozesse [9].

Die Kooperationen mit Partnern aus West- und Nordeuropa blieben nicht ohne Folgen, wurde doch die im Europahaus über Jahrzehnte angenommene, bedeutsame Stellung der Bildung und der Bildungsinstitutionen in politischen Bildungsprozessen relativiert. Eine alte Frage kam neu in den Blick: Sind es Rechte, Instrumente, ja eine Verfassung, die die Menschen besser in Form bringen können, damit sie als Bürger und Bürgerinnen aktiv am politischen Leben teilhaben, oder sind es doch die Bildung, die Information, die kulturellen Begegnungen? Kann die verfassungsmäßige Einrichtung von direkter Demokratie auf europäischer Ebene zur Aktivierung der Menschen führen oder braucht es zunächst die Bildung, die Erziehung, bevor man dem europäischen Volk mehr Macht übertragen kann?

Die Polis Pannonia

Die Polis Pannonia wurde zunächst als ein Projekt für das EU-Programm Interreg erfunden. Sie sollte einerseits frei von tages- und parteipolitischen Erwartungen eine archäologische Grabung, eine Suche nach den sichtbaren und unsichtbaren Überresten demokratischer Aufbrüche in Mitteleuropa sowie die Erinnerung ihrer Untergänge ermöglichen, und weiter, Perspektiven für einen grenzüberschreitenden politischen Diskurs europäischer Fragen eröffnen.

Bald wurde die Polis Pannonia aber eine über das eigentliche Projekt hinaus gehende Metapher, ein neues, rhetorisches Land, für das die pannonische Literatur zum Kronzeugen seiner Notwendigkeit zitiert wurde, eine Literatur, die das politische Leben in Mitteleuropa als eine Konfrontation mit einer Macht deutete, die den Verzicht auf Mündigkeit verlangte [10]. Die Polis Pannonia ermöglichte dem Europahaus einerseits zu verschwinden, in kleine Nischen, in freie Versammlungen, und andererseits zu entschwinden, in europäische Netzwerke.

Pannonische Verfassung

Mit Blick auf den Versuch des Europäischen Konvents, eine Verfassung für Europa zu entwerfen, starteten das Europahaus und die Burgenländisch-Juristische Gesellschaft eine regionale Initiative zur Entwicklung einer pannonischen Verfassung. Ein Verfassungsforum mit Fachleuten und politisch Interessierten aus Ungarn, Slovakei, Slowenien und Österreich soll als Pannonien-Konvent diese Arbeit [11], die durch die EU-Aktion "Partnerschaft mit der Zivilgesellschaft" unterstützt wird, weiterführen und vollenden. Anlässlich eines Besuchs bei der Europäischen Kommission in Brüssel wurde auch die Möglichkeit, eine grenzüberschreitende Region Pannonien in den Europäischen Ausschuss der Regionen aufzunehmen, (zunächst eher scherzhaft) diskutiert. Diese Möglichkeit besteht (derzeit) rechtlich nicht, doch waren sich alle Experten einig, dass diese Idee mit Blick auf ein Europa der Regionen politischen Reiz hat.

Neue Regionen für Europäer?

In einem weiteren Projekt versucht das Europahaus Burgenland, die pannonischen Erkenntnisse und Erfahrungen mit anderen transnationalen Regionen in Europa auszutauschen, entlang der Frage: wie ist das Regionsverständnis und wie erfolgt die Bildung des Politischen in neuen transnationalen Regionen? Was sind zivilgesellschaftliche Initiativen und Erfolge, wer sind die Akteure, wie ist die Zusammenarbeit mit den nationalen Verwaltungen und mit der Europäischen Kommission, welche regionalen Visionen und welche Europabilder kommen zum Tragen? Partner dafür werden im Ostseeraum gesucht (ev. Euregio Pomerania oder baltisch-skandinavische Initiativen), also in europäischen Zonen, die vor wenigen Jahren noch durch den Eisernen Vorhang geprägt waren oder in den Machtbereich der Sowjetunion gehörten.

Das Projekt wird Erkenntnisse über die Zivilgesellschaft(en) als möglicher Träger für neue europäische Regionsbildung liefern sowie Erkenntnisse über Maßnahmen und Erfolge von "civic education" für die Herausbildung für Regional- und Europabewußtsein. Wir wollen wissen, wieweit sich Euregio´s zu neuen europäischen Demokratieregionen entwickeln lassen.

Versammlungskultur

Die Polis Pannonia ist intellektuell, eine Versammlung von Kaffeehaushockern [12] oder ein akademisches Wirtshaus,wie Leopold Khor es vielleicht gemeint hat [13]. Wo man über "Wandergesellen und Weltbürger" redet, oder über "die Kunst, nicht globalisiert zu werden, aber Weltbürger zu sein" [14] nachdenken kann. Ein akademischer Ort insofern, als für eine akademische Aufladung des Denkens gesorgt wird.

Damit wollte das Europahaus den üblichen oder besser: üblen Veranstaltungen, einem öffentlichen Unwesen der meist peinlichen Aufführung von Politik, zu dem die Leute immer wieder aufgetrieben werden, eine Alternative entgegenstellen. Ob Bibliotheksgespräche, Studienzirkel, Café Europa, Akademisches Wirtshaus, Kolloquien - durchwegs kleine Versammlungen, die versprechen, nichts Nützliches zu produzieren, ganz auf den Spuren des Schriftstellers Botho Strauß: "aus dem Gespräch im Garten der Befreundeten möge nichts hinausdringen, was für die Öffentlichkeit von Interesse sein könnte. Der wichtigste (und in dieser Hinsicht nützliche, ja notwendige) Beitrag, den man heute für den Erhalt des Verständigungssystems in der Demokratie leisten könne, während die großöffentliche Gesprächskultur zum Teufel geht".[15]

Europäische Netze

Ein weiterer Versuch, transnationale politische Diskurse zu beginnen, ist das Netzwerk "Inter Citizens Conferences (ICC)", eine lockere, europaweite Verbindung von Bürgerinitiativen und Bildungseinrichtungen, die sich mit Demokratiefragen auf europäischer Ebene befassen. Der Name dafür ist eine Anspielung auf die Konferenzen der europäischen Regierungschefs (Inter Governemental Conferences, IGC) und bringt zum Ausdruck, dass sich auch Bürger und Bürgerinnen auf europäischer Ebene verständigen können. Die aktuellen Arbeitsschwerpunkte dieses Netzwerks zeigen aber doch wieder die Tendenz zur Bildungsarbeit, wie überhaupt aktivistische, europapolitische Initiativen, wohl auch wegen der Stagnation der europäischen Verfassungsentwicklung, derzeit erlahmen.

4. (K)ein Geschmack von Nachhaltigkeit

Die Bildungs- und Begegnungsarbeit ist das Tätigkeitsfeld des Europahauses gewesen und wird es weiter bleiben (müssen). Europäische Demokratie interessiert nicht wirklich. Totenstille konstatierte der ehemalige engste Mitarbeiter von Willi Brandt, Klaus Harprecht, (auch er vor 10 Jahren auf Einladung des Europahauses ins Burgenland gekommen), als das Scheitern der Europäischen Verfassung beim Regierungsgipfel im Dezember 2003 feststand, kein Aufruhr der enttäuschten Bürger, ja nicht einmal eine wahrnehmbare Kommentierung durch die Intellektuellen.[16]


Die Bildungsarbeit aber war niemals, wie die ursprüngliche Idee des Europahauses eigentlich vermuten ließe, in eine Diskussion zwischen Nationalismus und Internationalismus geraten oder gar zum Zankapfel zwischen Kulturen geworden. Die sehr kurzfristige intellektuelle Auseinandersetzung mit der Nation als dem Werk der Lehrer bzw. mit der Schule als der Bildungsagentur für nationales Bewusstsein, wie sie zwischen 1991 und 1993 in einer Reihe von Seminaren erfolgte [17], war zwar durchaus interessant, wussten doch die meisten Lehrer wenig über die strategische Funktion der Schule im Prozess moderner Nationalstaatsbildung, doch gar nicht kontrovers. Nicht das nationale Denken war durch aufklärerische Aktivitäten und europaorientierte Ambitionen irritiert, sondern der provinzielle Feudalismus; was wohl bedeutet, dass die europäische Dimension erst dort interessant wird, wo sie mehr an politischem Spielraum in Aussicht stellt.

Nächtliche Vorstandssitzung

Das Europahaus hat ein Fenster zur Welt geöffnet und seine Mitglieder, Künstler und Wissenschafter haben in kritischen Zeiten darauf geachtet, dass es nicht mehr ganz geschlossen werden konnte. Das Europahaus hat sich aber der landespolitischen Öffentlichkeit und Verwaltungsstrukturen weitgehend entzogen, kleine, zweckfreie Foren eingerichtet und die Verbindung mit Partnern in Europa gesucht und gefunden, die das Überlebensspiel entscheidend ermöglichen. War das nicht das Rezept von Demokratie- und Bildungsinitiativen im 18. Jahrhundert gewesen?

Neil Postman fordert zur Bewältigung der anstehenden Zukunftsfragen eine zweite Aufklärung, Brücken ins 18. Jahrhundert [18]. Das Europahaus Burgenland ist bereits dorthin zurückgekehrt. Lese- und Bilderbücher, Musen-Almanache, erzählen davon.[19] Sie erzählen von Ideen, die nicht schlecht zu Europa passen könnten und dem Land gut anstehen würden, doch die meiste Zeit in andere Welten verbracht sind. Und sie erzählen von der eigensinnigen Suche des Europahauses nach politischen Freiräumen, die auch zur Erfindung einer neuen Region, eines rhetorischen Landes, geführt hat:


Pannonien? Aber wo liegt es? Nur mühsam lässt sich ein Land erfinden.
Wo das Gelehrte beginnt, hört das Politische auf.
Von Europa träumt ihr, Untertanen, vergebens.
Bildet, ihr könnt es, dafür freier zu Menschen euch aus!

Sehr frei nach Goethe


Hans Göttel leitet das Europahaus Burgenland.
Dieser Text ist im Rahmen des Studienprojekts "Identities" im EU-Programm Comenius 2.1 entstanden.

 


[1] -FIME ist die Abkürzung für Fédération Internationale des Maisons de l´Europe zurück
[2] - eLeraning-Gedanken zur Bildung von Morgen. Mitteilung der Kommission vom 24.5.2000,KOM
(2000) 318 zurück
[3] - Ankündigung von Kommissarin Viviane Reding im Vorfeld der Sondertagung in Lissabon
(23./24. März 2000); IP/00/234 Date: 2000-03-09 zurück
[4] - Thesenanschlag von Lockenhaus. In: Europahaus Burgenland Almanach, 1998, S. 42ff zurück
[5] - Margarethe van Maldegem,Interview mit Karl Kumpfmüller. In:Bis hierher und trotzdem weiter.
30 Jahre Europahaus im Burgenland. St. Margarethen, 1997. S. 13ff. zurück
[6] - Eine Definition von Hartmut von Hentig zurück
[7] - Marianne Gronemeyer, Erwachsenenbildung im Dilemma.Vortrag vom 21. Jänner 1993 in Oberpullendorf.
Siehe auch:Marianne Gronemeyer,Lernen mit beschränkter Haftung. Über das Scheitern
der Schule, Reinbek, 1996 zurück
[8] - Renate Seebauer, Lehrerin sein in Mitteleuropa. Eine empirische Studie in Erkundungsabsicht.
Wien: Mandelbaum, 1997 zurück
[9] - Merkwürdige Welten. Europäische Versammlungskulturen für politische Bildungsprozesse.
Dokumentation einer Grundtvig-Lernpartnerschaft, Eisenstadt, 2003. zurück
[10] - György Konrad,Antipolitik. Mitteleuropäische Meditationen, 1984.
Karl Markus Gauß, Ins unentdeckte Österreich. Nachrufe und Attacken.Wien, 1998 zurück
[11] - Siehe die Dokumentation: Hans Göttel, Eef Zipper, Pannonien. Regionsbildung für die europäische Zivilgesellschaft. Europahaus Burgenland-Dossier, Eisenstadt, 2002 zurück
[12] - So eine Schlagzeile in der Tageszeitung Der Standard vom 8. Februar 04 zurück
[13] - Leopold Khor, Das akademische Wirtshaus. In: Leopold Khor, Small is beautiful. Ausgewählte
Schriften aus dem Gesamtkunstwerk.Deuticke-Verlag, S. 295ff zurück
[14] - So der Titel von zwei Veranstaltungsreihen zurück
[15] - Aus einem Vortrag von Gerd Achenbach vom 15. Mai 03 in Eisenstadt über die europäische
Gesprächskultur (dokumentiert in Forum Europahaus Burgenland, 1, 2003) zurück
[16] - Die Zeit, 08. Januar 2004. S.45 zurück
[17] - Europa im Unterricht. Eine neue Dimension in der Bildungsarbeit. Europahaus Eisenstadt, 1994 zurück
[18] - Neil Postman, Die zweite Aufklärung,Vom 18. ins 21. Jahrhundert. Berlin-Verlag, 1999 zurück
[19] - Der Europahaus Burgenland Almanach erscheint alle zwei Jahre und informiert über die in diesem Zeitraum behandelten Themen. zurück
 
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