| These
1 : Kein Zurück. Die sinnvolle Wahrnehmung des Aufbruchs.
Vor einem Jahr hat das
Europahaus beschlossen, zu sein, gegen den Willen der Burgenländischen
Landesregierung. Und so ist es geworden. Das Europahaus ist zu weit
gegangen, es hat die Schwelle zu seiner Bildung überschritten. Nun begleitet
uns die Frage nach dem Sinn eines solchen Unternehmens.
Sinnend umzugehen ist
eine Verdacht erregende Verhaltensweise. Sie schert sich nicht um den
Zeitgeist, der effizientes Vorankommen, genaues Zielen und rasches Erledigen
verlangt. Die Verweigerung dieses Unfugs verweist auf die zu meisternde
Schwierigkeit. Es geht um das Kunststück, die Vision, von der das Europahaus
getragen und angetrieben werden soll, in eigener Regie und öffentlicher
Debatte hervorzubringen. Der Diskurs zum neuen Leitbild ist erfolgreich,
wenn er Worte schafft, die an Bord der Wirklichkeit den Horizont aufzeigen.
Was für die Gesellschaft
die politische Kultur, ist für den Menschen Bildung: das Leben nach
bedachten und gewollten Prinzipien und das Schaffen der hierfür bekömmlichen
Ordnung. Wenn ein solches Ansinnen den Verwaltern der Macht ungehörig
oder gar ungeheuerlich erscheint, kann es sein, daß Stürme nicht ausbleiben.
Dann ist es gut, die Worte des portugiesischen Weltumseglers Vasco da
Gama zu hören, der seiner verzweifelnden Mannschaft bei einem Orkan
in Indischen Ozean zurief: "Vorwärts, Kinder, das Meer zittert
vor euch."
These 2 : Die Vertreibung
der Monstren. Die Prämierung des Logischen.
Erst durch Umwälzung
der Begriffe Entwicklungspolitik und Politische Bildung wird die Sache
erkennbar, um die es geht: die Entwicklung von Politik, die Bildung
des Politischen. Eine Heilung der Dritten Welt oder die Verhinderung
der Klimakatastrophe sind nicht Sache der Bildung.
Meister des Politischen
stehen seit 2400 Jahren vor einem großen Dilemma. Im Gegensatz zu technischen
Fähigkeiten, die obwohl sie allgemein lehrbar sind in der Regel nur
von wenigen Spezialisten beherrscht werden, ist politische Klugheit
nicht lehrbar, obwohl gerade an ihr alle Menschen teilhaben sollten.
Diesem Gedanken des Sokrates widerspricht Protagoras wohl, kann seine
Gegenthese aber nur unter Hinweis auf den Mythos von Prometheus und
Epimetheus bekräftigen. Er verweist auf die Götter. Wo Politik über
Wissen hinausgeht, eine Kunst (bzw. ein Vermögen) ist, vermag keine
Pädagogik der Welt und keine auch noch so raffinierte politische Bildung
diese Kunst zu lehren. Nur Götter vermögen es. Wenn es so ist, dann
geht es um die Schaffung von bekömmlichen Verhältnissen, die zu einem
sinnvollen Umgang mit Wissen führen und - vielleicht - Götter anlocken.
Solche bekömmlichen Verhältnisse und Verhaltensweisen nennt man
logos (zugleich das Wort für Wort).
Wer sinnvoll umgeht,
ist nicht weit vom logischen Denken. In Anbetracht einer Welt, die in
der Praxis vollkommen aus den Fugen gerät, scheint uns in der (entwicklungs)politischen
Bildung nichts nötiger zu fehlen als eine gute Theorie.. ein wenig Ordnung
in meinem armen Kopfe (William von Baskerville).
These 3 : Die Meidung
von Anstalten. Das (Er)finden der humanen Versammlung.
Die Wirkung der Götter
ist nicht verfügbar, aber es gibt Bedingungen für das Geschehen von
Bildung, spezifische situative und personelle Voraussetzungen, die den
Bildungsprozeß - vielleicht - glücken lassen. Dazu kann man auf die
Bibel kommen (wenn zwei oder drei...), oder einfach auf die ur-alte
gesellschaftliche Tradition der Kleingruppenhumanität, Formen der Aneignung
des Unbekannten (Bedrohlichen) durch das Reden, die Besprechung und
Formen der Beseelung des Lebens, die als Gegenthese zu und Schutzraum
vor der menschenverbrauchenden Großpolitik, in Zeit und Raum unterschiedlich
kultiviert wurden (vor dem Feuer, Akademien, Studienzirkel, Lesegellschaften,
Stammtisch, Klubs..). Die Begegnung mit Göttern oder das Glücken
von Bildung oder die Information (in Form kommen) des Menschen ist eine
Frage der Versammlungskultur.Wenn die Versammlung am richtigen Ort
und richtig konfiguriert stattfindet, kann es geschehen...
Die selbstorganisierte
Versammlung von Menschen war immer eine Bedrohung für die Verwalter
der Macht. Sie wurde daher entweder gleich verboten oder strikt reglementiert,
von oben organisiert, also: veranstaltet. Sowohl als Veranstaltungsprodukt
wie auch als Anstaltserlebnis ist Bildung verkommen, verwahrlost.
Friedrich Heer plädiert
für die heilige Allianz, eine Entente cordiale jener eineinhalb bis
zwei Prozent Menschen, die in allen lebenden Generationen, in allen
Berufen, in allen Tätigkeisformen zukunftsoffen da sind. "Ich kann
nicht sagen, daß Professoren, Ärzte oder Ingenieure Zukunftsmenschen
sind. Und ich kann vor allem nicht sagen,daß Lehrer Zukunftsmenschen
sind, die ja so viel gute Zukunft abtöten, indem sie Zugvögel der Zukunft,
nämlich sehr lebendige Kinder innerlich ruinieren und Glaube, Hoffnung
und Liebe töten. Ich kann nicht sagen, daß in irgendeinem Beruf ein
besonders hoher Prozentsatz von zukunftsoffenen, unruhigen Elementen
präsent ist,... Die meisten Menschen leben so eingezwängt, daß sie nicht
"dazukommen". Es gibt leider keine soziologische Gruppierungen,
die diesen Erfolg garantieren. Klubs können sehr viel bedeuten.. Klubs
haben sehr geschichtsmächtig gewirkt. Es fehlt bei uns leider diese
Mentalität: der Wille mit ganz anderen Menschen aus ganz andren Berufen
zusammenzukommen. Es ist einfach nicht üblich,..viele kommen nie zu
Wort..."; anders als im protestantisch geprägten West- und Nordeuropa,
wo diese Kultur ausgeprägt ist und eine hohe Bildungsrelevanz für die
politische Kultur hat.
An der Versammlung von
Menschen lohnt die Unterscheidung: Handelt es sich um die Versammlung
der freien Bürger im ursprünglich griechischen Verständnis der Polis
(ekklesia) oder um die kirchliche Gemeindeversammlung (eccelsia); um
die Beratung und Debatte oder um das Hören der Wahrheit; um Gesprächsrhetorik
oder um Rednerrhetorik; um Unterredungskunst oder Überredungskunst;
um Mündigkeit oder Unmündigkeit. Es geht um die Konfiguration einer
hierzulande unbekannten ekklesia
These 4 : Bessere Erzählungen
handeln von Menschen und werden von Menschen erzählt.
Die Bildung politischen
Vermögens ist eine Frage der Erzählkultur. Aber: was ist eine gute
Geschichte? Wer soll sie erzählen? Ich möchte davon ausgehen, daß sie
nicht die Herrschaftsstrukturen legitimiert und neue Weltordnungen didaktisiert,
sondern die Bedingungen der Freiheit, der Entwicklung des Menschenmöglichen
erzählt. Statt Europhorie und Globalisierungshysterie, ein respektvoller
Blick auf die Bedingungen, die der Ich-Identität und der politischen
Kompetenz dienen.
Das behauptete Ende der
Epoche aufklärerischer Humanität verdient Interesse. Wird eine völlig
neue Welt auch völlig neue Formen des Menschseins hervorbringen? Vielleicht
ja, mit oder ohne Gentechnologie; vielleicht wird eine neue Welt auch
den Wesenszug ihrer politischen Kultur völlig verändern. Hält man am
vertrauten Menschenbild, an der jüdisch-griechisch-aufklärerisch-europäischen
Men-schenerzählung fest, folgt daraus, daß wir behutsam menschengemäße
(oder menschengöttergemäße) Bedingungen schaffen bzw. erhalten müssen;
setzt man auf eine neue Form von Menschsein, so ist erst recht ein behutsames
Vorgehen angebracht. Verschrecken darf man die Götter nicht!
These 5 : Die Zeit
ist gekommen, das Lesen zu lernen.
Das Zeitalter der Informationsgesellschaft
ist in aller Munde, aber wer ist in Form, wer mündig? Wenn das Gerede
von der unbewältigbaren Informationstechnologie Unruhe stiftet, dann
wohl desweg-en, weil man weiß, daß hier neue Instrumentarien mit gewaltigen
Möglichkeiten auf eine Gesellschaft treffen, die noch nicht einmal das
Lesen lernen durfte und für die der Umgang mit Information bislang nur
im (verborgenen) tratschen bestehen konnte. Es ist daher überaus bemerkenswert,
daß eine Bildungs- und Kulturpolitik, die noch ganz in der Tradition
vordemokratischer Herrschaften stehend, den Zugang der Bürger zu Information
gerade so weit wie nötig ermöglicht, die über Jahrzehnte Bibliotheken
und Büchereien verkommen oder gar nicht aufkommen ließ, die den Bürgern
nach wie vor eine Zeitungskultur wie im ehemaligen Ostblock zumutet,
nun auf positive Effekte neuer Informationstechnologie setzt. Was kann
damit gemeint sein?
Die höchste Internet-Anschlußdichte
besteht in Finnland und Norwegen. Dies sind auch jene Länder, die die
höchste Dichte an Bibliotheken haben, weiters eine ausgeprägte und differenzierte
Zeitungslandschaft und wo der durchschnittliche Bürger 10 mal soviel
liest, wie der Durchschnittsösterreicher. Eine Statistik über die Häufigkeit
von Computern und Zeitungen in schwedischen Haushalten weist aus, daß
fast alle, die einen Computer besitzen, auch eine Zeitung abonniert
haben. Das ist logisch, bei genauerem Nachdenken.
Die Alternative zur Informationsflut
ist nicht überhaupt keine Information mehr, sondern: genauere, gründlichere,
präzisere. Und das braucht Zeit, Muße, Ruhe, Kreativität. Eine gute
Demokratie setzt nachdenkliche Bildungsprozesse voraus, genauso wie
gemeinsame Foren für Analyse und Gedankenaustausch. Das Lesen von gesellschaftskritischen
Artikeln oder Feuilletons verleiht das Gefühl, auf dem gemeinsamen Platz
der Demokratie zu sein. Daten und Fakten wird man - bei Bedarf auch
in Riesenmengen - im Internet finden, Erklärungen zu Ereignissen, analysierende
Artikeln, Reportagen, die tiefere Einblicke vermitteln, Kommentare und
Debatten sind Sache von Zeitung. Eine Zeitung für das Burgenland lautet
das Desiderat.
These 6 : Netzwerke
können gut sein, Verbündete sind besser.
Gerade die Krise verweist
auf den Sinn dieser genauen Unterscheidung. Nicht unsere Eingebundenheit
in Netzwerke waren Garanten unseres Überlebens, sondern Verbündete:
einzelne Menschen im Land, einzelne Partner national wie international,
einzelne Verantwortungsträger in der Landes-, Bundes- und Europapolitik.
Interessen spielen eine Rolle, aber: die Verbindung besteht zwischen
Menschen.
Öffentlichkeitsarbeit
heißt: Verbündete zu gewinnen, mögliche Verbündete zu identifizieren.
Das geht von Menschen aus, durch die die Begeisterung für das Europahaus
weitergegeben wird. Das persönliche Einbringen des Europahauses in das
gesellschaftliche Gespräch ist das wichtigste Element einer politischen
Strategie. Solange über das Europahaus gesellschaftlich geredet wird,
ist das Verhalten der Regierung öffentliche Sache und damit in der politischen
Sphäre. Besondere Inszenierungen über Fernsehen, Plakate, Aktionen sind
eine wichtige Ergänzung.
These 7 : Die Rettung
des Burgenlandes
Es hätte der irritiernden
Haltung der Landesregierung zur Erweiterung der EU nicht bedurft, um
die Ängste der politischen Elite des Landes zu verstehen. Mit der europäischen
Dimension und neuer Regionalisierung, wie sie auch in Österreich gefordert
wird, ist das Ende der kleinen Feudalreiche schon eingeläutet. Die Markt-
und Rationalitätsideologie der Machthaber liefert von selbst alle Argumente
für die Strukturbereinigung. Eine sinnvolle Begründung des Burgenlandes
würde, wenn es stimmt, daß Kultur das Leben nach bedachten und gewollten
Prinzipien und das Schaffen der hierfür bekömmlichen Ordnung ist, zuerst
eine Denkleistung und dann auch noch eine bedachte Willenserklärung
der Landespolitik erfordern. Bislang liegen nur Willenserklärungen nach
mehr EU-Subvention vor, die man gleichzeitig den östlichen Nachbarn
so lange wie möglich vorenthalten möchte.
Die Bildung eines sinnvollen
Burgenlandes ist eine Zukunftsaufgabe, die aus dem Burgenland allein
nicht geleistet werden kann. Schon bisher hat der kulturpolitische Einsatz
des Bundes eine noch stärkere Vertreibung bzw. Entmutigung des geistigen
Diskurses und das Reduzieren der Kultur auf Landesverschönerungsmaßnahmen
verhindert. Die Öffnung nach Osten und die bevorstehende EU-Mitgliedschaft
der Nachbarländer bringt den Vorteil, daß die urbanen Zentren, die man
sieben Jahrzehnte als "verlorengegangen" bezeichnet hat, wieder
gewonnen werden, was kulturpolitisch voraussichtlich ein Segen sein
wird. Stadtluft macht frei! Damit steigen die Chancen für eine neue
politische Bildung des Landes in der Region.
Fides substantia rerum.
am 20. des März, 2
Jahre vor 2000, auf der Feste zu Lockenhaus
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